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Undine Eberlein

Neue Individualitätskonzepte zwischen Integration und Eigensinn – sozialwissenschaftliche und sozialphilosophische Überlegungen





Vielen gesellschafts- und kulturkritischen Analysen gilt die aus traditionalen Orientierungen und sozialmoralischen Milieus entlassene Lebensform radikaler Individualisierung und die damit einhergehende Auflösung der Normalerwerbsbiographie als letztlich bloß ohnmächtiges Produkt globaler ökonomischer Prozesse. Die mit ihr verbundenen Freiheits- und Selbstbestimmungserwartungen erscheinen somit als pure Ideologie. Die mit der Auflösung der Gruppensolidarität und zunehmend auch des Sozialstaats verbundenen Risiken würden als neue Chancen und Freiheiten gepriesen, die damit strukturell verbundenen Gefährdungen dagegen als individuelles Risiko und Versagen interpretiert, das die bzw. der einzelne durch individuelles Krisenmanagement zu bewältigen habe. Es kommt – so beispielsweise Beck – zu einer fortschreitenden Individualisierung gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte, die damit aber nur ihre Form teilweise ändern, nicht aber ihre Gewalt über die einzelnen verlieren. Dabei meint Individualisierung eine neue Form der Vergesellschaftung der einzelnen, die diese in einer neuen Weise zum aktiven Agieren und Wählen im Dickicht der institutionellen Vorgaben und oft diffusen Optionen des modernen Arbeitsmarkts und Sozialstaats zwingt.

Tatsächlich läßt sich die bekannte Rede von der Risikogesellschaft als Diagnose einer ›Dialektik‹ von Ohnmacht und Selbstermächtigung lesen. Die sich entwickelnde Form individualistischer Vergesellschaftung, in der die einzelne ›zur Reproduktionseinheit des Sozialen‹ (Beck) wird, erzwingt und ermöglicht zwar einerseits durchaus neue Handlungsspielräume. Die dabei entstehende reflexive Form des individualisierten Lebensvollzugs führt zu – mindestens graduell – neuen Individualitätsformen, zu denen insbesondere die sogenannte »Bastelexistenz« (Hitzler/Honer u.a.) zu rechnen ist. In diesem Begriff wird, in ironischer Anspielung auf das »Basteln« (»bricolage«), mit dem Lévi-Strauss das Weltverhältnis des mythischen Denkens umschreibt, die postmoderne Identitätsform beschrieben. Die Bastelexistenzlerin gestaltet ihre Existenz und ihren Sinn aus heterogenen Elementen, symbolischen Formen und Begehrungen, die sowohl aus dem Freizeit als auch aus dem Arbeitsbereich stammen. Sie stückelt ihre Biographie und ihre konkrete Lebensweise bis hin zum alltäglichen Tagesablauf aus Zeitblöcken zusammen, die sie als Teilnehmerin an unterschiedlichsten Aktivitäten und Lebensstilangeboten mindestens vordergründig nach eigenem Ermessen und eigener Laune verbindet.

Obwohl nun, gemessen an den Lebensbedingungen vorangegangener Generationen, die individuellen Gestaltungschancen vor allem im privaten Bereich erheblich erweitert werden und es zunehmend zu einer ›reflexiven‹ Selbstherstellung der eigenen Biographie kommt, bleiben die einzelnen doch  zugleich den kollektiven, tendenziell globalen ökonomischen und ökologischen bzw. großtechnisch verursachten Risiken ausgeliefert. Zugleich sind sie in der Auswahl der eigenen Optionen offenbar keineswegs so individuell, wie sie oft meinen. Insbesondere die medial bzw. kulturindustriell verbreiteten Moden und Idealbilder bestimmen zu einem guten Teil jenes Reservoir an Zielen und Stilen, aus denen die Bastelexistenzlerinnen sich ihr Leben gestalten.

