Stephan Günzel
»Masse« als ästhetisches Problem
0. Epistemologisches Paradox: Notwendigkeit des ästhetischen Zugangs
Faktisch stellt die ›Masse‹ ein Problem für die theoretische Reflexion dar: Ohne auf die Modelle philosophischer und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung an dieser Stelle im Einzelnen eingehen zu können, ist augenfällig, dass ›Masse‹ in allen namhaften Fällen nur negativ, mittels Reklamation einer ihr gegenüberstehenden, älteren – quasi ›adeligen‹ – Elite, bestimmt wird. Die Einheitlichkeit, mit der konservative wie kritische Kulturtheoretiker vor allem in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine Abneigung gegenüber der Masse entwickelt haben, ist frappierend.[1] Der Grund dafür ist nicht bloß der geläufige Kurzschluss, dass Massen als aktive Träger der totalitären Regime auch deren alleinige Ursache waren. Der Grund ist auch eine bezeichnende Leerstelle im theoretischen Gerüst, die ihre Entsprechung im Realen hat: Epistemologisch ist der Zugang zum Innenraum der Masse, also zur Masse als solcher, dem distanzierenden Blick der Analyse unweigerlich entrückt – und zwar gemäß der Definition von Masse: Im Masse-Sein ist der Mensch nicht mehr Mensch, sondern eben Masse. In der Masse ist dieser Massemensch, oder genauer: dieses Masseteil, nicht mehr in Besitz eines irgendwie gearteten freien Willens. Er ist vielmehr bar jeder Selbstbeherrschung und wird in der Masse mit ihr bewegt, geformt und gelenkt. Mit herkömmlicher philosophischer Rhetorik oder kulturgeschichtlichen Modellen ist dem Massephänomen per se also nur in der Weise der Ablehnung beizukommen oder mit Ignoranz zu begegnen.
Im folgenden werde ich anhand der Genese der dazu gegenläufigen Betrachtungsweise der Psychoanalyse zeigen, wie eine zunächst nicht zentrale Zugangsweise zur Massenproblematik den Weg für ein neues Verständnis der Massen ebnete: Dieser Zugang ist wesentlich ästhetischer Art – und das nach Wegfall des epistemischen wie des ethischen Zugangs notwendigerweise. Umso mehr verwundert es, dass das Historische[] Wörterbuch der Ästhetische[n] Grundbegriffe das Thema der Masse gänzlich ausspart.[2]
1. Grundlegung der Massenpsychologie: Le Bon
Die früheste Psychologie der Massen stammt von Gustave Le Bon und datiert auf das Jahr 1895. Erstmals artikuliert sich hier ein Unbehagen und gar eine Unbeholfenheit im Umgang mit dem Phänomen der Masse: Die industrialisierten Massen erobern die bürgerliche Öffentlichkeit, sie rotten sich zusammen und ziehen demonstrierend oder revoltierend durch die Straßen. Le Bon registriert das Neue in seinem bedrohlichen Charakter, honoriert aber auch das emanzipatorische, zumindest neutrale oder auch neutralisierende Element, welches den spontanen Sammlungen innewohnt:
»Vom psychologischen Gesichtspunkt bedeutet der Ausdruck ›Masse‹ etwas ganz anderes. Unter bestimmten Umständen […] besitzt eine Versammlung von Menschen neue, von den Eigenschaften der einzelnen […] ganz verschiedene Eigentümlichkeiten.«[3]
Le Bon wäre kein Psychologe, würde er das benannte Phänomen nicht zugleich fixieren: Er führt dazu den weitreichenden Begriff der »Gemeinschaftsseele«[4] ein, welche die Seelen der Einzelnen im Zustand ihres Masseseins absorbiert und sie wie eine homogene Einheit handeln läßt: »Sie [sc. die Masse] bildet ein einziges Wesen und unterliegt dem Gesetz der seelischen Einheit der Massen (loi de l’unité mentale des foules).«[5] Interessant ist in diesem Zusammenhang die nichtpsychologische Konzeption der Masse:
»Im gewöhnlichen Wortsinn bedeutet Masse eine Vereinigung irgendwelcher einzelner [sic!] von beliebiger Nationalität, beliebigem Beruf und Geschlecht und beliebigem Anlaß der Vereinigung.«[6]
Gerade diese Bedeutung weist auf einen Schwachpunkt in der Auseinandersetzung der Psychologen hin: Was die psychologische oder dann psychoanalytische Betrachtung zu beachten vergisst, ist eben der Anlass einer Massenbildung. – Das Spontane der Zusammenrottung, wodurch sich die Massen im Sinne Le Bons kennzeichnen lassen, bleibt im Verborgenen und ist doch die eigentliche Herausforderung, der Grund, weshalb die Massen akademisch erst von Interesse werden.
