Peter Bexte
Transitstrecken.
Eine Philosophie der Relationen nach Michel Serres
Der Titel dieses Textes wird sich im Durchgang klären. Der Untertitel aber braucht vielleicht ein paar Erläuterungen vorweg. Zunächst betone ich das Wort »eine«. Was hier skizziert werden soll, ist nur eine von vielen möglichen Philosophien. Und ihre Beziehung zu Michel Serres ist nicht die einer Exegese seines Werkes, sondern die einer Angeregtheit durch diese Schriften. Ich werde nicht »über ihn« sprechen (schon gar nicht »über ihm«). Diese Metaebene habe ich nicht zu bieten, und vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Selbst die Frage nach einer »Hinführung« wäre nur skeptisch zu beantworten, und zwar im präzisen Sinne einer genuin skeptischen Denkfigur: der Paradoxie, die im Riß des Widerspruchs den Gedankengang anhält und den Weg unterbricht.
»Der Weg existiert, und er existiert nicht. So ist das. So ist das auf dem Meer von Davis bis Beaufort, so ist das in den Erscheinungen, den Wolken und Felsen, so ist das im Wissen, ganz gleich welcher Karte man folgt.«[1]
A. Prolog
Transitwege scheint es zu geben. Die Hinweise finden sich in Flughäfen und auf Landkarten. Man findet sie auch in den Memoiren der Berliner, und zwar in einem solchen Maße, daß in Berlin davon zu sprechen, fast ist, wie Eulen nach Athen zu tragen. Was aber bekannt / erlebt ist, ist noch nicht erkannt. Und Transitstrecken sind höchst eigentümliche Raumgebilde. Im Unterschied zu anderen Strecken sind sie nicht nur durch Anfangspunkt und Endpunkt bestimmt, sondern vornehmlich durch das Trans des Zwischenraums, den man durchlaufen soll, ohne abbiegen zu können. Es sind eindimensionale Gebilde, sture Richtungspfeile. Ihr Weg führt durch ein Gebiet, dessen eigener Name es für transitorisch, d.h. wegfallend, erklärt. So ergibt sich das Paradox eines Raumes, der sich selber durchstreicht und als ein bloßes Trans immer schon über jeden Berührungspunkt hinaus ist. In Transitstrecken kann man nur immer weiter fahren.
Es ist daher der Begriff des Transitreisenden schlechthin, daß er alles links liegen lassen soll, um es hinter sich zu lassen und nur zu durcheilen. Sein Weg nimmt seine Bestimmung eben von dem her, was nicht in ihm vorkommen soll: eine ausgeschlossene DDR, ein unzugängliches Land hinter den schußsicheren Glasscheiben des Flughafens. Abwesenheit der Präsenz / Präsenz des Abwesenden: Transitstrecken sind gläserne Tunnel durch einen entleerten Raum. Das Unding einer transparenten Black Box.
Getreues Exempel dieser Struktur war seinerzeit die Autobahn von West-Berlin nach Westdeutschland: ein widersinniges Integral aus Kontaktverbot und Intershop.
Mich interessieren nun genau solche Durchgangs-Orte in Zwischen-Räumen, wo man nicht sprechen darf und sprechen soll zugleich. Wo sich Kontakte qua Kontaktverbot ergeben. Wo man zwischen den Stühlen sitzt und nicht beiseite gehen darf. Und um es klipp und klar vorweg zu sagen: es interessieren mich nicht die Fixpunkte von Helmstedt und Marienborn, von Anfang und Ende, von Sender und Empfänger, von A und B. Es geht mir um den Raum dazwischen, den Zwischen-Raum, um die transitorischen Durchgangsorte zwischen A und B, zwischen Sender und Empfänger, zwischen Anfang und Ende, zwischen Himmel und Erde – »die Lichtung«, um mit Heidegger zu reden.
Es interessiert mich die Trostlosigkeit der Transitreisenden in den Wartesälen internationaler Flughäfen, wo sie unter Neon-Röhren dämmern, weder angekommen noch in Bewegung, weder schlafend noch wachend, kurz: in dem Zwischenzustand, welcher dieser Sphäre zukommt und ihr Bild exakt bestimmt.
