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Christoph Demmerling

Zu den Grenzen einer Theorie der Bedeutung.
Überlegungen zur Philosophie Donald Davidsons*





Donald Davidson gilt als einer der produktivsten, aber auch schwierigsten Autoren der Gegenwartsphilosophie. Seine Arbeiten zu Problemen der Sprachphilosophie, der Handlungstheorie und der Philosophie des Geistes haben der Diskussion auf allen diesen Gebieten wichtige Impulse verliehen. Die Schwierigkeiten im Umgang mit der Philosophie Davidsons sind wohl vor allem auf den Umstand zurückzuführen, dass er selbst seine Arbeiten als Teile eines einheitlichen philosophischen Programms begreift, dabei allerdings mehrfach Kurs- und Richtungswechsel vorgenommen hat, ohne diese immer im Einzelnen und explizit anzuzeigen. Dies betrifft insbesondere auch seine Philosophie der Sprache. Obwohl häufig von der Sprachphilosophie Davidsons die Rede ist, zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass er verschiedene Anläufe zur Lösung von Problemen, die auf die Begriffe sprachlicher Bedeutung und sprachlichen Verstehens bezogen sind, unternommen hat. Ob es sich bei diesen Anläufen, um unterschiedliche Akzentsetzungen im Rahmen eines im Großen und Ganzen einheitlichen Programms handelt, oder ob sich Davidsons Programm im Laufe seines Denkweges merklich verändert hat, ist eine Frage, die vorerst offen bleiben soll. Im ersten Teil dieses Aufsatzes skizziere ich Davidsons Versuch, im Rekurs auf den Begriff der Wahrheit etwas über Bedeutung in natürlichen Sprachen zu sagen (I). Der zweite Teil wendet sich seinen Arbeiten zum Problem der so genannten »radikalen Interpretation« zu (II). Im dritten und abschließenden Teil diskutiere ich, wie sich die wahrheits- und interpretationstheoretischen Überlegungen zueinander verhalten und gehe der Frage nach, ob Davidson mit der Idee einer radikalen Interpretation eine Wende zur Hermeneutik vollzogen hat, wie es in der Diskussion um seine Philosophie häufig nahegelegt wird (III).

1. Wahrheit

In seinen ersten sprachphilosophischen Arbeiten, so vor allem in einem Aufsatz mit dem Titel »Wahrheit und Bedeutung« aus dem Jahr 1967, geht Davidson von der Auffassung aus, dass eine Bedeutungstheorie für natürliche Sprachen dem so genannten Kompositionalitätsprinzip entsprechen muss.[1] Dieser – häufig auch Frege- oder Funktionalitätsprinzip – genannte Grundsatz lautet wie folgt: Die Bedeutung bzw. der Sinn eines komplexen Satzes bzw. Ausdrucks einer Sprache ist eine Funktion der Bedeutung bzw. des Sinns der Teile, aus denen dieser Ausdruck zusammengesetzt ist, und der Art und Weise der Zusammensetzung dieser Teile. Ein Indiz für die Geltung dieses Prinzips in natürlichen Sprachen stellt für Davidson die Tatsache dar, dass man natürliche Sprachen lernen kann, und er verweist darauf, dass auch die Produktivität der natürlichen Sprache, d.h. der Umstand, dass Sprecher einer Sprache in der Lage sind, unendlich viele und auch neue Ausdrücke bzw. Sätze in dieser Sprache zu bilden und zu verstehen, für den kompositionalen Charakter der natürlichen Sprache spreche. Obwohl sich die Argumente, von denen Davidson hier Gebrauch macht, anzweifeln lassen, da nicht alles, was wir lernen können, kompositional verfasst sein muss und sich neue bzw. unendlich viele Ausdrücke in einer Sprache allenfalls in einem eingeschränkten Sinn erzeugen lassen, gilt es, der Intuition, die hinter Davidsons Plädoyer für dieses Prinzip steht, zunächst einmal Rechnung zu tragen.

Sprachen sind strukturierte Gebilde, die nicht nur aus Einwortsätzen oder einfachen Ausrufen bestehen. Die Zusammensetzung einzelner Ausdrücke zu komplexeren Ausdrücken ist nicht auf eine beliebige Art und Weise möglich. Dass die Bedeutung komplexer Ausdrücke auch von der Bedeutung der verwendeten einfachen Ausdrücke und der Art und Weise ihrer Zusammensetzung abhängt, zeigen bereits ganz einfache Beispiele. Betrachten wir die Sätze »Rita liebt Ralf« und »Ralf liebt Rita«. Die Bedeutung der Sätze hängt von der Bedeutung der einzelnen Teile (»Komponenten«) »Rita«, »Ralf« und »liebt« ab und der Bedeutungsunterschied dieser Sätze hängt mit ihrer Struktur zusammen; er ergibt sich aus der unterschiedlichen Reihenfolge, in der die einzelnen Komponenten jeweils zusammengesetzt sind. Überlegungen dieser Art führen Davidson in seinen frühen sprachphilosophischen Arbeiten zu einer originellen, aber auch strittigen These: Um der Geltung des Kompositionalitätsprinzips und der – wie auch immer verstandenen – Produktivität der natürlichen Sprache gerecht werden zu können, müsse eine Bedeutungstheorie für natürliche Sprachen eine besondere Eigenschaft aufweisen. Davidson bezeichnet diese Eigenschaft im Anschluss an einen in Logik, Mathematik und Informatik üblichen Wortgebrauch als »Rekursivität« und findet in der Wahrheitstheorie Tarskis ein vorbildliches Modell für eine rekursive Theorie. Eine Bedeutungstheorie – so lautet die Kernthese seiner frühen Aufsätze – müsse die Form der Wahrheitstheorie Tarskis annehmen. Nur so lasse sich von der Bedeutungstheorie auf den Begriff bringen, dass und wie man aufgrund der Kenntnis einer endlichen Zahl einfacher Ausdrücke und einer endlichen Regelmenge auch alle zusammengesetzten Ausdrücke einer Sprache bilden und verstehen könne. Dieser formale Aspekt ist jedoch nicht Davidsons einziges Motiv, an Tarski anzuschließen. Ein weiterer Grund ergibt sich aus dem Umstand, dass in der Theorie Tarskis eine enge Verknüpfung zwischen den Begriffen der Wahrheit und der Bedeutung besteht. So hofft Davidson, nicht nur dem Kompositionalitätsprinzip gerecht zu werden, sondern auch eine von Frege und Wittgenstein diskutierte Auffassung aufgreifen und begründen zu können: Die Bedeutung eines Satzes kennt man, wenn man weiß, unter welchen Umständen der betreffende Satz wahr oder falsch ist.[2] Eine kurze Vergegenwärtigung der Arbeit Tarskis mag an dieser Stelle dienlich sein.

Tarski war daran gelegen, den Begriff der Wahrheit material adäquat und formal korrekt auf der Grundlage semantischer Begriffe zu definieren. Es ging ihm darum, einerseits an unser alltägliches, korrespondenztheoretisches Wahrheitsverständnis anzuknüpfen, andererseits aber den mit der Behauptung, dass unsere Sätze dann wahr sind, wenn sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen, gewöhnlich verbundenen ›metaphysischen‹ Ballast abzuwerfen.[3] Bei Tarski bezieht sich das Prädikat »ist wahr« nicht auf eine Beziehung zwischen den Ausdrücken eines Satzes und der Welt, sondern es wird als Eigenschaft von Aussagen aufgefasst. Er sucht nun nicht nach einer allgemeinen Definition des Ausdrucks »wahrer Satz«, sondern jeweils bezogen auf eine bestimmte Sprache S. Eine wichtige Voraussetzung für die formale Korrektheit der Wahrheitsdefinition besteht darin, dass Tarski zwischen einer Meta- und einer Objektsprache unterscheidet, um im Rahmen formaler Sprachen die Möglichkeit der Erzeugung von Antinomien auszuschließen, die sich in unserer Umgangssprache dadurch ergeben, dass sich ihre Ausdrücke auf sich selbst zu beziehen vermögen. Er nennt dies den Universalismus der natürlichen Sprache und diskutiert das Problem am Beispiel der Antinomie des Lügners.[4] Die Objektsprache ist der Gegenstand der Untersuchung (bei Tarski ist dies die Sprache des Klassenkalküls); die Metasprache dient dem Aufbau der Objektsprache. Metasprachliche Ausdrücke geben Bedeutungen bzw. Definitionen für die objektsprachlichen Ausdrücke an und formulieren die Regeln, nach welchen objektsprachliche Ausdrücke gebildet werden können. D.h. die Definitionen des Wahrheitsprädikates für eine Objektsprache erfolgen in einer davon unterschiedenen Metasprache. Tarski macht dann den Vorschlag, dass eine metasprachliche Definition des Prädikates »ist wahr« für eine (Objekt-)Sprache S dann angemessen (material adäquat) ist, wenn aus ihr Sätze folgen, die nach Art des folgenden Schemas (W) s ist genau dann wahr, wenn p gebildet sind. Einsetzungsinstanzen für dieses Schema erhält man, wenn man für »s« einen (strukturell-deskriptiven) Namen von s einsetzt und für »p« eine Übersetzung von s. Das in diesem Zusammenhang notorische Beispiel lautet: »Der Satz ›Der Schnee ist weiß‹ ist genau dann wahr, wenn der Schnee weiß ist«. (Solche Theoreme heißen auch W-Theoreme, W-Sätze oder W-Äquivalenzen). In Anlehnung an Tarski lässt sich das Kriterium für die Angemessenheit der Wahrheitsdefinition, die so genannte Konvention W, in allgemeiner Form wie folgt formulieren: Eine formal korrekte, in der Metasprache formulierte Definition von »wahr« ist sachlich angemessen, wenn aus ihr alle Sätze folgen, die man aus dem Schema (W) s ist genau dann wahr, wenn p gewinnt, indem man für das Symbol »s« einen strukturell-deskriptiven Namen eines beliebigen Satzes der betrachteten Sprache (der Objektsprache) und für das Symbol »p« den Ausdruck, welcher die Übersetzung dieses Satzes in die Metasprache bildet, einsetzt.[5]

