Christoph Demmerling
Warum die Philosophie keine Weltanschauung ist
Über den Begriff der Weltanschauung ist in den geisteswissenschaftlichen Fächern oftmals diskutiert worden. Obschon dieser Begriff – zumal in der Philosophie – eine durchaus ernstzunehmende Karriere hinter sich hat, ich denke an Autoren wie Wilhelm Dilthey, Karl Jaspers und Max Scheler, scheint er gegenwärtig ganz und gar obsolet geworden zu sein. Der Begriff wurde innerhalb der Gegenwartsdiskussion nicht nur weitgehend verabschiedet, die von ihm bezeichnete Sache steht zudem unter Fundamentalismusverdacht und scheint den modernen Verhältnissen und Diskussionskontexten unangemessen zu sein. Weltanschauungen gelten als rückschrittlich, als verzweifelte und hilflose Versuche, das Rad der Geschichte noch einmal zurückzudrehen.
Weltanschauungen – so möchte ich es einmal provokativ formulieren – sind allumfassende Sinnangebote für diejenigen, denen die Verhältnisse in der modernen Welt zu unüberschaubar und zu vielfältig sind. Sie gewähren den Feinden der Moderne Trost und versehen sie mit der Möglichkeit, sich an einer Form von Einheit zu berauschen, die längst zerfallen ist. Von Weltanschauungen sind niemals nur einzelne Aspekte der Existenz des Menschen betroffen, sie bestimmen in umfassender Form sein jeweiliges Selbstverständnis, prägen die Organisation seiner unmittelbaren Sozialbeziehungen, schreiben bestimmte Bilder vom Staat und der Gesellschaft fest, unterlegen der Geschichte einen einheitlichen Sinn und stellen in der Regel auch kosmische Sinnentwürfe dar. Gerade mit Blick auf die genannten Aspekte wird der Begriff der Weltanschauung heute vielfach gleichbedeutend mit dem Begriff der Ideologie verwendet. Wer eine Weltanschauung hat, der gibt sich oft dogmatisch, stutzt die Wirklichkeit zurecht und schlägt die Welt über seinen eigenen Leisten, statt sich auf diese einzulassen. Dies gilt ganz unabhängig davon, ob es sich um religiöse, politische oder gar wissenschaftliche Weltanschauungen handelt. Wie unangemessen der Glaube an die Richtigkeit einer einzigen Weltanschauung ist, wußte bereits Wilhelm Dilthey, der in seiner erstmals 1911 erschienen Schrift Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den metaphysischen Systemen bemerkt:
»Wir blicken zurück auf ein unermeßliches Trümmerfeld religiöser Traditionen, metaphysischer Behauptungen, demonstrierter Systeme: Möglichkeiten aller Art, den Zusammenhang der Dinge wissenschaftlich zu begründen, dichterisch darzustellen oder religiös zu verkünden, hat der Menschengeist durch viele Jahrhunderte versucht und durchgeprobt […] Eins dieser Systeme schließt das andere aus, eins widerlegt das andere, keines vermag sich zu beweisen ... «[1]
Ich möchte im Rahmen dieser Vorlesungsreihe, deren Thema ja das Verhältnis von Philosophie und Weltanschauung ist, auf indirekte Weise etwas zu diesem Verhältnis sagen, indem ich skizziere, was eigentlich die Philosophie ist. Um es vorweg zu nehmen: Die Philosophie – und der Begriff von Philosophie, den ich Ihnen entwickeln möchte, ist selbstverständlich ein normativer Begriff (es geht also darum, wie oder was die Philosophie sein sollte) – ist geradewegs das Gegenteil einer Weltanschauung. Wo die Weltanschauung verallgemeinert, da differenziert die Philosophie; wo im Rahmen einer Weltanschauung etwas einfachhin geglaubt wird, da fragt und zweifelt die Philosophie; wo auf der Grundlage einer Weltanschauung schwärmerisch ein Gesamtsinn des Lebens und der Welt versprochen wird, da prüft die Philosophie und verlangt Begründungen.
