Goethe hatte noch keine Kabel hinter dem Schreibpult liegen. Die bekannte Bildmontage, welchen unseren Dichterfürsten nichtsdestotrotz am Telefon vorführt, zeigt ein Vexierbild: Einerseits wirkt das Kabel am Schreibtisch stimmig, denn anders kann man sich einen solchen Ort gar nicht mehr vorstellen. Andererseits weiß man um die Unmöglichkeit. Die Vorstellung von einem Kabel in Goethes Stube macht ein Loch in die Weimarer Klassik. Kabel sind in diesem »Denkraum« (Aby Warburg) ausgeschlossen.
Seitdem hat sich verändert, was man Welt nennt, und das Gegenteil des letzten Satzes gilt. Dass es einen Denkraum ohne Kabel geben könnte, scheint nunmehr schlicht unmöglich. Der Übergang von der einen Unvorstellbarkeit zur anderen ist bezeichnend - mit dieser Beobachtung beginnen meine Überlegungen.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird das neue Objekt Kabel generiert. Es wird Gegenstand wissenschaftlicher Diskurse, dringt in Alttagsrealitäten ein und löst kulturspezifische Debatten über die Relation nah - fern aus. Diese Ebenen manifestieren sich im Jahre 1895 in einigen Schlüsselszenen.
In San Fancisco fotografierte Aby Warburg Kabel. 27 Jahre später hielt er in einer Psychiatrie am Bodensee einen Vortrag, in welchem er das Foto zeigte und mit einem Verdikt versah: Kabel zerstören das Ferngefühl und also den Denkraum.
Im selben Jahr 1895 wird eine neue Wissenschaft in Technik umgesetzt: Die Kabelmathematik. Sie geht wesentlich auf Oliver Heaviside zurück, einen kontaktgestörten Einzelgänger, ohne dessen Gleichungen kein Telefonkontakt nach Übersee je funktioniert hätte.
Damit sind zwei paradigmatische Weisen, Kabel zu beobachten, gegeben. Sie bewegen sich einerseits in einer funktionalen Ordnung, andererseits im Rahmen einer historischen Semantik des Quasi-Objekts Kabel. Quasi-Objekte liegen (nach Bruno Latour) zwischen den Naturwissenschaften und den Humanwissenschaften. Zur gesellschaftlichen Praxis der Kabel gehört die Dauerphantasie, mit ihrer Hilfe den Raum abzuschaffen, und zwar im Namen von Echtzeit. (Neuerdings fördert die EU solche Projekte unter dem Namen telepresence technology.)
Der Vortrag wird einen medienhistorischen Abriss geben und das Quasi-Objekt Kabel von verschiedener Seite her anvisieren. Historische Bestimmungen des Verhältnisses nah - fern gehören dazu, bis hin zu Benjamins Begriff der Aura, der diesem Verhältnis dezidiert aufgesetzt ist.
MoMo-Vortrag am 05.05.2002