Als Widmung seien einige Sätze zitiert, die Paul Virilio seinem Buch fahren, fahren, fahren.. vorangestellt hat. Sie lauten:
»SARAH KRASNOFF gewidmet, die 1971 auf der Flucht vor den Psychiatern praktisch ohne Unterbrechung fünf Monate lang in den Maschinenen der K.L.M. saß und über 160 Mal den Atlantik überquerte, bevor sie ruiniert und am Ende ihrer Kräfte im Zimmer 103 des Hotel Frommer in Amsterdam starb.«[2]
B. Odysseus / Zenon
Journalisten nennen solche Fluchtwege wohl »eine Odyssee«. Es wird zu zeigen sein, daß dieses Unsinn ist. Die homerische »Odyssee« hat eine ganz andere Raumstruktur, eine ganz andere Zeitstruktur. Sie beschreibt keinen Fluchtweg, sondern einen Heimweg; am Ende der Reise steht keine Zelle, sondern ein Frauenzimmer. Und der Zeitverlauf des antiken Epos ist durch Verzögerungen und Warteschleifen definiert, niemals jedoch durch ein bloßes Hin und Her, in dem der Körper zu verschwinden suchte. Vielmehr geht es Odysseus gerade darum, das Verschwinden im Schoß der Circe und im Gesang der Sirenen zu vermeiden. Nein, es ist keine Odyssee, die Sarah Krasnoff durchlief, sondern das diametral entgegengesetzte moderne Gegenbild der ewigen Transitstrecke.
Kafka hat das Wort dafür gefunden. Es findet sich im letzten Satz seiner Geschichte mit dem Titel »Das Urteil«. Die Szene ist, daß der junge Kaufmann Georg Bendemann von einer Brücke ins Wasser springt, um zu sterben und das Urteil des Vaters an sich selber zu vollziehen. Abschließend heißt es:
»In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr«.[3]
Niemals wäre die antike Welt auf die Idee eines unendlichen Verkehrs verfallen, wie Kafka ihn als Negativ-Bild des Todes imaginiert und wie Sarah Krasnoff ihn als Ausweg suchte. Unendlicher Verkehr ist eine moderne Erfindung. Aus der antiken Welt kennt man die Kombination der Termini »Unendlichkeit« und »Weg« allenfalls als das Gegenteil von Verkehr: als Beweis der Unmöglichkeit von Bewegung.
Dieser Beweis ist als das Paradox des Zenon von Elea bekannt und lautet etwa so: Ein Mann ging von Athen nach Elea. Als er aufbrach, kam ihm der Gedanke, wie weit er wohl gehen, wie viele Wegpunkte er wohl abschreiten müsse. Nehmen wir einmal an zwischen Elea und Athen liegen X Wegpunkte. Bis zur Hälfte des Weges wären es also X/2 Wegpunkte. Nun kann man diese Hälfte wiederum halbieren; auch die Hälfte der Hälfte läßt sich erneut zweiteilen. Jede aus diesen fortgesetzten Operationen resultierende Halbstrecke läßt sich immer wieder neu halbieren, ohne daß ein Ende zu erreichen wäre. Kurz: Die Zahl der Wegpunkte gerät in einen unendlichen Regreß. Wenn aber unendlich viele Wegpunkte vor mir liegen, und ich nur eine endliche Lebenszeit habe, so folgt daraus: Es ist unmöglich von Athen nach Elea zu gehen. Und was für diese Strecke gilt, gilt auch für alle anderen Strecken: Es ist grundsätzlich unmöglich zu reisen, denn es gibt gar keine Bewegung. Jeder Versuch eines Schrittes gerät an einen Raum, der prallgefüllt ist von unendlich vielen Punkten. Man kann überhaupt nicht von Athen nach Elea gehen.
Soweit der Beweis des Zenon von Elea. Die Paradoxie springt ins Auge. Auch Zenon wird schon einen Weg gegangen sein. Der Clou ist aber gerade die logische Lücke, die den Weg der Forschung von den innerweltlichen Wegen abkoppelt, um die Inkommensurabilität der beiden auszuspielen. – Der Trick besteht kurz gesagt darin, den Begriff der Unendlichkeit, des Infiniten, in eine Mathematik einzuführen, die noch keine Infinitesimalrechnung kannte und noch keine Symbole des Unendlichen in Differentialgleichungen eintrug. (Leibniz, der Erfinder dieser Dinge, wird darum auf Zenon zurückkommen.)