Bei aller damit angebrachten Vorsicht und Skepsis hinsichtlich des – um es mit einem eher unzeitgemäßen Begriff zu sagen – »emanzipatorischen Potentials« dieser Existenzform, behaupte ich dennoch, daß sie zumindest der Möglichkeit nach Politik und Machtchancen in Gestalt einer potentiell subversiv werdenden »Subpolitik« der Selbstbestimmung in sich birgt. Sie ist – trotz weitgehender Ohnmacht gegenüber den globalen ökonomischen und ökologischen Prozessen – eben nicht nur Ausdruck einer ideologischen Überhöhung der im Bild des ›flexiblen Menschen‹ dargestellten Folgen der neuesten ökonomischen Transformation des Kapitalismus. Die Existenzform des immer wieder neu, kreativ und chancenorientiert an seiner Lebenscollage weiterbastelnden Individuums ist – so jedenfalls meine These – weder bloßes Mythologem eines wildgewordenen Kapitalismus, noch unproblematischer Ausdruck neuer Freiheiten und Möglichkeiten. Sie ist vielmehr eine zutiefst ambivalente neue Form des Lebens sowie des Selbst- und Gesellschaftsverständnisses, deren Konsequenzen für Gesellschaft und Politik – und damit auch für die sozial und moralphilosophische Reflexion – heute erst in Ansätzen erkennbar sind.

Wie alltäglich erlebbar, korrespondieren den neuen Freiheits- und Gestaltungsspielräumen – für die Stichworte wie Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Originalität, aber auch Selbstunternehmertum, Neue Selbständigkeit usw. stehen – auch neue Zwänge. Dazu zählen die heute allseits vertrauten Forderungen nach Flexibilität, Beschleunigung, individueller Maximierung in jeder Hinsicht, nach ständiger Fitness und Reaktions- und Anpassungsbereitschaft. Exemplarisch werden diese neuen Zwänge besonders am semantischen Wandel des Leistungsbegriffs und der damit indizierten Ausweitung des Leistungsprinzips deutlich. Die in den 50er und 60er Jahren noch weitgehend auf die Arbeitssphäre bezogenen Leistungsanforderungen sind heute in den Bereich der ganzen Lebenswelt eingewandert und dehnen sich auf die ganze Person aus. Von der Figur, dem Outfit, der Informiertheit über kulturelle Ereignisse bis hin zu Körperausdruck und Habitualisierung von Gestik und Mimik – alles gewinnt Bedeutung, nicht nur für die soziale Anerkennung im Freizeitbereich, sondern allgemein für die Marktgängigkeit der eigenen Person. Eine Semantik der Leistung bestimmt die Sexualität, den Sport und die Erlebnissuche ebenso, wie die Arbeit und das ständige Bemühen um die Akkumulation der verschiedenen Kapitalsorten (vgl. Bourdieu).

Damit findet zugleich eine gewisse Entdifferenzierung der verschiedenen Rollenerwartungen der gesellschaftlichen Subsysteme statt: Die Formen des Verhaltens und der Selbstdarstellung beim Sport, bei der Arbeit oder in Szenelokalitäten ähneln sich immer mehr an. Das Leistungsprinzip wird so zu einem Arbeit und Freizeit übergreifenden Imperativ. Einerseits wandert dabei das Leistungsprinzip durch die immer engere Verknüpfung der sozialen Selbstdarstellung mit dem Konkurrenzprinzip in die verschiedenen Formen der individuellen Selbstverwirklichung ein. Zugleich aber wandern andererseits auch die individualisierten Sinnerwartungen und Selbstverwirklichungsansprüche zunehmend in die Organisationsformen der gesellschaftlichen Arbeit ein – womit freilich auch eine neue Qualität des betrieblichen Zugriffs auf die Subjektivität der Arbeitenden verbunden ist (vgl. dazu etwa Baethge und Voß). Diese werden mehr und mehr im Sinne eines Selbstunternehmertums – egal ob arbeitsrechtlich als (Schein-)Selbständige, oder weiterhin als abhängig Beschäftigte – zum individuellen Profitcenter umgedeutet, das die Intensivierung der eigenen Leistung verantwortet.

