Stephan Günzel

Am Nullpunkt des politischen Denkens: die Masse

 

Mit der Freisetzung anonymer, entindividualisierter Menschenmassen, unter dem Eindruck nachhaltiger Kollateralschäden am Gemeinwesen zur Hochzeit der Industrialisierung lassen Philosophie und die sich in diesem Kontext etablierende Psychologie eine im politischen Diskurs bis dahin eher beiläufig gebrauchte Kategorie virulent werden: die »Masse«.

Die Masse, sie arbeitet, demonstriert, stirbt. Sie bedroht die hergebrachten Gefüge durch ihre bloße Anwesenheit. Eine Zähmung der Masse und des ihr innewohnenden revoltierenden Potentials gelingt erst durch die Kanalisierung im Faschismus bzw. schließlich im Nationalsozialismus als »Bewegung«. Die ihr innewohnende Macht wird ihr dabei nicht entzogen, sondern vielmehr durch psychophysiologische Strategien als eine nunmehr legitimierte scheinbar übertragen.


Libidinöse Masse

Der Vortrag widmet sich dieser Entwicklung in einer theoriehistorischen Doppelbetrachtung: Gegeneinandergestellt werden pessimistische Kulturtheorien der Massen (Ortega y Gasset, Jünger, Jaspers) und die ästhetisch fundierte Kritik der Massenverachtung (Broch, Canetti, Theweleit), welche beide aus der Massenpsychologie (Le Bon, Freud, Reich) erwachsen und diese transformiert. Dabei soll deutlich werden, wie gerade Krisensituationen prädestiniert sind, elitärem Denken Vorschub zu leisten.


MoMo-Vortrag am 07.07.2002



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