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Undine Eberlein

Einzigartigkeit.
Das romantische Individualitätskonzept der Moderne

Frankfurt/M.: Campus Verlag 2000, 400 S.
ISBN 3-593-36606-1
39,90 EUR

 

Kurztext

Dieses Buch analysiert in einer Verbindung philosophischer und sozialwissenschaftlicher Perspektiven einige zentrale Aspekte moderner Individualisierung. Dabei wird insbesondere die Bedeutung von vermeintlich ›einzigartiger‹ individueller Selbstverwirklichung und Selbstgestaltung für das heutige Selbstverständnis und damit auch für eine Theorie der Moderne herausgearbeitet.

Im ersten Teil wird ein idealtypisches Modell dieses auf individuelle Einzigartigkeit orientierten Selbstverständnisses und seiner verschiedenen Formen entwickelt. An Überlegungen Georg Simmels orientiert, wird zuerst heuristisch zwischen dem universalistisch orientierten ›moralischen Individualismus‹ der Aufklärungsphilosophie und dem ›romantischen Individualismus‹, der die Besonderheit bzw. Einzigartigkeit des einzelnen hervorhebt, unterschieden. Danach werden dessen Hauptformen der ›Selbstfindung‹ und ›Selbstproduktion‹ konzeptionell und an Hand philosophischer Texte herausgearbeitet und analysiert.

Der zweite Teil des Buches bietet eine Aufarbeitung der für die Themenstellung wichtigsten Stränge der sozialphilosophischen und soziologischen Debatten um ›Moderne und Individualisierung‹. Von Hegel und den Klassikern der Soziologie über die Kritische Theorie, die neokonservative und kommunitaristische Kritik hedonistischer Individualisierung bis hin zur neueren soziologischen Individualisierungsdebatte werden die Positionen zur Ambivalenz moderner Individualisierung diskutiert.

Der dritte Teil schliesslich stellt zentrale Elemente einer Theorie des romantischen Individualismus als Lebensstil und Ersatzreligion der Moderne vor. Zuerst wird seine sozialgeschichtliche Verbreitung aus marginalen Künstlerkreisen über die Alternativkulturen des 20. Jahrhunderts bis hin zu seiner Integration in den gesellschaftlichen Mainstream beschrieben. Dabei kommt es zu einer zunehmenden Versöhnung mit der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft und mit dem Leistungsprinzip, so dass der romantische Individualismus auch der individuellen Formierung und ideologischen Überhöhung der Arbeitsmarktindividualisierung und des Konsums dienen kann. Nunmehr dominieren Konzepte der Selbstproduktion bzw. einer pluralen und variablen Ästhetik der Existenz, denen soziologisch gesehen die Formen postmoderner Bastelexistenz entsprechen. Die Ursachen der zunehmenden Verbreitung des romantischen Individualismus liegen dabei letztlich in seinen Leistungen als eine der wirkmächtigsten Erfindungen der Moderne begründet: Als radikal individualisierte Form der Sinnstiftung, Selbstthematisierung und Lebensgestaltung gewährleistet er Identität und Orientierung unter den Bedingungen der modernen funktionalen Differenzierung der Gesellschaft.

Inhalt

Einleitung

7

 

 

I. Das Modell des romantischen Individualismus

 

1. Idealtypische Formen des romantischen
Individualitätskonzepts – eine philosophische Skizze


17

      Romantischer versus moralischer Individualismus

18

      Selbstfindung und Selbstproduktion

26

 

II. Moderne und Individualisierung –
sozialphilosophische und soziologische Diagnosen

 

2. Klassische Positionen zur Ambivalenz moderner
Individualisierung


63

      G.W.F. Hegel

63

      Emile Durkheim

111

      Georg Simmel

124

      Max Weber

139

      Max Horkheimer und Theodor W. Adorno

158

3. Beispiele der neokonservativen und kommunitaristischen Kritik hedonistischer Individualisierung


185

4. Aspekte der neueren soziologischen
Individualisierungsthese


244

 