Um auf das Problem der Rekursivität zurückzukommen: Im Rahmen der Konstruktion einer Wahrheitsdefinition für eine Sprache S stellt es sich als Problem der finiten Axiomatisierung. Tarskis Lösung sei anhand dreier verschiedener Sprachtypen genannt, ohne die jeweilige Konstruktion der Wahrheitsdefinition im Einzelnen zu veranschaulichen.[6] Hat man eine Objektsprache S1, die nur über eine endliche und genau bestimmte Anzahl von Sätzen verfügt, gelingt die Konstruktion einer Wahrheitsdefinition problemlos. Alle Sätze lassen sich direkt in das Schema (W) einsetzen und können anschließend in einem »wahr in S1« definierenden Satz disjunktiv zusammengefasst werden. Für eine komplexere Sprache S2, die ein endliches Vokabular in Form von Elementarsätzen enthält und zudem aussagenlogische Konstanten, mittels derer aus den Elementarsätzen beliebig viele komplexere Sätze gebildet werden können, ist die Konstruktion einer Wahrheitsdefinition nicht mehr ganz so einfach. Hier muss die Methode rekursiver Definition zur Anwendung kommen, d.h. sämtliche Operationen müssen angegeben werden, mit deren Hilfe aus einfachen Sätzen zusammengesetzte Sätze gebildet werden können und es muss festgestellt werden, wie die Wahrheit bzw. Falschheit der komplexen Sätze von der Wahrheit bzw. Falschheit der einfachen Sätze abhängt. Tarskis eigentliches Interesse gilt der Konstruktion einer Wahrheitsdefinition für eine noch komplexere Sprache S3, deren Sätze aus Teilen aufgebaut sein können, die selbst keine Sätze sind. Ausdrücke dieser Sprache S3 sind nicht allein deshalb komplex, weil sie mittels logischer Konstanten aus Elementarsätzen zusammengesetzt werden können, sondern weil sie auch aus Ausdrücken gebildet werden können, die man mit Tarski als »Aussagefunktionen« oder mit Quine als »offene Sätze« bezeichnen kann. (Man denke als Beispiel an eine Sprache mit quantorenlogischer Struktur). Für eine Sprache dieser Art kann Wahrheit nicht mehr so wie für S2 definiert werden. Tarski löst dieses Problem, indem er geschlossene Sätze als Spezialfälle offener Sätze behandelt und eine allgemeine Beziehung charakterisiert, die sich sowohl auf offene als auch auf geschlossene Sätze anwenden lässt und für die er den Begriff der Erfüllung verwendet. In seiner Terminologie lässt sich dann formulieren, dass ein gegebener Gegenstand einen gegebenen offenen Satz erfüllt, wenn der offene Satz ein wahrer Satz wird, sobald man die in ihm vorkommende freie Variable durch Namen von gegebenen Gegenständen ersetzt. Kant zum Beispiel erfüllt den offenen Satz »x ist ein Philosoph« genau dann, wenn der Satz »Kant ist ein Philosoph« wahr ist. Zurück zu Davidson. 

Davidson geht es nicht um den Begriff der Wahrheit, ihm ist vielmehr an dem Begriff der Bedeutung gelegen. Deshalb hat er verschiedentlich davon gesprochen, dass Verfahren Tarskis ›herumzudrehen‹; d.h. anders als bei Tarski soll nicht der Wahrheitsbegriff auf der Grundlage semantischer Begriffe wie Bedeutung bzw. Übersetzung definiert werden, sondern es geht darum, auf der Grundlage des Wahrheitsbegriffs etwas über Bedeutung sagen zu können. Dennoch glaubt er, dass die W-Theoreme der Theorie Tarskis sich auch dafür eignen, Kriterien für die Angemessenheit einer Bedeutungstheorie bereit zu stellen. Eine Bedeutungstheorie für natürliche Sprachen sei dann angemessen, so Davidson in Anlehnung an Tarski, wenn aus ihr Sätze der Art »s ist W genau, wenn p« folgen. Wie bei Tarski soll auch hier »p« eine metasprachliche Übersetzung des objektsprachlichen Ausdrucks »s« sein. Davidsons Strategie an dieser Stelle scheint auf den ersten Blick verblüffend zu sein, da in einem Theorem der Art »s ist W genau dann, wenn p« der Bedeutungsbegriff gar nicht mehr vorkommt. Da diese Maßnahme den Erwartungen an eine Theorie der Bedeutung zunächst widerspricht, hat Davidson seine theoretische Strategie an dieser Stelle zu begründen versucht. Er verzichtet ganz bewusst auf den Bedeutungsbegriff und ersetzt Angaben der Form »s bedeutet, dass p« durch »s ist W genau dann, wenn p« bzw. »s ist wahr genau dann, wenn p«, um die Erzeugung intensionaler Kontexte zu vermeiden, also solcher Kontexte, in denen sich bezugsgleiche Ausdrücke nicht füreinander ersetzen lassen, ohne dass sich der Wahrheitswert des entsprechenden Satzes ändert.[7] Der Vorschlag, eine Bedeutungstheorie zu formulieren, die auf den Begriff der Bedeutung verzichtet, um statt dessen den Begriff der Wahrheit zu benutzen, lässt sich Davidson zufolge auf dem Hintergrund der bereits angeführten – von Frege und Philosophen des Wiener Kreises vorgebrachten – These legitimieren, derzufolge man die Bedeutung eines Satzes dann kennt, wenn man weiß, was der Fall sein muss, damit der Satz wahr ist bzw. wird. Wenn davon ausgegangen wird, dass »die Angabe der Wahrheitsbedingungen […] eine Art Angabe der Bedeutung des Satzes« ist[8], dann lassen sich W-Theoreme wie »Der Satz ›Der Schnee ist weiß‹ ist genau dann wahr, wenn der Schnee weiß ist« als Bedeutungsangaben begreifen: der (metasprachliche) Satz auf der rechten Seite des Bikonditionals gibt die Wahrheitsbedingungen (und damit auch die Bedeutung) des auf der linken Seite des Bikonditionals erwähnten (objektsprachlichen) Satzes an. Abgesehen von einer Vielzahl von Einwänden, die sich bereits aus externer Perspektive und mit Blick auf die Voraussetzungen des Unternehmens von Davidson erheben lassen (und auf die ich zurückkommen werde), gibt es eine Reihe immanenter Probleme, die dem technisch ganz eindrucksvollen Vorschlag von Davidson innewohnen, und von denen ich lediglich zwei erwähnen möchte. Das eine Problem wurde mehrfach von Michael Dummett zur Sprache gebracht, der andere Einwand geht auf Ian Hacking zurück. Zum ersten Problem.

