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Stephan Günzel Immanenz. Philosophie in der Blauen Eule, Bd. 35 |
Inhalt
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1. |
Vorhaben |
9 |
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2. |
Der organlose Körper |
14 |
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2.1. |
Artaud |
14 |
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2.2. |
Der Organismus im Kontext des Poststrukturalismus: Derrida und Foucault |
19 |
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2.3. |
Der organlose Körper bei Deleuze und Guattari |
23 |
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2.3.1. |
Der Organismus im historischen Verständnis |
23 |
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2.3.2. |
Formen organloser Körper |
26 |
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2.3.3. |
Der Körper des Masochisten |
36 |
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Exkurs I: Nietzsche |
37 |
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2.4. |
Sacher-Masoch und de Sade |
41 |
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2.4.1. |
Interpretation und Sprache |
42 |
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2.4.2. |
Von den zwei Naturen des Sadisten |
44 |
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2.4.3. |
Das Warten des Masochisten |
46 |
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2.4.4. |
Die Frau und der Grieche |
50 |
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2.5. |
Gesetz, Humor und Ironie |
52 |
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2.6. |
Nietzsches Humor und die Philosophie der Oberfläche |
57 |
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Exkurs II: Bergson – Nietzsche – Spinoza |
66 |
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Bergsons Ontologie |
68 |
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Nietzsches Kritik |
73 |
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Spinozas Ethik |
80 |
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3. |
Die Immanenzebene |
89 |
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3.1. |
Zur Geschichte des Begriffs ‘Immanenz’ |
89 |
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3.2. |
Psychoanalyse und Plateau |
92 |
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3.2.1 |
Lacan und das Begehren |
93 |
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3.2.2. |
Bateson und das Plateau |
96 |
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3.3. |
Das Territorium und Guattari |
99 |
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3.3.1. |
Uexküll und die Ethologie |
100 |
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3.3.2. |
De- und Reterritorialisierungsprozesse |
104 |
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3.4. |
Philosophie, Wissenschaft, Logik und Kunst |
109 |
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Exkurs III: Bacon – Maler der Immanenz |
113 |
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3.5. |
Die Immanenzebene in der Philosophie |
116 |
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3.5.1. |
Die Pädagogik des Begriffs und das Stottern der Sprache |
116 |
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3.5.2. |
Das Werden der Begriffsperson |
121 |
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3.5.3. |
Die Immanenzebene der Freunde |
124 |
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3.5.4. |
Geophilosophie |
130 |
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4. |
Die Immanenz – Ein Leben? |
136 |
Einleitung
In seinem Nachruf auf den Freund Gilles Deleuze bemerkt Jacques Derrida abschließend:
»Ich werde Gilles Deleuze wieder und immer wieder lesen um zu lernen, und ich werde nun ganz allein in jenem langen Gespräch herumirren müssen, das wir zusammen führen wollten. Meine erste Frage hätte, glaube ich, Artaud gegolten, dann seiner Interpretation eines ›organlosen Körpers‹, und jenem Wort ›Immanenz‹, an dem er immer festgehalten hat, um ihn etwas sagen zu hören, was uns heute verschlossen ist. Und ich hätte versucht, ihm zu sagen, daß mich sein Denken seit fast vierzig Jahren niemals verlassen hat. Wie sollte es das künftig tun?«
Diese Fragen zu beantworten, kann in der vorliegenden Betrachtung nicht geleistet werden. Dennoch geben sie einen Leitfaden für eine Fragerichtung vor. Sie zeigen einen Weg in und durch das Werk von Gilles Deleuze, und – das darf nicht vergessen werden – auch durch das von Félix Guattari. Dieser, der knapp drei Jahre vor dem Freitod seines Mitautors und Freundes Deleuze starb, war auch für die Begriffe des ›organlosen Körpers‹ und der ›Immanenz‹ von entscheidender Bedeutung. In dem verwobenen Schreiben der beiden Denker ist es noch schwieriger als bei den wenigen anderen Beispielen von Co-Autorenschaft in der Philosophie (z.B. Adorno und Horkheimer oder Marx und Engels), Inhalte einem der beiden Denker zuzuordnen. – Doch auch dies war eine Intention ihres Schreibens: Texte zu produzieren, die sich – da sie keine zentrale Idee oder Aussage vertreten – nicht von einer zentralen Instanz (dem Autor) verfassen und zeichnen lassen.
