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Stephan Günzel Geophilosophie Nietzsches philosophische Geographie Berlin: Akademie Verlag 2001, 337 S. |
Kurztext
Wanderschaft und Denken. – Wie kein anderer hat Nietzsche diese Verbindung in seinem Leben und Schreiben hergestellt. Im gleichen Maße, in dem er sich als Philosoph stets an neuen Positionen versucht, experimentiert er mit den Orten seiner Existenz. Dieses Charakteristikum findet seinen Ausdruck zunächst in der räumlichen Form der Texte Nietzsches, den thematisch grenzziehenden und zugleich stilistisch Atmosphären bildenden Aphorismen.
Darüber hinaus war Nietzsche aufgrund seines empirischen Interesses ein intensiver Leser erdkundlicher und erdgeschichtlicher Werke. Hierdurch entsteht in seinen Texten eine von der Rezeption bislang nur unzulänglich erschlossene Mischung aus geographischen Metaphern und Referenzen.
In der Studie von Stephan Günzel wird erstmals Nietzsches Abwendung vom zeitgenössischen, historistischen Denken entlang geologischer und kartographischer Leitmotive nachgewiesen. Diese sind der Schlüssel zum Verständnis der metaphorischen Landschaftsschilderungen und ihrer Erhebung zur philosophischen Konzeption in dessen Werk.
Wie Vergleiche mit Platon, Kant und Hegel zeigen, stellen besonders die geographischen und kosmologischen Motive des Zarathustra - das Meer, die Wüsten, die Berge, der Himmel und die Sonne - eine Kritik am traditionellen Bildgebrauch in der Philosophie vor Nietzsche dar.
Inhalt
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Inhalt |
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Danksagung |
9 |
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Eine erste
Auslegung |
11 |
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I. Was ist Geophilosophie? |
15 |
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1. Geographie
– philosophisch und kritisch |
19 |
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1.1. Daten der Geographie |
19 |
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1.2. Holismus
und Kritik (in) der Geographie |
22 |
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2. Geopolitik |
27 |
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2.1. Von
den Anfängen der Geopolitik |
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2.2. Transformation und Fortsetzung |
30 |
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3. Geomantik |
33 |
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3.1. Nietzsche contra Bachofen |
33 |
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3.2. Geomantie |
35 |
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3.3. Geomantik
als philosophische |
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4. Geopsychologie |
39 |
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5. Geohistorie |
42 |
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5.1. Historische
Landschaftskunde |
42 |
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5.2. Nietzsche in der Géohistoire |
45 |
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6. Geopoetik |
47 |
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7. Geophilosophie |
51 |
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7.1. Zwischen
Geosophie und Geophilie |
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7.2. Philosophische Ansätze |
54 |
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7.3. Die Geophilosophie und Nietzsche |
59 |
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7.4. Heinrich
Romundts Aufruf zur |
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7.5. Von der Phänomenologie zur Gaiologie |
66 |
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7.6. Kritische
Geophilosophie |
69 |
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Nietzsche, heute
wieder? |
73 |
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II. Nietzsches
Geographisierung |
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1. Nietzsches Kontexte |
79 |
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1.1. Hegels Geschichtsphilosophie |
80 |
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1.1.1. Hegels Vorgehen |
81 |
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1.1.2. Dialektik und Gravität |
83 |
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1.2. Gegen Hegel denken |
87 |
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1.2.1. Burckhardts Geschichtsverständnis |
87 |
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1.2.2. Schopenhauers Erbe |
88 |
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1.2.3. Pragmatische Geschichte |
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1.2.4. Hegels Einstufung der
pragmatischen |
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1.3. Hegels
historiographischer Determinismus |
97 |
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1.3.1. Kriterien der geographischen |
99 |
|
1.3.2. Die Sonderstellung
Europas und der Gang |
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2. Kritik der Geschichtsphilosophie |
109 |
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2.1. Nietzsche
und die pragmatische |
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2.1.1. Physische Geographie und
historischer |
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2.1.2. Nietzsches
Antworten auf Hegel |
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2.2. Vom Pragmatismus zur Praxis –
Nietzsches |
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2.2.1. Klassifizierung und
Beurteilung |
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2.2.2. Die
dritte Stelle im Schema |
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2.2.3. Vergessen und plastische Kraft |
123 |
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2.3. Über eine Auslassung im
Text der zweiten |
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2.3.1. Der Exkurs über »die Inder«
und das |
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2.3.2. Kritik
der kulturellen Wahrnehmung |
131 |
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2.4. Nietzsches Ausblicke |
133 |