Ich werde vier Thesen formulieren. Die ersten drei sagen, was die Philosophie nicht ist und enthalten Gedanken zum Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft sowie von Philosophie und Literatur. Die vierte These skizziert, was die Philosophie (sinnvoll verstanden) sein könnte. Auf dem Hintergrund meiner Überlegungen wird dann auf indirekte Weise deutlich werden, warum die Philosophie keine Weltanschauung ist.
Meine erste These lautet: Die Philosophie ist keine Wissenschaft.
Der in dieser These verwendete Begriff der Wissenschaft bezieht sich allein auf die heute sogenannten Naturwissenschaften. Die Philosophie ist – so könnte man auch sagen – keine Naturwissenschaft. Philosophen tun nichts, was sich mit der Tätigkeit des Naturwissenschaftlers vergleichen ließe; in der Philosophie werden keine Theorien nach dem Muster der Naturwissenschaften aufgestellt, es wird nichts erklärt. Diese These ist weniger provozierend, als sie vielleicht klingen mag, was deutlich wird, wenn man sich einmal das Kriterium vergegenwärtigt, welches zumindest für den neuzeitlichen Wissenschaftsbegriff charakteristisch geworden ist. Die Wissenschaften haben es nämlich mit der Erfahrung zu tun. Allerdings geht es in den Wissenschaften nicht um die uns allen bekannte Erfahrung des alltäglichen Lebens, es geht nicht um dasjenige, was offen vor unseren Augen liegt, um unsere Lebenswelt, die selbst in unserer technisch und wissenschaftlich hochgezüchteten Gegenwart noch den unhinterfragten Horizont unserer Denk-, Sprach- und Handlungspraktiken abgibt, sondern der wissenschaftliche Erfahrungsbegriff wurde in Verbindung gebracht mit der Erklärbarkeit von Naturereignissen, der Prognostizierbarkeit von Naturverläufen und vor allem mit technischem Erfolg. Was in den Wissenschaften erfahren wird, können wir jedoch gerade nicht erfahren. Wir sehen den Tisch als Tisch und nicht als Anhäufung von Molekülen; kein Mensch sieht je sein eigenes Herz oder Gehirn, noch auch ist ihm dasjenige zugänglich, was sich in diesen Organen abspielt; wir betrachten unsere Mitmenschen auch nicht als von genetischen Impulsen gesteuerte Triebmaschinen, die nichts anderes tun, als die Geschicke der Evolution zu erfüllen.
Daß die meisten Philosophen sich des Unterschieds zwischen ihrem Tun und der Tätigkeit der Naturwissenschaftler in der Regel bewußt waren, zeigen die beiden Strategien, die immer wieder eingeschlagen worden sind, seit die neuzeitlichen Naturwissenschaften ihren Siegeszug antraten und der naturwissenschaftliche Erfahrungsbegriff – so insbesondere im Werk Francis Bacons – auch von philosophischer Seite aus geadelt wurde. Entweder nämlich hat die Philosophie sich durch die Ausgrenzung aller empirischen Fragestellungen den Stellenwert einer den Wissenschaften vorgeordneten Fundamentaldisziplin zu verleihen gesucht – ich erinnere an Heideggers berüchtigtes Wort, daß die ›Wissenschaft nicht denkt‹ – oder aber die Philosophie hat sich zu einer beflissenen Begleiterin, um nicht zu sagen: Dienerin der Wissenschaften gemacht, wie dies am Beispiel der wissenschaftstheoretischen Strömungen in der Philosophie unseres Jahrhunderts deutlich wird.