Die zentrale Unterscheidung, von der sich Dummett bei seiner Kritik an Davidson leiten lässt, ist diejenige zwischen einer bescheidenen (»modest«) und gediegenen oder vollblütigen (»fullblooded«) Theorie der Bedeutung.[9] Davidsons Theorie sei, so Dummett, bescheiden. Mit diesem Vorwurf richtet er sich vor allem gegen die Unterscheidung zwischen einer Objekt- und einer Metasprache, derer sich Davidson bei der Formulierung von W-Theoremen bedienen muss. In der Theorie Davidsons, die – wie deutlich wurde – an Tarskis Wahrheitstheorie angelehnt ist, werden die Bedeutungen von Sätzen der Objektsprache durch die W-Theoreme der Metasprache spezifiziert. Um zu einem Verständnis der Bedeutungen der objektsprachlichen Sätze zu gelangen, muss das Verständnis der Metasprache vorausgesetzt werden. Dummett stellt fest, dass die Theorie Davidsons nur »jemandem, der schon die erforderlichen Begriffe hat, die Interpretation der betreffenden Sprache liefert.«[10] In diesem Sinn ist eine Theorie der Bedeutung, die mit W-Theoremen operiert, nicht mehr als eine Theorie der Übersetzung oder, wie es bei Dummett mehrfach heißt, ein »Übersetzungsmanual«.[11] Dummett will zwischen (gediegenen) Theorien der Bedeutung und (bescheidenen) Theorien der Übersetzung unterscheiden. Eine Theorie der Übersetzung setze voraus, was sie erklären wolle: das Verständnis der Sprache.[12] Eine Bedeutungstheorie, die nach dem Modell der Wahrheitstheorie Tarskis verfährt, sagt einem – so muss man Dummett wohl verstehen – nichts Neues.

Ian Hackings Diskussion der Probleme von Davidsons Theorie setzt bei den angeführten W-Äquivalenzen wie »Der Satz ›Der Schnee ist weiß‹ genau dann, wenn der Schnee weiß ist« an.[13] Hacking macht darauf aufmerksam, dass sich beispielsweise auch W-Äquivalenzen der Art »Der Satz ›Der Schnee ist weiß‹ ist wahr genau dann, wenn Gras grün ist« erzeugen lassen. Zweifellos handelt es sich bei dieser W-Äquivalenz um eine richtige W-Äquivalenz, es ist allerdings auch deutlich, dass die Wörter hinter dem Komma nicht das bedeuten, was der Satz »Schnee ist weiß« bedeutet. Dieses Argument hat Davidson mit dem Hinweis zu entkräften versucht, dass die Bedeutungstheorie eben holistisch sein müsse.[14] Kennt man W-Theoreme für möglichst viele Sätze, in denen dann zum Beispiel auch Wörter wie »Schnee«, »Gras«, »weiß«, »grün« usw. vorkommen, weiß man, in welchen Fällen es sich bei der rechten Seite des mit jeder W-Äquivalenz formulierten Bikonditionals um eine Übersetzung von dessen linker Seite handelt. J.A. Foster hat den angeführten Einwand radikalisiert und darauf hingewiesen, dass eine Theorie nach Art derjenigen Davidsons auch – und damit wird der Fall komplizierter – mit W-Äquivalenzen wie »Der Satz ›Der Schnee ist weiß‹ ist genau dann wahr, wenn der Schnee weiß und Gras grün ist« zurechtkommen müsse.[15] Auch solche W-Sätze sind korrekt, trotzdem sind sie nicht bedeutungserhellend. Kurz: Es lassen sich viele korrekte, aber nicht-interpretative W-Sätze erzeugen. Es mögen Einwände dieser Art gewesen sein, die Davidson dazu gebracht haben, nach und nach den Gedanken zu akzentuieren, dass sich die W-Äquivalenzen empirisch testen lassen müssen. Nur so könne am Ende sichergestellt werden, dass die W-Äquivalenzen tatsächlich angemessen bzw. interpretativ sind. Den Gedanken der empirischen Testbarkeit bedeutungstheoretischer Theoreme entfaltet Davidson schließlich im Zusammenhang mit seiner Idee einer radikalen Interpretation. Damit tritt sein Gesamtprojekt jedoch in eine zweite Phase ein, von der nicht immer deutlich ist, ob sie sich überhaupt als Fortsetzung der ersten Phase begreifen lässt oder ob sie nicht vielmehr mit einer Konversion einhergeht.[16] Bevor ich auf die Interpretationstheorie und die mit dieser verbundenen Aspekte zu sprechen kommen, möchte ich noch einen ganz grundsätzlichen Einwand gegen Davidsons Projekt zu Bedenken geben; einen Einwand, der die Voraussetzungen seines Projekts betrifft.

Davidson nämlich spricht nur an wenigen Stellen ›direkt‹ über die Sätze der bzw. einer natürlichen Sprache. Den Gegenstand seiner Analysen bildet vielmehr durchgängig die von philosophischen Semantikern so genannte ›logische Form‹ der Sätze unserer Sprache, die als Tiefenstruktur unter der Oberfläche unserer natürlichsprachlichen Ausdrücke verborgen liegen soll. Davidson nun identifiziert die logische Form der Sätze natürlicher Sprachen mit dem Quantorenkalkül erster Stufe, d.h. man erhält die logische Form von Sätzen, wenn man sie mit den Mitteln der Quantorenlogik umformuliert.[17] Die logische Form des Satzes »Alle Körper sind ausgedehnt« kann man unter diesen Voraussetzungen zum Beispiel wie folgt notieren: ("x) (Fx ® Gx) (lies: Für alle Gegenstände x gilt: wenn x ein Körper ist, dann ist x ausgedehnt). Man kann sich an dieser Stelle fragen, ob die von Davidson als Semantik natürlicher Sprachen in Aussicht gestellte Theorie nicht in Wirklichkeit lediglich eine Semantik für die Quantorenlogik darstellt. Die Sicht der Dinge wird davon abhängen, ob man der These, die Tiefenstruktur der natürlichen Sprache werde mit den Mitteln der Quantorenlogik erfasst, zuzustimmen bereit ist, oder ob man die Vorgehensweise Davidsons an dieser Stelle für eine Projektion (der quantorenlogischen auf die natürliche Sprache) hält. Zugegebenermaßen hat er in verschiedenen seiner Arbeiten an einer ganzen Reihe von – mitunter gar nicht einfach zu behandelnden – Beispielen in beeindruckender Form die Praktikabilität seines Vorschlags unter Beweis gestellt. Gleichwohl gebrauchen und verstehen wir eine Vielzahl von Sätzen bzw. Satztypen, deren logische Form gar nicht so einfach zu ermitteln ist. Man denke an die indirekte Rede, an Zuschreibungen von Überzeugungen, an Kausalaussagen, kontrafaktische Konditionalsätze und ähnliches. Aber selbst wenn sich für viele Satztypen deren logische Form angeben lässt, heißt dies noch nicht, dass natürliche Sprachen auch in einer entsprechenden Weise funktionieren. Davidson blickt von der Warte der Logik aus auf die natürliche Sprache und lässt sich seine Perspektive durch ein Kalkülbild von der Sprache vorgeben. Die Voraussetzungen eines derartigen Bildes aber sind keineswegs selbstverständlich und unsere Sprache enthält viele Möglichkeiten, die sich nicht so ohne weiteres in den Grenzen einer am Kalkül orientierten Vorstellung einfangen lassen.[18] Dazu gehören insbesondere auch Äußerungstypen, bei denen es sich nicht um Aussagen handelt, wie Bitten, Befehle, Fragen usw. Hier, so wurde bereits in der sprachphilosophischen Diskussion vor Davidson eingewandt, zeigen sich auch die Schranken einer Theorie, derzufolge vor allem die Begriffe der Bedeutung und der Wahrheit zusammengehören.

Obwohl Davidson die Orientierung am Begriff der Wahrheit eigentlich nie aufgegeben hat, tritt in der nun folgenden Phase seiner Theoriebildung mehr und mehr der Begriff der Interpretation in das Zentrum seiner Überlegungen. Davidson, so ist gelegentlich zu lesen, vollziehe mit seinen Arbeiten zur Interpretationstheorie eine »Abkehr von der Semantik und Wende hin zur Hermeneutik«.[19] Es ist zwar richtig, dass Davidson sich nunmehr Fragen zuzuwenden beginnt, die häufig auch Gegenstand hermeneutischer Ansätze sind. Von einer Wende zu sprechen, halte ich allerdings für überspitzt. Freilich enthalten seine Arbeiten eine Reihe von Gedanken, die einer hermeneutischen Wende in der Sprachphilosophie den Weg ebnen könnten. Bei ihm jedoch schlagen solche Überlegungen kaum auf die Ebene der Grundbegrifflichkeit durch. Doch betrachten wir, wohin ihn seine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Interpretation führt und welche neuen Aspekte der Sprache, sprachlicher Bedeutung und sprachlichen Verstehens nunmehr thematisiert werden.