Das Paradox des Zenon gilt heute als gelöst: durch Infinitesimalrechnung und neuerdings durch die Mathematik der Fraktalen, in der es unendlich lange Wege gibt, die dennoch zu einem Ziel führen – etwa die sog. »Koch-Kurve«[4]. In gewissem Sinne kann man sagen: Zenon ist angekommen. Und niemand hat ihn am Ziel jubelnder begrüßt als Michel Serres. Man lese den fünfseitigen, chaostheoretischen Hymnus auf Zenon zu Anfang des 5. Bandes der Hermes-Reihe!
Abb. 1: Koch-Kurve
Hermes und Zenon bilden eine merkwürdig gegenstrebige Konstellation. Denn Hermes ist der Gott der Botschaft und der Übertragung, des Verkehrs wie auch des Handels. Er bewegt sich in den Zwischenräumen, gilt darum auch als Gott der Diebe. Stets ist er in dem, was Zenon bestritt: nämlich in Bewegung. War Zenons Welt opak vor Dichte, so besteht die Welt des Hermes aus Zwischenzonen und Durchgangsräumen. Es ist »eine Welt aus Lücken«, um ein weiteres Wort von Serres heranzuziehen[5]. Was er damit meint, wird sich noch zeigen müssen. Bleiben wir zunächst beim Bild als solchem!
Die Botschaft schießt in eine Welt aus Lücken. Baulücken für das Werbeplakat, Forschungslücken für die Promotion. Abwesenden Menschen schreibt man einen Brief. Die Lücke ist Bedingung der Botschaft. Der Briefkasten muß hohl sein. Das leere Feld auf dem Schachbrett ist Bedingung des Spiels usw. [6]
Eine »Welt aus Lücken« wäre wie eine Stadt aus Baulücken: Loch an Loch. Wo die eine Unbestimmtheit zur Bestimmung der anderen wird. Bestimmt durch Unbestimmtheit, voll vor Leere und erfüllt von Lücken als den Bildern reiner Differenz. Ihr Modell mag man in den Zeitzonen des Globus finden, wo die eine Zone als die Differenz der anderen an die nächste schließt. Das geht immer weiter um den Globus herum, bis die Schleife sich in der Datumsgrenze mit sich selber kurzschließt, was zu dem Mysterium führt, daß die Tage doppelt stattfinden.
Leser von Jules Vernes werden sich erinnern, daß die Reise in 80 Tagen um die Welt gelingt, obwohl der Held Phileas Fogg und sein Diener Passepartout 81 Tage unterwegs sind. An der Datumsgrenze nämlich findet ein Tag doppelt statt, so daß ihre Reise doch nur 80 Tage zählt. Im Jahre 1936 hat der Surrealist Jean Cocteau die Probe darauf gemacht und ist auf den Spuren des Phileas Fogg seinerseits in 80 Tagen um die Welt gefahren. Am 27. Mai 1936 schrieb er in sein Tagebuch:
»27. Mai. Die Woche der zwei Dienstage. – Morgen tritt ein Ereignis ein, das die Wissenschaft gar trefflich expliziert und das dennoch ein poetisches Rätsel bleibt wie die Wellenlänge und die Brieftaube. Morgen, den 28., werden die Schiffspassagiere am Dienstagabend einschlafen und am Dienstagmorgen aufwachen. Der 28. setzt sich als ein anonymer Tag fort. Die Woche hat zwei Dienstage. […] Dienstag den 26., Dienstag den 27. Die zwei Dienstage sind das Schloß unseres Gürtelrings um die Welt.«[7]
Hier haben wir etwas, was Odysseus nicht kannte: eine Falte der Zeit. Dieses Schloß, wie Jean Cocteau es nennt, markiert keinen Nullpunkt, sondern einen Doppelpunkt. Er führt in eine Falte des Kontinuums, eine Verdoppelung, in welcher die Geschichte verschwindet und aus der sie hervorgeht. Wo 81 Tage nur 80 Tage sind. Ein Weg aus gefalteten Zeiträumen kann ein Modell für eine Welt aus Lücken sein. Ist dies die Welt des Hermes?