III. Elemente einer Theorie des romantischen Individualismus

 

5. Zur Sozialgeschichte des romantischen Individualismus als Lebensstil und Ersatzreligion der Gegenwart


283

      Versuchsgelände – der romantische Individualismus
      in den Alternativkulturen


283

      Diffusion in den ›mainstream‹ der Gesellschaft
      und Versöhnung mit dem Leistungsprinzip


291

6. Ursachen und Leistungen des romantischen
Individualitätskonzepts und seiner gesellschaftlichen
Verbreitung



306

      Kompensation funktionaler Differenzierung
      und postmoderner Identitätsdiffusion


314

      Formierung und ideologische Überhöhung der
      Arbeitsmarktindividualisierung und des Konsums


331

7. Beispiel: Die Radikalisierung des romantischen
Individualismus in neueren Ansätzen feministischer Theorie


351

8. Ausblick: Zur Kritik des romantischen Individualismus

371

Literaturverzeichnis

389

 

 

Einleitung

Dieses Buch behandelt die massenhafte Suche nach ›Einzigartigkeit‹ in der Moderne. Sein Thema ist der ›romantische Individualismus‹ als spezifisch modernes Individualitätskonzept, dessen verschiedene Charakteristika und Formen sowie dessen Bedeutung und gesellschaftliche Funktion ich analysiere. Der romantische Individualismus erweist sich dabei als eine radikal individualisierte Form der Sinnstiftung, der Selbstthematisierung und der Lebensgestaltung, die Identität und Lebensorientierung unter den Bedingungen der modernen funktionalen Differenzierung der Gesellschaft gewährleisten soll. Trotz seiner problematischen – weil die intersubjektiven und gesellschaftlichen Voraussetzungen nicht hinreichend berücksichtigenden – Prämissen ist er zu einer der wirkmächtigsten ›Erfindungen‹ und Illusionen der Moderne geworden. In einer Theorie des romantischen Individualismus skizziere ich die zunehmende gesellschaftliche Verbreitung dieses Individualitätskonzepts und untersuche ihre Voraussetzungen, Ursachen und Konsequenzen.

Die Gestaltung des eigenen Lebens und die Entfaltung des privaten Lebensstils, die Sehnsucht nach ›Selbstverwirklichung‹ und gelingender Identität, das Ideal eines ›authentischen‹, ›eigentlichen‹, ›wahren‹ oder aber ›originell entworfenen‹, ›erfundenen‹ bzw. ›gebastelten‹ Selbst, die Insistenz auf die unverwechselbare ›Besonderheit‹ und ›Einzigartigkeit‹ der Person – all dies sind konstitutive Elemente des von mir als ›romantisch‹ bezeichneten Individualitätsmodells. Als eine moderne Form des Selbstverständnisses und der Selbstthematisierung, des Selbstverhältnisses, der Sinnstiftung und der Lebensgestaltung bestimmt es zunehmend die soziale Wirklichkeit. Diese Verbreitung des romantischen Individualismus erklärt sich aus seiner Bedeutung als Formulierung eines quasi-religiösen, ›unausschöpfbaren‹ und deshalb weitgehend enttäuschungsresistenten Sinns. Als Resultat fundamentaler sozialstruktureller Transformationen und eines zunehmenden Geltungsverlusts kollektiver Identitäten und Weltbilder entspricht diese radikal individualistische Form der Sinnstiftung in besonderer Weise den modernen Bedingungen. Der romantische Individualismus setzt damit eben jene soziale und funktionale Differenzierung der Moderne voraus, auf die er zugleich kompensatorisch reagiert. Er formuliert so ein modernes Ethos, das eine abstrakte und deswegen höchst variable Form der Orientierung und Motivation der einzelnen liefert. Dessen Flexibilität und Variabilität erweisen sich daran, daß es sowohl ›alternativen‹ Protest und die Versuche neuer Lebensformen, als auch die sich immer weiter verbreitende konsumistische Erlebnissuche und die Karrieregestaltung auf dem individualisierten Arbeitsmarkt motivieren und bestimmen kann. Eine Theorie des romantischen Individualismus ist somit für das Verständnis der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklung und als Beitrag zu einer Theorie der Moderne von besonderer Bedeutung.

