Stephan Günzel
Wille zur Differenz.
Gilles Deleuzes Nietzsche-Lektüre
»Ein Buch zum Denken, nichts weiter: es gehört Denen, welchen
Denken Vergnügen macht, nichts
weiter…«[1]
Nietzsche über sein zu dieser Zeit noch geplantes Buch Der Wille zur Macht
1. Nietzsche(aner)[2]
Nietzsche hat einen Grad der Bedeutung erreicht, der ihn zu seinen Lebzeiten sicher zufrieden gestellt hätte. Kaum eine Richtung der Philosophie kann und konnte besonders in den letzten dreißig Jahren an ihm vorbeigehen.[3] – Sei es auch nur um ihn zum paradigmatischen Antipoden zu hypostasieren, gegen den dann entsprechend paradigmatisch argumentiert werden kann.[4]
Besondere Aufmerksamkeit soll in diesem Durchgang der ›Nietzsche-Renaissance‹ im Frankreich des ›Mai ’68‹[5] zuteil werden, die zeitgleich und eben auch erst durch die editorischen Arbeiten von Giorgio Colli und Mazzino Montinari an dem Nachlaß Friedrich Nietzsches stattfanden.[6] Federführend in Sachen Nietzsche war dabei der – neben Michel Foucault – Mitherausgeber der französischen Übersetzung der Colli/Montinari-Gesamtausgabe, Gilles Deleuze, welcher bereits 1962 das Standardwerk der ›neuen Nietzscheaner‹ Frankreichs, Nietzsche und die Philosophie,[7] publizierte.[8]
Dieses ist mittlerweile über die Grenzen Frankreichs hinaus zum ersten unter den Sekundärtexten geworden, die in die Lektüre Nietzsches als philosophischen Kritiker und Anti-Dialektiker einführen.[9] Da Deleuzes eigene Theorie ohne den Einfluß Nietzsches nicht denkbar ist, erweist es sich sowohl für Leser Nietzsches wie auch Deleuzes als unumgänglich, diesen Ort der Lektüre aufzusuchen und zu prüfen.[10] – Dies soll im folgenden in philosophischer wie philologischer Hinsicht geschehen. Zu diesem Zweck erfolgt zunächst die Darstellung des Nietzscheverständnisses von Deleuze (2.)[11] und anschließend ihre philologisch-kritische Überprüfung (3.).
2. Deleuzes Nietzsche
2.1. Wider die Dialektik
Die Philosophie Deleuzes läßt sich am besten durch zwei Stichworte charakterisieren: ›Differenz‹ und ›Begehren‹. Die Suche nach einer ›Theorie der Differenz‹ – in formaler wie ontologischer Hinsicht – war lange das unausgesprochene Ziel der Generation nach und vor allem auch gegen Sartre. Waren alle Versuche der Dialektik ›die Welt zu erklären‹ – und letztlich in dieser ›Politik zu machen‹ – darauf gegründet bestehende Unterschiede (die Mannigfaltigkeit der Anschauung, Lebensstilvielfalt, diverse politische Gruppierungen etc.) in überaus artifiziell herbeigeführte Identitäten (Begriffe, Konsense, Normen) aufzulösen,[12] so traten die Philosophen der Differenz für das Erkennen, Produzieren und Bestehen lassen von Differenzen ein. Deleuze beschreibt die Mechanismen einer derartigen Weltsicht in seinem philosophischen Hauptwerk, Differenz und Wiederholung.[13]
In Anlehnung an Bergsons[14] Kategorienpaar ›virtuell-aktual‹, welches dieser gegen das aristotelische ›wirklich-möglich‹ setzte, formuliert Deleuze (mit Bergson) die Überlegung, daß die Dialektik sowie der Idealismus, die beide auf diesen Strukturen aufbauen, durch den ihrem Ansatz inhärente Vorhersehbarkeit gekennzeichnet sind. Dem Wirklichen kann nicht ›mehr‹ Realität zukommen als dem ›Möglichen‹, da das ›Wirkliche‹ jeweils in der Vorwegnahme durch diese Vorstellung als Quasi-Übersetzung des ›Möglichen‹ gedacht ist.[15] Dialektische Wirklichkeitsdeutungen reproduzieren somit eine bestimmte Ordnung oder auch ›Ideologie‹ – im wahrsten Sinne des Wortes: Neues ist prinzipiell getilgt, da hier Differenz als der Grund von ›Neuem‹ nach der dialektischen Arbeit nicht mehr existiert, ›aufgehoben‹ wurde.
Die Hervorbringung neuer Wissensformationen oder eines ›anderen Denkens‹, verlangt aber etwas völlig anderes: die Berücksichtigung des Faktors ›Zeit‹. In der Zeit als kontingenter, nicht-linearer Zeit ereignet sich die Konstitution von ›Aktualisierung‹ als ›Organisierung‹.[16] Dem Realisierungsprozeß der Dialektik (welcher Vielheiten im Denken nur statische hervorbringt) steht der Aktualisierungsprozeß des Differenzdenkens gegenüber. Virtuelles, d.h. zu anderer Zeit Unbedeutendes oder Unwirksames – das nichtsdestoweniger ›real‹ ist –, aktualisiert sich in seiner Zeit als ›originäre Produktion‹ zur Erzeugung von dynamischer Vielheit – also von Heterogenität. Differenz und Kreation sind deren Funktionen, Differenz als Zeit aus sich und Kreation als ›Aktualisierung‹. ›Realisierung‹ erzeugt nur Kopien einer statischen Welt. ›Aktualisierung‹ schafft Karten einer werdenden Welt.[17]
Die Zeit als sich differenzierende Wirklichkeit bezeichnet Bergson als durée [Dauer], die sich ereignende Produktion als élan vital [Lebensimpuls]. Deleuze kann von diesem Prinzip aus zur Kennzeichnung einer »zeitgemäßen Ontologie«[18] gelangen: Differenz und Wiederholung. ›Differenz‹ markiert den Produktionsprozeß der Zeit. ›Wiederholung‹ heißt es bei Deleuze hier statt ›Aktualisierung‹, da er – konsequenter als Bergson – dieses Konzept durch ein streng antiplatonisches ersetzt: Er verzichtet auf das vorbelasteten Konzept der ›Originarität‹ der Differenzproduktion und ersetzt ihn statt dessen durch die Vorstellung von in Serien angeordneten Simulakrenreihen, die, wie eine Kette aufgereiht, Teile der vorhergehenden Version, des vorhergehenden ›Kettengliedes‹, wiederholen.[19]
Der Wunsch nach neuer Organisierung erfordert komplementär ein Begehren (zur Revolution, zu Neuem, etc.), das wesentlich nicht ein (nur) intellektuelles ist, sondern vielmehr ein körperliches.[20] Als Paradigma für den Körper des Begehrens wählt Deleuze zusammen mit Guattari einen Begriff des Schauspielers, Theatermachers und Schriftstellers Antonin Artaud: ›organloser Körper‹[21]. Dieser ist für sie gekennzeichnet durch eine Abwesenheit von Signifikanz bzw. Eigenschaften der Repräsentation.[22] Solche sind im Falle des organlosen Körpers zugunsten eines ›reinen Ausdrucks‹ getilgt. Und Ausdruck, das hat Deleuze in seiner Spinoza-Interpretation im Sinne Artauds deutlich gemacht, bedeutet die Konstitution des Lautes oder Wortes bzw. des ›Sinns‹ im Moment seiner Hervorbringung bei einmaliger Verwendung.[23] – Wiederum übersetzt in Kantische Termini bedeutet dies: bloße Aktivität der reflektierenden Urteilskraft und keine Verwendung bestimmender Urteile.
2.2. Die Ethik der Affirmation
Welche Rolle spielte Nietzsche für den Denkprozeß von Deleuze? Auf den Punkt gebracht besteht die anti-dialektische Aufgabe darin, aus einem scheinbaren Gegensatz einen echten Gegensatz zu gewinnen, nicht eine bloße Kontradiktion, sondern eine Differenz zu bezeichnen. Nicht ein Gegensatz-Denken, das in dialektischen Bahnen verbleibt, sondern einen (wirklichen) Gegensatz zur Dialektik zu denken.