Hermes und Zenon – zwei konträre Figuren des Weges: rastlose Bewegung hie, Bewegungslosigkeit dort. »Der Weg existiert«: Hermes; »er existiert nicht«: Zenon. Halten wir zunächst nur den erstaunlichen Sachverhalt fest, daß in der Antike die Verbindung von Unendlichkeit und Weg zu einer Blockade führte, in der Moderne jedoch zum hemmungslosen Bild unendlichen Verkehrs. Warum eigentlich leuchtet uns diese Idee so selbstverständlich ein? Warum lesen wir Kafkas Schlußsatz wie Heimatkunde aus der modernen Welt? Und noch etwas: Behalten wir fürs Folgende auch die Bemerkung aus Virilios oben zitiertem Text, daß die genannte Sarah Krasnoff »fünf Monate lang in den Maschinen der K.L.M. saß«. Vielleicht haben diese beiden Dinge miteinander zu tun: das »In-Maschinen-sitzen« und der »unendliche Verkehr«. Auch darüber werden wir nachdenken müssen: über das Auf-Transitstrecken-in-Maschinen-sitzen.
C. Dämonen
Bislang habe ich den Gegensatz zwischen Moderne und Antike betont. Das trifft einen Sachverhalt und verfehlt einen anderen zugleich. Der bislang verfehlte ist in dem alten Topos ausgesprochen, daß Zwischenräume Orte der Dämonen sind. Man findet ihr Bild aus diesem Grund an den Orten des Übergangs, an Türschwellen und Dachzinnen. Auch Kirchtürme sind nicht etwa deshalb hoch gebaut, daß man die Glocken weiter hören kann, sondern damit sie in den Zwischenraum von Himmel und Erde ragen. Dämonen sind Zwischenwesen. Sie hausen in den Räumen zwischen hier und da, zwischen Amsterdam und New York ebenso wie zwischen Troja und Ithaka. Sarah Krasnoff wird sie im Heulen der Flugzeugturbinen gehört haben wie Odysseus im Gesang der Sirenen.
Exkurs: Bezier-Kurven
Abb.2: Bezierkurve
Es ist hier Gelegenheit einen Seitenblick auf die kleine Kurve zu werfen: eine geschwungene Linie von A nach B. Dieses Bild einer Linie mag man als Abstract von Transitstrecken betrachten – wobei in die jämmerliche Abstraktion des Graphen immerhin eine Besonderheit eingebaut ist. Es handelt sich nämlich nicht um einen beliebigen Schwung, sondern um eine Bezier-Kurve. Bezier-Kurven haben die Eigentümlichkeit, daß ihre Form durch einen außerhalb liegenden Punkt C bestimmt wird. Die geometrische Bedingung des Gebildes verlangt nun, daß die Verbindungslinien von C nach A und von C nach B als Tangenten an die Kurve AB anliegen. Das Ganze ist daher mathematisch wohldefiniert. Die Krümmung der Kurve AB ergibt sich aus der relativen Lage des außerhalb liegenden Punktes C. Und darum sind Bezier-Kurven ein solch vorzügliches Bild für Michel Serres Theorem vom ausgeschlossenen Dritten. C ist der ausgeschlossene dritte Punkt, der auf der Kurve gar nicht vorkommt und sie dennoch bestimmt. Und nun können Sie für C alles mögliche einsetzen, beispielsweise die Dämonen der Transitstrecken: Nehmen Sie die Sirenen, die Odysseus dazu bringen, sich am Mast zu winden. – Nehmen Sie die verbotene Sexualität der Viktorianer, die eben darum in jedem geschwungenen Tischbein wiederkehrt. – Nehmen sie das Rauschen der Kommunikationskanäle, das die sprachlichen Signale verstellt. – Setzen Sie für C beliebige Medien oder auch institutionelle Kommunikationskanäle ein. Bestimmen Sie C als die Psychiatrie, und Sie haben ein perfektes Bild der verformten Kommunikation Arzt / Patient, die ganz und gar von einem ausgeschlossenen Dritten bestimmt wird, das in ihr selbst nicht thematisch sein soll. – Oder nehmen Sie als harmloses Beispiel, wie ein Vortragsredner zu Ihnen spricht, von A nach B, auch dies zur Kurve geformt durch die rituellen Bedingungen eines Vortrages. Kurzum: Verbindungslinien von A nach B sind niemals nur durch Anfang und Ende bestimmt, sie haben immer noch ihren Stange Attractor außerhalb, ihre verbotene DDR. Darum sind Bezierkurven ein wunderbares Darstellungsmittel für strukturale Analysen, welche die Frage nach den Verbindungen nicht nur als Kanal-Arbeit in Nachrichtenkanälen verstehen. »It’s the pattern which connects«, sagt Gregory Bateson.