Dabei gehe ich von einer idealtypischen Bestimmung des romantischen Individualismus aus, die diesen zuerst – in Anlehnung an Georg Simmel – mit dem ›moralischen Individualismus‹ der Aufklärungsphilosophie kontrastiert. Letzterer formuliert einen Begriff moralischer Autonomie, der die Gleichheit aller Menschen voraussetzt und auf eine Struktur universaler Anerkennung zielt, während der romantische Individualismus die Besonderheit bzw. Einzigartigkeit des einzelnen hervorhebt. Mehr noch als Simmel betone ich dabei aus heuristischen Gründen das Spannungsverhältnis der beiden Individualitätsmodelle, das sich konzeptionell als ›unaufhebbar‹ erweist, obwohl die beiden Modelle empirisch durchaus in den gleichen Köpfen und Lebenspraxen koexistieren können, ohne daß ihr Gegensatz explizit bewußt würde. Diese dualistische Zuspitzung liegt vor allem darin begründet, daß mich nicht primär die von einzelnen Autoren der letzten Jahrhunderte jeweils vertretenen Individualitätskonzepte und ihre ideengeschichtliche Fundierung und Verknüpfung interessieren. Vielmehr geht es mir darum, die durch idealtypische Entgegensetzung gewonnenen Analysekategorien des romantischen und moralischen Individualismus in ihrer heuristischen Bedeutung für eine Theorie der Moderne zu nutzen. Dabei konzentriere ich mich weitgehend auf den romantischen Individualismus, während ich auf den moralische Individualismus nur gelegentlich und kontrastierend eingehe.

Romantischer wie moralischer Individualismus bezeichnen zwei zentrale Grundorientierungen der Moderne und setzen zugleich realhistorisch den ökonomischen Individualismus des aufsteigenden Bürgertums voraus. Dabei stehen beide Konzepte jedoch zugleich in einem Spannungsverhältnis zu ihrer eigenen Voraussetzung, was sich in der mehr oder minder radikalen Kritik am ökonomischen Individualismus und seinen Folgen äußert, wie sie mindestens aus einigen Varianten des romantischen und moralischen Individualismus immer wieder vorgebracht wurde. Die Debatten um Moderne und Individualisierung zeigen, daß der Streit um beide Individualitätsmodelle einerseits und ihre jeweilige Kritik am Kapitalismus andererseits wesentlich die verschiedenen Perspektiven moderner Sozial- und Kulturkritik prägen.