»Wir sind überhaupt nicht sicher, Personen zu sein: ein Luftzug, ein Wind, ein Tag, eine Stunde des Tages, ein Fluß, ein Ort, eine Schlacht, eine Krankheit haben eine Individualität, die nicht persönlich ist. Sie haben Eigennamen. Wir nennen sie ›Haecceitäten‹.«
Demnach ist es aussichtslos, eine Antwort auf die Fragen Derridas zu suchen, die ihn, wie er selbst treffend bemerkt, in einem »langen Gespräch herumirren« lassen würden. Aber man kann sich durch genaue Lektüre der Texte von Deleuze und jenen, die in Zusammenarbeit mit Guattari entstanden sind, dem Philosophiebegriff Deleuzes nähern.
Eine derartige Annäherung wird erschwert durch die pauschalisierende Kritik bzw. die bloße Affirmation, die den beiden französischen Denkern in Deutschland bisher entgegengebracht wurde. Das Rezeptionsspektrum, das lange Jahre noch durch die dem Poststrukturalismus skeptisch gegenüberstehende Verlagspolitik erschwert wurde, schien kaum mehr als zwei Pole zu besitzen: Auf der einen Seite die Anschuldigungen, die Deleuzes und Guattaris Denken als ›konservativ‹ bisweilen ›faschistoid‹ bezeichnen – was schon durch das genau entgegengerichtete politische Engagement Deleuzes und Guattaris offensichtlich falsch und ein Phänomen nur hierzulande zu sein scheint, wonach man dem Unbekannten die eigenen Fehler zuschreibt. Auf der anderen Seite die bloße Wiederholung einiger Schlagworte, wie z.B. des Plädoyers für ›rhizomatische Strukturen‹, dem aber schon im nächsten Moment durch hierarchische – also gerade nicht-rhizomatische – Basistheoreme widersprochen wird.
Auch um dieser Rezeptionssituation zu begegnen, wird im folgenden der Zusammenhang und die Transformation einer Thematik betrachtet werden, die für das Schreiben Deleuzes – und Guattaris – von konstitutiver Bedeutung war. Die These dieser Betrachtung ist, daß der Begriff ›organloser Körper‹, der kein ›Begriff‹ im Sinne von Deleuze und Guattari, sondern vielmehr die Bedingung zur Erschaffung von Begriffen ist, eine psychopathologische Variante des Terminus ›Immanenz‹ bzw. ›Immanenzebene‹ darstellt. In anderen Texten wird er auch als ›Konsistenzebene‹ oder ›Plateau‹ bezeichnet.
Eine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der philosophischen Herkunft von Deleuze, der als einer der Philosophen des ›Mai ‘68‹ besonders durch seine ›anti-akademische‹ – und das heißt in einer durch Kojèves anthropologische Hegeldeutung und Sartres subjektivistischen Humanismus geprägten Philosophielandschaft ›anti-dialektische‹ – Haltung in die Philosophie eingegriffen hat. Begleitend zu der Analyse der Texte Deleuzes – wie auch ihrer Kritik – werden darüber hinaus Beiträge anderer Philosophen des Poststrukturalismus (Derrida und Foucault) und der Postmoderne (Lyotard) herangezogen werden.