Es seien an dieser Stelle noch einige Begebenheit, Mythen und Märchen aus Durchgangswegen eingebracht, verformt von Punkten, die intern gar nicht vorkommen. Die Begebenheiten spielen im Raum und in der Zeit. Sie bewegen sich zwischen hier und da, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
1) In der biblischen Stadt Sodom (wo nicht etwa Sodomie herrschte, sondern nach Gen. 19,9 Fremdenhaß) wird Lot mit seiner Familie vor der Vernichtung der Stadt gewarnt. Es wird ihnen geboten, daß sie sich auf der Flucht nicht umblicken dürfen.
Lots Weib aber sieht zurück und erstarrt sofort zur Salzsäule (Gen. 19,26). So haben wir erneut eine Frau auf ihrem Fluchtweg durch eine Zwischenzone nebst tödlichem Ausgang. – Michel Serres hat die Erzählung als den Ursprungsmythos der Statue verstanden: Statuen stehen zwischen Leben und Tod. Sie haben keinen Standpunkt, sondern markieren einen Durchgangsort von Bezugspunkten, zwischen denen ihr Spannungsgefüge sich aufbaut. Der Raum einer Statue ist ein Zwischenraum.
Um eben diese Räume ist es mir hier zu tun, diese von Dämonen bevölkerten Zwischenzonen, die es zu durchmessen gilt – seien sie in der physischen Welt, wo Familien aus Sodom fliehen, wo philosophische Reisende sich von Athen nach Elea bewegen, von Troja nach Ithaka, in 80 Tagen um die Welt usw. – oder seien diese Zwischenzonen in der symbolischen Welt, wo Postboten und Götterboten die Zirkulation der Botschaft betreiben, auf den Transitstrecken der Kommunikation.
2) Hören wir noch eine Erzählung aus diesen Zwischenreichen. Michel Serres hat sie im Interview mit Bruno Latour erzählt[8]. Sie handelt von einem jungen Bergführer, der eines Tages, wie gewöhnlich, ins Gebirge ging, eine Frau mit kleinen Kindern hinterlassend. An diesem Tage stürzte er in eine Gletscherspalte und kehrte nicht mehr heim. 60 Jahre später gab es einen Erdrutsch, wobei der perfekt im Eis konservierte Körper des Bergführers zu Tage kam. Man rief seine Söhne herbei. Und so ergab sich die Szene, daß 70jährige Söhne am Leichnam ihres 30jährigen Vaters standen und also das Sprichwort sich erfüllte, daß die Kinder älter seien als die Väter.
Merkwürdigerweise hat Albert Camus diese Konstellation am eigenen Leibe erfahren. In seiner erst 1994 erschienenen autobiographischen Skizze »Le premier homme« findet sich beschrieben, wie Camus als 40jähriger das Grab seines mit 29 Jahren gestorbenen Vaters besucht. Dabei ging ihm plötzlich diese zeitliche Verrückung auf:
»Etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos. Die Abfolge der Zeit selbst zerbrach rings um ihn, den bewegungslos zwischen den Gräbern stehenden, die er nicht mehr wahrnahm, und die Jahre hörten auf, sich jenem großen Strom folgend anzuordnen, der seinem Ende entgegenfließt. Sie waren nurmehr tosendes Hin- und Herbranden.«[9]
Eine Philosophie der Relationen, die sich auf Zwischenräume einläßt, wird eben solche Durchgangs-Orte aufsuchen müssen, wo Frauen zu Salzsäulen erstarren und auch Schiftsteller »bewegungslos zwischen den Gräbern« stehen. Wo die Kinder älter sind als die Väter. Wo die linearen Relationen zerrütten und der Strom der Zeit nicht mehr zum Ende fließt. Wo ein permanentes Trans die Figuren trans-figuriert: Frau in Salz, Vater in Sohn, Geschichte in den Zerfall des Geschichteten.
