Stephan Günzel

Das Ohr zum Raum
- Elias von Cyon und die Physiologie des Innenohrs

 

Im Zuge seiner Forschungen widmete sich der russische Mediziner und Physiologe Elias (Ilja Fadeevic) von Cyon (1842-1912) ab den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts der Funktion des Innenohrs. Zuvor eignete er sich von 1866 bis 1868 bei Carl F.W. Ludwig in Leipzig die experimentellen Grundlagen der neuen Physiologie an. Mit ihrer gemeinsamen Forschung bahnten Ludwig und Cyon den Weg für die Erkenntnis von Regulationsmechanismen als Grundprinzipien vegetativer Körpertätigkeiten, die Cyon anhand des Einflusses der Temperatur auf die Herztätigkeit herausstellen konnte. Diese Arbeiten hatten einen großen Einfluss auf den Fortgang der Physiologie in Europa (so auf die Beschreibung des Reflexbogens bei Cyons Schüler Pavlov). - Cyons Beitrag zur Erforschung des Ohres als »Raumorgan« dagegen, der den Großteil seiner Arbeit ausmachte, trat in den Hintergrund.

Bereits in vorausliegenden Untersuchungen durch Flourens (1828), Menière (1861), Vulpian (1866), Löwenberg (1869) und Goltz (1870) war ein Zusammenhang zwischen Orientierungsfähigkeit und dem Grad der Versehrtheit der Bogengänge des Innenohrs (dem seit Galen im 2. Jh. n. Chr. sogenannten »Labyrinth«) aufgedeckt worden. Cyon gelang es in seinen Experimenten zwischen 1872 und 1878, die Existenz eines »Raumorgans« als eigenständigen, »sechsten Sinn« nachzuweisen. Mittels der drei halbkreisförmigen Bogengänge in jeweils beiden Innenohrsystemen ist die Bewegung entsprechend der drei Kardinalrichtungen (den Achsen des Kartesischen Koordinatensystems) wahrnehmbar. - Durch das Hören (in der sogenannten »Schnecke« des Innenohrs) wird darüber hinaus »Zeit« als Abstand zwischen zwei distinkten, akustischen Sinneseindrücken »real« und das Innenohr für Cyon insgesamt zum »Zentralorgan« der Wahrnehmung. - Der Entdeckung des »Raumorgans« (heute: Vestibularapparat) kommt in vielerlei Hinsicht eine wahrnehmungstheoretische und zugleich wissensgeschichtliche Bedeutung zu:

Epistemologisch bedeutet Cyons Entdeckung im engeren Sinne zunächst eine Widerlegung des Transzendentalismus der (von Kant spezifizierten) Anschauungsformen Raum und Zeit: Beide werden von ihm nicht mehr als apriorische Annahmen für unmittelbare Wahrnehmung (Ausdehnung der »äußeren« Anschauung) und mittelbare Erinnerung (Rekognition der »inneren« Anschauung) gesetzt, sondern in ihrer physiologischen Ursächlichkeit herausgestellt. Ferner ist die Lokalisation eines sich selbst wissenden Cogitos und seiner synthetisierenden Apperzeption »im Zentrum des Kopfes«, mit Cyon betrachtet, nur ein Effekt der raumzeitlichen Wahrnehmung. - Wird damit zum einen die transzendentale Ästhetik obsolet, so wird zum anderen der (ebenfalls von Kant schon in Betracht gezogene) körperfundierte »Orientierungssinn« auf physiologische Grundlagen gestellt und eine moderne Aisthesis des Raums ermöglicht, in der (diskontinuierliches) Messen und (kontinuierliches) Erleben nicht mehr als disparat, sondern kongruent erscheinen: Die leibliche Raumzeiterfahrung ermöglicht vielmehr die Zergliederung der Wahrnehmung in Intervalle.

Mit dem Festhalten am Kantischen Formalismus durch Helmholtz und den Aufschwung der »nichteuklidischen« Geometrie (Gauss, Riemann u.a.) war das Raumproblem von der Philosophie direkt in die Physik übergegangen bzw. in die Mathematik zurückverlegt worden. Cyons Entdeckung ist damit als Einsatz zu verstehen, das Raumproblem im Gebiet der Physiologie zwischen Philosophie und Physik zu verorten und die von beiden Disziplinen nur scheinbar abschließend beantwortete Frage nach dem Raum wieder auf den Plan zu rufen. - Die zunächst von der Mathematik und Physik (Eddington, Weyl) wie auch von Logikern (Bolzano, Ueberweg) und vor allem der Phänomenologie (Husserl, Becker) gesuchte »Deduktion« der Dreidimensionalität des Raumes war mit den Mitteln dieser Wissensgebiete allein nicht zu leisten: Stets war die »Tiefe« nur (aufbauend aus »Breite« und »Höhe« oder rückschreitend aus einer zusätzlich angenommenen vierten Dimension) abgeleitet worden. Auch binokulares Sehen oder Okularmotorik reichen allein nicht hin, die spezifische Raumerfahrung zu erklären: Im Gegensatz zum Sehen im fensterartigen Sichtfeld ist die Tiefenwahrnehmung des Raumes ein Produkt aus Sehen und vor allem der Eigenbewegung des sich darin bewegenden Körpers, dessen Aktionsschema von Erinnerungs- und Antizipationskomponenten ergänzt wird. - Erst die Physiologie ermöglichte dieses Umdenken.


MoMo-Vortrag am 22.08.2004



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