Die Maximierung individueller Leistung und Fitness in jeder Hinsicht wird also zum Maßstab der Marktgängigkeit der einzelnen. Ihre körperliche und psychologische Leistungsfähigkeit entscheidet zunehmend über die beruflichen Chancen, aber auch über die – im Privaten wie in der medialen Präsens gesuchten – Prämien für Originalität und Exklusivität. Diese Prämien bedeuten die eigentliche Bestätigung, ja Krönung der eigenen Individualität und ihrer Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft. Dabei geht es für die einzelnen um die Beherrschung eines im Prinzips unbeherrschbaren, weil unbegrenzten und sich ständig wandelnden Wissens und Könnens, das eben keineswegs nur den wissenschaftlichtechnischen Bereich umfaßt, sondern ebenso den Bereich des soziokulturellen ›Know-how‹. Die entsprechenden Kenntnisse, die Inkorporierung und Habitualisierung des jeweiligen ›in‹ und ›out‹ der neuesten Moden und Formen der Selbstgestaltung entscheiden wesentlich über den Erfolg der jeweiligen Strategien der Selbstvermarktung. Zwar können sich die Bastel-Existenzlerinnen im Großen und Ganzen über die jeweils aktuellen Sinn und Lebensstilangebote – insbesondere qua Medien – gut auf dem Laufenden halten. Dennoch ist dieses Wissen immer nur ein vorläufiges und prekäres und vom Schatten des Nicht-Wissens begleitet. Ob der Anspruch auf Originalität eingelöst wurde und die Exklusivität der Lebens-Collage gelungen ist, ob die Distinktion und der Kampf um soziale Anerkennung erfolgreich war, bleibt letztlich auf ein »trial-and-error«-Verfahren angewiesen.

Das Beharren auf Selbstverwirklichung und Selbstgestaltung scheint damit bloßer Schein zu sein, da es offenbar um eine möglichst effiziente Realisierung der vom Arbeits- und Erlebnismarkt vorgegebenen soziokulturellen Codes geht. Aber mit einer solchen Diagnose würde man die komplizierten Mechanismen von Individualisierung und Standardisierung, ihr Wechselspiel, ja ihre ›Dialektik‹, die die Strukturen individualistischer Vergesellschaftung insgesamt kennzeichnet, einseitig wieder auf die alte Manipulations- und Kulturindustrie-These reduzieren. Ich glaube nicht, dass damit die in den Individualisierungsprozessen auch angelegten Möglichkeiten angemessen begriffen werden können. Bei einer Bewertung dieser Entwicklungen ist aus sozial- bzw. moralphilosophischer Perspektive natürlich zu unterscheiden zwischen den daraus resultierenden Chancen für die einzelnen und den gesellschaftlichen und politischen Folgen. Hinsichtlich der Konsequenzen bezüglich der Formen sozialer Integration und der Bedeutung von Werten und moralischen Normen des Selbstbezugs für die einzelnen wird darauf später noch zurückzukommen sein.

Die Dialektik von Individualisierung und Standardisierung hat nämlich viele, hier nur ansatzweise darstellbare Facetten. Einerseits geschieht durch die Vergesellschaftung qua Individualisierung, in der die einzelne unmittelbar abhängig vom Gefüge des Arbeitsmarktes und Sozialstaats mit den entsprechenden Institutionen und Medien (Geld, Recht, Bildung usw.) agiert, eine neuartige Formierung und Standardisierung von Lebenslagen und kulturellästhetisch bestimmten Erlebnismilieus (vgl. Schulze). Zugleich findet aber auch auf formaler Ebene gerade durch den massenhaften Anspruch auf individuelle Selbstgestaltung eine Standardisierung statt. Auch der neue kulturelle Imperativ, der zumindest in den reichen westlichen Industrieländern lautet: »Sei verschieden! Sei originell! Sei einzigartig!« – und nicht etwa: ›Erfülle das Sittengesetz des Gemeinwesens‹ oder ›Sei ganz wie Dein Nachbar‹ – ist ja ein Imperativ und bewirkt eine gewisse Anähnelung auf dieser formalen Ebene. Auf inhaltlicher Ebene dagegen gibt es eine Gegentendenz: die inhaltliche Besetzung nämlich dieser formalen Struktur, die Kombinatorik verschiedener (angebotener) Lebensstilelemente unterliegt weniger als früher einem vorgegebenen Verlaufsmuster, sondern wird weitgehend von subjektiven Präferenzen bestimmt. Dem entspricht die bunte Vielfalt von Lebens-Collagen und Existenzentwürfen, wie sie zumindest in einigen – kulturell wichtigen – sozialen Milieus empirisch zu beobachten ist. (Zugleich sind damit Formen des Konformismus und des Gruppendrucks natürlich nicht verschwunden, sie scheinen in manchen Kontexten – etwa hinsichtlich des ›in‹ und ›out‹ bei Jugendcliquen – sogar an Bedeutung zu gewinnen. Diese Gegentendenzen, die insbesondere die gemeinsame Verwendung ästhetischer Zeichen zur Voraussetzung sozialer Anerkennung in der ›peer-group‹ machen, markieren vielleicht Grenzen der Individualisierungstendenzen. Sie bedeuten aber keineswegs eine Rücknahme des prinzipiellen Anspruchs, das eigene Leben nach individuellem Ermessen zu gestalten, zumal die entsprechenden Gruppenzugehörigkeiten durchaus wechseln und wohl nicht die Verbindlichkeit traditioneller Milieuzugehörigkeit gewinnen.) Dabei agiert die Bastelexistenz, die ja jenseits von traditionellen Rollensets und Lebensskripts ihr dynamisches Lebensexperiment bewältigen will und muß, immer fallibilistisch. Obwohl das Gelingen der experimentellen Lebens-Collage – im Sinne subjektiven Glücks und/oder sozialer Wertschätzung durch die anderen Bastlerinnen – nie ganz antizipierbar ist, wird freilich – wie illusionär und fiktiv auch immer – an individueller Entscheidungsmacht und an der Chance, Regisseurin des eigenen Lebens zu sein, festgehalten.