Dabei treffen in der Diskussion um die Moderne philosophische und sozial- bzw. kulturwissenschaftliche Ansätze und Fragestellungen aufeinander. Ich versuche dies fruchtbar werden zu lassen, indem ich Themen und Texte der philosophischen Tradition, aber auch der neueren philosophischen Debatten etwa um den sogenannten Poststrukturalismus, mit einer Rezeption und Reinterpretation der soziologischen und zeitdiagnostischen Diskussionen um die moderne Individualisierung verbinde. Dabei ist die Philosophie in zweifacher Hinsicht von Bedeutung: Erstens bildet die klassische sozialphilosophische Frage nach den Formen der ›Vermittlung‹ von Individuum und Allgemeinheit und nach ihrem Wandel im Prozeß der Modernisierung den theoretischen Hintergrund meiner Untersuchung des romantischen Individualismus. Zweitens waren neben Literaten auch Philosophen – von Rousseau, Herder, Schleiermacher und Schlegel, über Stirner, Nietzsche und Simmel bis hin zu Foucault und Rorty – von entscheidender Bedeutung für die Herausbildung, Weiterentwicklung und Verbreitung des romantischen Individualismus. So expliziere ich dessen wesentliche Aspekte und Formen auch unter Rekurs auf philosophische Texte etwa von Simmel, Nietzsche und Foucault. Zugleich erlaubt die Kenntnis dieser Konzeptionen, aber auch der im zweiten Teil diskutierten sozialphilosophischen Ansätze, eine spezifische Lektüre der sozialwissenschaftlichen Texte, die diese in einen erweiterten Reflexionszusammenhang bringt. Umgekehrt lassen sich mit den empirischen Befunden und Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Debatte manche der in der philosophischen Tradition etablierten und sich hartnäckig durchhaltenden Auffassungen problematisieren und korrigieren. Dies gilt etwa für die lange aus verschiedenen philosophischen Richtungen verbreitete These vom ›Ende der Individualität‹, die in oft undurchschauter Weise eine spezifische Vorstellung des bürgerlichen Individuums mit Individualität per se gleichsetzte und dessen Krise als historischen Untergang jeder Form von individuellem Freiraum und Eigensinn interpretierte.

Philosophische Bezüge und Erkenntnisse lassen sich so mit der sozialwissenschaftlichen Beschreibung und Deutung gegenwärtiger Entwicklungen produktiv verbinden. Dabei geht es mir jedoch ausdrücklich nicht um eine Sozialphilosophie mit normativem Anspruch oder um eine Bewertung des romantischen Individualitätskonzepts aus einer moralphilosophischen Perspektive. Gegenstand meiner Analyse sind also nicht die Fragen: ›Was ist gelingende Selbstverwirklichung?‹, ›Was ist das gute Leben?‹ oder auch ›Wie läßt sich Selbstverwirklichung unter den Bedingungen vernünftiger Allgemeinheit normativ bestimmen?‹, sondern die Frage: ›Wie thematisieren Menschen in der Moderne Selbstverwirklichung und Individualität?‹ Mir geht es also allein um die Analyse einer spezifischen historischen Form der Selbstthematisierung, Sinnstiftung und Lebensgestaltung und ihrer Bedeutung für die Moderne. Gegenstand dieser Arbeit ist damit nicht eine normative Theorie oder moralische Kritik des romantischen Individualismus, sondern dessen Beschreibung und theoretische Analyse als sozialhistorische Bewußtseins- und Lebensform mit spezifischen Varianten, Entwicklungen, Ursachen, Leistungen und Problemen.

Deshalb verknüpfe ich philosophische und sozialwissenschaftliche Perspektiven, beschränke mich aber weitgehend auf soziale und kulturelle Aspekte und lasse Fragen der psychologischen bzw. sozialpsychologischen Bedingungen und Konsequenzen der Entwicklung und Verbreitung des romantischen Individualismus beiseite. Ich versuche auch nicht, meinen auf eine historisch spezifische Form der Selbstthematisierung, Sinnstiftung und Lebensgestaltung orientierten und beschränkten Ansatz mit psychologischen oder sozialpsychologischen Theorien der Genese und der Struktur von ›Identität‹ bzw. des ›Selbst‹ oder mit auf solchen Ansätzen aufbauenden soziologischen Identitätstheorien zu konfrontieren. Ebensowenig gehe ich auf philosophische Theorien der ›Subjektivität‹ bzw. des ›Selbstbewußtseins‹ ein. Dieses Vorgehen erscheint mir gerechtfertigt, weil es mir nicht um eine allgemeine Theorie der ›Subjektivität‹, des ›Selbst‹ oder der ›Identität‹ geht, sondern um die Analyse einer spezifischen historischen Bewußtseins- und Lebensform.