Bei Nietzsche geht eine Kantkritik voraus.[24] Diese Kritik bezieht sich auf Kants Vollzug des von ihm angestrebten Projekts einer ›totalen Kritik‹. Mit Nietzsche kann Deleuze zeigen, daß Kant seine Kritik, welche die Vernunft in ihre Schranken und so – nach Hume – an die sensible Welt nach den Ordnungsprinzipien des Verstandes alleine verweisen wollte, tatsächlich das traditionelle ›Zwei-Welten-Schema‹ der Philosophie – die Trennung von Leib und Seele, Körper und Geist-, in eine neue Zeit rettet. Dem Sensiblen wird ein Bereich des Intelligiblen ›aufgesetzt‹ – bestehend aus unverrückbaren Kategorien, Synthetisierungsleistungen und den ordnenden Ideen der Vernunft, die bei Kant letztlich in eine ›nur noch‹ ethische Version ›Gottes‹, nämlich als den Imperativ, hinüberführen. »Kant hätte Gott demnach nur von seinem souveränen Platz vertrieben, um ihn sogleich durch den Menschen und das moralische Gesetz zu ersetzen.«[25]
Die Kritik Kants verfehlt, nach Nietzsche – so Deleuze –, ihr Ziel, da sie die Kritik nicht als Kritik der Werte zu formulieren vermochte: Kant bleibt Philosoph der bestehende Ordnung, da er Selbstbewußtsein, objektive Welt und Gott nur relativ aber nicht absolut, nicht als Werte einer Kultur zu kritisieren vermochte.[26]
Deleuze findet bei Nietzsche die »Dramatisierungsmethode«[27], die Nietzsches Kritik ›absolut‹ werden läßt.
»Die Metaphysik formuliert die Frage nach dem Wesen in der Form: ›Was ist…?‹ […] Man muß auf Platon zurückgehen, um einsehen zu können, in welchem Ausmaß die Frage ›Was ist…?‹ eine spezifische Art des Denkens voraussetzt. Dieser fragt: Was ist das Schöne? Was das Gerechte?… […] Platon stellt Sokrates ebenso jungen Leuten, starrköpfigen Alten wie berühmten Sophisten gegenüber. Ihnen allen scheint gemeinsam zu sein, auf jene Frage mit dem Zitieren dessen zu beginnen, was schön ist: eine Jungfrau, eine Stute, ein Kessel… Sokrates triumphiert: Man antwortet auf die Frage ›Was ist das Schöne?‹ nicht, indem man zitiert, was schön ist. […] Daher ist bei Platon der Gegensatz von Wesen und Erscheinung, Sein und Werden allemal und zunächst in einer bestimmten Art und Weise des Fragens begründet, in einer Frageform.«[28]
Nietzsche läßt dagegen Dionysos in einer veränderten Form fragen: ›Wer?‹ – ›Wer‹ will wissen, ›was‹ das Schöne ist, und ›wer‹ hat sich in der Definitionsgewalt behauptet?
»Die Frage ›Wer?‹ bedeutet nach Nietzsche: etwas sei gegeben, welche Kräfte bemächtigen sich seiner, wessen Willen ist es untertan? Wer drückt sich aus, manifestiert sich, ja verbirgt sich in ihm? Zum Wesen gelangen wir nur durch die Frage ›Wer?‹: denn das Wesen ist einzig und allein der Sinn und Wert des Dings. […] So ertönt denn in der Frage ›Wer?‹ für alle und an alle Dinge gerichtet: welche Kräfte, welcher Wille? Das ist die tragische Frage.«[29]
Dieses ›Wer?‹ ist aber keine Person und kein autonomes Cogito. Dieses ›Wer?‹ ist, so die Antwort Deleuzes mit Nietzsche, der ›Wille zur Macht‹.[30] Dieses ›Wer?‹ ist eine bestehende Ordnung, eine herrschende Religion oder eine existierende Staatsform bzw., wie Deleuze sagt, ein »Kräftefeld«[31]. In diesem repräsentiert sich die jeweilige Ordnung ihre Abziehbilder und Kopien.[32]
Nietzsches Einfluß auf Deleuzes Bergson-Interpretation wird deutlich. Deleuze sieht in Nietzsche einen Radikal-Aufklärer. Die statischen Verwirklichungen vorgezeichneter Möglichkeiten, fertige Formen der Subjektivierung, antizipierten Ergebnisse von Diskursen und bereits festgelegte Bedeutungen verhindern die Aktualisierung neuer, anderer Organisationen und deren Affirmation, in der sich diese den Schemata bestehender Signifikationen entzieht.
Doch was benötigt eine solche angestrebte kreative Differenzierung? Die Frage nach der Ethik hinter dieser Ontologie führt zu Nietzsches Version des Herr-Sklaven-Verhältnisses in Zur Genealogie der Moral.[33] Entgegen der Version Hegels, die das dialektische Verhältnis von Herr und Sklave in einem beiderseitigen Anerkennungsverhältnis durch doppelte Negation auflöst, benutzt Nietzsche ›Herr‹ und ›Sklave‹ als Protagonisten unterschiedlicher, differentieller Moralen und Ethiken.[34]
»Sie [sc. die Differenz als solche] hat auch [sc. neben einer metaphysischen] eine politische Bedeutung: sie will sagen, daß sich die Menschheit in zwei Hälften teilt – auf der einen Seite die Masse derer, die es [sic!] zufrieden sind, nur ein Abdruck eines Modells, nur ein Fall des Gesetzes zu sein, und auf der anderen Seite die – unvermeidlich in allen Einstimmigkeitserklärungen beiseite gelassenen – Minderheit der ›exzentrischen‹ oder ›Einzelfälle‹. Die ersten sind die Sklaven, und die zweiten die Herren.«[35]
Das gesuchte »›differentielle‹ Kriterium«[36] ist, wie auch schon zuvor, das »zwischen der Differenz und dem Gegensatz«.[37] Der ›Syllogismus des Sklaven‹ – seine Denk- und Schlußform – ist der der Dialektik, die annimmt, daß »die Verneinung einer Verneinung gleich einer Bejahung ist«.[38] Der ›Sklave‹ schließt: »Du [der Herr; S.G.] bist böse, also bin ich gut.« Der ›Herr‹ hingegen schließt: »Ich bin gut, also bist du [der Sklave; S.G.] böse.«[39] Der ›Sklavensyllogismus‹ ist keine wirkliche Affirmation, da der Vordersatz vom anderen und nicht von sich ausgeht. Somit wird der Schlußsatz in Abhängigkeit vom Herren verbleiben, der selber hingegen in seinem Schluß von sich aus geht. Der Trugschluß des ›Sklaven‹ stützt sich auf die Fiktion, Kräfte (im Sinne von Ordnungsfeldern) in zwei Teile separieren zu können: In einen jeweiligen Akt der ›Kraft‹ oder der ›Macht‹ und in deren Manifestation.[40]
Der ›Herr‹ hingegen weiß um die Funktion von Kräften und wird deshalb die Kontingenz von Ordnung und deren Neuschaffung bejahen. Die aktiven Kräfte des Herren stehen gegen die reaktiven des Sklaven.[41] Der Herr bejaht somit auch die Ewige Wiederkunft, d.h. nicht die Vorstellung, daß alles wiederkehrt, sondern daß man die Möglichkeit der unweigerlich Wiederkehr all dessen bedenken soll, was bejaht worden ist –[42] und nur das. Die Zentrifugalkraft der Ewigen Wiederkunft schleudert jedes ›Nein!‹ aus der Zeit. Damit bejaht er aber auch einen Pluralismus der Werte, denn jeder geschaffene Wert wird für alle Zeiten (virtuell) bestehen bleiben.[43],[44]
»So ist die Bejahung in sich doppelt: Das Sein des Werdens kann nicht umfassend bejaht werden, ohne daß im selben Augenblick nicht auch die Existenz des Aktiv-werdens bejaht wird. […] Als physikalische Doktrin bejaht die ewige Wiederkehr das Sein des Werdens. Als selektive Ontologie aber bejaht sie das Sein des Werdens gleichsam so, wie sie im Aktiv-werden ›sich bejaht‹.«[45]
Als Verkörperung der doppelten Affirmation fungiert ›Ariadne‹. In den Dionysos Dithyramben läßt Nietzsche sie in »Klage der Ariadne«[46] ihre Liebe zu Dionysos verkünden.[47]
Die Bejahung der Bejahung, der Wille ›zu Wollen‹, der Herr ›ohne Sklave‹, ein Begehren ›ohne Mangel‹ – dies sind die Versionen, die für Deleuze in Nietzsches Konzept des ›Willens zur Macht‹ kulminieren. Der Wille ist dabei notwendigerweise ›subjektlos‹ – eine Intentionalität ohne Intendanten. Gerade deshalb ist seine Wirkung bis zum letzten ›wirksam‹: Kein Gedanke, der nicht umgesetzt wird, keine Handlung, die nicht eine gewollte ist, werden durch ihn erzeugt. Dieser Wille produziert schöpferisch die Differenzen, die sich zueinander nicht-identisch verhalten, da sie in jenem Augenblick ihrer Entstehung keine Reproduktion eines im Cogito schon Gedachten oder von einem Gott schon Vorgezeichnetes sind. Diese differentieller Kraft schafft einzig und allein ›Singularitäten‹[48] bzw. Ereignisse, die nicht vorhersehbar sind – neue, instantane Organisierung.