2. Interpretation

Davidsons Überlegungen waren bislang im engeren Sinne des Wortes Theorie geblieben. Ausgehend von der Kenntnis einer Sprache hatte er eine Reihe von Axiomen und Theoremen formuliert, auf deren Grundlage den Ausdrücken einer Sprache semantische Eigenschaften zugeschrieben werden konnten. Mit dem Begriff der Interpretation treten empirische Fragen in den Vordergrund seiner Überlegungen. Wir erinnern uns: Um sicherzustellen, dass die W-Sätze, welche auf der Grundlage der Theorie formuliert werden können, nicht nur korrekt, sondern auch bedeutungserhellend sind, sollten W-Sätze wie »Der Satz ›Der Schnee ist weiß‹ ist genau dann wahr, wenn der Schnee weiß ist« empirisch getestet werden können. Um die Grundlinien eines für diese Zwecke geeigneten Verfahrens zu skizzieren, geht Davidson nun nicht mehr von der Kenntnis einer Sprache aus, sondern er führt die Figur eines von ihm so genannten »radikalen Interpreten« ein, der sich um das Verständnis einer ihm unbekannten Sprache bemüht.[20] Auf welche Weise kann ein derartiger Interpret durch die Verwendung von W-Theoremen zu einer Wahrheitstheorie und zu einem Verständnis einer ihm nicht bekannten Sprache gelangen?

Mit seiner Forderung, die Theoreme der Bedeutungstheorie empirisch testen zu wollen, knüpft Davidson an Quine an. Um zu demonstrieren, wie weit man bei dem Versuch, eine völlig fremde Sprache zu verstehen bzw. diese Sprache zu übersetzen, kommt und auf welche empirischen Belege man sich bei einem derartigen Versuch stützen kann, hatte Quine die Situation eines linguistischen Feldforschers fingiert, der ein Übersetzungshandbuch für eine ihm ganz und gar unverständliche und nicht mit der eigenen Sprache verwandte Sprache erstellen möchte.[21] Die einzigen Belege, auf die man zurückgreifen kann, so Quines These, bestehen in beobachtbaren Zusammenhängen zwischen dem Sprachverhalten eines Sprechers der fraglichen Sprache und den Reizen, welchen seine Sinnesorgane ausgesetzt sind.[22] Sollte der Sprecher einer unbekannten Sprache immer dann, wenn seine Sinnesorgane einem Kaninchenreiz ausgesetzt sind, d.h. wenn er ein Kaninchen sieht, das Wort (bzw. den Einwortsatz) »Gavagai« äußern, könne dies als Beleg für die Übersetzung von »Gavagai« durch »Kaninchen« angesehen werden. Solche Belege, so Quine weiter, reichen allerdings niemals aus, um die Angemessenheit der Übersetzung von »Gavagai« durch »Kaninchen« tatsächlich zu erweisen. Es könnte sein, dass sich der Sprecher der unbekannten Sprache auf Zeitstadien oder Teile von Kaninchen und nicht auf Kaninchen bezieht. Resultat der Überlegungen Quines ist seine berühmte These von der Unbestimmtheit der Übersetzung, die besagt, dass zwei ganz verschiedene und miteinander unverträgliche Übersetzungen mit den gegebenen Beobachtungsdaten übereinstimmen können. Die Beobachtung des Zusammenhangs von Äußerung und Reizeinfluss, die das einzige ist, was empirisch zur Verfügung steht, lässt immer noch mehrere Übersetzungsmöglichkeiten zu.

Unter dem Titel »radikale Interpretation« bezieht sich Davidson auf die skizzierte Diskussionslage. Er löst die Frage nach möglichen Belegen für die Interpretation von Äußerungen von vornherein vom Übersetzungsbeispiel los. Auch dieser Gedanke findet sich zwar schon bei Quine, der formuliert, das Problem der Urübersetzung beginne bereits zu Hause.[23] Davidson verleiht Quines Idee jedoch eine eigenwillige Wendung. Es geht dem radikalen Interpreten nicht um eine Übersetzung, sondern er sucht nach einer Wahrheitstheorie für eine von Grund auf zu interpretierende Sprache. Davidson beginnt seine Überlegungen mit der Feststellung: »Das Problem der Interpretation gilt für Muttersprachen ebenso wie für Fremdsprachen. Für Sprecher derselben Sprache stellt es sich in Form der Frage: Wie läßt sich feststellen, daß die Sprache dieselbe ist? [...] Die radikale Interpretation ist immer beteiligt, wenn man die Äußerungen eines anderen Sprechers versteht.«[24] Was Davidson hier sagen will, ist, dass eine gemeinsame Sprache noch kein Garant für das Verstehen ist. Auch dann, wenn zwei Personen, ein Sprecher und ein Interpret, sich der ›gleichen‹ Sprache, beispielsweise des Deutschen, bedienen, bleibt viel Raum für ideolektale Unterschiede, so dass Äußerungen eines anderen, wenn etwa die von ihm verwendeten Wörter in seinem Ideolekt spezielle Konnotationen besitzen, immer interpretiert werden müssen. Ein wichtiger Unterschied zwischen den Überlegungen Davidsons und der Grundbegrifflichkeit Quines besteht im übrigen darin, dass er die behavioristische Grundorientierung aufgibt und bei ihm Reizeinflüsse gar keine Rolle spielen.

Die Ablehnung der Idee, man müsse als ›Übersetzer‹ bzw. ›Interpret‹ das Verhalten eines Sprechers und auf ihn einwirkende Reizeinflüsse koordinieren, ist einem radikalen antiskeptischen Impuls geschuldet. Reizungen der Sinnesorgane sind auf eine bestimmte Weise zu nah am Subjekt; sie könnten sein, wie sie sind, und trotzdem könnte die Welt ganz anders aussehen. Für Davidson sind nicht Reizungen der Sinne, sondern Sprecherüberzeugungen ein wesentliches Element, und diese Überzeugungen sind ihm zufolge kausal durch die Beschaffenheit der Welt verursacht, wie insbesondere seine dem so genannten ›Externalismus‹ gewidmeten neueren Schriften zeigen.[25] Dieser Gedanke soll an dieser Stelle nicht im Einzelnen weiter verfolgt werden. Wichtig ist für den vorliegenden Zweck folgendes: Sprecherüberzeugungen sind für Davidson deshalb von Belang, weil er davon ausgeht – dies ist eine für seine Interpretationstheorie ganz wesentliche These –, dass Bedeutung und Überzeugung interdependent sind. Das heißt: Die Bedeutung der von einem Sprecher geäußerten Sätze kann man sich nur dann erschließen, wenn seine Überzeugungen bekannt sind; seine Überzeugungen zu kennen, setzt allerdings voraus, seine Sprache zu verstehen. Davidson denkt diesem durch die Interdependenzthese aufgeworfenen Problem dadurch zu entgehen, dass er eine ganz bestimmte Überzeugung auszeichnen zu können glaubt. Es ist dies die Überzeugung des ›Einen-Satz-für-wahr-Haltens‹. Vier Gründe werden von ihm für die Auszeichnung dieser Überzeugung angeführt: (1) Es ist die einzige Überzeugung, die sich auf alle Äußerungen eines Sprechers anwenden lässt; (2) Die Zuschreibung dieser Überzeugung erfordert keine Unterscheidungen bezüglich weiterer Überzeugungen, wozu ja Sprachkenntnisse vorausgesetzt werden müssten; (3) Die meisten Sprachverwendungen lassen erkennen, ob ein Sprecher einen Satz für wahr hält oder nicht und schließlich (4) lässt sich das Fürwahrhalten von Sätzen durch Sprecher besonders gut mit den Umständen, unter denen eine Äußerung getätigt wird, in Verbindung bringen.[26]

Die Grundfrage im Zusammenhang mit der Idee radikaler Interpretation formuliert Davidson dann wie folgt: »Ist es möglich, eine Wahrheitstheorie durch Berufung auf Belege zu verifizieren, die schon vor Beginn der Überprüfung zur Verfügung stehen?«[27] Näher betrachtet stehen hinter dieser Formulierung die folgenden Fragen: (1) Was heißt es, die Äußerungen eines Sprechers zu interpretieren und zu verstehen? (2) Worin bestehen die Voraussetzungen für die Möglichkeit des Verstehens? Im Rahmen der theoretischen, durch die Anknüpfung an die Wahrheitstheorie Tarskis bedingten Vorentscheidungen Davidsons lässt sich die zweite Frage auch in den folgenden Formen stellen: (2a) Was sind Voraussetzungen der Kenntnis einer Wahrheitstheorie für eine Sprache S? (2b) Wie kann ein Interpret ohne ein vorgängiges Verständnis der Sprache S eine Wahrheitstheorie für die Sprache eines Sprechers von S entwickeln?[28] Um zu einer Beantwortung dieser Fragen zu gelangen, skizziert Davidson den Vorgang radikaler Interpretation.[29] Dass Davidson in diesem Zusammenhang eine Reihe von Idealisierungen vornimmt, sollte nicht vorschnell als Argument gegen seine Überlegungen verwendet werden. Wie Quines Beispiel des linguistischen Feldforschers ist auch die Idee radikaler Interpretation ein Gedankenexperiment; sie darf nicht als realistisch intendierte Schilderung einer Interpretationssituation verstanden werden.