Dabei ist dieses Buch im Kontext der gesellschaftstheoretischen Reflexion über die Moderne zu sehen. Es ist keine detaillierte historische Untersuchung über die geistes- bzw. diskursgeschichtliche Entwicklung dieses modernen Individualitätskonzepts oder über die soziostrukturellen und ökonomischen Bedingungen seiner Entstehung und Verbreitung in den letzten zwei Jahrhunderten. Daraus erklärt sich auch, daß ich nicht die Vielfalt der Formen der historischen Romantik und ihrer kunst- und literaturgeschichtlichen, aber auch sozialgeschichtlichen Reprisen behandele. So ist die gewählte Formulierung vom ›romantischen Individualismus‹ als ein Hinweis auf die Bedeutung insbesondere der frühen Romantik, aber auch der in der romantischen Tradition stehenden Zirkel der Bohème und anderer Künstlergruppen für die Formulierung und Verbreitung dieses Individualitätskonzept zu verstehen. Damit soll freilich nicht unterstellt werden, daß die sehr komplexe Gedankenwelt der historischen Romantik auf diesen einen Aspekt zu reduzieren wäre. Sosehr etwa der Gedanke der ›Individualität‹ im Sinne der Besonderheit bzw. Einzigartigkeit von Personen, aber auch Völkern und Epochen ein geistesgeschichtlich höchst wichtiges Erbe insbesondere Herders und der deutschen Romantik bildet, ist dies doch häufig mit Formen des Allgemeinheitsbezugs bzw. eines Konzepts ›organischer‹ Ganzheit verbunden. Zugleich ist bekanntlich in der historischen Romantik die Thematisierung von Erfahrungen der Fragmentierung des Selbst, seiner ins Kosmische reichenden Erweiterung oder auch der Sehnsucht nach seiner Auslöschung prominent. Diese Vorstellungen sind auch in einigen Formen des romantischen Individualismus vertreten, doch zielen sie meist nicht auf völlige Auflösung, sondern im Gegenteil, auf eine Bestätigung und Erweiterung der Einzigartigkeit des einzelnen. Die Bezeichnung ›romantischer Individualismus‹ soll also die Bedeutung der historischen Romantik für die Verbreitung und Formulierung dieses Individualitätskonzepts unterstreichen, ohne daß eine historische Untersuchung zu dieser für die Genese der Moderne insgesamt so wichtigen Epoche beabsichtigt wäre.

Die hier untersuchte Form moderner Individualität wird in der Philosophie oft unter ästhetischer Perspektive, ihre Entgegensetzung zum moralischen Individualismus oft unter der Fragestellung ›Ethik versus Ästhetik‹ diskutiert. Dieser Linie der Thematisierung folge ich hier nicht, obwohl der romantische Individualismus historisch mit dem Geniebegriff und einem verbreiteten Selbstverständnis moderner Künstler verknüpft ist und in ihn oft ästhetische Elemente und Bewertungen einfließen. Dennoch sind die für ihn charakteristischen Vorstellungen und Werte nicht hinreichend im Kontext ästhetischer und kunstgeschichtlicher Entwicklungen zu verstehen, sondern sind als ein spezifisch modernes ›Ethos der Selbstverwirklichung‹ in gesellschaftstheoretischer Perspektive zu analysieren und zu erklären. Hinzu kommt die wachsende Verbreitung des romantischen Individualitätsmodells, die es aus dem sozialen Kontext marginaler Künstlergruppen heraus zu einem Ethos des gesellschaftlichen ›mainstream‹ gemacht hat und damit erst recht die Unzulänglichkeit einer primär ästhetischen Perspektive bestätigt. Es handelt sich heute um ein massenhaftes soziales Phänomen, für das eine gesellschaftstheoretische, im Kontext einer Theorie der Moderne situierte Perspektive produktiver ist. Umgekehrt sind viele Thesen der sozialphilosophischen bzw. sozialwissenschaftlichen Gegenwartsdiagnose aus der Perspektive einer Theorie des romantischen Individualismus und seiner Bedeutung für die Moderne neu interpretierbar.