Es liegen also erkennbar zwei Komponenten des einen Willens zur Macht vor: zum einen das Wollen selbst und zum anderen die produzierten Differenzen. Zwischen diesen besteht eine Beziehung derart, daß sich die Kraft (der Grad) der Differenz aus der Differenz zu den anderen Differenzen ergibt und ihnen so ihre eigene Qualität zukommt, ihre Quantität sich aber dem ›Prinzip‹ der Hervorbringung verdankt:
»Der Wille zur Macht ist jenes Element, aus dem zugleich die Quantitäts-Differenz der in Beziehung gebrachten Kräfte als auch die Qualität entspringt, die innerhalb dieser Beziehung einer jeden Kraft zukommt. Der Wille zur Macht enthüllt an dieser Stelle seine Natur: er ist Prinzip der Synthesis der Kräfte. […] Die Synthesis ist die der Kräfte, ihrer Differenz und Reproduktion; die ewige Wiederkehr ist die Synthesis, deren Prinzip der Wille zur Macht ist.«[49]
Das Entscheidende für Deleuze ist, daß zwischen diese beiden Komponenten (Genealogie und Macht, Hervorbringung und Ausdruck) keine Trennung vorgenommen wird. Würde die Manifestation von dem Akt der Setzung geschieden, verfällt das Denken in die ›Sklaven-Moral‹, die Kräfte werden ›reaktiv‹.[50]
3. Nietzsches Wille(n)
Eine der zentralsten Stellen für Deleuze Nietzsche-Interpretation – von Deleuze selbst als »[e]iner der wichtigsten Texte Nietzsches«[51] zur Frage des ›Willens zur Macht‹ bezeichnet[52] – ist der Aphorismus 619 in der zweiten Ausgabe der mehr als fragwürdigen Kompilation Der Wille zur Macht von 1906. Er befindet sich dort in der von Gast und Nietzsches Schwester – einer Notiz Nietzsches für die Gliederung des verworfenen Projektes folgenden – erstellten Gliederung im dritten Buch (»Prinzipien einer neuen Wertsetzung«), zweiten Teil (»Der Wille zur Macht in der Natur«), erster Abschnitt (»Die mechanistische Weltauslegung«). Seine berichtigte Fassung in der Kritischen Gesamtausgabe (mit der zeitlichen Einordnung des Fragments in den Bereich Juni – Juli 1885) lautet:
»Der siegreiche Begriff ›Kraft‹, mit dem unsere Physiker Gott und die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß ihm eine innere Welt zugesprochen werden, welche ich bezeichne als ›Willen zur Macht‹, d.h. als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen Trieb usw. Die Physiker werden die ›Wirkung in die Ferne‹ aus ihren Principien nicht los: ebensowenig eine abstoßende Kraft (oder anziehende) Es hilft nichts: man muß alle Bewegungen, alle ›Erscheinungen‹, alle ›Gesetze‹ nur als Symptome eines innerlichen Geschehens fassen und sich der Analogie des Menschen zu Ende bedienen. Am Thier ist es möglich, aus dem Willen zur Macht alle seine Triebe abzuleiten: ebenso alle Funktionen des organischen Lebens aus dieser Einen Quelle.«[53]
Deleuze übernimmt aber dabei weder die Version aus Der Wille zur Macht noch die aus der Kritischen Gesamtausgabe. Letztere stand ihm noch nicht zur Verfügung und von der ersten war man schon in den fünfziger und sechziger Jahren größtenteils abgekommen – zugunsten der Neuordnung der Fragmente durch Würzbach in Umwertung aller Werte.[54] Nichtsdestoweniger bleiben sie verfälscht. Deleuze überträgt den für ihn entscheidende Auszug aus dieser Stelle entsprechend seiner Quelle mit:
»Der siegreiche Begriff ›Kraft‹, mit dem unsere Physiker Gott und die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß ihm ein innerer Wille zugesprochen werden, welchen ich bezeichne als ›Willen zur Macht‹.«[55]
Statt »es muß ihm eine innere Welt zugesprochen werden« steht bei Deleuze »es muß ihm ein innerer Wille zugesprochen werden«. – Diese drei scheinbar geringfügige Veränderungen ergeben einen gänzlich veränderten Sinn.
Deleuze übernimmt also eine Formulierung, die nicht von Nietzsche stammt. Peter Gast hat diese ›Korrektur‹ bei der Vorbereitung der Druckfassung der Handschrift Nietzsches vorgenommen.[56] Deleuze stark physikalistisch ausgerichtete Lesart versteift sich an dieser Stelle auf den angeblich ›genauen‹ Wortlaut. Der oben zitierte Text legt ihm nahe, »jedes Wort zu kommentieren«[57].
»Der Begriff der Kraft ist seiner Natur nach siegreich, weil das Verhältnis der Kraft zur Kraft, so wie es in diesem Begriff gefaßt wird, ein Herrschaftsverhältnis ist: von zwei miteinander in Beziehung stehenden Kräften ist die eine die herrschende die andere die beherrschte. […] Gleichwohl bedarf der siegreiche Begriff der Kraft einer Ergänzung, die wiederum etwas Inneres, ein innerer Wille ist. Fehlt ein solcher Zusatz, wäre jener nicht siegreich: Denn die Kräfteverhältnisse bleiben unbestimmt, solange man nicht der Kraft ein Element hinzufügt, das imstande ist, sie in zweifacher Hinsicht [nach Qualitäts– sowie Quantitäts-Differenz; S.G.] zu bestimmen.«[58]
Doch der Zusatz fehlt – nicht bei Gast, aber bei Nietzsche.
Es läßt sich vermuten, daß Deleuze diese (veränderte) Stelle sehr willkommen war, da sie sich gut in seine frühen Ansätze zum Entwurf einer variierten, ›zeitgemäße Ontologie‹ einfügt, welche sich aus Theorieelementen von Bergson, Nietzsche und Spinoza zusammensetzte. Besonders bei Spinoza finden sich entsprechende Anleihen zu einer den Körpern innewohnenden Kraft bzw. einem Streben (conatus), das es ihnen ermögliche – ohne selbst nach res extensa und res cogitans geschieden zu sein –, im Zusammentreffen mit anderen Körpern einen neuen (nicht vor-organisierten), ›gemeinsamen Körper‹ zu bilden.[59] Die Idee einer ›inneren Kraft‹ zieht sich dabei sowohl durch die Bergson-, als auch die ganze Nietzsche– und Spinoza-Interpretation.
Wie sich die Interpretation – im Falle korrigiert vorhandener Stellen – anders gestaltet hätte, ist schwer zu sagen. An seiner Grundkonzeption hätte Deleuze sicherlich nicht allzuviel verändert. – Er hätte nur weniger Textbelege vorweisen können. Dennoch sind einige der weiter oben angesprochenen Probleme, welche die strikt anti-dualistische Ontologie Deleuzes heimsuchen möglicherweise auf die unbedingte Unterscheidung von ›Kraft‹ und ›Wille‹ – auch wenn sie dennoch ›Eins‹ sein sollen – zurückzuführen.