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2.4.1. »Gesundete Historie« und
die Funktion |
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2.4.2. Die Gegenwart: »Zeitalter der |
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2.4.3. »Richter-Sein« |
138 |
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2.4.4. Die Zukunft: Verwaltung der
»Erde als |
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Zwischenresümee |
143 |
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Exkurs: Heideggers
und Deleuzes |
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A. Sein und Wiederholung |
147 |
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a. Heideggers früher Rekurs auf
Nietzsche in |
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b. »Geschichtlicher Boden« |
150 |
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B. Differenz und Wiederholung |
154 |
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a. Deleuze über die topologische
Wende |
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b. Aktives
Vergessen – Ein neues Bild des |
157 |
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c. Topologie |
161 |
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d. Die
Leichtigkeit der Erde |
164 |
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e. Himmel und Erde |
167 |
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3. Nietzsches Leitmotive für eine
philosophische |
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3.1. Die Pflugschar und der Maulwurf |
171 |
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3.2. Eine Geologie der Moral |
178 |
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3.2.1. Hammer – Nietzsches Werkzeug |
178 |
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3.2.2. Geophonie – 10.000 Jahre Moral |
181 |
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3.2.3. Dynamit – Geschichtssprengung |
183 |
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III. Nietzsches
geoklimatisches Denken und |
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1. Material: Nietzsche und die Geographie |
189 |
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1.1. Erste Beschäftigungen Nietzsches
mit der |
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1.2. Ratzels Anthropo-Geographie |
191 |
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1.3. Trolles Anthropo-geographischer Versuch |
196 |
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1.4. Geographische Empfehlungen von
Köselitz |
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2. Nietzsches Klimatographie |
200 |
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2.1. Nietzsches klimatischer Determinismus |
200 |
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2.1.1. Klimatolinguistik |
201 |
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2.1.2. Kulturklimate |
204 |
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2.2. Moralische Landkarten und |
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2.2.1. Nietzsches Klimamodell |
209 |
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2.2.2. »Medicinische Geographie« |
211 |
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2.2.3. Klimamaschinen |
214 |
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2.2.4. Kritik am ȟberklimatischen |
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2.3. Nietzsches Klimawechsel |
218 |
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2.3.1. Klimabiographie |
218 |
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2.3.2. Wanderschaft |
220 |
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2.3.3. Nietzsche: Staatenlos,
nordisch und |
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2.4. Tropen – Nietzsches Süden und die Wüste |
229 |
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2.5. Das Klima der Hyperboreer |
234 |
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3. Kartographien |
241 |
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3.1. Der Sinn der Landschaften |
241 |
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3.1.1. Sonne |
243 |
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3.1.2. Himmel |
247 |
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3.1.3. Meer |
249 |
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3.1.4. Berge |
255 |
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3.2. Die historisch-politische
Geographie |
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Epilog |
265 |
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Siglenindex |
267 |
|
Friedrich Nietzsche |
267 |
|
Gesamtausgaben |
267 |
|
Einzeltexte |
267 |
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Archive |
268 |
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Arthur Schopenhauer |
269 |
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Andere |
269 |
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Literaturverzeichnis |
271 |
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Namensindex |
307 |
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Sachindex |
315 |
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|
Epilog
»Wer einst die Menschen fliegen lehrt, der hat alle
Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen,
die Erde wird er neu taufen – als ›die Leichte.›‹«
Nietzsche
Wenn Nietzsche der »Beginn einer Gegenkultur« ist, so deshalb, da er in vielerlei Hinsicht und auf verschiedene Weisen mit der traditionellen philosophischen Kultur gebrochen hat, gegen sie dabei jedoch weniger ressentimentgeladene Affekte hervorbrachte, als sich vielmehr ihre Fragen innerhalb ihrer Problemstellungen aneignete, anverwandelte, sie boykottierte oder unterminierte und bewußt in ihrem Horizont verweilte. Getragen von einem erdflüchtigen, antigravitätischen Idealismus, der gegen die vormaligen Bedingungen starrer Grenzen in den Karten philosophischer Diskurse und Monologe gerichtet war, aber in materialistischer Treue zu eben der Erde, die dem Philosophieren zugrundeliegt, richtete Nietzsche sein Denken auf die eigentliche Individualität: die Erde, das teilbare Unteilbare.