Einer dieser Durchgangs-Orte ist die Falte, le pli. War der Weg über die Datumsgrenze eine erste faltende Verdoppelung, so ist der Weg durch die Gletscherspalte eine weitere Faltung des Raum-Zeit-Gefüges, wo eine décalage stattfindet, eine Verschiebung. In dieser »Décalage« zerbricht das Chronologische: die Chronik wird ana-chronistisch im emphatischen Sinne: sie zerbricht die lineare Chronologie, den Logos des Chronos. Hermes ist der Gott des hermetischen Wissens, das Chronos in Falten verbirgt. Darum Serres’ Idee einer ana-chronistischen, nicht chronos-logischen Geschichtsschreibung in seinen Hermes-Bänden.
Le pli = die Falte und le décalage = die Verschiebung, auch Abweichung oder Entriegelung: diese Termini gehören bei Serres zusammen. Nehmen Sie eine Landkarte und falten Sie sie – plötzlich grenzt Marokko an Brasilien. Und dies ist nach Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung in der Tat vor Jahrmilliarden der Fall gewesen.
Le Pli, die Falte – man kennt das Wort durch Deleuze und aus Leibniz. Es findet sich bei Leibniz etwa im §13 seiner Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade. Der Philosoph und Maschinenbauer spricht hier von dem Problem, die Schönheit des Universums in der Seele zu erkennen, was nur möglich wäre, »wenn man alle ihre verborgenen Falten entfalten könnte (deplier tous ses replis)«[10]. Das aber sei eine unendliche Aufgabe, und was noch unentfaltet sei, könne nicht deutlich perzipiert werden. Die undeutliche Perzeption ist die Wahrnehmungsweise gegenüber Falten. Leibniz hat ein schönes Bild dafür:
»Jede Seele erkennt das Unendliche, erkennt alles, freilich in undeutlicher Weise, so wie ich etwa, wenn ich am Meeresufer spazierengehe und das gewaltige Rauschen des Meeres höre, dabei auch die besonderen Geräusche einer jeden Woge höre, aus denen das Gesamtgeräusch sich zusammensetzt, ohne sie jedoch voneinander unterscheiden zu können.«[11]
Es ist das zweite Meeresbild, das von ›gewaltigem Rauschen‹ spricht, nachdem wir vorher schon auf das ›das tosende Hin- und Herbranden‹ stießen, das Camus aus der zeitlichen Verrückung am Grabe seines jüngeren Vaters zu vernehmen meinte.
Rauschen ist das Signal der Falte.
Der letzte Satz ist sehr bewußt geschrieben. Es ist mir selbstverständlich bekannt, daß die Nachrichtentheorie das Rauschen und das Signal als sich wechselseitig ausschließende Dinge behandelt. Wo das Rauschen erscheint, versinkt das Signal; und wo das Signal durchkommt, tritt das Rauschen zurück. Die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts aber lehrt uns etwas anderes: nämlich Rauschen als Signal wahrnehmen zu können. Ich bin der Meinung, daß sich weite Teile der Kunst der Moderne über diesen Begriff erschließen lassen: Rauschen als Signal. Dieser Gedanke ist auch dem Barock nicht fremd gewesen. Leibniz hat darauf gelauscht am Rande des Meeres. Camus am Grab des Vaters. Michel Foucault in den Archiven des Wahnsinns. Michel Serres in dem, was er die Nordwest-Passage nennt. Es ist sein Bild für den unmöglichen Weg durch die Zwischenräume..
Nordwest-Passage: das war der jahrhundertelang gesuchte Schiffahrtsweg zwischen Kanada und Grönland hindurch, nördlich um den Kontinent herum nach Asien. Ein Weg, der kommt und geht, im Eis verschwindet, an unerwarteten Stellen wieder aufbricht. Ein Weg durch unberechenbares Packeis:.