Einige Seiten zuvor steht die Stelle, die in der korrigierten Fassung so lautet:
»Unsere Erkenntniß ist in dem Maaße wissenschaftlich geworden, als sie Zahl und Maaß anwenden kann… / Der Versuch wäre zu machen, ob nicht eine wissenschaftliche Ordnung der Werthe einfach auf eine Zahl– und Maßscala der Kraft aufzubauen wäre… / — alle sonstigen ›Werthe‹ sind Vorurtheile, Naivetäten, Mißverständnisse… / — sie sind überall reduzierbar auf jene Zahl– und Maß-Scala der Kraft.«[60]
Deleuze hingegen übernimmt aus Umwertung aller Werte die Stelle mit einem entscheidend anderen Schluß: »Sie sind überall reduzierbar auf jene Zahl– und Maßskala der Macht.«[61] – Hier also »Macht« anstatt »Kraft«! Einige Seiten später wird Deleuze eben die Kraft als das Verhältnis deklarieren, das unter den Differenzen gilt und eben als Aspekt des Willens zur Macht zu ›messen‹ ist. [62]
Eine weiter Stelle, die Deleuze anführt, lautet in der Nachlaßfassung: »›Mechanistische Auffassung‹: will nichts als Quantitäten: aber die Kraft steckt in der Qualität: die Mechanistik kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.«[63] Die Stelle heißt aber bei Deleuze: »›Mechanistische Auffassung‹: will nichts als Quantitäten: allein die Kraft steckt in der Qualität.«[64] Über Würzbach (bzw. Gast) wird »aber« zu »allein«. Der Unterschied ist hier nicht so gravierend, wie in den beiden oberen Beispielen, aber dennoch verstärkt die Ausschließlichkeitserklärung die Interpretation Deleuzes in die von ihm gewünschte Richtung: ›Kraft‹ ist für Deleuze alleiniger Aspekt der Qualität.[65]
4. Willensbekundung
Wie sich angedeutet hat, bleibt die auf den ersten Blick stimmige Deutung des ›Willens zur Macht‹ (als Vorstellung, Naturgesetz oder Ontologie) bei Nietzsche durch Gilles Deleuze fragwürdig.[66] An einigen Stellen – wobei eine davon als die zentrale Stelle für die Interpretationsarbeit ausgewiesen ist – zeigten sich Textdifferenzen zwischen der von Deleuze zitierten Textausgabe und der als ›authentisch‹ geltenden. Es läge der rhetorische Schluß nahe, diese philologischen Mängel mit dem Theorem des ›differenzierenden Willens zur Macht‹ – nach Deleuze – zu belegen und Deleuzes Interpretation so (doch noch) über die Mängel seiner – zugegeben historisch bedingten – ›Textarbeit‹ zu stellen.
Aber gerade dies würde bestätigen, daß Deleuze ein Vorgehen der Interpretation der Texte wählt, die von vornherein auf den Ausgang festgelegt sind. – Auf das eigene Theorem nämlich. Im Falle von Deleuzes Arbeit ›an‹ Nietzsche: der ›Wille zur Macht‹ als ›Kräftefeld‹ zur Produktion von Differenzen sowohl nach deren qualitativen als auch quantitativen ›Graden‹. Dabei werden sowohl die Idee der ›doppelten Affirmation‹ durch den Syllogismus des Herren als auch (gerade) die Idee einer Vielfalt von Manifestationen des ›Willens zur Macht‹ in eins gesetzt mit eben diesem. (Die Herkunft, ›die Genealogie‹ dieser Interpretationsrichtung war, wie oben angedeutet, durch einen Versuch der Synthese von Bergson und Spinoza und Nietzsche erklärbar.)
Die Zerstückelung Nietzsches – und paradoxerweise ist gerade dies der Vorgang der ›authentischen Reproduktion‹ – in Textfragmente, wie sie durch die Nachlaßarbeit geschieht, eröffnet schon bloß im Formalen die Unsynthetisierbarkeit des Textsinns (wenn man so will:) a priori. Aber auch diese – die Nachlaßarbeit – hat ihr heimliches ›Band‹: die Zeit. – Die ›Zeit der Niederschrift‹ als letzter Halt in der Unzahl der Seiten, Zettel und Hefte. Um bei Kant zu bleiben: Der ›innere Sinn‹ gewährt Kontinuität (nicht ›chronologisch‹, nicht ›ontologisch‹ – aber ›editorisch‹) noch ›vor‹ dem/r der ›äußeren Sinn/e‹ der Interpretation/en, die täuschen kann bzw. können.
Und dies führt zur Ambivalenz der Interpretation auch nach der ›vorinterpretativen‹ Textarbeit der kritischen Edition: Die Interpretation wird – will sie einheitsstiftend sein – dem Text Deutungs-Gewalt antun, oder sie wird sich – will sie (text-)gerecht sein – von der Gewalt der sukzessiven Darbietungsform selbst in Stücken reißen lassen (müssen).[67]
Daß Nietzsches Schwester (und sie und Der Wille zur Macht sind in dieser Hinsicht für einander Substitute) der Skandal der Philosophie war und ist, ist wohl weniger auf ihre Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus zurückzuführen – dies konnte die Philosophie immer gut verarbeiten – als auf ihre Weise den Text bzw. die Zeit des Textes, genauer: der Textproduktion, zu unterwerfen.
Anmerkungen
[1] Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Herbst 1887, 9[188], Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe [= KSA], hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München, Berlin, New York, 2. Aufl., 1988 [1967–1977], Bd. 12, 450.
[2] Anlaß dieser Untersuchung war ein Workshop zur philologischen Arbeit an
Nietzsches Texten, den Rüdiger Schmidt zusammen mit Marie-Luise Haase und Jörg
Salaquarda 1996 für die Stiftung Weimarer Klassik in Weimar durchführten, und
aus dem ein Arbeitskreis für die folgenden Jahre hervorging. – Ein besonderer
Dank gilt Jörg Salaquarda für die Korrektur und Kritik dieses Textes.
[3] Selbst die letzte ›Bastion‹, die der analytischen Philosophie, wurde durch die Arbeiten von Richard Rorty für eine Argumentation mit und gegen Nietzsche geöffnet. (In entscheidender Instanz in Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie, aus dem Amerikanischen von Michael Gebauer, Frankfurt/M., 2. Aufl., 1992 [1979], 387–427, später mit größerem Selbstverständnis in Kontingenz, Ironie und Solidarität, aus dem Amerikanischen von Krista Krüger, Frankfurt/M. 1991 [1989], 162, 201.)
[4] Zu denken ist hier in Deutschland besonders an die Arbeiten von Jürgen Habermas, der an den Wurzeln des ›Übels‹ der an Nietzsche orientierten – seiner Meinung nach anti-aufklärerischen – neueren französischen Philosophie des Poststrukturalismus und der Postmoderne zu ›graben‹ sucht. (Vgl. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt/M., 3. Aufl., 1991 [1985], »Eintritt in die Postmoderne: Nietzsche als Drehscheibe«, 104–129.)
[5] Zur Philosophie in Frankreich ›nach‹ Sartre und Kojève vgl. den Überblick von Vincent Descombes, Das Selbe und das Andere. Fünfundvierzig Jahre Philosophie in Frankreich. 1933–1978, Frankfurt/M. 1981 [1979].
[6] Beide, die jüngere französische Rezeption Nietzsches und die Neuedition der Schriften, – das darf nicht vergessen werden – trugen maßgeblich dazu bei, Nietzsche vom Vorwurf ›faschistoiden Denkens‹ zu befreien.
[7] Gilles Deleuze, Nietzsche und die Philosophie, aus dem Französischen von Bernd Schwibs, Hamburg 1991 [1962].
[8] Eine weitere, kleine Schrift Deleuzes über Nietzsche (Nietzsche. Ein Lesebuch, aus dem Französischen von Ronald Voullié, Berlin 1979 [1965]) ist ein stärker an der Abfolge der Schriften Nietzsche orientiertes Buch, welches neben der Zusammenstellung wichtiger Lektürestellen im Anhang den zentralen Aufsatz, »Nomaden-Denken« (ebd., 105–121) – gehalten im Juli 1972 auf dem wegbereitenden Kolloquium »Nietzsche aujourd’hui?« in Cerisy-la-Salle –, über die ›praktische Anwendung‹ und die Umsetzung von Nietzsches Denken durch Deleuze enthält. – Zu der für Deleuze wichtigen Thematik des ›Nomadismus‹ in Nietzsche vgl. auch Wolfgang Welsch, »Nietzsche über die Zukunft Europas: Tyrannen oder Nomaden«, in: Sichtweisen. Völker und Vaterländer, hg. v. der Stiftung Weimarer Klassik, Weimar 1995, 87–108.
[9] In erster Linie war die Verbreitung von Deleuzes Buch natürlich frankreichintern vor sich gegangen und beeinflußte insbesondere die Arbeiten von Jean-François Lyotard, Michel Foucault und Jacques Derrida, sowie anderer, die sich um eine psychoanalytische Theorie auf gesellschaftlicher Ebene bemühten, d.h. Versuche die Synthese Freud-Marx mit Hilfe Nietzsches zu befördern. (Die erste größere Arbeit zu Nietzsche ›nach‹ Deleuze stammt von Pierre Klossowski (Nietzsche und der Circulus vitiosus deus, München 1986 [1969]), welche ausdrücklich Deleuze gewidmet war.) – Zur Rezeption Nietzsches in Frankreich vgl. auch James J. Winchester, Nietzsche’s Aesthetic Turn: Reading Nietzsche After Heidegger, Deleuze, Derrida, Albany 1994; sowie Jacques Le Rider, Nietzsche in Frankreich, aus dem Französischen von Heinz Jatho, mit einem Nachwort von Ernst Behler, München 1997 [1993].