Um zu einer Wahrheitstheorie für eine fremde Sprache zu gelangen, sammelt der Interpret Evidenzen, welche ihm Auskunft über die Sätze, die von einem Sprecher geäußert werden, geben. Den einfachsten Einstieg stellen für Davidson Äußerungen dar, die sich im Anschluss an Quine als Gelegenheitssätze bezeichnen lassen, d.h. Äußerungen, deren Bejahung oder Ablehnung in einem Zusammenhang mit wahrnehmbaren Merkmalen der Äußerungssituation steht. Der Einfachheit halber nehmen wir an, es gehe um Sätze des Englischen, die interpretiert werden sollen. Peter, Paul, Mary und Bob äußern zum Beispiel an dreißig Tagen den Satz »It is raining«, wenn es in ihrer Umgebung schneit. In einer solchen Situation würde man als Interpret diese Tatsache als Beleg für den folgenden, diese Äußerung interpretierenden Satz halten: (x) (t) (wenn x zur englischen Sprachgemeinschaft gehört, dann (hält x »It is raining« zur Zeit t genau für wahr, wenn es in der Umgebung von x zur Zeit t schneit)). Sollte es aber nun so sein, dass drei weitere Sprecher, den Satz »It is raining« nur dann äußern, wenn es regnet, müssen sich erste Zweifel regen. Sind es gar hundert Sprecher, die »It is raining« äußern, wenn es regnet und stimmen auch noch Peter, Paul, Mary und Bob dem Satz »It is raining« zu, nicht nur, wenn es schneit, sondern auch, wenn es regnet, dann liegt es nahe, die ursprüngliche Interpretation zu modifizieren und statt dessen davon auszugehen, dass »It is raining« genau dann von x für wahr gehalten wird, wenn es regnet. Diese Interpretation ›passt‹ besser zu allen im Zusammenhang mit der Äußerung dieses Satzes von Sprechern der betreffenden Sprachgemeinschaft von dem Interpreten gemachten Beobachtungen. Peter, Paul, Mary und Bob – so würde der Interpret möglicherweise schließen – leiden an bestimmten Eigenheiten oder sehen nicht ein, welchen Sinn es haben könnte, zwischen Schnee und Regen zu unterscheiden. Ob der Interpret auf der Grundlage des geschilderten Verfahrens zu einer richtigen Interpretation von Äußerungen gelangt, muss wohl offen bleiben. Was ihm sicherlich gelingt, ist die Unterscheidung zwischen mehr oder weniger angemessenen Interpretationen.

Das Beispiel zeigt, dass es nicht ganz einfach ist, auf der Grundlage des skizzierten Verfahrens »Es regnet« als richtige Übersetzung bzw. Bedeutungsangabe von »It is raining« anzusehen. Warum nicht? Im Zusammenhang mit der Anführung der wesentlichen Unterschiede zwischen Quines Situation radikaler Übersetzung und Davidsons Rede von einer radikalen Interpretation hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass für Davidson anders als bei Quine Sprecherüberzeugungen – insbesondere die Überzeugung, einen Satz für wahr zu halten – bei der Anwendung des Verfahrens eine ganz wesentliche Rolle spielen. Wie der Sprachgebrauch von Peter, Paul, Mary und Bob aber deutlich gemacht hat, können Sprecher auch falsche Überzeugungen haben oder sich täuschen. Deshalb kann ein radikaler Interpret nicht einfach von einer Überzeugung bzw. von der Überzeugung des Fürwahrhaltens zu W-Sätzen übergehen. Bedingungen des Fürwahrhaltens sind nicht, jedenfalls nicht unbedingt Bedingungen der Wahrheit. Andererseits verlangen die Voraussetzungen des Gedankenexperiments von Davidson, dass der Interpret über keine weitergehenden Informationen verfügt. Davidson schlägt vor, an dieser Stelle mit einem von ihm so genannten Prinzip des Wohlwollens (»principle of charity«) zu operieren.[30] Dieses Prinzip verlangt, grob gesprochen, zweierlei: zum einen sollten wir bei der Interpretation von Äußerungen davon ausgehen, dass die Sprecher einer Sprache sich nicht (beispielsweise über das, was der Fall ist) im Irrtum befinden. Neben der Annahme der Irrtumsfreiheit der Sprecher einer zu interpretierenden Sprache gehört es auch zum Prinzip des Wohlwollens, davon auszugehen, dass das Überzeugungssystem der Sprecher im Großen und Ganzen kohärent ist und mit unserem eigenen Überzeugungssystem weitgehend übereinstimmt. Das Prinzip des Wohlwollens ist eine außerordentlich wichtige Maxime im Rahmen des Gedankenexperiments radikaler Interpretation, da es letztlich in Form einer Wahrheitsunterstellung den Übergang von »Theoremen über das Fürwahrhalten zu den Theoremen über Wahrheitsbedingungen ermöglichen« soll.[31] Würde man nicht im Sinne dieses Prinzips verfahren, ließen sich beim Versuch einer radikalen Interpretation wohl keine sonderlich großen Schritte machen.

Vernachlässigen wir für den Augenblick verschiedene Probleme, die der Vorschlag von Davidson aufwirft, um die einzelnen Stufen des Vorgangs radikaler Interpretation noch einmal insgesamt zu skizzieren. Zunächst sammelt der Interpret Gelegenheitssätze sowie Informationen über die Einstellungen der Sprecher zur Wahrheit bzw. Falschheit der betreffenden Sätze. Informationen über die Situationen, in denen die Sprecher die Sätze äußern und diese von ihnen für wahr gehalten werden, müssen ebenfalls vom Interpreten gesammelt werden (1. Schritt). Auf der Grundlage dieser Informationen kann der Interpret dann erste Hypothesen formulieren: John hält den englischen Satz »It is raining« zur Zeit t genau dann für wahr, wenn es zu t in seiner Umgebung regnet (2. Schritt). Schließlich kann der Interpret zur Generalisierung solcher Hypothesen übergehen: (x) (t) (wenn x zur englischen Sprachgemeinschaft gehört, dann (hält x »It is raining« zur Zeit t genau dann für wahr, wenn es in der Umgebung von x zur Zeit t regnet)) (3. Schritt). Der Übergang von den Fürwahrhaltungen wird dann in einem vierten Schritt mit Hilfe des Prinzips des Wohlwollens bewerkstelligt. Mit Blick auf Davidsons kausal-externalistische Position kann man dies für unser Beispiel wie folgt formulieren: x hält »It is raining« zur Zeit t für wahr, weil es zur Zeit t in seiner Umgebung regnet (4. Schritt). Am Ende eines gelungenen Interpretationsprozesses stehen schließlich Annahmen über Wahrheitsbedingungen: (x) (t) (»It is raining« ist von x geäußert zur Zeit t genau dann wahr, wenn es regnet).

Was ist mit Davidsons Gedankenexperiment gewonnen? Wie verhält es sich zu den wahrheitssemantischen Auflagen, die sich aus der Anknüpfung an Tarski ergaben? Wo liegen seine Probleme? Inwieweit können Davidsons Überlegungen als Beiträge zu einer hermeneutischen Philosophie der Interpretation gelten? Diesen Fragen geht der letzte Abschnitt nach.

3.     Wahrheit und Interpretation?

Man kann das Gedankenexperiment radikaler Interpretation auf den Bescheidenheitsvorwurf von Dummett und die Einwände von Hacking bzw. Foster, also auf das Problem der nicht-interpretativen W-Sätze, beziehen. Davidson hat zumindest theoretisch gezeigt, wie ein Interpret eine Wahrheitstheorie für eine ihm ganz unbekannte Sprache konstruieren kann und damit deutlich gemacht, dass Dummetts Vorwurf, die Bedeutungstheorie liefere nur demjenigen eine Interpretation der betreffenden Sprache, der schon über die erforderlichen Begriffe verfüge, lediglich insofern berechtigt ist, als dass der Interpret zumindest über irgendeine Sprache verfügen muss. Aber er kann durchaus zur Interpretation von Äußerungen in einer ihm fremden Sprache gelangen. Davidsons Vorschlag funktioniert – zumindest im Prinzip – auch dort, wo Objekt- und Metasprache nicht identisch sind. Es muss zwar das Verständnis einer Sprache vorausgesetzt werden, aber diese kann von der zu interpretierenden Sprache sehr verschieden sein. Sodann hat Davidson mit seinen Überlegungen zumindest einen Weg gewiesen, wie sich das Problem nicht-interpretativer W-Sätze durch die empirische Tätigkeit des Interpreten, durch das Sammeln von Daten, wenn auch nicht gänzlich lösen, so doch – erneut gilt: im Prinzip – zumindest entschärfen lässt. Soviel zum Gewinn, den das Gedankenexperiment einbringt.