Ein Führer macht sich die Tatsache zunutze, dass Massen mittels »geistige[r] Übertragung (contagion mentale)«[7] kommunizieren und sich sodann an den gemeinsamen Ideen ausrichten können. Erstes leitet sich ab aus der physischen Präsenz, der Anwesenheit (der Körper), worin eine Unmittelbarkeit begründet liegt, die sich auf keiner anderen Ebene, in keinem anderen Medium, mit keinem anderen Mittel herstellen lässt. Für Le Bon liegt hier noch ein Phänomen der Hypnose vor, ein Erklärungsmodell nach der zeitgenössischen Vorstellung einer scheinbar grenzenlosen Suggestibilität des bewusstlos gemachten Individuums.
Diese für Le Bon »wichtigste Ursache«[8] hinsichtlich des Funktionierens von Massen, v. a. für die Erklärung offenkundig irrationaler Handlungen, verbaute auf lange Sicht ein Weiterkommen im Verständnis der Massenphänomene: Er hoffte, damit den zweiten Punkt, die Ausrichtung der Massen auf Ideen, erklären zu können. Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass es sich jedoch keineswegs um eine Erklärung, sondern nur um eine andere Beschreibung dessen handelt, was Le Bon zu verstehen sucht: Das ohnehin ungeklärte Funktionieren der Hypnose ist ja nur die Analogie für das Reagieren der Massen auf Stimulation – von Außen wie von Innen. Bei dieser Hilfskonstruktion belassen es denn auch die Versuche, bedingungslose Gefolgschaft wie im Nationalsozialismus zu erklären. Im Grunde wird damit sogar implizit eine Rechtfertigung gegeben, da Einzelne, nach dem Dogma der Massenpsychologie, in ihrem Masse-Sein zu rationalen Entscheidungen gar nicht fähig sein können, und damit auch keine mündigen Personen sind.
Ein Lösungsansatz liegt dabei recht nahe: Die »Kollektivhalluzinationen«[9], so der Terminus Le Bons, funktionieren nach einer bestimmten Logik der Bilder, dem Grund, weshalb Le Bons Vorläufer Gabriel Tarde sein Buch über die Massen aus dem Jahre 1890 auch Die Gesetze der Nachahmung (franz.: Les Lois de l’imitation) nannte. Eine andere Erklärung, abseits pauschaler Verurteilungen der Masse, kann nur hier gefunden werden, da die beständige Prämisse der Massenpsychologie darin besteht, dass zwischen dem (rationalen) Menschen als Individuum und dem (irrationalen) Menschen als Teil einer Masse(nbewegung) kein Übergang besteht, der seinerseits einem Bewusstsein zugänglich sein kann. Lässt man diese Behauptung fallen, so müsste man zugeben, dass der Mensch willentlich an Massen teilnimmt und auch bewusst seinen ›eigenen Willen‹ – sprich: seine eigene Meinung – aufgibt. Dies ist jedoch ebenso paradox wie die erste Erklärung unzureichend ist. So bleibt also nur die Möglichkeit, die Erklärung nicht auf der Seite des Menschen, sondern auf der Seite der Bilder bzw. seiner Wahrnehmungen zu suchen. Ich meine damit nicht eine Klassifikation von Bildern nach massentauglichen und massensperrigen Motiven, sondern die Analyse der Rolle, welche Symbole in dem Gesamtzusammenhang spielen.
2. Logische Aporie der Massenpsychologie: Freud
Die mithin wichtigste Aufnahme und Fortführung des Ansatzes von Le Bon findet sich bei Freud. Bedeutsam ist auch hier die Verschiebung der Koordinaten: Hatte Le Bon die Wirkungen von kollektiven Wahnzuständen nur erahnen können, konnte Freud 1921 bereits die Folgen deren Enttäuschung analysieren. Drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war sein Resümee unter dem Titel Massenpsychologie und Ich-Analyse erschienen. Im Umfeld von Jenseits des Lustprinzips entstanden, markiert der Text zudem die Umstellung in Freuds Denken, seine Abkehr von rein individualpsychologischen Fragen und die folgende Hinwendung zu Themen der Geschichtsphilosophie wie solchen der Kulturwissenschaften.