Genau in diesem Anspruch liegt für mich der entscheidende Punkt, der trotz der Abhängigkeit von übermächtigen ökonomischen und soziokulturellen Prozessen doch auch Chancen zur Umsetzung selbstbestimmter Lebensentwürfe eröffnet. Momente des Zwangs – wie etwa der Flexibilitätserwartungen der Firmen und des Marktes, der Anpassung an oft unkritisch übernommene Flexibilitäts-, Beschleunigungs- und Fitnessgebote (nur wer ständig keine Zeit hat und permanent mailt ist sozial anerkannt und hip) – und aber eben auch Momente des Eigensinns sind dabei fast untrennbar miteinander verwoben. Dieses Potential an Eigensinn ist dabei daran gebunden, dass die einzelnen auf ihrer individuellen Entscheidungsmacht und dem Ziel der Selbstverwirklichung beharren. Dies mag in vieler Hinsicht – etwa bezüglich der zu Grunde liegenden theoretischen Prämissen und Ziele, aber auch der Bestimmung eigener Spielräume – illusionär sein. Doch auch Illusionen können gesellschaftliche Wirkmächtigkeit gewinnen – zumal, wenn sie von vielen geteilt und von sozialstrukturellen Entwicklungen gestützt und mitverursacht werden.

In dem Beharren auf individueller Entscheidungsmacht und Selbstverwirklichung erweist sich die Bastelexistenz nämlich als Erbe eines spezifisch modernen Individualitätskonzepts: des ›romantischen Individualismus‹ mit seinem Ideal der Authentizität und Einzigartigkeit. Dieses Individualitätskonzept, dessen ideen und sozialgeschichtlichen Wurzeln bis ins 18./19. Jahrhundert zurückreichen, ist ein Resultat fundamentaler sozialstruktureller Transformationen und zugleich eine der wirkmächtigsten ›Erfindungen‹ der Moderne. (Die immense Bedeutung dieser Individualitätskonzeption für die Moderne hebt übrigens vor allem Georg Simmel in seinen Schriften hervor.) Auch das Ideal der ›Einzigartigkeit‹ bzw. ›Originalität‹ ist wie jedes andere Ideal ein soziokulturell produziertes und insofern – entgegen dem meist illusorischen Selbstverständnis seiner Protagonisten – alles andere als a-sozial. Die mit ihm verknüpfte Ablehnung sozialer Zwänge und Institutionen zugunsten des genuin »eigenen«, unentfremdeten Lebens ist selber ein soziokulturelles Phänomen mit beschreibbaren sozialstrukturellen und kulturhistorischen Wurzeln. Der romantische Individualismus ist damit selber eine sozial erfolgreich institutionalisierte und deshalb auch historisch und sozial wirkmächtige Fiktion. Seine illusionären Elemente werden dabei selber durch sozialstrukturelle Entwicklungen gefördert, insofern als Identität unter den Bedingungen primär funktionaler Differenzierung der Gesellschaft immer mehr von Inklusion (also Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe) auf Exklusion (also eine Identität, die sich in der Entgegensetzung zur Gesellschaft und zur Pluralität der Rollenanforderungen konstituiert) umgestellt wird (vgl. Luhmann).