[10] Es gilt im folgenden zu beachten, daß Deleuze den späten Nietzsche zwar nicht mehr nach Der Wille zur Macht, der Zusammenstellung von Förster-Nietzsche und Gast, zitiert, aber nach der Zusammenstellung des Spätwerkes durch Würzbach, Umwertung aller Werte, da er zur Zeit des Entstehens der Untersuchung noch nicht nach der Ausgabe, die Colli und Montinari besorgten, zitieren konnte. (Umwertung aller Werten [= UaW], aus dem Nachlaß zusammengestellt und hg. v. Friedrich Würzbach, mit einem Nachwort von Heinz Friedrich, München, 2. Aufl., 1977 [1969], ist die wiederaufgelegte Zusammenstellung von Das Vermächtnis Friedrich Nietzsches. Versuch einer neuen Auslegung allen Geschehens und einer Umwertung aller Werte, aus dem Nachlaß und nach den Intentionen Nietzsches geordnet von Friedrich Würzbach, Salzburg, Leipzig 1940.)
[11] Zum folgenden vgl. bereits Stephan Günzel, Immanenz. Zum Philosophiebegriff von Gilles Deleuze, Essen 1998, bes. 73–79.
[12] Was darüber hinaus notwendigerweise die Annahme eines urteilsfähigen Cogitos sowie eine dualistische (real-ideal) Auffassung der Welt impliziert.
[13] Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, zweite, korrigierte Auflage, aus dem Französischen von Joseph Vogl, München, 2. Aufl., 1997 [1969]. – Als einer der wenigen Nicht-Heideggerianer seiner philosophischen Generation läßt schon der Titel die Kampfansage Deleuzes an den von seinen philosophischen Zeitgenossen und Weggefährten als Differenztheoretiker gepriesenen, aber von Deleuze als Identitätsdenker entlarvten Autor von Sein und Zeit erkennen.
[14] Deleuzes zweite philosophische Arbeit (nach einer Schrift über den Empirismus David Humes) drehte sich um Henri Bergson. (Zu dem für Deleuze wichtigen Prozeß der Differenzierung in Bergson vgl. Gilles Deleuze, Bergson. Zur Einführung, zweite, überarbeitete Auflage, hg. und übersetzt von Martin Weinmann, Hamburg, 2. Aufl., 1997 [1966], 115–142. Vgl. dazu auch Deleuze, Differenz und Wiederholung, 348 f.).
[15] So z.B. die Versinn(bild)lichung der übersinnlichen Ideen in ihren Abbildern bei Platon oder die Überführung des Vielen als ›Schein‹ auf seinen Gehalt in der Einheit des Vielen als ›Wesen‹ bei Hegel.
[16] ›Organisierung‹ wird hier im Gegensatz zu dem statischen Begriff der ›Ordnung‹ verstanden. – Nämlich als ein dynamisches Konzept, das zunächst die Hervorbringung von ›Neuem‹ anzeigt.
[17] In diesem Sinne beschreiben Deleuze und Guattari das fünfte Prinzip des ›Rhizoms‹, das der Kartographie: »[E]s [sc. das Rhizom] ist Karte und nicht Kopie. Karten, nicht Kopien machen. […] Wenn die Karte der Kopie entgegengesetzt ist, so deshalb, weil sie ganz und gar dem Experiment als Eingriff in die Wirklichkeit zugewandt ist.« (Gilles Deleuze u. Félix Guattari, »Rhizom«, in: dies., Rhizom, mit einem Anhang, aus dem Französischen von Dagmar Berger, Clemens-Carl Haerle, Helma Konyen, Alexander Krämer, Michael Nowak und Kade Schacht, Berlin 1977 [1976], 5–47, hier: 21.) Spezifische Karten, wie z.B. der Typus der ›politischen Karte‹, repräsentieren weder Unmittelbares noch Ewigliches. Je nach Urheber werden darauf künstliche oder gewünschte Zustände verzeichnet, die mitunter Anlaß zu kriegerischen Auseinandersetzungen sein können – ganz zu schweigen von der Tatsache, daß Karten immer nur einen Aspekt (das Klima oder die Grenzen oder die Topographie) betrachten. Somit ist der Konstruktivismus ein doppelter: Perspektive und Wunsch.
[18] Wolfgang Welsch, Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt/M. 1996 [1995], 356.
[19] Deleuzes Konzeption der Simulakra wurde von ihm erstmals 1961 in einem Text zum Verhältnis von Platon und Lukrez entwickelt. (Vgl. Gilles Deleuze, »Trugbild und antike Philosophie«, in: ders., Logik des Sinns, aus dem Französischen von Bernhard Dieckmann, Frankfurt/M. 1993 [1969], 311–340 [1966], veröffentlicht ist. – Endgültig ist der Platonismus auch hier nicht getilgt, da die jeweilig vorangegangenen Aktualisierungen als ›Quasi-Urbilder‹ für neue Differenzierungen herhalten müssen.
[20] Eine populäre Konzeption des ›Begehrens‹ ist die des Psychoanalytikers Jacques Lacan gewesen, welcher das Begehren wesentlich durch einen Mangel begründet sah: Dem Mangel in der Erfahrung des Symbolischen, dessen Urheber man selbst nicht ist (Wort Gottes, Gesetz des Vaters), gegenüber der Erfahrung des Realen, das man selber ist (fragmentierter Körper). Ein Ausweg bot sich Lacan dabei in der Annahme einer Sphäre des Imaginären (die Sphäre der Einbildungskraft). In dieser wird der fragmentierte Körper als eine Totalität vorgestellt, die der Allmacht der symbolischen Ordnung beizukommen scheint. Anstatt diese Imagination – wie Deleuze und auch Guattari – als Aktualisierung (Organisierung) im Realen zu verstehen, bleibt sie bei Lacan ›Phantasma‹ – und damit mangelhaft (vgl. dazu auch die Darstellung von Gerda Pagel, »Lacan: Einführender Überblick über einen schwierigen Denker und Erörterungen einiger Kritiken und Kontroversen«, in: Psychoanalyse und Philosophie. Lacan in der Diskussion, hg. v. Bernard H. F. Taureck, Frankfurt/M. 1992, 32–59).
[21] Artaud verkündet den ›organlosen Körper‹ in einem Text zu einer Radiosendung von 1948, die kurz vor ihrer Ausstrahlung von der Zensur verboten wurde: »Denn binden sie mich, wenn sie wollen, aber es gibt nichts Sinnloseres als ein Organ. Wenn sie ihm [dem Menschen; S.G.] einen Körper ohne Organe hergestellt haben, dann werden Sie ihn von allen Automatismen befreit und ihm seine wirkliche und unvergängliche Freiheit zurückerstattet haben.« (Antonin Artaud, Schluß mit dem Gottesgericht. Das Theater der Grausamkeit. Letzte Schriften zum Theater, aus dem Französischen von Elana Kapralik, München 1980 [1974], 29.) – Vgl. dazu auch S. Günzel, Immanenz, 14–37).
[22] So sind Schauspieler, Hypochonder, Masochisten, Schizophrene u. a. in den Augen von Deleuze und Guattari solche, die sich einen organlosen Körper erschaffen, die einen ›immanenten Gebrauch‹ von ihrem Körper machen ohne dabei auf Transzendenzen (Text, biologische Funktion, sexueller Höhepunkt, eindeutige Sinnzuschreibung) zu rekurrieren. – Zur Aufnahme des organlosen Körpers vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari, »28. November 1947 – Wie schafft man sich einen organlosen Körper?«, in: dies., Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie 2, aus dem Französischen von Gabriel Ricke und Ronald Voullié, hg. v. Günther Rösch, Berlin 1992 [1980], 205–227 [1974]).
[23] Vgl. Gilles Deleuze, Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie, aus dem Französischen von Ulrich Johannes Schneider, München 1993 [1968], 17–25. – ›Ausdruck‹ bei Spinoza läßt sich als dreigliedrig begeifen: das Auszudrückende (Signifikat), das Ausdrückende (Signifikant) und darüber hinaus der Ausdruck (Aktualisierungsvorgang) selbst. Die klassische (und zum Teil moderne) Vorstellung der Repräsentation ist damit gebrochen und weist eher Gemeinsamkeiten mit antiken Zeichenvorstellungen – wie z.B. die der Stoa – auf.