Freud, der weniger die positiven Züge der Masse betont, erkannte in Le Bons Theorie einer personalisierten Massenseele, die Anteile des Primitiven in sich konserviert habe, den signifikanten Überhang der Rassenlehre und ein Verkennen dessen, was unter dem ›Unbewussten‹ eigentlich zu verstehen sei.[10] Gleich zu Beginn seines Textes hebt Freud auf eine weitere Unzulänglichkeit ab, die darin besteht, dass Le Bon zwar die Massensuggestion zum zentralen Mechanismus der Massenbewegung stilisierte, aber kaum ein Wort über den Hypnotiseur verloren hatte: den Führer der Massen als Zentrum des suggestiven Mechanismus.[11] – Was kaum verwundert, war das Buch Le Bons gerade für die Führer der Massen geschrieben worden, um sie verstehen und beherrschen zu können. Es handelt sich eben nicht um die Psychologie des Führers, sondern um eine der Massen. Den Führer beschreibt Le Bon einzig aus deren Perspektive, wodurch er zwangsläufig als Person mit ›Prestige‹ erscheint, der die Infizierbarkeit der Massen kennt und sie zu seinem Vorteil nutzt.[12]
Anders als Le Bon, der bei der Tatsache der Suggestibilität der Massen stehen bleibt, greift Freud auf den Hinweis Tardes zurück, wonach sich hinter dem »Zauberwort der Suggestion« vielmehr ein Vorgang der »Nachahmung«[13] verbirgt. Freud steht damit als erster am Tor zu einer Analyse des Massenphänomens auf ästhetischen Grundlagen. Doch er vergibt die Chance zugunsten der Einführung eines weiteren Konzeptes der Innerlichkeit, der »Libido«[14], des Liebestriebs als Komponente seiner Affektivitätslehre.
Als Gegenstück zur Todes(sehn)sucht befindet sich die Libido nach Freud im Zentrum aller stabilen Massenorganisationen, wie dem Heer oder der Kirche, die sie bindet. Freud nennt sie »künstliche Massen«, im Gegensatz zu den »flüchtige[n] Massen«[15] der spontanen Demonstrationen und Protestkundgebungen.[16] In den organisierten Massen spielt die »Illusion«[17] eine entscheidende Rolle, die Leitfigur, welche ihre Libido vorgeblich auf jeden Einzelnen ausrichtet. – Dies stellt die Umkehrung der theoretischen Figur dar, wonach die Masse ihre Macht auf den Führer überträgt, ohne sie dabei aufgeben zu müssen. So gilt für die Kirche: »Alle Anforderungen an die Einzelnen leiten sich von d[er] Liebe Christi ab. […] Ähnliches gilt für das Heer; der Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten gleich liebt.«[18]
Im Gegensatz zum Heer stellt die Kirche jedoch die »demokratische[]« Variante einer Massenorganisation dar, »eben weil vor Christus alle gleich sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe haben«[19]. Für Freud steht damit fest, dass eine libidinöse Kraft existiert, die allumfassend wirken kann. Nicht die Qualität oder Sujets der Leitbilder sind hierfür ausschlaggebend, sondern allein die Tatsache, dass kollektive Bindung mittels der Libido hergestellt wird. Auch Freud erklärt damit nicht das Zustandekommen von Massen und nur ansatzweise die gegenseitige Verpflichtung bzw. die entstehende ›Ansteckung‹. Er führt vielmehr eine neue Chiffre ein, um den bereits beschriebenen Umstand neu zu bezeichnen.
