Die Texte Adornos und der Kritischen Theorie haben unsere Studien begleitet. Der Anlaß des hundertsten Geburtstages bietet die Chance einer kleinen Re-Lektüre. Was bleibt also von dieser Theorie, und was läßt sich möglicherweise in unsere gegenwärtigen philosophischen Interessen integrieren? Die Beiträge dieses Workshops haben vornehmlich den Bereich des Ästhetischen zum Thema. So werden Dieter Mersch zur Musikphilosophie, Eberhard Ortland zum Schriftbegriff, Marta Boeglin zu einer Ästhetik der Gewaltlosigkeit und Peter-Ulrich Philipsen zur Oper Der Schatz des Indianer-Joe sprechen. Aber Sabine Nessel will sich auch den tierischen Bilderwelten Adornos widmen.
Ausgehend von der frühen Philosophie der neuen Musik und der zentralen Gegenüberstellung von Schönberg und Strawinsky - von der Adorno auch in späteren Jahren nichts zurückzunehmen fand - geht es im Vortrag vor allem um die Widersprüche in der Adornoschen Position und dem eigenen musikphilosophischen Entwurf, wie er ihn in der Kranischsteiner Vorlesung »Vers une musique informelle« formuliert hat - ein Entwurf, der, im Gegensatz zu den musikästhetischen Entwicklungen der neuen Musik zwischen Serialität und Aleatorik, von der impliziten Privilegierung freier Atonalität ausgeht, um sie in Richtung des Informell zu radikalisieren.
Adorno erläutert das, worauf es ankomme in der Philosophie, oft anhand der Leistungen des Entzifferns, Lesens, Deutens von Schrift. Dabei geht es ihm um weit mehr als bloß methodische Anweisungen für eine hermeneutische Philosophie. Der Akt des Lesens, der Rekonstruktion von lebendigem, verbindlichen Sinn aus vorfindlichen Konfigurationen toter Materie, ist paradigmatisch für die Erfahrung von Transzendenz, die sich ereignen kann, wenn man sich dem vorfindlich Gegebenen in der rechten Weise zuzuwenden versteht und sich adäquat verhalten kann zu dem in der Konstellation seines Zusammenhangs objektiv niedergelegten Sinnpotential. Unter den diversen Schriften, auf die Adorno sich bezieht, um die Anforderungen des rätselnden, deutenden und verstehenden Verhaltens zu entfalten - von der Bilderschrift des Rebus und der Hieroglyphen über die alphabetische, die hebräische und manche geheimnisvoll verschlüsselte Chiffren- oder Zeichenschrift bis zur apparition der göttlichen Flammenschrift an der Wand - kommt der Notenschrift ein besonderer Stellenwert zu.
Für Adorno ist die moderne Kunst gewalttätig geworden. Ob in bildender Kunst, Literatur, Poesie oder Musik scheinen Explosion, Zerstückelung, Zerfall ihre Leitmotive geworden zu sein. Es geht nicht mehr um die Repräsentation der Gewalt, sondern um deren Präsentation.
Wie kann diese Gewalt(tätigkeit), diese zerstörerische Kraft gelesen werden? Zwar sieht Adorno Kunst als Seismogramm eines gesellschaftlichen Gewaltmechanismus. Aber die Gewalt der modernen Kunst erklärt er auch dadurch, daß moderne Kunst in ihrem Wesen gewaltlos geworden ist ...
Was haben das zahme Wildschwein Butz aus Ernsttal, Archibald Nilpferdkönig, das Wombatpärchen aus dem Frankfurter Zoo, der Afghane Ali Baba oder die Wundernilstute Marinumba mit dem Philosophen Theodor W. Adorno zu tun und was fasziniert uns daran? Ein Briefwechsel zwischen Philosoph und Zoologe sowie ein Leitbild der Jugend im 20. Jahrhundert sollen Auskunft geben.
Zwischen Ende 1932 bis 1934 arbeitete Adorno an einer Oper nach einem Roman von Mark Twain: Der Schatz des Indianer-Joe. Das Opern-Fragment exemplifiziert ein Motiv, das im Gesamtwerk Adornos immer wieder thematisiert wird: das der Besonderheit kindlicher Erfahrung in der Moderne. Auch wenn die Erfahrung spielender oder sich ängstigender Kinder vornehmlich durch Irrtum charakterisiert ist, bietet Kindheit trotz aller Aporien das Modell einer nichtinstrumentellen, glücksverheißenden Erfahrung. Der Vortrag möchte diesem Motiv in der Oper und in anderen Texten nachgehen - so auch mit einem Blick auf Adornos Mahler-Rezeption.
MoMo-Workshop am 19.10.2003