»Ich glaube, ich sehe, daß die Dinge eher verstreuten
Inselgruppen in der Unordnung des kaum bekannten Meeres gleichen – Berge mit
zerklüfteten Rändern, an denen die Brandung nagt; ständige Veränderung,
Abnutzung, Risse, Abtragung; sporadisch tauchen Inseln der Rationalität aus dem
Meer auf, deren Zusammenhang weder einfach noch offenkundig ist. Es gibt Verbindungen
und Übergänge in gewissen Werken und durch gewisse Operatoren […] Aber
verallgemeinern läßt sich das nicht.«[12]
»Der Weg existiert, und er existiert nicht. So ist das. So ist das auf dem Meer
von Davis bis Beaufort, so ist das in den Erscheinungen, den Wolken und Felsen,
so ist das im Wissen, ganz gleich welcher Karte man folgt.«[13]
Die Nordwest-Passage ist das Bild eines gefalteten Transitweges. Er existiert, und er existiert nicht. Hermes und Zenon, Hand in Hand. Der Widerspruch des Paradoxalen, der darin liegt und das konjunktive »und« zum Gegensinnn verkehrt, dieser Riß ist ein getreues sprachliches Abbild des gemeinten Sachverhaltes: einer Falte des Raum-Zeit-Gefüges, wo der Weg zerbicht, das Datum sich verdoppelt und wo man sich nicht sicher sein kann, vor welchem jungen Körper aus dem Berg der Geschichte wir als nächstes alt ausehen werden.
D. Trans-?
Nun sagt man uns, der »unendliche Verkehr«, der am Ende von Kafkas Erzählung über die Brücke ging, dieser sei bereits Realität. Alles ist schon unterwegs, wird transportiert, transmittiert, transferiert und transskribiert, zirkuliert transkontinental im Internet, ist gar interaktiv. Transsexuelle gewinnen Schlagerwettbewerbe; Firmen mit dem Namen Trans-Genetics öffnen ihre Tore; und der Transrapid fährt bis nach Hamburg. Wer wollte da noch bestreiten, daß die Vorsilben Trans- und Inter- zum Grundvokabular unserer Epoche gehören?!? Hermes, der Gott der Wege und der Botschaften scheint angekommen zu sein. Ist er angekommen? Und wo ist Zenon geblieben?
Serres hat den Namen Hermes in den 60er Jahren gewählt und diese Wahl im Rückblick wie folgt begründet:
»Der herrschende Gott war damals Prometheus. Ich habe Hermes gewählt, den Gott des Handels, der Botschaften, aber auch des Geheimnisses, um den damals schon verspäteten Philosophen zu sagen, daß nicht der Gott der Produktion, sondern der Gott der Kommunikation im Aufsteigen begriffen war.«[14]
Diese Sätze wurden 1985 gesprochen, und weisen nur im Nebensatz auf Hermetik hin (Hermes als »Gott des Geheimnisses«). Dreizehn Jahre später ist der Triumph der Kommunikationsgesellschaft zur Alltagsideologie geworden. Triumphierend brüllt der Apparat uns in die Ohren, alles sei vernetzt und alle Brücken für den unendlichen Verkehr seien gebaut. Heißt dies, daß jede Philosophie der Relationen zu spät kommt? Sind die Brücken tatsächlich schon gebaut?
Vor gar nicht langer hat ein Physiker die Probe darauf gemacht. Der Mann hieß Sokal und hat es offensichtlich satt gehabt, dem holden Singsang zuzuhören, wie herrlich alles mit allem kommuniziere und alle Disziplin im Interdisziplinären liege. Mister Sokal hat sich also hingesetzt und eine hochtrabende Philosophie der Relativitätstheorie verfaßt, die gewollt nur aus Schwachsinn bestand. Dieses Fake hat er an eine Zeitschrift geschickt, die sich der Kommunikation von Geistes- und Naturwissenschaften verschrieben hatte. Und dieses Blatt hat den höheren Blödsinn ebenso ahnungs- wie prüfungslos abgedruckt. Danach war der Skandal perfekt; er hat weite Wellen geschlagen. Zuletzt las man noch in der Zeitschrift Tumult / Heft Physiken davon.
Sokals unselige Redakteure hatten – mit Leibniz zu reden – nur eine undeutliche Perzeption des Gegenstandes, und das heißt, wie oben schon bemerkt: Sie haben Kommunikation mit Transparenz verwechselt und die Falten nicht entfaltet (»deplier les replis«). Darum sind sie abgestürzt.
Da sind wir wieder bei den Lücken angelangt. Bislang erschienen sie als Durchgangs-Ort der Botschaft. Nun aber werden wir erneut an die schlichte Tatsache erinnert, daß man in Lücken auch hineinfallen kann. Alles hat zwei Seiten, selbst eine Lücke.