Dies wird im weiteren Fortgang seiner Skizze bestätigt, nämlich dann, wenn Freud das Libidokonzept an den vorrangig intrapsychischen Vorgang der Identifikation koppelt. Unter Identifikation versteht er bekanntlich die »Gefühlsbindung an eine andere Person«[20] – im genannten Fall also die der Massenmenschen an die Führerpersönlichkeit. Wie im Falle der »Objektbesetzung«[21] durch das Kleinkind, welches sich – in einer Mischung aus Zuneigung und Ablehnung – zu Teilen mit der Mutter und zu Teilen mit dem Vater identifiziere, führt die »Bindung an den Führer«[22] zu einer »Bindung der Massenindividuen«[23]. Jedoch nicht an den Führer, sondern – das unterscheidet die Kleinkindbindung wesentlich von der Ansteckung in Massen – »gegenseitig[]«[24]. Die Menschen sind in der Masse gar nicht primär auf den Führer ausgerichtet, sondern aufeinander bezogen. Allein diese »affektive Gemeinsamkeit«[25] stellt eine Masse her und hält sie zusammen. Der Vorgang ähnle dem der »Verliebtheit«[26]. »Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht«, so Freud, »ist das der Idealisierung«, worin
»wir erkennen, daß das Objekt so behandelt wird, wie das eigene Ich, daß also in der Verliebtheit ein größtes Maß narzißtischer Libido auf das Objekt überfließt«.[27]
Bis zu dieser Stelle ist Freuds Darstellung plausibel und gleichfalls konsistent: Durch die libidinöse Identifikation kommt es zu einer gegenseitigen Anerkennung ohne Vorbehalte, als Variante des allgegenwärtigen Machtgefühls im Innenraum der Masse. Der Andere ist dabei natürlich keine Person mehr, die sich von ›mir‹ unterscheiden würde, sondern (m)ein Objekt, das mir ganz entspricht bzw. gänzlich nach meiner Vorstellung gebildet ist.
Was sodann aber auf jene Darstellung Freuds folgt, ist eine in ihrer Konsequenz eher rätselhafte Behauptung: Freud geht davon aus, dass der Hypnotiseur (der Massen) schließlich »an die Stelle des Ichideals« tritt und »das Ich« in der Folge eine dargebotene »Wahrnehmung für real hält, wenn die sonst mit der Aufgabe der Realitätsprüfung betraute psychische Instanz sich für diese Realität einsetzt«[28]. Die Hypnose ist nach Freud »eine Massenbildung zu zweien«[29]. Die Idealisierung betrifft nun also die Person des Führers – nicht mehr den zum Objekt eines Begehrens degradierten Mitmenschen aus der Masse, von der ich selbst ein Teil und nur als solcher bin.[30] Für sich ist dies sicher eine naheliegende, gesonderte Beschreibung der Psychologie des Individuums in der Masse. Den Widerspruch zur reziproken Identifikation innerhalb der Masse scheint Freud sodann selbst zu bemerken, wenn er im genannten Zusammenhang schreibt:
»Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Konstitution einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch Züge enthielte, die sich der bisherigen rationellen Aufklärung […] entziehen.«[31]
Meines Erachtens stößt Freud abermals auf die Problematik, dass die Faszination der Massen zwar nur in ihrem Inneren erlebt werden kann und damit nur dort bestand hat, der ›starke Grund‹ des Zusammenseins aber ›von Außen‹ kommt. Das ›irrationale Element‹ bezeichnet nichts weniger als den Bereich der Sinnlichkeit, allen voran den der visuellen Wahrnehmung, im weitesten Sinn: der Symbolerfassung überhaupt. Der Hypnotiseur spielt nur insofern eine Rolle, als er den in der Masse in Auflösung begriffenen Einzelnen dahingehend entlastet, über die Richtigkeit der Bilder selbst entscheiden zu müssen. Freuds abschließende Definition der Massenpsychologie bekräftigt diese Lesart:
»Eine […] primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben.«[32]