Aus meiner Sicht sind beide der angeführten Strategien verfehlt. Damit plädiere ich nicht für mehr Bescheidenheit in der Philosophie. Ganz im Gegenteil! Ich meine an dieser Stelle sollte die Philosophie weniger bescheiden sein und sich endlich von ihrem Minderwertigkeitskomplex, einer Art Penisneid gegenüber den erfolgreichen Wissenschaften – Richard Rorty hat dafür den Begriff des Physikneids verwendet – befreien. Statt daß die zunehmende Verunsicherung in den einstmals als ›hart‹ geltenden Wissenschaften – denken wir nur an das Gestrüpp aus Metaphern und Modellen in gegenwärtig so angesehenen Disziplinen wie den Informationswissenschaften, den Neurowissenschaften oder der Molekularbiologie – dazu führen würde, die Philosophie aus der Bürde des Wissenschaftsanspruchs zu entlassen, versucht man den angeführten Minderwertigkeitskomplex dadurch zu kompensieren, daß man glaubt, sich besonders nützlich machen zu müssen. War es vor einigen Jahrzehnten die normative Wissenschaftstheorie des Logischen Empirismus und Kritischen Rationalismus, die den Wissenschaftlern dadurch meinte nützen zu können, daß sie sie mit dem rechten begrifflichen Handwerkszeug für seine Arbeit versah, so sind es heute Disziplinen wie die Angewandte Ethik oder die Technikfolgenabschätzung, in denen eine Art von Nützlichkeitsfetischismus waltet. Pragmatische Nützlichkeitskriterien sind der Philosophie jedoch nicht angemessen, zumindest sind sie ihr in vielen Fällen nicht angemessen.
Die zweite These lautet: Die Philosophie ist dann, wenn sie eine Wissenschaft ist, keine Philosophie mehr.
Bei der Diskussion der Frage, ob die Philosophie eine Wissenschaft sei, habe ich lediglich über die Naturwissenschaften gesprochen. Es gibt aber auch noch die seit Dilthey programmatisch sogenannten Geisteswissenschaften. Die Umfeld der deutschen Hermeneutik entwickelte Konzeption der Geisteswissenschaften verdankt sich allerdings bereits den Abgrenzungsbemühungen, die ich vorhin im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften diskutiert habe.
Was ist die Philosophie, wenn sie eine Geisteswissenschaft ist? Geisteswissenschaften sind, folgt man einigen Begriffsbestimmungen Diltheys, »Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen« oder »Wissenschaft der geistigen Welt«. Obwohl der Geistbegriff der idealistischen Philosophie Hegels, die noch mit dem Anspruch angetreten war, ein Gesamtdeutungsmuster der Wirklichkeit an die Hand zu geben, hier seine Auferstehung feiert, bleibt die angeführte Definition ihrerseits wieder ganz und gar defensiv gegenüber den Naturwissenschaften. Das Programm der Geisteswissenschaften besteht nämlich letztlich in einer Empirisierung des Historismus. Geisteswissenschaft ist eine empirisch abgestützte Auseinandersetzung mit der Geschichte. Der Erfahrungsbegriff der neuzeitlichen Naturwissenschaften wird in diesem Zusammenhang – auch so kann man dies beschreiben – gegen sich selber gewandt.
Als Geisteswissenschaft widmet sich die Philosophie der Pflege ihrer Tradition. Sie sammelt und archiviert Texte, befaßt sich mit der Edition und der Kommentierung mehr oder weniger bedeutender Autoren aus der Geschichte der Philosophie. Ein derartige Tätigkeit ist wichtig, nützlich und zuweilen auch mühsam. Es handelt sich zweifellos um eine wissenschaftliche Tätigkeit. Doch in diesem Fall unterscheidet sich die Arbeit des Philosophen nicht mehr von der seiner Kollegen in den geschichts- und literaturwissenschaftlichen Instituten. Der Philosoph ist dann so etwas wie ein Literaturwissenschaftler, der sich ausschließlich mit philosophischen Texten beschäftigt. Man hat dann zwar aus der Philosophie eine Wissenschaft gemacht, sie dabei jedoch um ihr genuin philosophisches Moment gebracht. Als Geisteswissenschaft ist die Philosophie keine Philosophie mehr.
Ich komme zur dritten These: Die Philosophie ist literarisch, aber deshalb noch keine Literatur.
Feste und eindeutige Grenzen zwischen philosophischen und literarischen Texten lassen sich manchmal nur schwer ziehen. Die Vorstellung, daß die Philosophie auf Wahrheit bezogene propositionale Rede sein soll, während die Literatur aus der Wahrheitspflicht entlassen wird und fürs Fiktionale zuständig sein soll, ist zu einfach. Auch die Autoren von Romanen wollen uns oft etwas ›Wahres‹ sagen, auch sie sprechen über etwas; in vielen philosophischen Büchern lassen sich fiktionale Elemente auffinden (ich erinnere an das Verfahren eidetischer Variation in der Phänomenologie; an die Rolle von Beispielen in der Philosophie Wittgenstein sowie an Science Fiction im Herzen der analytischen Philosophie etwa bei Hilary Putnam.)