Unsere Darstellung hat auch deutlich gemacht, dass Davidson die im Anschluss an Tarskis Wahrheitstheorie für die Bedeutungstheorie formulierten W-Äquivalenzen und das Szenario radikaler Interpretation als zwei Aspekte eines einzigen theoretischen Entwurfs begreift. Die Formulierung von W-Äquivalenzen fungiert als theoretischer Teil, die verschiedenen Schritte radikaler Interpretation als empirischer Teil eines einheitlichen – folgt man dem Selbstverständnis Davidsons – theoretischen Projekts. Davidsons Bedeutungstheoretiker geht wie ein Naturwissenschaftler vor, der zunächst Hypothesen formuliert und zur Bestätigung dieser Hypothesen Experimente macht. Dem Selbstverständnis Davidsons entgegen lässt sich jedoch auch fragen, ob sich Wahrheits- und Interpretationstheorie nicht jeweils auf unterschiedliche Fragen antworten. Ob es sich nicht, streng betrachtet, um zwei verschiedene Anläufe handelt, jeweils eine Antwort auf die Frage nach sprachlicher Bedeutung und sprachlichem Verstehen zu geben? Davidsons Ausführungen zum Problem der Interpretation lassen sich dann als Versuch begreifen, verschiedene Schwierigkeiten, die sich mit den Mitteln der Anknüpfung an Tarski allein nicht lösen ließen (vor allem das Problem der nicht-interpretativen W-Sätze), doch noch in den Griff zu bekommen. Unter der Hand haben sich – dies ist meine Vermutung – die Grundannahmen Davidsons verschoben. Wahrheits- und Interpretationstheorie als zwei Seiten eines einzigen Projekts zu verstehen, ist nicht so selbstverständlich, wie Davidson suggeriert. Mit dem Gebrauch der Wahrheitstheorie antwortet Davidson auf die Frage, in welcher Form Ausdrücken bestimmte semantische Eigenschaften zu geschrieben werden können; mit der Interpretationstheorie geht es ihm um die Voraussetzungen des Verstehens sprachlicher Äußerungen. Ergebnis einer gelungen Interpretation soll zwar eine Theorie der Wahrheit für die entsprechende Sprache sein; um diese formulieren zu können, muss der Interpret allerdings eine ganze Reihe von Überlegungen anstellen, die nicht nur auf die Wahrheitstheorie als Ergebnis eines Prozesses radikaler Interpretation vorgreifen, sondern sie, sofern es den Verständigungszusammenhang mit den zu interpretierenden Sprechern betrifft, sogar überbieten. Er muss holistische Annahmen machen, er muss Daten sammeln, er muss von einem Prinzip des Wohlwollens Gebrauch machen, den Sprechern einer Sprache Überzeugungen zuschreiben und anderes mehr. Der radikale Interpret muss also vieles voraussetzen, was laut Anlage des Gedankenexperimentes, welches einen weithin voraussetzungslosen Einstieg in einen Interpretationsvorgang (Interpretation von Grund auf!) ermöglichen soll, eigentlich ausgeschlossen werden soll bzw. nicht mehr eigens thematisiert wird. Insbesondere muss er von den üblichen (pragmatischen) Unterstellungen und Annahmen Gebrauch machen, die wir immer schon in Anspruch nehmen, wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt treten. Auch eine Situation radikaler Interpretation ist nur möglich, wenn ein Vorverstehen oder Hintergrund in Anspruch genommen wird, demzufolge die Sprecher der zu interpretierenden Sprache als Menschen, als Wesen, die eine Sprache sprechen, sich verständigen, Projekte einer bestimmten Art in ihrem Leben verfolgen usw. wahrgenommen werden. Zumindest auf einer vorsprachlichen Ebene müssen Kommunikationsmöglichkeiten vorausgesetzt werden. Wenn der Interpret möglicherweise am Ende zu einem Verständnis der von ihm untersuchten Sprache gelangt, dann hat dies sehr viel mehr mit den angeführten zusätzlichen Auflagen und Annahmen zu tun, als mit dem Umstand, dass er seine Theorie in die Form einer Wahrheitstheorie zu bringen versucht bzw. sie in eine derartige Form bringen kann. Die Form der Theorie ist dann – zumindest sofern dies das Verstehen sprachlicher Äußerungen betrifft – eigentlich nicht mehr wichtig. Was im übrigen die vom Interpreten für die entsprechende Sprache formulierte Wahrheitstheorie betrifft: Zu einer solchen gelangt man wohl nur auf der Grundlage noch viel weitreichenderer Unterstellungen als denjenigen, die ich bisher angeführt habe. Den Sprechern gewisse Überzeugungen hinsichtlich der Wahrheit bzw. Falschheit der von ihnen geäußerten Sätze zuzuschreiben und deren Überzeugungen auf der Grundlage des principle of charity so zu betrachten, als würden sie mit unseren eigenen Überzeugungen weitgehend übereinstimmen, setzt den Aufenthalt in einer gemeinsam geteilten Welt voraus, in einer Welt, die unabhängig von der Sprache ist, wie sie ist und zu der die Sprecher aller Sprachen, seien diese auch noch so verschieden, im Prinzip den gleichen Zugang haben.[32]

Zur Frage nach einer »hermeneutischen Wende« im Denken Davidsons lässt sich nach alledem mit Blick auf das Gedankenexperiment radikaler Interpretation folgendes anmerken: Die Arbeiten zur Interpretationstheorie als eine Abkehr von der Semantik und Wende zur Hermeneutik zu charakterisieren, ist einem bestimmten Sinne richtig, in einem anderen jedoch falsch und irreführend. Richtig an dieser Charakterisierung ist, dass die mit der Forderung einer Testbarkeit der W-Theoreme auf der Grundlage empirischer Belege aufgeworfene Frage nach den Voraussetzungen des Verstehens eine Frage ist, die zweifellos eine Grundfrage der philosophischen Hermeneutik darstellt. Die Methoden, derer sich Davidson zur Beantwortung dieser Frage bedient, sind allerdings andere als jene, die von Vertretern der Hermeneutik in der Regel benutzt werden. Deshalb sind die Hinweise auf eine hermeneutische Wende irreführend.