Dabei ist der romantische Individualismus natürlich wie jede andere Form von Identität von Formen der Intersubjektivität bzw. des Bezugs auf Andere und der Anerkennung durch diese geprägt und abhängig. Er ist eine in intersubjektiven Verhältnissen geprägte Identitätsform, die in ihrer Spezifizität selber von konkreten soziokulturellen Bedingungen und Voraussetzungen abhängig ist. Insofern ist er eine soziale Form – und dabei Teil einer spezifisch modernen Vergesellschaftungsweise –, die in ihrem Selbstverständnis (bzw. weniger hegelianisch ausgedrückt: nach dem Selbstverständnis ihrer Protagonisten) genau diese soziale Bedingtheit bestreitet. Man könnte in diesem Kontext von einer gesellschaftlich bedingten Täuschung, von einem geradezu notwendig ›falschen Bewusstsein‹ sprechen: der sozialstrukturelle Wandel nötigt den einzelnen eine egozentrische Weltperspektive auf. Die einzigartige Individualität wird zur Aufgabe, die das Leben auf einen imaginären Fluchtpunkt hin ordnet.

Als radikal individualistische und damit spezifisch moderne Form der Selbstthematisierung und Sinn- und Identitätsstiftung entspricht der romantische Individualismus dem zunehmenden Geltungsverlust kollektiver Identitäten und Weltbilder. (Wobei diese Tendenz der Moderne bekanntlich auch nicht ohne Gegenbewegungen geblieben ist.) Er setzt damit eben jene soziale und funktionale Differenzierung der Moderne voraus, auf die er zugleich kompensatorisch reagiert. Sozialgeschichtlich betrachtet, verbreitete sich das Ideal individueller Selbstverwirklichung und Einzigartigkeit zunächst über marginale Künstlerkreise der Romantik und der Bohème, dann besonders durch die Alternativbewegungen des 20. Jahrhunderts allmählich in den Mainstream der Gesellschaft. Diesen komplexen Diffusionsprozeß zu erläutern ist hier nicht der Raum. Es bleibt festzuhalten, daß diese Ideale zu einem entscheidenden Orientierungspunkt heutiger Lebensstile und – nach der Krise der ›großen Erzählungen‹ – zu einer Art ›Ersatzreligion‹ der Moderne geworden sind.

Ging es freilich in den Alternativbewegungen der 70er Jahre noch um ›Selbstfindung‹ – im Sinne der Suche eines inneren, wahren und unentfremdeten Kern des Selbst – und um die Befreiung von allen entfremdenden gesellschaftlichen Institutionen, Rollendifferenzierungen und Zwängen, so werden in den 80er und 90er Jahren die heteronomen und heterogenen Momente der Außenwelt zunehmend affirmiert und als Material vielfältiger Selbstpraktiken zur eigenen Lebenscollage integriert. Es geht nun meist nicht mehr um ›Selbstfindung‹, sondern um Selbstproduktion im Sinn der Selbstgestaltung. Durch soziokulturelle Prozesse wie die  Ausweitung des Leistungsprinzips und der Konsumchancen, aber auch mittels ästhetischer und intellektueller Trendsetter – so auch durch eine breite Foucault-Rezeption – wurde das oft rigide, moralistische Vokabular des Selbstfindungsmodells durch das spielerischironische, manchmal aggressiv-zynische Vokabular des Selbstproduktionsmodells abgelöst. Dieser Entwicklung im Sinne der Postmoderne entsprach eine zunehmende ›Versöhnung‹ des romantischen Individualismus mit den Folgen gesellschaftlicher und rollenbezogener Differenzierung. Mit der Diffusion des romantischen Individualismus in die Gesamtgesellschaft änderte sich also sowohl diese, als auch der romantische Individualismus selbst. Die Lebensform der Bastelexistenz und die sie bestimmenden Charakteristika individualistischer Selbstgestaltung lassen sich als eine aus diesem Transformationsprozeß resultierende Variante des romantischen Individualismus begreifen.