[24] Zum Verhältnis Kant-Nietzsche bei Deleuze und Deleuzes Nietzsche-Interpretation vgl. Ronald Bogue, Deleuze and Guattari, London, New York 1989, 15–34; sowie die erste deutschsprachige Monographie zu Deleuze und Nietzsche von Thomas Lange, Die Ordnung des Begehrens. Nietzscheanische Aspekte im philosophischen Werk von Gilles Deleuze, Bielefeld 1989.
[25] Jacob Rogozinski, »Ohnmacht (zwischen Nietzsche und Kant)«, in: Gilles Deleuze. Fluchtlinien der Philosophie, hg. v. Friedrich Balk und Joseph Vogl, München 1996, 80–92, hier: 80. – Jedoch gibt Rogozinski zu bedenken, daß beim späten Nietzsche wie auch bei Kant eine »Oberflächenflucht« (ebd., 81) zugunsten ›tiefer Gedanken‹ stattfand.
[26] In Logik des Sinns verfaßte Deleuze ein Kapitel bzw. eine der ›Serien der Paradoxa‹, wie die Kapitel in diesem Buch heißen, »Von den drei Philosophenbildern«. Die drei Philosophenbilder, das ist zum ersten der ›vorsokratische‹ Philosoph, ihm entgegengesetzt und ihn überwindend – oder auch ›aufhebend‹, wie es später im Kanon dieser Philosophie heißt – steht zweitens der ›nachsokratische‹ Philosoph, der Platoniker oder Dialektiker. Zeichnet dieser sich durch den Aufstieg aus der Höhle aus, in der Trugbilder die Menschen verblenden, hinauf zu den Ideen und der Idee der Ideen, der Sonne, so jener durch das Verharren in der Höhle bzw. in der dunklen Tiefe des Denkens. Beide operieren mit einem Bild des Denkens, das eine ›Geographie des Denkens‹ mit sich bringt. Der Platoniker hat sich das Wesen des (dialektischen) Aufstiegs zu eigen gemacht. »Sobald man fragt ›Was heißt, sich im Denken orientieren?‹, wird deutlich, daß das Denken selbst schon Achsen und Orientierungen voraussetzt, denen gemäß es sich entwickelt, daß es über eine Geographie verfügt, noch bevor es eine Geschichte hat, daß es Dimensionen absteckt, noch bevor es Systeme entwirft. Die Höhe ist der eigentliche platonische Orient. […] Der vorsokratische Philosoph verläßt die Höhle nicht und meint im Gegenteil, daß man sie noch nicht genug zur eigenen Sache gemacht habe, noch nicht genug in sie eingedrungen sei.« (Deleuze, Logik des Sinns, 162 f.) – Nietzsches Kritik an der ›Philosophie der Höhe‹ wie auch der der ›Tiefe‹ führt ihn mittels seines Gebrauchs der Aphorismen zu einer Analyse dieser beiden Denktypen und darüber hinaus zu einer weiteren Figur, dem dritten der Philosophenbilder, den des ›Außenseiters‹ in der griechischen Philosophenlandschaft: den Megariker, den Zyniker und besonders den Stoiker. »Es handelt sich um eine Neu-Ausrichtung des ganzen Denkens und all dessen was Denken bedeutet: Es gibt keine Tiefen und keine Höhen mehr. Die zynischen und stoizistischen Spötteleien gegen Platon sind nicht zu zählen: Immer geht es darum, die Ideen zu entmachten und zu zeigen, daß sich das Unkörperliche nicht in der Höhe, sondern an der Oberfläche befindet, daß es nicht die höchste Ursache ist, sondern oberflächliche Wirkung par excellence, daß es nicht Wesen ist, sondern Ereignis« (ebd., 165).
[27] Deleuze, Nietzsche, 86.
[28] Ebd., 84.
[29] Ebd., 85.
[30] »We must be careful with the question ›Qui?‹,
however, because in Deleuze’s Nietzsche the answer it seeks will never be found
in an individual or collective subject, but rather in a presubjective force or
will.« (Michel Hardt, Gilles
Deleuze. An Apprenticeship in Philosophy, Minneapolis 1993, 31).
[31] Deleuze, Nietzsche, 45.
[32] Der Schritt zu Deleuzes Variante der Buchkritik des Aphorismenschreibers Nietzsche ist nicht weit: »Kulturell ist das Buch zwangsläufig eine Kopie: schon Kopie seiner selbst, Kopie eines vorangegangenen Buches desselben Autors, Kopie anderer Bücher […].« (Deleuze u. Guattari, Rhizom, 38) Selbst der opportune Erkenntnisschritt zur ›Intertextualität‹, der den Glauben an die Geschlossenheit eines Buches als Metaphysik anprangert, verbleibt im Denken des Buches, das als Text immer schon ›intertextuell‹ war. – Zu einer veränderten Nietzsche-Betrachtung unter dem Blickpunkt des Schreibens und der Schrift vgl. Alexander Nehamas, Nietzsche. Leben als Literatur, aus dem Amerikanischen von Brigitte Flickinger, Göttingen 1991 [1985]; sowie Sara Kofmann, »Nietzsche und die architektonische Metapher. Metaphorische Bauwerke«, in: Architektur als politische Kunst, hg. v. Hermann Hipp u. Ernst Seidl, Berlin 1996, 191–211.
[33] Vgl. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift, KSA 5, 270–289.
[34] Die ›Anthropologisierung‹ der Dialektik wurde in Frankreich durch Alexandre Kojèves Hegelvorlesungen forciert, indem er das Verhältnis als ein wesentlich Vernichtendes darstellt und den Knecht – wie Marx – als den aufbegehrenden Proletarier der Revolution begreift. »Der Herr tritt nur auf, um den Knecht hervorzubringen, der ihn als Herrn ›aufhebt‹, indem er sich damit als Knecht selbst ›aufhebt‹.« (Alexandre Kojève, Hegel. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. Mit einem Anhang: Hegel, Marx und das Christentum, Frankfurt/M., 3. Aufl., 1988 [1947], 65.) – Hardt bemerkt dazu, daß sich Nietzsches Kritik nicht an die Herr-Sklaven-Dialektik aus Phänomenologie des Geistes (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke in 20 Bänden, auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe, Redaktion Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt/M. 1986 [1970], Bd. 3, 145–155) richtet, sondern an die Beschreibung des dialektischen Prozesses in Wissenschaft der Logik, nach der Nietzsche sowohl sein Gegenkonzept wie auch ›seine‹ eigene Hegel-Darstellung konstruiert. (Vgl. Hardt, Gilles Deleuze, 37 f.) Möglicherweise ist Deleuzes Differenzbeschreibung näher an Hegel, als er es von seiner Intention her zulassen kann. »Im Denken bin ich frei, weil ich nicht in einem Anderen bin, sondern schlechthin bei mir selbst bleibe […] und meine Bewegung in Begriffen ist eine Bewegung in mir selbst.« (Hegel, Phänomenologie des Geistes, 156.) Bei Hegel ist es ebenfalls der Herr, der zwangsläufig in der Gegenseitigen Anerkennung, die zur Konstitution des Selbstbewußtseins nötig ist, untergehen muß. – Marx, der in der erkennbaren Trennung von Mensch und Maschine, d.h. Körper und Geist, verbleibt, überträgt dieses Figurenspiel auf die lebendige Arbeit und das tote Kapital, dem sich jene zwangsläufig unterwirft und so ent-fremdet wird. Der Proletarier muß sich der Produktionsmittel bemächtigen, um die Entfremdung aufzuheben. Bei Deleuze wird durch die Verwerfung des Dualismus die Entfremdung dementgegen zur Aufgabe in einer organisierten Gesellschaft, die nur durch diese Trennung funktionieren kann. Die Vermeidung der Rückführung in gesellschaftlich bereitgestellte Identität(en) ist daher das primäre Gebot.
[35] Descombes, Das Selbe und das Andere, 186 f. – Dazu Foucault: »Was Nietzsche den Entstehungsherd des Begriffs des Guten nennt, ist weder die Energie der Starken noch die Reaktion der Schwachen, sondern die Bühne, auf der sie einander gegenübertreten und auf der die einen den anderen unterliegen […].« (Michel Foucault, »Nietzsche, die Genealogie, die Historie«, in: ders., Von der Subversion des Wissens, hg. und übersetzt von Walter Seitter, Frankfurt/M. 1987 [1971], 69–90, hier: 76 f. – Vgl. auch Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, KSA 5, 258–260).
