Gernot Grube

Geschriebene Bilder

 

In der Rede vom sogenannten Iconic Turn schwingt die Vorstellung mit, daß die Vormachtstellung der Schrift, die mit Gutenbergs Presse endgültig etabliert werden konnte, durch die (neuen) Bilder eingebrochen sei. Die Erfindung technischer Apparate führte zu einem Anstieg der Bildproduktion und zu einer Ausweitung der Bildbereiche, etwa von der Ästhetik zur Wissenschaft.



Ernst Jandl, Erschaffung der Eva (1957)

Unter den technischen Apparaten kommt dabei dem Computer besonderes Gewicht zu. Er greift unmittelbar in die Bildproduktion ein, indem er neue Verfahren zur Bildproduktion bereitstellt (Computergraphics) oder die Produktionen anderer Apparate übernimmt, wie es durch die Digitalisierung der Fotografie und des Films geschieht. Aber er beeinflußt auch den Bildgebrauch, indem er etwa in den Wissenschaften epistemische Funktionen an die Bilder delegiert (Simulationen).



Joseph Kosuth, Five Words in Red Neon (1965)

Allerdings sind es gerade die Computerbilder, die die Rede vom Iconic Turn fragwürdig machen, da sie einerseits Bildobjekte und andererseits als binärer Code Schriftobjekte sind. Die Schrift ist keineswegs verdrängt, sondern ihren M&oum;glichkeiten nach durch den Computer auf ein ganz neues Entfaltungsniveau gehoben worden, denn jetzt kann sie in ganz unterschiedlicher Gestalt erscheinen, zum Beispiel als Bild. Diesem besonderen Umstand, daß Schrift - binärer Code - gar nicht als Schrift erscheint, sondern als Bild, verdankt sich auch die grundlegende Unterscheidung zwischen Computerbildern und anderen »geschriebenen Bildern«, etwa den visuellen Gedichten (vgl. Abb. Ernst Jandl) oder Arbeiten der Konzeptkunst (vgl. Abb. Joseph Kosuth), oder solchen »Textbildern«, bei denen gar nicht mehr in den Lesemodus umgeschaltet werden kann (vgl. Abb. Glenn Ligon).



Glenn Ligon, Stranger in the Village #13 (1998)

Letztlich geht die prinzipielle Unterscheidung zwischen Computerbildern und anderen Bildern (traditionelle Tafelbilder, Drucke, Fotografien, Filme usw.) darauf zurück, daß Computerbilder zugleich Bild- und Schriftobjekte sind, und zwar letzteres im buchstäblichen Sinne. Die Fortführungen der Konkreten Poesie im elektronischen Medium haben Arbeiten hervorgebracht, die mit dieser Doppelnatur der »notationalen Bilder« spielen, indem sie die Schrift(Code)-Ebene wieder zur Bildebene machen (Abb. Jodi).



Jodi, Screenshot (Source Code) von wwwwwwwww.jodi.org, 16.07.2002

Daß ein notationales Symbol in ein ikonisches Symbol transformiert wird, ist eines, ein anderes ist die Novität, daß man ein Bild, das zugleich Schriftobjekt ist, wie einen Text behandeln kann. Man kann es zitieren, indem man es als ganzes oder in Teilen im gewünschten Kontext wiederholt. Man kann es von einem Ort zum anderen transportieren, indem man es abschreibt. Von einem solchen Bild wird kein Abzug, kein Abdruck, keine Ablichtung gemacht, sondern eine Abschrift. Es lohnt sich, für die Analyse dieser doppelgesichtigen Bilder noch einmal Nelson Goodman zu bemühen. Es zeigt sich dann, daß Computerbildern immer so etwas wie eine Partitur zugrunde liegt und ihre Bildpräsenz als Bildschirmaufführung aufgefaßt werden kann. Wenn es möglich ist, daß Schrift als Bilder erscheinen kann, dann sollte dies außerdem ein Angriff auf die unerschütterliche Opposition zwischen Texten und Bildern sein. Hier hilft dann auch Nelson Goodman nicht mehr weiter.


MoMo-Vortrag am 17.11.2002



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