Obwohl nun das Selbstfindungsmodell der Alternativkulturen der 70er Jahre mit seinem offenkundig gesellschaftskritischen Gestus viel eindeutiger politisch orientiert und in dieser Hinsicht auch wirksam war, kann wie ich meine auch die Bastelexistenz ein politisches Potential entwickeln. Zumindest solange ein gewisses Niveau gesellschaftlichen Wohlstands gewährleistet ist, stellt der romantische Individualismus der Bastelexistenz gerade durch die Insistenz auf individuelle Besonderheit, ja Einzigartigkeit und die Struktur radikaler Selbstbezüglichkeit auch Ressourcen des Eigensinns und des Widerspruchs gegen ökonomische Zwänge bereit. (Damit verlieren diese Zwänge natürlich nicht ihre Macht, so dass die Bastelexistenz im schlimmsten Fall zu einer nicht mehr von Selbstverwirklichungsansprüchen, sondern nur noch von der ökonomischen Notwendigkeit vielfältiger Jobs bestimmten Lebensweise werden kann.) Diese Ressourcen des Eigensinns und des Widerspruchs entstehen dabei trotz der teilweise fiktiven Prämissen und der ideologischen Ausbeutbarkeit der Selbstverwirklichungs- und Einzigartigkeitsansprüche für die Produktwerbung der Erlebnisindustrie. Wie andere geschichtsmächtige Fiktionen – etwa die großen Religionen – auch, kann der romantische Individualismus vielerlei Gestalt und historische Bedeutung annehmen. Er kann eine Gestalt des Widerspruchs gegen als auferlegt empfundene Zwänge sein, aber ebenso auch eine Gestalt der Anpassung.

Bei den Formen des romantischen Individualismus bis hin zur Bastelexistenz knüpft sich das Widerstandspotential meiner Ansicht nach – mangels einer als vorbildhaft gedachten kollektiven transzendenten Instanz und Ordnung – an die Struktur radikaler individueller Selbstbezüglichkeit und die daran immer wieder geknüpfte Frage: »Ist dies das Leben, das ich führen möchte?« Diese Frage konfrontiert nicht nur die Realität des eigenen Lebens und seiner Zwänge mit den überschießenden Erwartungen auf Glück, sondern sie hält auch die Potentialität und Unabgeschlossenheit des eigenen Lebens offen. Durch das für den romantischen Individualismus insgesamt charakteristische Moment der Unendlichkeit bzw. Unabschließbarkeit des Lebensexperiments und durch die für die Bastelexistenz bezeichnenden Brüche und Fragmentierungen der Biographie, bleibt die narrativ hergestellte Kohärenz der Identität immer prekär und bedroht. Dies bietet aber zugleich auch die Chance, die Erzählungen der eigenen Identitätskonstruktionen nicht als abgeschlossene Deutungen von Vergangenheit, sondern als immer wieder neue, zukunftsbezogene Entwürfe aufzufassen. Hier tritt wieder das fiktionale Element hervor, insofern als nicht das faktisch gelebte Ausgangsmaterial der narrativen Konstruktionen mit all seinen Bedingtheiten, sondern dessen Ein- und Umarbeitung in die narrative Konstruktion entscheidend wird. Mit den Aspekten der radikalen Selbstbezüglichkeit und Unvertretbarkeit bzw. Einzigartigkeit des eigenen Lebens ist ein Fokus der narrativen Konstruktion gegeben, der dieser einen gegenüber aller Funktionalisierung sperrigen Eigensinn verleiht.