Und das ist genau der Hintersinn des Wortes »Welt aus Lücken«, den ich mir bis zum Ende aufgehoben habe. Was Michel Serres damit gemeint hat, ist nämlich beides: Chance der Botschaft und Möglichkeit, gewaltig auf die Nase zu fallen. Der moderne Experte braucht nur mehr einen Schritt von seinem Spezialterrain beiseite zu gehen, schon droht das Bodenlose ihm. Die Brücken zwischen einzelnen Terrains sind eben nicht gebaut.
»Wir wissen nichts von den Beziehungen, die den Religionen ihren Namen gegeben haben, wir kennen die Verbindungen zwischen den einzelnen Eingriffen nicht. Wir sehen nur das Konkrete, wir erschaffen eine Welt aus Lücken. Aber unsere Unruhe und die Deontologie, die wir suchen, besteht für uns in diesen abwesenden Beziehungen. Unser dunkelstes Nichtwissen – das durch unser brilliantestes Wissen sichtbar wird – besteht nicht in den black boxes, sondern pulsiert in den Netzwerken, die sie verbinden und deren Wege wir nicht erforscht haben.«[15]
Da haben wir in aller Kürze das Lebenswerk von Michel Serres umrissen: einzutauchen in das dunkelste Nicht-Wissen aus den Netzwerken der abwesenden Beziehungen. Das ist die Nordwest-Passage des Wissens. Dort begegnen sich Hermes und Zenon.
Eine Karte dieser Wege ist weiter unten zu sehen. Es ist ein Satellitenphoto von Wolkenformationen über Nordafrika, in welches Michel Serres Relations-Begriffe eingetragen hat:
»chez, sur, dans,
avant, vers, derrière, suivant, contre«[16].
Und quer über das Blatt das eine Wort, das ich so häufig heute ausgesprochen habe – PARMI = zwischen. Werfen Sie einen Blick in diesen Zwischen-Raum. In den erstarrten Turbulenzen finden Sie das Bild einer Philosophie der Relationen.
Abb.3: Satellitenphoto, beschriftet von Michel Serres
(Zuerst vorgetragen im Merve-Verlag, Berlin am 5. Juni 1998)
Anmerkungen
[1] Michel Serres, Hermes, Bd.
5: Die Nordwest-Passage, hg. v.
Günther Rösch, Berlin 1994, S. 26.
[2] Paul Virilio, Fahren, fahren,
fahren ..., Berlin 1978, S. 5.
[3] Franz Kafka, »Das Urteil. Eine Geschichte«, in: Gesammelte Werke in 7 Bänden, hg. v. Max Brod, Bd. 4: Erzählungen, Frankfurt/M. 1976,
S. 53.
[4] Abbildung in Gilles Deleuze u. Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 675.
[5] Michel Serres, »Die Rakete«, in: Technopathologien,
hg. v. B. Dotzler, München 1992, S. 37 (zuerst in Michel Serres, Statues, Paris 1987).
[6] Vgl. Gilles Deleuze, Woran
erkennt man den Strukturalismus?, Berlin 1992, S. 41-53: »Das leere
Feld«.
[7] Jean Cocteau, Meine Reise um die
Welt in 80 Tagen, München 1967, S. 222 f.
[8] Michel Serres, Eclaircissement.
Cinq Entretiens avec Bruno Latour, Paris 1992, S. 94.
[9] Albert Camus, Der erste Mensch,
Reinbek bei Hamburg 1997, S. 31.
[10] G.W. Leibniz, Vernunftprinzipien
der Natur und Gnade. – Monadologie, übers. v. Artur Buchenau, Hamburg 1982,
S. 18/19. – Vgl. auch den Schlußsatz des §61 der Monadologie, ebd., S. 54/55.
[11] Ebd., S. 19.
[12] Michel Serres, Hermes, Bd.
5, S. 27.
[13] Ebd., S. 26.
[14] »Tim und Struppi, das Land und das Meer. – Ein
Interview mit Michel Serres von Alain Jaubert«, taz, 11.02.1985 (zuerst in: »Lire«).
[15] Vgl. Anm. 5
[16] Michel Serres, La Légende des
Anges, Paris 1993, S. 142 f.