Die vorliegende Untersuchung gliedert sich in drei Teile. Im ersten, konzeptionell grundlegenden Teil stelle ich zuerst unter Rekurs auf Simmels Unterscheidung eines Individualismus der ›Einzigkeit‹ von einem der ›Einzelheit‹ meine idealtypische Entgegensetzung des romantischen und des moralischen Individualismus vor. Danach arbeite ich eine Reihe wichtiger Aspekte und Varianten dieses Konzepts heraus, wobei insbesondere die Unterscheidung zwischen dem ›Selbstfindungs-‹ und dem ›Selbstproduktionsmodell‹ von zentraler Bedeutung ist. Das romantische Selbstfindungsmodell geht von der Annahme eines jeweils einzigartigen ›inneren Kerns‹ des Individuums als dessen ›wahren Selbst‹ aus, das es aufzufinden bzw. von den ›entfremdenden‹ gesellschaftlichen Überformungen zu befreien und zu ›verwirklichen‹ gilt. Dagegen unterstellt das Selbstproduktionsmodell nicht ein aufzufindendes ›wahres Selbst‹, sondern faßt Selbstverwirklichung als ›Selbsterfindung‹, als Kreation des eigenen einzigartigen Selbst nach dem Vorbild künstlerischer Produktion. Zur Verdeutlichung dieser Unterscheidung analysiere ich philosophische Konzepte von Simmel und Foucault, aber auch von D. L. Norton, Nietzsche und Rorty, an denen sich einerseits die Bedeutung des romantischen Individualismus aufzeigen, andererseits die Fruchtbarkeit meines Kategorienschemas für das Verständnis der genannten Autoren nachweisen läßt.

Das so gewonnene detaillierte Schema nutze ich dann im umfangreichen zweiten Teil für eine neue Lektüre und Interpretation zahlreicher sozialphilosophischer und soziologischer Theorien über ›Moderne und Individualisierung‹. Die Diskussion der für meine Themenstellung interessantesten diesbezüglichen Theorielinien dient ihrer Aufarbeitung, um eine theoriegeschichtliche und systematische Basis für meinen Ansatz einer Theorie des romantischen Individualismus zu gewinnen. Dabei gehe ich von Hegels ambivalenter Deutung moderner Individualität in der ›Philosophie der Geschichte‹ und der ›Rechtsphilosophie‹ aus – die schon fast alle Topoi der späteren Debatten vorwegnimmt –, verfolge das Thema der Ambivalenz moderner Individualisierung bei den ›Klassikern‹ der Soziologie Durkheim, Simmel und Weber weiter und stelle schließlich die These der frühen Kritischen Theorie vom ›Ende des bürgerlichen Individuums‹ kritisch dar. Danach diskutiere ich an Hand von Gehlen, Bell, Sennett, Lasch, Bellah, Kondylis und Taylor einige Beispiele der neokonservativen und kommunitaristischen Auseinandersetzung mit dem Prozeß fortschreitender Individualisierung. Anschließend stelle ich die neuere soziologische Individualisierungsdebatte dar, wobei ich von Becks These eines neuen Individualisierungsschubs und einer damit verknüpften neuen Vergesellschaftungsform ausgehe und die Frage nach gleichzeitigen Formen der Standardisierung unter Bezug auf Kohlis These einer neuerlichen De-Institutionalisierung des Lebenslaufs und auf Schulzes Beschreibung der ›Erlebnisgesellschaft‹ behandele. So läßt sich dieser Teil des Buches auch als eine einführende Darstellung und Analyse der wichtigsten Positionen der sozialphilosophischen, soziologischen und zeitdiagnostischen Diskussion um ›Moderne und Individualisierung‹ lesen. Zugleich jedoch ergibt sich ausgehend von meinem Modell des romantischen Individualismus eine in vieler Hinsicht neue Perspektive auf die diskutierten Ansätze.