Damit schafft die Struktur radikaler Selbstbezüglichkeit und die Heterogenität der Lebenscollagen auch eine Entwicklungsoffenheit und potentielle Dysfunktionalität für ein allzu glattes Funktionieren im Getriebe. Die Pluralität, Offenheit und Unabschließbarkeit der individuellen Lebensumstände kann zu einem Selbstverhältnis und Selbstverständnis der Bastelexistenz führen, das zur ständigen Suche nach Kontakten, zur permanenten Vernetzwerkung und zur Veränderungsbereitschaft gegenüber allen individuellen Grenzen motiviert. Es geht dann nicht mehr darum, mit aller Gewalt der Exklusion ein starres Selbst aufrecht zu erhalten, sondern Spannungszustände auszuhalten, Krisen immer wieder zu bewältigen und eine Identität in Bezug auf andere zu entwickeln, die mit weniger aggressiven Ausschlußmechanismen auskäme. Gerade die radikale Selbstbezüglichkeit schafft einen Rahmen, innerhalb dessen die Offenheit und Unabschließbarkeit der modernen Identität zu einem flexiblen Entwurf idiosynkratischer Individualität gestaltet werden kann. Dabei kann natürlich auch diese Form der Identitätsbildung nicht als solitärer Entwurf des einzelnen gelingen, sondern ist auf kommunikative Prozesse der intersubjektiven Anerkennung angewiesen. Unverwechselbare Individualität und Eigenheit kann nur im Zusammenwirken mit andern, mit einem sozialen Umfeld entwickelt und bewahrt werden. Auch stammen große Teile des Materials, das in die Identitätskonstruktion einfließt, gerade nicht aus einem geheimnisvollen ›Eigenen‹ des Individuums, sondern aus dem kulturell verfügbaren bzw. kulturindustriell angebotenen Fundus.

Der romantische Individualismus bietet trotz seiner weitgehend illusionären Prämissen und Ziele einen Rahmen für eine narrative Identitätskonstruktion, die im Sinne einer ›Aneignungsgeschichte‹ (vgl. Bieri) das Erlebte der eigenen Lebensgeschichte zum Material eines primär nach dem Kriterium der Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit des eigenen Lebens und Selbsts gestalteten Entwurfs werden läßt. Ähnlich wie bei dem für den moralischen Individualismus zentralen Gedanken einer Verantwortungsübernahme für das Ganze der eigenen Lebensgeschichte, also auch für jene Elemente, die mir eher widerfahren sind, als daß sie im gelebten Moment die Folge bewußt verantworteter eigener Entscheidungen waren (vgl. Habermas), ist auch hier der fiktive Charakter deutlich. Er ist aber schon deswegen kein Argument gegen die Wirkmächtigkeit solcher narrativer Identitätskonstruktionen, weil die Selbstdeutung der Lebensgeschichte nach einem solchen Muster ihrerseits nicht nur den auch auf zukünftiges Handeln gerichteten Selbstentwurf, sondern damit einhergehend auch die subjektiven Handlungsmotive nachhaltig beeinflußt. Neben dem Motiv der Einzigartigkeit werden dabei im Kontext des romantischen Individualismus auch andere Momente wirksam. Dazu gehört das Interesse an ›agency‹ – habe ich gehandelt, oder ist mir nur etwas widerfahren, bin ich Akteur oder nur Objekt? – ebenso, wie das genuin romantische Beharren auf der Offenheit und Unabschließbarkeit der Identität.

Politisch bedeutete dies alles wohl, dass die Distanz gegenüber Organisationen und Institutionen – auch gegenüber solchen politischer Willensbildung – eher noch zunehmen wird. Der Widerspruch zwischen der weitgehenden Akzeptanz des Leistungsprinzips und der geläufigen Prämien auf Fitness und Originalität einerseits, dem durchaus auch bei den Bastelexistenzlerinnen verbreiteten Empfinden eines Unterworfenseins unter unkontrollierbare Prozesse und Risiken andererseits, führt aber zugleich zu einer tiefen Ambivalenz insbesondere bezüglich des gesellschaftlich dominierenden Marktprinzips. Hier hat die verbreitete Akzeptanz der Differenzierung der gesellschaftlichen Rollen und Subsysteme wohl ihre Crux: So wie diese Differenzierung durch die zunehmend universelle Durchsetzung des Leistungs- und Marktprinzips – denn nur solche Leistung zählt, die auf Märkten, und sei es auf Erlebnismärkten, anerkannt und gekauft wird – eine Gegenbewegung erfährt, so ist der Spielraum der Bastelexistenzlerinnen zuletzt von der Dominanz dieses einen Organisationsprinzips beschränkt. Das Spiel mit den von den Märkten aller Art eröffneten Möglichkeiten bietet Freiheiten – und setzt ihnen Grenzen. Daß aus der Perspektive radikaler Selbstbezüglichkeit diese Grenzen auch von den Bastelexistenzlerinnen oft als Zwang erfahren werden, bedeutet freilich noch nicht, dass die politischen und gesellschaftlichen Alternativen klar wären. Neue Protestbewegungen aus dem Geiste des romantischen Individualismus sind wohl zu erwarten – über ihre genaue Form und Folgen kann nur spekuliert werden. Aber auch die heutigen mehr oder weniger militanten Proteste gegen die Globalisierung sind meiner Meinung nach nicht ausschließlich von Fragen der Verteilungsgerechtigkeit oder des Primats der Politik über die Ökonomie her erklärbar. In ihnen drückt sich vielmehr auch der in der Tradition der Alternativbewegungen stehende Impuls aus, das Ideal individueller Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung gegen die übermächtigen Zwänge des Marktes und die Zumutungen der Institutionen und ihrer Rollen zu retten.