Das ›Ich‹ (in) der Masse ist kollektiv, ebenso wie es die ›Massenseele‹ für Le Bon war. Das Objekt (Freud fügt an dieser Stelle eine Grafik in den Text ein, welche die Äußerlichkeit des Objektes, nicht jedoch die seiner Bedeutung behauptet[33]) – ist die vom Hypnotiseur legitimierte Tatsache, d. h deren wahre Repräsentation in einer Massensemiotik. Schließlich spricht für die Deutung, dass Freud ein letztes Merkmal an der kollektiven Wahrnehmung hervorhebt: das der »extremen Reinheit der Erscheinungen«[34], die aus libidinösen Strukturen hervorgehen.[35]
3. Ästhetische Wende: Canetti
Nach Freud gelang es erst Elias Canetti schließlich die Theorie der Masse auf eine neue, dezidiert ästhetische Grundlage zu stellen. Sein Buch über die Masse beginnt wie folgt:
»Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. Man will sehen, was nach einem greift, man will es erkennen oder zumindest einreihen können. Überall weicht der Mensch der Berührung durch Fremdes aus. […] Alle Abstände, die die Menschen um sich geschaffen haben, sind von dieser Berührungsfurcht diktiert. Man sperrt sich in Häuser ein, in die niemand eintreten darf, nur in ihnen fühlt man sich sicher. […] Diese Abneigung vor der Berührung verläßt uns auch nicht, wenn wir unter Leute gehen. […] Selbst dort, wo wir ganz nahe neben anderen stehen, sie genau betrachten und mustern können, vermeiden wir, wenn es irgend geht, eine Berührung mit ihnen. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung […]. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht. In ihrem idealen Fall sind sich alle gleich. Keine Verschiedenheit zählt, nicht einmal die der Geschlechter. Wer immer einen bedrängt, ist das gleiche wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selber spürt. Es geht dann alles plötzlich innerhalb eines Körpers vor sich.«[36]
Canetti beschreibt in dieser Sequenz das Skandalon des Sozialen: Es ist davon auszugehen, dass Menschen die Masse suchen. Nicht etwa weil sie alleine Angst hätten, sondern, weil mensch dort von einer fast metaphysischen Gewalt durchströmt wird, die jeder Beschreibung möglicher Erfahrung eines Einzelgängers spottet. Canetti, der fast zwanzig Jahre an seinem Buch schrieb und sich darin auf keinen einzigen Theoretiker der Masse bezieht, legt den ersten wirklichen Versuch einer kulturtheoretischen Analyse der Masse mit ästhetischen Mitteln vor: Er beginnt dazu von Neuem und er setzt anders ein: Kein Ressentiment peitscht die Massen an, kein Führer kanalisiert ihre Bedürfnisse, nicht steht dabei die Kultur des Abendlandes auf dem Spiel. Es ist die kälteste aller Beschreibungen der Masse und zugleich ihre intimste.
Liest man Canettis »exzentrisches Buch«[37] genauer, öffnet sich ein ganzer Kosmos an Beschreibungen und ein Angebot zu Kategorisierungen unterschiedlicher Typen von Massen. Er legt einen zutiefst sozial-wissenschaftlichen Blick an den Tag, der auch die Selbsttäuschungsprozesse der Massen berücksichtigt und ihre Affektgebundenheit nicht zum gültigen Ersatz moralischer Überlegungen stilisiert. So werden ›offene‹ von ›geschlossenen‹ Massen unterschieden, der Punkt ihres Ausbrechens und Umschlagens markiert, ihre Formationen beschrieben, die Funktionen von Mauern oder Arenen annehmen können, und sich entsprechend nach außen oder innen entladen. Dabei entlastet die Masse den Einzelnen, wenn sie Gefahren von Außen durch Verteilung im Inneren abschwächt, oder die Masse lässt den Einzelnen allein, wenn sie sich verflüchtigt. Massen müssen wachsen, wenn sie bestehen wollen, oder wollen sich verdichten, wenn sie sich festigen müssen. Sie ›stocken‹, bewegen sich ›rhythmisch‹ oder ›zuckend‹, wobei ihre Füße eine Art kulturelle Schrift hervorbringen, die der Rede des einzelnen vorausliegt. Die Masse kann zur Hetzmasse werden, miteinander oder gegeneinander wirken, sich teilen und verlieren. Sie tanzt, feiert, vergeht. Niemals aber stirbt sie.[38] – Die Masse ist vielleicht die archaischste Form menschlicher Zusammenkünfte, ihre Leugnung wird uns deshalb aber noch nicht in einen höheren Kulturzustand befördern können.