[36] Descombes, Das Selbe und das Andere, 188.
[37] Ebd., 193.
[38] Ebd., 191.
[39] Ebd., 190.
[40] Solch ein Denken würde ebenfalls unter die Bestimmung eines phonozentristischen Denkens nach Derrida fallen, da der Inhalt (Manifestation) von seiner Materie (Akt) geschieden ist. Dem entgegen denkt und lebt der ›Herr‹ die Untrennbarkeit des Aktes vom Inhalt als Ausdruck. – Die Parallele zu Deleuzes Spinoza-Deutung ist offenkundig.
[41] Den eigentlich labilen Zustand des ›Herrn‹ erörtert Descombes, wonach die Kreativität von allen Seiten durch die Reaktion bedroht ist. »Der Herr ist nicht mehr Herr, wenn er nicht den Sklaven als Sklaven ignoriert. Auf keinen Fall darf der Herr wissen, daß der Sklave reine Verneinung ist, sondern muß die sklavische Verneinung für andere Bejahungen halten.« (Descombes, Das Selbe und das Andere, 194.) Damit allerdings kommt Deleuzes differentielles Kriterium zu Fall, da die ›echte Differenz‹ des Herren aus seiner Sicht nichts anderes als eine übersteigerte Selbstwahrnehmung, d.h. somit ein Identitätsverhältnis ist. Auf der Ebene der Begriffspersonen ›Herr‹ und ›Sklave‹ funktioniert demnach das konzipierte Differenzverhältnis nicht! – Gegen die Stimmigkeit des Differenzkonzeptes überhaupt wendet sich Dirk Baecker in seinem Aufsatz zu Deleuze, »Was leistet die Negation?«, in: Gilles Deleuze. Fluchtlinien der Philosophie, hg. v. Friedrich Balk und Joseph Vogl, München 1996, 93–102. Ein Denken, das sich aller Beschränkungen entledigt, ist zu einer fast unmöglichen Selbstkonstitution verdammt. Baeckers Alternative allerdings, in der er auf den Mathematiker Spencer-Brown zurückgreift und mit Hilfe einer Unterscheidung in Operationen erster und zweiter Ordnung argumentiert, benötigt die von Deleuze überbordete Trennung in materielle und ideelle Welt. In der mit Operationen erster Ordnung – der menschlichen Tatkraft – schon geschaffenen Differenzen in der Welt können Operationen zweiter Ordnung – die sprachlichen – auf Vorstrukturiertes zugreifen, ohne weitere Thematisierung der Operationen erster Stufe.
[42] Wie andere hebt Deleuze hier die moralische Dimension der ›Ewigen Wiederkehr‹ bei Nietzsche hervor, in der man eine radikale Individualisierung des kategorischen Imperativs erkennen kann: Maß ist nicht mehr wie bei diesem die von Kant veranschlagte Gemeinschaft aller vernünftiger Wesen, sondern die (reine) Form der (ewigen) Zeit als Ermöglichungsbedingung von bewußter, willentlicher Handlung. Geltung hat nicht mehr was eigentlich ›sein soll‹, sondern nur was überhaupt wirklich ›sein wird‹ (vgl. Deleuze, Nietzsche, 75–78)..
[43] In der geschichtlichen Wirklichkeit, zumal für Nietzsche im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bahnte es sich an, daß die ›Sklavenmoral‹, das Ressentiment, sich durchsetzen würde, ja müßte, da die ›Herrenmoral‹ an sich die fragilere ist. »Überall sehen wir den Triumph des ›Nein‹ über das ›Ja‹, der Reaktion über die Aktion. […] Diesen allgemeinen Sieg der reaktiven Kräfte und des Willens zur Verneinung nennt Nietzsche ›Nihilismus‹ – oder den Triumph der Sklaven.« (Deleuze, Nietzsche, 27). – Vgl. dazu auch Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, KSA 5, 270 f.
[44] Nietzsches Muse und Biographin Lou von Salomé, der die erste und äußerst wichtige Darstellung von Nietzsches Werken aus seiner Persönlichkeit her zu verdanken ist, verdeutlicht, daß die Figuren des Herrn und des Sklaven weniger historische als psychologisch-kulturelle Figuren – also Typologien – sind. »Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vorneherein weniger darum, den Gegensatz zwischen Herrn-Moral und Sklaven-Moral geschichtlich zu fixieren, als um Feststellung der Thatsache, daß der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist, beide Gegensätze in sich trägt, daß er das leidende Resultat einer solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Instinkt-Werthung ist. […] Alle Kultur als solche beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, daß ohne diesen Vorgang, ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche Seele ›flach‹ und ›dünn‹ geblieben wäre« (Lou Andreas-Salomé, Friedrich Nietzsche in seinen Werken, hg. v. Ernst Pfeiffer, Frankfurt/M., Leipzig 1994 [1894], 226 f.).
[45] Deleuze, Nietzsche, 79.
[46] Vgl. Friedrich Nietzsche, Dionysos-Dithyramben, »Klage der Ariadne«, KSA 6, 298–401, hier: 401.
[47] »The love of Ariadne for Dionysus is the affirmation of the eternal return; […] Dionysos is the god of affirmation, but it takes Ariadne to affirm affirmation itself […]. Ariadne’s affirmation is a double affirmation […], or, more properly, it is a spiraling, infinite affirmation – affirmation raised to the nth power. Ariadne’s creation of pure being is an ethical act, an act of love.« (Hardt, Gilles Deleuze, 50.) – Wie Baecker, Descombes und Frank übt auch Rogozinski Kritik an Deleuzes Differenzkonzeption. In dem Versuch, einen ›besseren‹ Begriff von der Ewigen Wiederkunft als Wiederkehr der Affirmation zu erstellen, »bestünde der Fehler von Deleuze auch hier wieder darin, der dualen Logik nachgegeben zu haben, darin, zwei Horizonte der Zeit und zwei Konzeptionen der Wiederkehr […] einander entgegengesetzt zu haben.« (Rogozinski, »Ohnmacht«, 92).
[48] Nach dem Begriff des Duns Scotus nennt Deleuze sie auch ›Heacceitäten‹ (›Diesheiten‹) (vgl. Deleuze, Differenz und Wiederholung, 58–66).
[49] Deleuze, Nietzsche, 56.
[50] Vgl. ebd., 46–50.
[51] Ebd., 56.
[52] Erstmals auf diese Stelle in textkritischer Hinsicht aufmerksam gemacht hat Müller-Lauter. (Vgl. Wolfgang Müller-Lauter, »›Der Wille zur Macht‹ als Buch der ›Krisis‹ philosophischer Nietzsche-Interpretation«, in: Nietzsche Studien. Internationales Jahrbuch für die Nietzsche Forschung, hg. v. Ernst Behler, Eckhard Heftrich, Wolfgang Müller-Lauter, Jörg Salaquarda und Josef Simon, Bd. 25, Berlin, New York 1995, 223–260, hier: 257 f.) – Der französische Wortlaut bei Deleuze: »Un des textes les plus importants que Nietzsche écrivit pour expliquer ce qu’il entendait par volonté de puissance est le suivant: ›Ce concept victorieux de la force, grâce auquel nos physiciens ont créé Dieu et l’univers, a besoin d’un complément; il faut lui attribuer un vouloir interne que j’appellerai la volonté de puissance.‹« (Gilles Deleuze, Nietzsche et la philosophie, Paris, 9. Aufl., 1994 [1962], 56.) – Dort ist die Stelle mit »VP [sc. Volonté de Puissance], II, 309« belegt. Sie verweist also auf die 1935 und 1937 publizierten Übersetzungen von Geneviève Bianquis nach der Zusammenstellung von Der Wille zur Macht in der ›Musarion‹-Ausgabe, welche die Übersetzung Henri Alberts von 1903 in Frankreich ersetzt. – Er entspricht nicht dem Aph. 309 in Der Wille zur Macht. Im Folgende wird deshalb von der deutschen Übersetzung des Deleuze-Textes durch Bernd Schwibs und den Angaben aus Würzbach ausgegangen.
[53] Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Juni—Juli 1885, 36[31], KSA 11, 563. – Die Version der dreizehnten Auflage der Kröner-Ausgabe folgt dem Wortlaut und modernisiert ›nur‹ zweimal die Rechtschreibung und verändert zweimal die Satzzeichen: »Prinzipien« statt »Principien«, »Tier« statt »Thier«, »anziehende). Es hilft« statt »anziehende) Es hilft«, »abzuleiten; ebenso« statt »abzuleiten: ebenso«.