Unter einer hermeneutischen Philosophie ist nicht allein eine Methode oder Lehre vom rechten Interpretieren oder Verstehen und die Explikation der dieses leitenden Regeln, sondern eine Weise des Nachdenkens, dem es, wie der ›hermeneutischen Phänomenologie‹ Heideggers oder der Hermeneutik Gadamers, um die aufweisende Erhellung unserer Lebensphänomene zu tun ist. Der Hermeneutik geht es darum, die in unserer Praxis liegenden und zumeist verborgenen Voraussetzungen aufzuzeigen, die unser Handeln wie auch unser Denken leiten. Ihr Blick auf die zu untersuchenden Objekte oder Phänomene erfolgt mit Rücksicht auf deren Einbettung in unsere primären Lebensvollzüge. Sprache oder Sprechen begreift die Hermeneutik in enger Verbindung mit unserer Praxis, unserer Geschichte, unserem Leben. Vertretern der Hermeneutik geht es nicht so sehr darum, Theorien zu formulieren, denen dann eine erklärende Kraft in Bezug auf den untersuchten Gegenstandsbereich zukommt, sondern wichtig ist zunächst einmal eine angemessene Beschreibung der fraglichen Phänomene. Die Blickrichtung ist damit von vornherein ein andere, als die gerade auch innerhalb der analytischen Philosophie verbreitete Orientierung an der einzelwissenschaftlichen Forschung und den hier oftmals leitenden theoretischen Konstruktionen, von denen Davidson ja sehr ausgiebig Gebrauch macht. Damit soll noch nichts gegen die Verwendung theoretischer Konstruktionen in der Philosophie gesagt sein; wichtig ist zunächst allein, den Unterschieden zwischen verschiedenen philosophischen Methoden und Zielsetzungen Rechnung zu tragen und diese nicht vorschnell einzuebnen. Festzuhalten ist lediglich, dass das Urteil, Davidson habe eine Wende zur Hermeneutik vollzogen, wenn nicht unzutreffend, so doch trügerisch ist, zumal wenn man sich die von ihm verwendeten Methoden vergegenwärtigt und der Zielsetzung seiner Überlegungen folgt. Trotz mancher terminologischer Anklänge (Prinzip des Wohlwollens, Interpretation, Verstehen) stehen Methode und Zielsetzungen der Philosophie Davidsons - zumindest sofern dies die hier diskutierten Arbeiten betrifft – vielfach im Widerspruch zu den Bemühungen der Hermeneutik. Die Davidson von vornherein leitenden theoretischen Konstruktionen führen zu einem anderen Bild von der Sprache, als es wohl aus der Warte der philosophischen Hermeneutik skizziert werden würde. Trotz der technisch sehr aufwendigen Bemühung, eine dem Prinzip der Kompositionalität sprachlicher Bedeutung bzw. sprachlichen Sinns, dessen Geltung für natürliche Sprachen ja von Davidson unterstellt wird, entsprechende Bedeutungstheorie zu formulieren, trotz des eindrucksvollen Versuchs, mit der Interpretationstheorie Grundlinien eines empirischen Tests für W-Äquivalenzen zu skizzieren, würde man wohl bezweifeln, dass mit Hilfe solcher Begriffe die Sprache und deren Verstehen angemessen beschrieben werden kann. Es handelt sich um Begriffe, die vor allem im Kontext des Aufbaus und der Normierung von Kalkülsprachen ihren Sitz (und dort möglicherweise auch ihre Berechtigung) haben, die aber Verstehen und Gebrauch natürlicher Sprachen allenfalls in einem sehr eingeschränkten Sinn zu erfassen in der Lage sind. Davidsons Begriff einer Sprache ist ein technischer Begriff, der mit der Sprache, die wir (lebensweltlich) gebrauchen und verstehen nur in einem begrenzten Ausmaß zu tun hat. Das Interpretationsszenario ist ein technisches Szenario, welches unsere Verstehensleistungen im Alltag (oder auch im Feld) nicht realistisch zu beschreiben vermag (dies wohl auch gar nicht will). Als hermeneutischer Philosoph würde man wohl eher dem Anspruch folgen, sich von solchen theoretischen Konstruktionen frei zu machen, um nach einer Begrifflichkeit zu suchen, die unseren Gebrauch und unser Verstehen der Sprache angemessen erfasst und ihm – und nicht einer Sprache der Logik – auf den Leib geschneidert ist.[33] Dann allerdings könnte sich die Begrenztheit des Projektes erweisen, das Problem der Bedeutung in natürlichen Sprachen auf den Begriff bringen zu wollen. Im übrigen ein Gedanke, den Davidson selbst in neueren Arbeiten formuliert hat. »Ich ziehe den Schluß, daß es so etwas wie eine Sprache gar nicht gibt, sofern eine Sprache der Vorstellung entspricht, die sich viele Philosophen und Linguisten von ihr gemacht haben. Daher gibt es auch nichts dergleichen, was man lernen, beherrschen oder von Geburt an in sich tragen könnte. Die Vorstellung, es gebe eine klar umrissene gemeinsame Struktur, die sich die Sprachbenützer zu eigen machen und dann auf Einzelfälle anwenden, müssen wir aufgeben.«[34] Dieser Passus kann als Hinweis auf die Grenzen, die allen Versuchen, allgemeine Theorien der Bedeutung für natürliche Sprachen zu formulieren, gezogen sind, gelesen werden. Wie sich diese Formulierung, die für eine weitere Verschiebung im Rahmen des Projektes von Davidson steht, zu seinen wahrheits- und interpretationstheoretischen Überlegungen verhält und ob er mit ihr eine weitere Wende vollzieht, ist eine Frage, deren Beantwortung den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würde.

(Der Text von Christoph Demmerling ist bereits erschienen in: Thomas Rentsch (Hg.), Sprache, Erkenntnis, Verstehen. Grundfragen der theoretischen Philosophie der Gegenwart, Dresden: Thelem bei w.e.b. Univ.-Verl. 2002, S. 51-76 und erscheint mit freundlicher Genehmigung von Herrn Eckhard Richter (w.e.b. Univ.-Verl.). Informationen zu diesem Band gibt es in unserer MoMo-Sektion Bücher.)

Anmerkungen


* Dieser Text geht auf einen Vortrag zurück, den ich im April 1996 im Philosophischen Kolloquium der Technischen Universität Dresden gehalten habe. In der jetzt vorliegenden Form stellt er eine stark gekürzte und in einigen sachlichen Fragen revidierte Fassung eines Teils des zweiten – insgesamt Davidson gewidmeten – Kapitels meiner noch unveröffentlichten Habilitationsschrift Sprache, Verstehen und Lebenspraxis. Kritische Analysen und systematische Perspektiven (Dresden, 1998) dar. Der Anmerkungsteil wurde für die Drucklegung des Textes ergänzt. Zum Themenkomplex des Vortrags vgl. inzwischen auch Thomas Blume u. Christoph Demmerling, Grundprobleme der analytischen Sprachphilosophie. Von Frege zu Dummett, Paderborn 1998, 199-214. Für kontroverse Diskussionen zu Reichweite und Grenzen von Bedeutungstheorien danke ich Thomas Blume, Felix Mühlhölzer, Hans Julius Schneider, Ruth Sonderegger und Pirmin Stekeler-Weithofer.

[1] Donald Davidson, »Wahrheit und Bedeutung«, in: ders., Wahrheit und Interpretation, Frankfurt/M. 1986, 40-67; zum frühen Programm Davidsons vgl. ferner die Aufsätze »Bedeutungstheorien und lernbare Sprachen«, »Getreu den Tatsachen«, »Die Semantik natürlicher Sprachen«, »Zur Verteidigung von Konvention W«, alle in: ebd., 23-39, 68-120.

[2] Vgl. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, in: ders.: Werkausgabe, Bd. 1, Frankfurt/M. 1984: »Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist« (4.024).

[3] Vgl. dazu Alfred Tarski, »Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen«, in: Studia Philosophica 1 (1935), Nachdruck in: Karel Berka u. Lothar Kreiser (Hg.), Logik-Texte. Kommentierte Auswahl zur Geschichte der modernen Logik, Berlin 1971, 443-546; einen ersten Überblick über die Grundidee Tarskis geben T. Blume u. Ch. Demmerling, Grundprobleme der analytischen Sprachphilosophie, 95 ff.

[4] Zur Unterscheidung zwischen Objekt- und Metasprache vgl. A. Tarski, »Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen«, 461 ff; zum Problem des Universalismus und der Antinomie des Lügners: 460.

[5] Vgl. ebd., 481 f.

[6] Vgl. dazu auch die ausführlichere Darstellung bei Matthias Schaedler-Om, Der soziale Charakter sprachlicher Bedeutungen und propositionaler Einstellungen. Eine Untersuchung zu Donald Davidsons Theorie der radikalen Interpretation, Würzburg 1997, 16-22.

[7] Vgl. dazu die kompakte Darstellung bei M. Schaedler-Om, Der soziale Charakter sprachlicher Bedeutungen und propositionaler Einstellungen, a.a.O., 6 ff.

[8] Donald Davidson, »Wahrheit und Bedeutung«, 50.

[9] Die Frage, inwieweit Dummett den Vorschlägen Davidsons insgesamt gerecht wird, möchte ich ausklammern; es geht mir lediglich um die Vergegenwärtigung eines triftigen Einwands von Dummett. Vgl. auch die inzwischen von Dummett vorgebrachte Selbstkritik an seiner Kritik Davidsons; dort heißt es unter anderem: »My memory is extremley unreliable; in particular, I have often discovered that people never said what I thought I remembered them as saying. One possibility, therefore, is that Davidson had not said what I remembered as having afforded me so much illumination, and that I misunderstood him at the time or misremembered him later.« Michael Dummett, The Seas of Language, Oxford 1993, viii).

[10] Michael Dummett, »Was ist eine Bedeutungstheorie?«, in: ders., Wahrheit. Fünf philosophische Aufsätze, Stuttgart 1982, 94-155, hier: 101.

