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Judith Butler

Antigones Verlangen

Verwandtschaft zwischen Leben und Tod

Aus dem Amerikanischen von Reiner Ansén
Erbschaft unserer Zeit, Bd. 11
Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2001, 156 S.
ISBN 3-518-12187-1
9 EUR

 

Kurztext

Anhand einer Lektüre von Sophokles’ Antigone und der wichtigsten Interpretationsansätze zu dieser Tragödie wird das Konzept der Verwandtschaft in seiner Beziehung zu Politik und Psychoanalyse neu definiert.

Inhalt

I.

 

Antigones Verlangen


11

II.

 

Ungeschriebene Gesetze,           
abweichende Übertragungen     


 
50

III.

 

Promisker Gehorsam      


93

Danksagung

133

Zitierte Literatur

135

NachWort von Bettine Menke

139

 

 

 

 

Aus dem ersten Kapitel

»Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, über Antigone nachzudenken, als ich mich fragte, was eigentlich aus jenen feministischen Positionen geworden ist, die gegen den Staat gerichtet waren. Mir schien, Antigone könnte ganz gut als Gegenfigur zu einem neueren Trend unter Feministinnen dienen, sich zur Umsetzung feministischer politischer Anliegen auf die Unterstützung und Autorität des Staates zu berufen. Das Erbe von Antigones Herausforderung des Staates schien in den zeitgenössischen Bemühungen um die Neuformulierung der politischen Opposition in Begriffen einer Rechtsforderung und bei der Berufung auf die Legitimität des Staates zur Anerkennung feministischer Forderungen verlorengegangen zu sein. Tatsächlich schätzt und verteidigt beispielsweise Luce Irigaray Antigone geradezu als Prinzip des weiblichen Widerstands gegen staatlichen Dirigismus und als Musterbeispiel für eine antiautoritäre Haltung.

Aber wer ist eigentlich diese »Antigone«, die ich mir zur exemplarischen Verdeutlichung einer gewissen feministischen Stoßrichtung ausgesucht hatte? Sicher, wir haben die »Antigone« der Sophokleischen Tragödie, aber diese Antigone ist eine Fiktion, noch dazu eine, die sich nicht so leicht zum Vorbild machen lässt, dem man folgen könnte, ohne selber Gefahr zu laufen, in die Irrealität abzudriften. Und dennoch wurde sie von vielen zu einer Art Repräsentantin gemacht. Für Hegel repräsentiert sie den Übergang von der matriarchalen zur patriarchalen Herrschaft, aber auch das Prinzip der Blutsverwandtschaft. Und Irigaray äußert sich zwar über die repräsentative Funktion von Antigone weniger eindeutig, betrachtet sie aber gleichwohl als eine exemplarische Figur, wenn sie sagt: ›Es lohnt sich immer, über ihr Beispiel als historische Figur und als Identifikationsmöglichkeit für viele Frauen und Mädchen unserer Zeit nachzudenken. Zum Zweck einer solchen Reflexion müssen wir Antigone außerhalb der verführerischen und reduktionistischen Diskursen zuhören, die sie umgeben, müssen wir hören, was sie über die Regierung der Polis zu sagen hat, über ihre Ordnung und ihre Gesetze.‹

Aber kann Antigone denn zur Repräsentantin einer bestimmten Art feministischer Politik werden, wenn ihre eigene repräsentative Funktion sich in einer Krise befindet? Ich hoffe im folgenden zu zeigen, daß sie, verstrickt in ein inzestuöses Erbe, das ihre eigene Position innerhalb der Verwandtschaftsbeziehungen erschüttert, kaum für die normativen Prinzipien der Verwandtschaft stehen kann. Und sie steht auch schwerlich für einen Feminismus, der nicht selber in eben die Macht verstrickt ist, gegen die er opponiert. In der Tat ist der mimetische oder repräsentative Charakter Antigones nicht nur in Frage gestellt, weil Antigone eine fiktive Figur ist, sondern auch, weil sie als Figur der Politik in eine ganz andere Richtung weist, nämlich nicht in Richtung Politik als Frage der Repräsentation, sondern in Richtung der politischen Möglichkeit, die sich eröffnet, wenn die Grenzen der Repräsentation und die Grenzen der Repräsentierbarkeit selber zutage treten. […]«




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