»Leben versus Existenz«: Mit dieser Opposition beschrieb einmal Helmuth Plessner den radikalen Graben, den seine Grundlegung der Philosophischen Anthropologie von Martin Heideggers Seinsphilosophie trenne. Während Heidegger nie eine detaillierte Kritik an der Philosophischen Anthropologie entwickelt hat, konzentrierte sich Plessners Heidegger-Rezeption zeitlebens auf die fundamentalontologische Konzeption aus Sein und Zeit. Diese Rezeptionslage ist misslich, denn sie hat die Überbetonung von systematischen Differenzen und das Unterschlagen vielversprechender Parallelen bis in die gegenwärtige Forschung hinein begünstigt.
Der Vortrag will vor allem mit Blick auf Heideggers spätes Denken formale Äquivalente zwischen Plessners naturphilosophisch fundierter Philosophischer Anthropologie und Heideggers Seinsphilosophie im Umkreis der »Kehre« rekonstruieren. Ausgehend von Überlegungen beider Autoren zum (aristotelischen) Konzept der Entelechie soll herausgestellt werden, dass Heideggers Spätphilosophie einerseits durchaus naturphilosophisch ins Prinzipielle ausgeweitet werden kann und dass andererseits im selben Zug eine Annäherung zwischen ek-statischer (Heidegger) und ex-zentrischer (Plessner) Konstitution des Menschen möglich wird. Heideggers Bestimmung des Entelechiebegriffs in seiner Abhandlung Vom Wesen und Begriff der physis (1939) erlaubt zudem einen klärenden Rückblick auf jene Gründe, die zum Abbruch seiner »Metaphysik des Daseins« und zur Rede vom ersten und anderen Anfang der Philosophie geführt haben.
MoMo-Vortrag am 26.02.2006