[11] Der Nutzen und Nachteil der Idee des Übersetzungsmanuals, die auf Quine zurückgeht, werden in diesem Zusammenhang wie folgt erläutert: »Der Vorteil ist, daß wir genau wissen, welche Form ein Übersetzungsmanual haben muß, nämlich eine effektive Menge von Regeln zur Abbildung von Sätzen der übersetzten Sprache auf Sätze der Sprache, in die übersetzt wird [...]. Der Nachteil ist, daß eine derartige Untersuchung zwar interessant sein muß, soweit sie den Bedeutungsbegriff erhellt, wir jedoch nicht gewiß sein können, welche Folgen die Resultate der Untersuchung des Übersetzens für den Bedeutungsbegriff haben, und zwar gerade weil sie ohne direkte Berufung auf diesen Begriff angegeben werden« ebd., 96. Einige Seiten später heißt es ganz dezidiert: »Ein Übersetzungsmanual ist, wie bereits bemerkt, im Kontrast zu einer Bedeutungstheorie zu sehen; es kann nicht den Anspruch erheben, selbst eine Bedeutungstheorie zu sein. Eine Bedeutungstheorie beschreibt die Funktionsweise der Sprache direkt; ein Übersetzungsmanual projiziert lediglich diese Sprache auf eine andere, deren Funktionsweise als bekannt vorausgesetzt werden muss, sofern die Übersetzung einen praktischen Nutzen haben soll« ebd., 102.

[12] »Ein Übersetzungsmanual führt zu einem Verständnis der übersetzten Sprache nur auf dem Wege über ein Verständnis der Sprache, in die übersetzt wird, und dieses Verständnis bietet sie selbst nicht; wir können also sagen, dass sie nicht unmittelbar zeigt, worin ein Verständnis der übersetzten Sprache besteht. Aber eine bescheidene Bedeutungstheorie führt ebenfalls nur zum Verständnis der Objektsprache, indem man die Begriffe, die durch die undefinierten Ausdrücke artikuliert werden, erfasst, und dies wird durch die Theorie selbst nicht erklärt« ebd., 103.

[13] Vgl. Ian Hacking, Why does Language matter to Philosophy, Cambridge, Mass. 1973, 142 f.

[14] Vgl. zum Beispiel Donald Davidson, »Radikale Interpretation«, in: ders., Wahrheit und Interpretation, a.a.O., 183-203, hier: 201 f.

[15] Vgl. dazu J.A. Foster, »Meaning and Truth Theory«, in: Gareth Evans u. John McDowell (Hg.), Truth and Meaning. Essays in Semantics, Oxford 1976; ferner die Entgegnung: Donald Davidson, »Replik auf Foster«, in: ders., Wahrheit und Interpretation, a.a.O., 247-258.

[16] Zu dieser Frage vgl. inzwischen auch die überzeugende Rekonstruktion von Urs Bruderer, Verstehen ohne Sprache. Zu Donald Davidsons Szenario der radikalen Interpretation, Bern 1997.

[17] Eine grundsätzliche Erläuterung des Begriffs der logischen Form findet sich in Donald Davidson, »Zur logischen Form von Handlungssätzen«, in: ders., Handlung und Ereignis, Frankfurt/M. 1980, 155-213.

[18] Insgesamt folge ich hier der aufschlussreichen Deutung von Hans Julius Schneider, Phantasie und Kalkül. Über die Polarität von Handlung und Struktur in der Sprache, Frankfurt/M. 1992, 437-456. Schneider bemerkt: »Das Systematisieren, von dem Davidson als einem wichtigen Merkmal einer Bedeutungstheorie spricht, die Aufklärung der semantischen Verhältnisse eines einzelnen Satzes im Rahmen einer Betrachtung aller übrigen Sätze der Sprache, findet also allein im Medium der Quantorenlogik und nur bezogen auf ihre Ausdrücke statt; die Semantik der natürlichen Sprache, ihre Arbeitsweisen [...] bleiben so gesehen dunkel. Nur mittelbar, im Prozess des Vergleichens erhalten wir eine Einsicht, wenn wir sagen können: der bedeutungsgleiche Kalkül-Satz S’, den wir dem ursprünglich betrachteten natürlichsprachlichen Satz S zugeordnet haben, hat im Ausdruckssystem der Quantorenlogik diesen und jenen (durch die ›Theorie‹ angegeben) Stellenwert, ...«.

(Der Text von Christoph Demmerling ist bereits erschienen in: Thomas Rentsch (Hg.), Sprache, Erkenntnis, Verstehen. Grundfragen der theoretischen Philosophie der Gegenwart, Dresden: Thelem bei w.e.b. Univ.-Verl. 2002, S. 51-76 und erscheint mit freundlicher Genehmigung von Herrn Eckhard Richter (w.e.b. Univ.-Verl.). Informationen zu diesem Band gibt es in unserer MoMo-Sektion Bücher.)

[19] Vgl. U. Bruderer, Verstehen ohne Sprache, 18; kaum eine neuere Davidson-Monographie unterlässt den Hinweis auf den – wie ich meine bezweifelbaren – hermeneutischen Kurswechsel Davidsons. Vgl. zum Beispiel Bjørn T. Ramberg, Donald Davidson’s Philosophy of Language. An Introduction, Oxford 1989; Kathrin Glüer, Donald Davidson zur Einführung, Hamburg 1993; Udo Tietz, Sprache und Verstehen in analytischer und hermeneutischer Sicht, Berlin 1995.

[20] Vgl. D. Davidson, »Radikale Interpretation«.

[21] Willard Van Orman Quine, Wort und Gegenstand, Stuttgart 1980, Kapitel 2, 59-147.

[22] Ebd., 62: »Die einzigen objektiven Daten, nach denen er (der Sprachforscher, C.D.) sich richten kann, sind die Kräfte, die er auf die Außenfläche des Eingeborenen einwirken sieht, sowie das beobachtbare, stimmliche und sonstige Verhalten des Eingeborenen.«

[23] Vgl. Willard Van Orman Quine, Ontologische Relativität und andere Schriften, Stuttgart 1969, 41-96.

[24] D. Davidson, »Radikale Interpretation«, 183.

[25] Vgl. insbesondere Donald Davidson, »Bedeutung, Wahrheit und Belege«, in: ders., Der Mythos des Subjektiven. Philosophische Essays, Stuttgart 1993, 40-64; ders., »Externalisierte Erkenntnistheorie«, in: ebd., 65-83; zur Rolle des wahrnehmungsbezogenen Externalismus für Davidsons Sprachphilosophie vgl. M. Schaedler-On, Der soziale Charakter sprachlicher Bedeutung und propositionaler Einstellungen, 67.

[26] Zur Interdependenzthese vgl. vor allem D. Davidson, »Radikale Interpretation«, 196; vgl. auch ders., »Der Begriff des Glaubens und die Grundlage der Bedeutung«, in: ders., Wahrheit und Interpretation, a. a. O., 204-223.

[27] D. Davidson, »Radikale Interpretation«, 194.

[28] Zur Formulierung dieser Fragen vgl. U. Bruderer, Verstehen ohne Sprache, 22 f.

[29] Ich variiere Davidsons Beschreibung der Lage, um von vornherein bestimmte Aspekte seiner Überlegung zu unterstreichen.

[30] Vgl. D. Davidson, »Radikale Interpretation«, 199.

[31] Eine ausführliche Rekonstruktion der Rolle dieses Prinzips bei Davidson findet sich inzwischen bei Oliver R. Scholz, Verstehen und Rationalität. Untersuchungen zu den Grundlagen von Hermeneutik und Sprachphilosophie, Frankfurt/M. 1999, 103-122, hier: 114.

[32] Vgl. dazu inzwischen Thomas Göller, Kulturverstehen. Grundprobleme einer epistemologischen Theorie der Kulturalität und kulturellen Erkenntnis, Würzburg 2000, 214 ff.

[33] Ich denke, dass zum Beispiel genau solche Erwägungen hinter Wittgensteins Analyen in den Philosophischen Untersuchungen und deren Umfeld stehen. In der hermeneutischen Tradition finden sich vergleichbare Überlegungen bei Hans Lipps, Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik, in: ders., Werke, Bd. 2, 4. Aufl., Frankfurt/M. 1976. Vgl. auch die Ausführungen zum Sprachverstehen bei O.R. Scholz, Verstehen und Rationalität, 254 ff.

[34] Donald Davidson, »Eine hübsche Unordnung von Epitaphen«, in: Eva Picardi u. Joachim Schulte (Hg.), Die Wahrheit der Interpretation. Beiträge zur Philosophie Donald Davidsons, Frankfurt/M. 1990, 203-227, hier: 227; eine detaillierte Rekonstruktion (und Verteidigung) der wesentlichen – für viele Vertreter der analytischen Philosophie kontraintuitiven – Grundgedanken dieses Aufsatzes findet sich inzwischen bei Kathrin Glüer, Sprache und Regeln. Zur Normativität von Bedeutung, Berlin 1999, bes. 42-83.



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