[54] Dort befindet sich die Stelle im zweiten Buch, Aph. 302. (Einziger Unterschied liegt in der Kursivierung. Würzbach hebt »›Kraft‹« hervor – »innerer« und »zugesprochen« hingegen nicht).
[55] Deleuze, Nietzsche, 56.
[56] Die ›aktualisierte‹ Kröner-Ausgabe (Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte [= 2WM], ausgewählt und geordnet von Peter Gast unter Mitwirkung von Elisabeth Förster-Nietzsche, mit einem Nachwort von Walter Gebhard, Stuttgart, 13. Aufl., 1996) erzeugt dabei den Eindruck, diese Version habe sich schon seit jeher in Der Wille zur Macht befunden. Über Umwege wird allerdings – wie gezeigt – die »Verfälschung zweiten Grades« (Müller-Lauter, »Der Wille zur Macht«, 259) deutlich.
[57] Deleuze, Nietzsche, 57.
[58] Ebd.
[59] Spinozas Affekten-Lehre wird von Deleuze in seinen Arbeiten zu Spinoza ausgeführt: Die Bildung von ›Gemeinbegriffen‹ (notio communis) im Zusammentreffen von zwei Körpern, die durch die Übereinstimmung ihrer Affektionen instantan ›gute Ideen‹ (durch ›freudige Affekte‹) bilden, zeigt Ansätze zu einer Ethik, die sich Kants spätere Vorstellung einer Universalisierbarkeit der Handlung und so gegen den allgemeingültigen Rahmen in die diese wiederum gestellt werden muß, entgegensetzt. Spinoza hat hingegen in seiner Ethik jeweils nur Handlungen im Sinn, die nicht transzendental geformt sind, sondern sich mit und am konkreten anderen ›ereignen‹ (vgl. Deleuze, Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie, 243–256; sowie Gilles Deleuze, Spinoza. Praktische Philosophie, Berlin 1988 [1981], 159–169).
[60] Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Frühjahr 1888, 14[105], KSA 13, 282 f.
[61] Zitiert nach Deleuze, Nietzsche, 49. – Allerdings zitiert hier selbst Würzbach richtig »Kraft« statt »Macht«! (Vgl. UaW, 2. Buch, Aph. 346.) Woher Deleuzes Zitat stammt ließ sich nicht feststellen. (Im franz. Orig. mit »VP, II, 352« belegt). Würzbach zitiert von der ersten Ausgabe der Textzusammenstellung aus dem Jahre 1940 an richtig. – Die Stelle war in 2WM nicht aufzufinden.
[62] An dieser späteren Stelle im Text, in der der Vergleich der Kräfte als »konkrete[] Physik« thematisiert wird, führt Deleuze dabei einen der seiner Meinung nach »größten Aussprüche des Willens zur Macht« (Deleuze, Nietzsche, 65) an. Er lautet bei Deleuze: »[M]an hat die Starken immer zu beweisen gegen die Schwachen« und wird mit »UaW, 1. Buch, Aph. 365« belegt. In 2WM entspricht das Fragment aus dem der ›Ausspruch‹ stammt dem Aph. 685, das von Nietzsche mit »Anti-Darwin« überschrieben worden ist. In der korrigierten Nachlaßfassung steht darin anstatt »beweisen« aber »bewaffnen«! (Vgl. Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Frühjahr 1888, 14[123], KSA 13, 304.) – Es kommt hier zwar zu keiner Verkehrung des Sinns wie in dem vorangegangenen Beispiel, die Bedeutung jedoch wird immens radikalisiert, auch wenn sie sich im Kontext des von Nietzsche bevorzugten militärischen Vokabulars wiederum relativiert.
[63] Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Herbst 1885—Herbst 1886, 2[76] KSA 12, 96.
[64] Zit. n. Deleuze, Nietzsche, 49. – Vgl. UaW, 2. Buch, Aph. 42 [»VP, II, 46«] – wie in KSA mit »Zur Physiologie der Macht« überschrieben. (Eine von Deleuze in der Fußnote als »fast identisch« (Deleuze, Nietzsche, 221, Fußnote 19) angegeben Stelle ist der Aphorismus Nr. 181 [»VP, II, 187«] – bei Würzbach nach 2WM, Aph. 660 mit »Der Leib als Herrschaftsgebilde« betitelt –, ebenfalls im zweiten Buch. Dieser entspricht – bis auf Veränderungen in den Satzzeichen – das Fragment aus der oben genannten Stelle der Ausgabe Colli/Montinari. Eine doppelte Fassung im Nachlaß war nicht auszumachen).
[65] Ein anderes Beispiel mit unbedeutenderer Veränderung: »Man erräth: das Problem ist das vom Sinn des Leidens: ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer Sinn… Im ersten Falle soll es der Weg sein zu einem seligen Sein, im letzteren gilt das Sein als selig genug, um ein Ungeheures von Leid noch zu rechtfertigen« (Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, 14[89], KSA 13, 266). – Bei Deleuze liest sich: »gilt das Sein als heilig genug, um ein Ungeheures von Leid noch zu rechtfertigen« (Deleuze, Nietzsche, 21; bzw. UaW, 4. Buch, 469 [»VP, IV, 464«] – 2WM, Aph. 1052). Das Sein gilt bei Deleuze und Würzbach, bzw. Gast als ›heilig‹, während es für Nietzsche nur ›selig‹ war. – Weitere, interessante Beispiele sind zum einen die Ersetzung von einem Nachlaßfragment, in dem Nietzsche über sich selbst in Anrede seines Namens schreibt. Hier setzen Würzbach und mit ihm Deleuze freiweg die Ich-Form. (Vgl. Deleuze, Nietzsche, 216, Fußnote 32 bzw. UaW, 4. Buch, 561 mit Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, Frühjahr 1888, 14[14], KSA 13, 225.) Dies ist besonders aus Sicht der dekonstruktivistischen Lektüre Derridas spannend, in der Bedeutung der dezentrierten und im wörtlichen Sinne ›exzentrischen‹ Selbstbeschreibungen Nietzsches hervorgehoben wird; deren Lesart durch Deleuze hier aber verstellt ist. (Vgl. Jacques Derrida, »Nietzsches Otobiographie oder Politik des Eigennamens. Die Lehre Nietzsches«, in: Fugen. Deutsch-Französisches Jahrbuch für Text-Analytik, Bd. 1, Olten, Freiburg i.Br. 1980, 64–98.) An einer anderen Stelle schließlich, die bezeichnenderweise nicht aus dem Nachlaß stammt, wird aus Zur Genealogie der Moral »imaginativer« mit »imaginäre[n] [sic!]« wiedergegeben. (Vgl. Deleuze, Nietzsche, 96 bzw. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, KSA 5, 326.) Deleuze scheint hier ein vermeintlich bei Nietzsche vorliegendes strukturalistisches Vokabular willkommen.
[66] Das in dem späteren, zusammen mit Guattari verfaßten Text, freigelegte ›Prinzip‹ des ›Rhizoms‹ zeigt eine stärkere Adäquanz mit Nietzsches Konzept des ›Willens zur Macht‹ als einem universellen Prinzip auf – ohne das hier jedoch auf Nietzsche in diesem Sinne direkt Bezug genommen würde.
[67] Wie so (allzu-)oft gibt es dabei aber auch wieder die ›dritte‹ Möglichkeit – die des produktiven Auswahl von Textstücken. Diese nicht unbeliebte Form der Texthandhabung, die nicht selten im Falle von Textüberfülle oder sogar im Falle des ›Umdenkens‹ durch den Autor selbst vorgeschlagen wird, betrachtet die Texte als ›Fundus‹ oder bezeichnet sie gerne auch als ›Werkzeug‹ bzw. ›Werkzeugkiste‹. – Mit Nietzsche geschah dies bereits – weniger erfreulich – durch die Herausgabe von Aphorismenbänden für den Nachttisch oder als Frontlektüre und – erfreulicher – durch eben solche kontroversen Arbeiten, wie der von Deleuze. Letztere Gruppe wird, so ist zu hoffen, durch die multiple ›Vernetzung‹ und ›Vervielfältigung‹ Nietzsches (durch digitalisierte Textversionen und die alternierenden Versionen, die durch die Nachberichte aufgezeigt werden) noch um so einige ›neue Nietzsches‹ bereichert werden.
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