In der Diskussion um das Verhältnis von Literatur und Philosophie haben nicht allein Unterscheidungen wie diejenigen zwischen buchstäblicher und metaphorischer, apophantischer und endeetischer, propositionaler und fiktionaler Rede eine Rolle gespielt, sondern in jüngerer Zeit hat z.B. Richard Rorty den Vorschlag gemacht, verschiedene Typen von Philosophie zu unterscheiden, deren einer von ihm mit der Literatur in Verbindung gebracht wird. Er hat einer erkenntnistheoretische von einer hermeneutischen Philosophie unterschieden.[2] Die erkenntnistheoretische Philosophie in seinem Sinn handelt vom uns Bekannten und Vertrauten, die hermeneutische Philosophie von demjenigen, was uns weniger bekannt und vertraut ist. Eine weitere These Rortys lautet: je unvertrauter das Objekt, über welches geredet wird, desto literarischer (und d.h. auch hermeneutischer) die Philosophie. Theoretisch und trocken ist die Philosophie, wenn sie eine etablierte Thematik in einer etablierten Begrifflichkeit behandeln kann. Als etabliert gilt eine Begrifflichkeit, deren metaphorische Seite gestorben ist. Blumig und gewagt wird die Philosophie dort, wo sie noch nicht so recht weiß, worüber sie eigentlich redet und fortlaufend neue Begriffe erfinden muß. Theoretisch ist die Philosophie, wo der Eindruck entsteht, sie bilde einen Gegenstandsbereich ab, literarisch oder literarischer dort, wo sie einen Gegenstandsbereich im buchstäblichen Sinn erschließt.
Rortys dezidiertes Plädoyer für eine Gleichbehandlung von Philosophie und Literatur möchte ich einmal dahingestellt sein lassen. Es ist in seiner Rigidität verfehlt. Richtig ist allein, daß sich Philosophie und Literatur dort miteinander vergleichen lassen, wo sie sich in noch nicht abgestecktes und unüberschauberes Gelände wagen. Philosophie ist dann der Versuch, eine Sprache für etwas zu finden. Sie ist, wie Wittgenstein einmal sagte, ein ›Anrennen gegen die Grenzen der Sprache‹. Ein wichtiger und wesentlicher Unterschied zur Literatur bleibt aber auch dann noch bestehen: Die Philosophie richtet sich darauf, eine Begrifflichkeit zu etablieren, während die Literatur geradezu von der Mehrdeutigkeit und Vorläufigkeit ihrer Sprache lebt.
Die Einsicht, die hinter den angeführten Überlegungen steckt, ist die, daß auch das (propositionale) Denken der Philosophie sprachabhängig ist. Auch philosophische Gedanken müssen sich eine Form geben; und die Form ist immer mehr als nur ein Kleid des Gedankens. Ein anders formulierter Gedanke ist oft genug ein anderer Gedanke. Sicher, in der Philosophie wurde der Traum von einer reinen Gedankensprache, von einer kalkülisierbaren Formelsprache oftmals geträumt. Dieser Traum zeigt einmal mehr, daß sich die Sehnsucht der Philosophie gelegentlich darauf richtet, die bereits angeführten Grenzen der Sprache zu überschreiten. Die Sprachabhängigkeit als vorläufig letzte der angeführten Gemeinsamkeiten zwischen Philosophie und Literatur verweist im Verbund mit dem Traum von einer reinen Sprache jedoch abermals auf eine gravierende Differenz: Würde die Sehnsucht der Philosophie sich erfüllen, wäre dies der Tod der Literatur.
Ich komme nun zu meiner letzten These und damit zur Frage nach der Weltanschauung zurück.
Die Philosophie ist keine Weltanschauung. Sie kann aber auch nicht als Fundamentaldisziplin, ob nun als Transzendentalphilosophie oder Fundamentalontologie, verstanden werden. Die Philosophie ist hermeneutisch, kritisch und negativ.