Im dritten Teil des Buches dann stelle ich zentrale Aspekte einer eigenen Theorie des romantischen Individualismus vor. So skizziere ich zunächst im Anschluß an Hennig die Verbreitung des romantischen Individualismus von der Bohème und den Alternativkulturen des 20. Jahrhunderts bis in den ›mainstream‹ der Gesellschaft und beschreibe, wie sich sowohl diese, als auch der romantische Individualismus selbst dabei verändern. Etwa mit dem Wechsel von den 70er zu den 80er/90er Jahren wächst die Bedeutung des Selbstproduktions- auf Kosten des Selbstfindungsmodells und es kommt nicht nur zu einer ›Versöhnung‹ von Leistungsprinzip und romantischem Individualismus, sondern zu einer Radikalisierung des Leistungsprinzips, das gerade durch die Verbreitung des Strebens nach individueller Einzigartigkeit mehr und mehr zu einem Arbeit und Freizeit übergreifenden soziokulturellen Imperativ wird. Nach dieser sozialgeschichtlichen Skizze arbeite ich dann auf einer theoretischeren Ebene die Funktionen und Leistungen des romantischen Individualitätskonzepts heraus, die seine Wirkmächtigkeit und soziale Verbreitung bedingen. Zuerst zeige ich, gestützt auf religionssoziologische Studien von Berger und Luckmann, wie der romantische Individualismus in religiös enttraditionalisierten Gesellschaften mit einem hohen Grad an sozialer und funktionaler Differenzierung die Funktion einer quasi-religiösen Sinnstiftung übernimmt. Danach zeige ich im Rekurs auf Simmel und vor allem Luhmann, daß das romantische Individualitätskonzept als Resultat der Prozesse sozialer und funktionaler Differenzierung und zugleich als Kompensation der Folgen dieser Prozesse zu verstehen ist. Auf den Wechsel von primär stratifikatorischer zu primär funktionaler Differenzierung und auf den damit einhergehenden Verlust einer eindeutigen Identitätsbestimmung durch Inklusion in ein Segment der Gesellschaft ist das Individuum genötigt, mit einer ›exklusiven‹, a-sozialen Selbstdefinition zu reagieren. Diese bildet zugleich eine neue und paradoxe, weil inhaltlich divergierende und nur auf formaler Ebene Ähnlichkeit herstellende, Form der ›Innenstandardisierung‹. Dies gilt, wie ich unter Bezug auf verschiedene soziologische und historische Ansätze etwa von Beck, Campbell und Schulze zeige, sowohl hinsichtlich der Motivierung des Verhaltens auf dem individualisierten Arbeitsmarkt, als auch insbesondere hinsichtlich der Motivierung des modernen Konsums. Obgleich der romantische Individualismus sich damit hinsichtlich der Anforderungen des Arbeitsmarktes wie des Konsums als gesellschaftlich durchaus funktionales Individualitätskonzept erweist, das auch zu deren ›ideologischer Überhöhung‹ dienen kann, geht er dennoch keineswegs restlos darin auf, sondern stellt zugleich auch eine Ressource des ›Eigensinns‹ und der möglichen Differenz dar.