Damit komme ich zur Frage nach der sozialen Integration der romantischen Individualisten. Der Begriff der Integration ist – wie sich schon bei einer Reflexion der eben angesprochenen politischen Fragen zeigt – sehr vieldeutig und wäre ein Thema für sich: Sein Gebrauch in den verschiedenen sozialwissenschaftlichen und sozialphilosophischen Diskursen meint nämlich nicht nur ganz verschiedene Integrationsmodi, sondern impliziert auch entgegengesetzte normative Konnotationen. So gelten vielen Gesellschaftskritikern die heutigen Individualisten als zugleich zu stark und zu wenig integriert: überintegriert im Sinne einer rückhaltslosen Akzeptanz der ökonomischen Bedingungen, Leistungsimperative und Ausschlußmechanismen; zu wenig integriert im Sinne eines Mangels an moralischen Verbindlichkeiten und allgemein geteilten Gerechtigkeitsvorstellungen. Unabhängig von den in diesen Bewertungen deutlich werdenden normativen Erwartungen an die ›richtige‹ Form gesellschaftlicher Integration wäre aber aus meiner Sicht zunächst zu fragen, welche Formen und Medien der Integration für eine zunehmend globalisierte Gesellschaft denn unabdingbar sind.

Die dabei wohl umstrittenste Frage ist, welche Bedeutung der normativen Integration zukommt bzw. zukommen muß und welches ihre notwendigen Formen und Inhalte wären. Ist neben Strukturen ökonomischer, politischer und rechtlicher Integration eine ›schwache‹ normative Integration ausreichend, die schon dann vorliegt, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft sich prinzipiell über ihre Vorstellungen verständigen können – im doppelten Sinne einer sprachlichen Verständigung über das Gemeinte und einer prinzipiellen Anerkennung der Vorstellungen und Ansprüche der anderen? Wenn also – um diese Überlegungen zu konkretisieren – die Mitglieder einer radikal individualisierten Gesellschaft einander ganz gut verstehen, ja sogar zumindest auf einer formellen Ebene ganz einig sind in ihrem Ziel individueller Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung und einander deswegen auch mindestens im Prinzip das gleiche Recht auf Selbstverwirklichung zugestehen? Oder sind Formen einer ›starken‹ Werteintegration im Sinne emphatisch geteilter Gemeinschaftsvorstellungen notwendig? Oder, angesichts der Partikularität jeder faktischen Gemeinschaft, eine ›starke‹ Werteintegration im Sinne von emphatisch geteilten Normen einer universalistischen Gerechtigkeit, die die einzelnen zwar nicht auf die spezifischen Werte einer konkreten Gemeinschaft, wohl aber auf einen gelebten Altruismus verpflichtet, der motivational wohl auch nicht ohne eine starke Identifikation mit dem Kollektiv Menschheit funktioniert? Und wenn ja, wie ließe sich verhindern, daß diese starke Integration auch entsprechend radikale Mechanismen des Ausschlusses der ›anderen‹ (etwa der nicht zur universalistischen Moral bereiten oder fähigen ›Partikularisten‹) produziert und vielleicht auch zur Identitätskonstruktion benötigt?

 

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