Verfehlte Ansprüche, Unstimmigkeiten, Mißverständnisse und Selbstmißverständnisse, ganz gleich, ob diese in der Philosophie selbst oder in den Wissenschaften, oder auch im alltäglichen Leben artikuliert und gepflegt werden, solche Dinge wegzuarbeiten und auf Lücken oder Brüche in unseren jeweils für richtig befundenen Bildern unserer selbst und der Welt aufmerksam zu machen, dies scheint mir der genuine Sinn der Philosophie zu sein.
Wittgenstein hat in diesem Zusammenhang von einem therapeutischen Sinn der Philosophie gesprochen. Als therapeutische Maßnahme kommt die Philosophie nicht darum herum hermeneutisch (nicht im Sinne Rortys, sondern in einem klassischen Sinn) zu sein. Sie muß sich darum bemühen – auch wenn solche Bemühungen stets in der Gefahr des Scheiterns stehen – zu verstehen, was andere sagen und mehr noch: was andere über das explizit Gesagte hinaus sagen. Kritisch ist die Philosophie, da sie allen Selbstverständnissen mit Skepsis begegnet und kaum etwas glaubt, was ihr vorgesagt wird. Kritisch ist sie zudem in dem klassischen Sinn einer Übung im Treffen im weiterer und feinerer Unterscheidungen. Negativ ist sie da, wo sie sich vorrangig damit beschäftigt, Illusionen abzutragen und nicht damit, neue Lösungen und Allheilmittel anzubieten.
Die kritische und negative Seite der Philosophie ist geradewegs gegen die fundamentalistischen und mitunter dogmatischen Ansprüche gerichtet, die in der Regel mit dem Glauben an eine Weltanschauung verbunden sind. Eine kritische und negative Philosophie treibt uns den naiven Glauben aus, daß schon die virtuose Handhabung eines sprachlichen Gerüstes Zugang zur ›Wahrheit‹ verschaffe und bannt den Fetischismus der Begriffe. Sie mag in diesem Sinn subversiv und radikal sein, ist aber dennoch objektiv und rational. Vernünftig ist sie dort, wo es ihr Ziel ist, uns von den Verstrickungen in tradierte Begrifflichkeiten zu befreien; objektiv insofern, als daß sie danach trachtet, den bloßen Anschein der Wahrheit in unserem Reden aufzulösen und unsere Ansprüche in die ihnen angemessenen Schranken zu weisen.
Freilich möchte man unter den angeführten Voraussetzungen geneigt sein, auch noch die Idee eines besseren, oder gar letzten Verstehens und der Unterscheidbarkeit von Meinen bzw. Glauben und Wissen zu verabschieden und sie als Illusionen zu entlarven. Da wir immer wieder die Erfahrung machen, etwas besser zu verstehen, als wir es einmal verstanden haben und immer wieder einstmals für wahr Gehaltenes als Meinung durchschauen, fortwährend mit der Verbesserung unseres Verstehens und der Sicherung unseres Wissens beschäftigt sind, sehe ich keinen Grund, die genannten Ideen preiszugeben. Zu einem letzten Verstehen und einem sicheren Wissen zu gelangen, ist allerdings eine Illusion. Alle unsere Bemühungen würden hierdurch zudem vollkommen überflüssig.
Die Vorläufigkeit unseres Verstehens und unseres Wissens anzuerkennen, impliziert mitnichten den Abschied von unseren Rationalitätsstandards. Es bedeutet lediglich, um die Methode einer vielgeschmähten Figur der Philosophiegeschichte, nämlich Descartes, in Erinnerung zu rufen, sie provisorisch zu handhaben. Weltanschauungen aber können per definitionem nicht als Provisorien fungieren, sie sind immer stahlharte Gehäuse.
(Der Text von Christoph Demmerling ist bereits erschienen in: Johannes Rohbeck (Hg.), Philosophie und Weltanschauung, Dresden: Thelem bei w.e.b. Univ.-Verl. 1999, S. 15-23 und erscheint mit freundlicher Genehmigung von Herrn Eckhard Richter (w.e.b. Univ.-Verl.). Informationen zu diesem Band gibt es in unserer MoMo-Sektion Bücher.)
Anmerkungen