Die Probleme der Subjektivität oder der Struktur, des Ganzen und des Einzelnen, der Bedingtheit oder der Unbedingtheit sind zuallererst Fragen, welche sich bei der Konzeption einer Erde, der Bestimmung des Verhältnisses ihrer geographischen Oberfläche zu ihrer geologischen wie historischen Tiefe, der Verteilungen, Konzentrationen und Orientierungen auf ihrem Körper, der Begriffsbildung meteorologisch-klimatischer oder territorialer Bedingtheit sowie ihrer Lage und Stellung im mentalen wie physischen Kosmos stellen. – Erst danach werden sie auf die humane Individualität übertragbar.
Anthropologische Bestimmungen und Aporien haben in logischer Hinsicht somit ihre Vorläufer in terrestrischen: In metaphysischer Hinsicht ist die Erde eine, sie ist die Individualität, sie ist einzigartig im All – und weit wichtiger: eine geschlossene Entität, Monade ohne Transzendenz. In phänomenologischer Hinsicht ist die Erde ›viele‹, da sie den Boden und die Räume der Welten auf ihr zur Verfügung stellt. Diese differieren untereinander in ihrem Autonomie- bzw. ihrem gegenseitigen Abhängigkeitsgrad. Innerhalb des Einschreibungs- und Umschreibungsprozesses werden Übergänge gebildet und genutzt, abgebrochen und errichtet. Das ist ihre aktuelle Realität und Wirklichkeit: Transzendenzen werden im kritischen Denken, in die Erdimmanenz überführt und konstituieren Erd-Welten, Raum-Grenzen und brüchige Kontinua. Wieder ist ein Umdenken der Gefüge zunächst am Körper der Erde zu vollziehen und sodann erst an dem des Menschen, zuletzt schließlich an der philosophischen Konzeption des Geistes.
Das die abendländische Philosophien bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein bedingende Spannungsverhältnis des klimatographischen Diskurses von Freiheit und Determinismus, Geschichte und Geographie, wird heute mitsamt seiner Auswirkung auf die intern philosophische Begriffs- bzw. Metaphernbildung in ganz anderen Bereichen sowie seinen externen Auswirkungen auf die geopolitische Aktivität dieses Kulturkreises nach dem Enden dieses Denkens freigesetzt, so daß es möglich wird, auf die Bedingungen dieses Diskurses und seine Formen zu reflektieren.
Nietzsche treibt die Ablösung des Geschichtsparadigmas in der Philosophie voran, wobei sein Gegenentwurf strukturell wie auch figürlich geographische Züge trägt: So richtet das im vormals historischen Denken in diachroner Weise auf Kontinuitäten zielende Ordnungsschema seine Kategorisierungen anhand gegenwartsbezogener Phänomene nun synchronisch aus. Nietzsche betrachtet Kulturen als Klimate, als kontingent nebeneinanderliegende, permeable Atmosphären, nicht mehr als notwendig aufeinander folgende, geschlossene Epochen. Ein Nachhall des ›historischen‹ Geschichtsdenkens findet sich in der nach philologischer bzw. historisch-kritischer Manier konzipierten Untersuchungsweise der Genealogie, welche, halb aristokratische Ethik mit graecophilem Gepräge, halb positivistische Bilanz mit selbstironischem Reflex, nach der Herkunft globaler, psychisch-politischer Konstellationen der Gegenwart fragt und sich in diesem Zuge den Mechanismus territorial-räumlicher Definitionsmacht aneignet.
Geophilosophie nach Nietzsche ist aufgrund dieser Konfiguration ein kritisches Geschäft. – Sie ist Kritik der territorialen Metaphysik: Einerseits durch das Aufdecken ihrer Denk- bzw. Begriffsgefüge, andererseits durch die Konfrontation mit einem utopischen Gegenentwurf in territorialmetaphysischer, landschaftlicher Sprache, Gleichnissen wie Bildern. Positiv hat eine derartige Geophilosophie darum (in historisch-klimatologischer wie in kategorialer Hinsicht) stets an ihrer Auflösung mitzuarbeiten, übertritt sie den bloß skeptischen Rahmen. Dies macht die Philosophie ferner in einer ganz anderen Hinsicht geographisch: In ihrer Zwitterstellung als Wissenschaft, welche es ausschließlich mit dem Besonderen zu tun hat, übt sie eine regulative Brückenkopffunktion zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften aus, indem sie den ideologischen wie auch idiosynkratischen Zugriff der Begriffe anzeigt, die Konventionalität der linguistischen Karten und das beobachterbedingt Artifizielle.
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