Demgemäß kann man das Grundmotiv Deleuzes und Guattaris so fassen, daß die größte Schwierigkeit des philosophischen Denkens darin besteht, eine Philosophie des Werdens zu formulieren, die nicht in eine Dialektik mündet. – Anders gesagt, wie läßt sich das Projekt Heraklits erfüllen, ohne dabei gleichzeitig ›in Hegels zu denken‹? Wie formuliert sich eine Philosophie, die die Einsicht in die Kontingenz von Ereignissen wie auch in die der Historie nicht an eine eschatologische Rahmenerzählung fesseln will?
Ein nicht-dialektisches Konzept des Werdens konfrontiert Deleuze mit dem Problem, daß viele der philosophischen Analysevokabulare und Denkmodelle aus der Dialektik und einem untrennbar damit verbundenen dualistischen Weltbild stammen. Seine eigenen Versuche dagegen arbeiten daran, ein Denken zu beschreiben, das von dialektisch-dualistischen Strukturen frei ist. Wiederum ist die Schwierigkeit dabei – wie sich im Verlauf zeigen wird –, daß in der Absetzung ›von Etwas‹ zwar nicht eine offensichtlich dialektische, aber doch eine dualistische Figur bemüht wird, die im Gegenübertreten von Part und Widerpart besteht, welche die (dialektische) Versöhnung bereits wieder in den Denkhorizont rückt. – Wie ist also ein Differenzdenken möglich, ohne dabei auf identifizierende Strategien zu rekurrieren?
Der Terminus, den Deleuze in diesem Zusammenhang immer wieder bemüht, ist der der ›Immanenz‹. Den traditionellen Gegenbegriff der ›Transzendenz‹ behält auch Deleuze bei. Allerdings haben sich gegenüber der traditionellen Verwendung der Termini die Bedeutungen entscheidend verlagert. Deleuze verfing sich dabei in der angedeuteten Schwierigkeit, dem dualistischen Denken zu entkommen. Doch die entscheidende Zusammenarbeit mit dem ›Nicht-Philosophen‹ Guattari ermöglichte die Ausformulierung eines echten differentiellen Konzeptes des Werdens. Diese Konzeption entstand aus der Kopplung der ›Immanenz‹ an die Analyse ›territorialer Prozesse‹, die im klinischen Kontext zur Beschreibung psychopathologischer Phänomene herangezogen werden. Mittels einer ›Psychopathologie des Denkens‹ – der sogenannten ›Schizo-Analyse‹ – erfolgte die Beschreibung einer Philosophie, die sich als ›Immanenzphilosophie‹ zu behaupten sucht.
Die philosophische Herkunft dieser genannten Begrifflichkeiten kann anhand der frühen anti-dialektischen Arbeiten von Deleuze zu Bergson, Nietzsche und Spinoza gezeigt werden. Vorab soll jedoch in die psychopathologische Kategorialität eingeführt werden, in der der Topos des ›organlosen Körpers‹ eine zentrale Rolle spielt. Dieser – von dem Theatertheoretiker Artaud geprägte Begriff – diente Deleuze und Guattari dazu, konkrete, ›immante‹ Lebensformen zu bestimmen, die sich einer Funktionalisierung durch gesellschaftliche Rahmenvorgaben – in der Sprache der Kommunikations- und Sozialwissenschaften ›Codierungen‹ genannt –, sowohl ökonomischer wie physiologischer Art, widersetzen. Eine solche ›Lebensform‹ – der Masochist – wird dann im weiteren genauer betrachtet, um die Bedeutung von ›Immanenz‹ in verschiedenen Implikationen deutlich zu machen. Diese Betrachtung stützt sich weitestgehend auf eine Literaturanalyse, die Deleuze an Werken des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch erstellte.
Über diesen Durchgang ist es möglich, zu dem zu gelangen, was als Inbegriff des Verständnisses einer immanenten Philosophie und den damit verbundenen Komponenten in dem letzten gemeinsamen Buch von Deleuze und Guattari, Was ist Philosophie?, genannt ist: ›Geophilosophie‹.