Helmut Fallschessel

Über Freiheit

 

Anders als der Titel vielleicht suggeriert, geht es in meinem Vortrag primär um die neuere Debatte zum Problem der »Willensfreiheit« und nur am Rande um die sozialphilosophischen Diskussionen über Freiheitsbegriffe, »agency« usw.

Nach einigen Vorbemerkungen und einer Erinnerung an die Bedeutung unseres Freiheitserlebens werde ich die Grundlagen der Debatte »Willensfreiheit contra Determinismus« skizzieren und danach die exemplarischen Positionen von Roth, Pauen und Habermas darstellen sowie in wichtigen Punkten kritisieren.

Danach möchte ich als Alternative einen »Naturalismus ohne Determinismus« vorschlagen. Wie ich meine, lässt sich damit unsere Common-Sense-Vorstellung von Willens- und Entscheidungsfreiheit als teilweise berechtigt aufzeigen, ohne dass deshalb deren dualistische oder libertaristische Interpretation notwendig oder auch nur plausibel wäre.

Es ist die Fiktion eines allmächtigen Schöpfergottes und Gesetzgebers der Natur und nicht etwa die moderne Naturwissenschaft als solche, die das Gespenst des Determinismus hervorgebracht hat. Dagegen wäre auf der Differenz zwischen »kausal beeinflusst durch x, y, z« und »determiniert durch x, y, z« zu bestehen. Zumal durch die neuere Theorieentwicklung in der Physik ist die These eines ontologischen Determinismus zutiefst fragwürdig geworden. Epistemisch bzw. prognostisch lässt sie sich jedenfalls eindeutig nicht einlösen.

Mit der Verabschiedung des Vorurteils, Naturalismus bedeute Determinismus, ist freilich weder das konkrete Zustandekommen von Entscheidungsprozessen im neuronalen Geschehen, noch die tatsächliche Bedeutung möglicher Freiheitsspielräume für unser Handeln schon verstanden. Hierzu kann man als Philosoph wohl nur die Ergebnisse der Hirnforschung rezipieren, sie kritisch auf unser Erfahrungswissen beziehen und auf weitere wissenschaftliche Fortschritte warten.

Die Unterscheidung von »kausal beeinflusst« und »determiniert« macht es aber möglich, eine hyperkomplexe und zeitübergreifende Form der Bestimmung zu denken, bei der nichts »akausal« in die Welt tritt, bei der aber dennoch durch Prozesse der rekursiven Iteration und Rekombination unvorhersehbar Neues entstehen kann. Die prozessuale Offenheit ermöglicht eine Freiheit, die nicht vom Himmel fällt, uns aber doch zu mehr macht als zu komplizierten Marionetten, nämlich zu Wesen, die für ihr vielfältig bedingtes, aber nicht determiniertes Handeln selbstbewusst und ohne Illusionen Verantwortung übernehmen können.


MoMo-Vortrag am 08.05.2005



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