Nach einem Exkurs, bei dem ich an Hand einer ›symptomatischen‹ Lektüre feministischer Theorieansätze, insbesondere jenes von Judith Butler, eine ›versteckte‹ Form der Aufnahme und Radikalisierung des romantischen Individualitätskonzepts darstelle, komme ich im Schlußkapitel zu einigen Positionen der neueren philosophischen Kritik des romantischen Individualismus. Es ist als ein Ausblick gedacht, in dem ich zuerst am Beispiel von Theunissen, Habermas und Honneth Versuche seiner Einbindung in Formen der Allgemeinheit bzw. seiner ›Vermittlung‹ mit dem moralischen Individualismus diskutiere. Anders als die genannten Autoren bin ich jedoch gegenüber allen Versuchen, den Gegensatz von moralischem und romantischem Individualismus konzeptionell aufzulösen, ausgesprochen skeptisch. Dennoch sind die Fragen nach seiner Sozialverträglichkeit, seiner Tendenz zur utilitaristischen Anpassung an Marktgegebenheiten, aber auch zur Auflösung von Formen sozialer Solidarität und ›starker‹ gesellschaftlicher Werteintegration berechtigt. Aber unabhängig von allen Problemen der normativen bzw. moralischen Bewertung des romantischen Individualismus und seiner gesellschaftlichen Folgen und trotz seines in vieler Hinsicht illusionären Charakters bleibt festzuhalten, daß er als eine gesellschaftlich wirksame Fiktion ein Terrain sozialer Experimente und ein für Apologeten wie Kritiker der kapitalistischen Modernisierung vielfach gemeinsames Vokabular und Feld der Auseinandersetzung darstellt.

Meine Untersuchung arbeitet den romantischen Individualismus als eine, wenn auch zentrale und weiter an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnende Konzeption von Individualität heraus. Allerdings geht es mir dabei nicht um eine teleologische Konstruktion: ich verstehe dieses Individualitätskonzept nicht als End- oder Höhepunkt moderner Individualisierung, sondern als eine radikale und sich in den letzten Jahrzehnten stark verbreitende Form. Gegentendenzen etwa kommunitaristischer Art oder eine Rückkehr zu Formen religiös oder ethnisch bestimmter Identität, bei denen die Identifikation mit einer und die Bindung an eine Gruppe bzw. Gemeinschaft dominiert, sind keinesfalls ausgeschlossen. Gleichwohl ist ein Zurückdrängen des romantischen Individualitätsideals bis hin zu seinem Verschwinden wohl allenfalls unter autoritären Bedingungen denkbar. Selbst in Zeiten krisenhafter ökonomischer Entwicklungen und konjunktureller Einbrüche erweist sich das romantische Individualitätskonzept als funktional und flexibel genug, um auf die sich verändernden Umstände zu reagieren. Zudem ist seine Bedeutung als kulturelles Leitideal nicht unmittelbar von den Bedingungen ökonomischer Prosperität und sozialer Verteilungsgerechtigkeit abhängig. Natürlich setzt aber die Chance, sein eigenes Leben tatsächlich entsprechend zu gestalten, ein Mindestmaß an Verfügung über ökonomische und kulturelle Ressourcen voraus.

Der romantische Individualismus ist – entgegen seinem meist illusorischen Selbstverständnis – eine spezifische soziale Form von Individualität, die Produkt historischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen ist und nunmehr angesichts ihrer massenhaften Verbreitung zum Teilmoment einer neuen, individualisierten Vergesellschaftungsform wird. Er ist ein Modernisierungsprodukt, das einerseits Formen des Protestes gegen die Modernisierung, den Kapitalismus und die Dominanz von Marktbeziehungen motiviert und ausdrückt, andererseits aber ebenso Varianten entwickelt, die mit dem Prozeß kapitalistischer Modernisierung kompatibel und für diesen funktional sind bzw. sogar zu seiner Radikalisierung beitragen. Der romantische Individualismus bildet damit eine Art Reservoir von Ideen, Vorstellungen, Werten usw. und liefert ein weitverbreitetes Vokabular, in dem sich Anpassung und Widerspruch, Kompatibilität mit den gesellschaftlichen Bedingungen und deren ›ideologische Überhöhung‹, aber auch ›Eigensinn‹ gleichermaßen ausdrücken können. Er erweist sich als eine Konzeption, die trotz ihrer illusionären Prämissen eine der wirkmächtigsten Erfindungen und Fiktionen der Moderne darstellt und die gesellschaftliche Wirklichkeit zunehmend bestimmt. Die massenhafte Sehnsucht, sich als einzigartiges Individuum ›selbst zu verwirklichen‹, wird damit zu einer Art Ersatzreligion der Gegenwart.

 



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