Der eigentliche Beitrag Canettis aber liegt in einem noch ganz anderen Bereich: Er führt die »Phänomenologie des Massengeistes«[39] in eine Kritik der Massensymbole über: nicht in eine Verurteilung, aber in eine Hervorhebung ihrer Wirksamkeit. Wie von Le Bon gesehen und von Freud verdrängt[40] wird abermals die Symbolebene zum Fokus der Analyse. Die Symbole oder Ideen der Massen sind aber, wie Freud im Rahmen seines »unzulänglichen [Erklärungsversuchs]«[41] bereits erkannte, nichts externes, sondern selbst Konstitutionsmomente der Masse, auch wenn sie extern vorhanden sind. Canetti greift dies insofern auf, als er nationale Identifikationssymboliken betrachtet, die nicht nur als Leitbilder einer Idee der Nation voranstehen, sondern den Massen selbst mit ihre Form geben. In der Natur der Symbole ist es angelegt, dass sie in realiter selbst als Phänomene von Massierungen auftreten, wie beispielsweise »das Korn und der Wald, der Regen, der Wind, der Sand, das Meer und das Feuer«[42]. »Jedes dieser Phänomene enthält«, so Canetti, »in sich ganz wesentliche Eigenschaften der Masse.«[43] Nimmt man nun diese Formen, wie den dichten, laubgekrönten Wald, und verbindet sie mit nationalen, narrativ und ikonographisch vermittelten Selbsterzählungen, so gelangt man schließlich zu den Symbolen der Masse(n):
»Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald. […] Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz der Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. […] Ihre Sauberkeit und Abgegrenztheit gegeneinander, die Betonung der Vertikalen, unterscheidet diesen Wald von dem tropischen, wo Schlinggewächse in jeder Richtung durcheinanderwachsen.«[44]
Freilich, die Beispiele erscheinen simpel, fast wie eine nachträgliche Bestätigung von Vereinfachungen. Entscheidend ist jedoch der Versuch, um den es hier geht: von der Befindlichkeit des Individuums in der Massen als deren Teil einen konkreten Eindruck zu haben.[45]
4. Kritische Aufnahme des ästhetischen Zugangs: Theweleit
Die Rahmenbedingungen, welche Canetti lieferte, nutzte Klaus Theweleit zwei Dekaden später dazu, seine fundamentale Kritik des nationalsozialistischen Denkens in Form einer ästhetischen Analyse auszuführen: In den beiden Büchern der Männerphantasien werden die Dokumente und Symboliken der NS-Propaganda wie auch der Gegenseite auf Darstellungen von »Aggregatzustände[n] des Körperinneren«[46] betrachtet. Für den Leser befremdlich, setzt Theweleit an einem Punkt an, der unausgesprochen einen Erkenntnisschritt der Lektüre Canettis voraussetzt: Dass Masse-Sein ein körperliches Erleben desselben verlangt. Die Suggestion, die Übertragung der Erregung, vollzieht sich – gemäß der massenpsychologischen Grundannahme – in einem affektiven Ansteckungsprozess innerhalb der Massen.
Die Dokumente der kollektiven Infektion können so auf zweierlei Art gelesen werden: 1. Indem sie übersetzt und ihr Gehalt, d. h. die psychischen Lagen der Beteiligten, in Relation zur Beurteilung der historischen Situation gebracht werden. (Dies ist der geläufige Weg der ›Interpretation‹.) – Oder, 2. die Dokumente werden nach Beschreibungen der Affekte durchsucht und geordnet, ohne den Beteiligten zunächst ›Absichten‹ zu unterstellen. Vielmehr wird das gesamte Setting in seinem Ablauf beschrieben. Die einzige Beschreibung seiner Methode bei Theweleit, seine Grundannahme lautet wie folgt:
»Über das Verhältnis zum eigenen Körper und zu anderen menschlichen Körpern entwickelt sich die Beziehung jedes menschlichen Körpers zur übrigen Objektwelt und aus dieser die Sprechweise dieser Körper von sich, den Objekten, den Beziehungen zu den Objekten.«[47]
Gemäß dem Zeitgeist finden wir bei Theweleit eine deutlich polarisierende Wiedergabe, der zufolge Hybriden weiblicher Urbilder gänzlich durch die männliche Vorstellungskraft erzeugt werden. Eine affektive Besetzung ideeller Territorien formt darin die ganze Erde um zu einem Verbund aus Körperzonen. Sie sind Erzeugnis eines »weißen Terrors«, dessen Psychoanalyse Theweleit unter Rückgriff auf Figuren der Massenpsychologie anstrengt.
In der soldatischen Vorstellungswelt schließlich ist die Masse gedoppelt: Einerseits in eine, an welcher der Soldat teilhat, die ihn vor allem entlastet, wenn es um Situationsentscheidungen geht. Sie werden in der Masse bekanntlich anonym und spontan verwirklicht – oder auf Befehl hin ausgeführt. In beiden Fällen ist der Einzelne von der Verantwortung für sein Handeln entbunden. Diese kämpfende Masse, die Maschinerie des Militärs, wird zum absoluten Identifikationsmoment des Soldaten. Die Masse ist organisiert. Ihre Verkörperung ist das Heer, ihre Symbolik, wie Theweleit mit Canetti feststellt, der aufrechte Wald. Diese Masse ist vertikal ausgerichtet. Andererseits ist die Masse in der Bilderwelt des Kämpfers negativ konnotiert und bildet eine horizontale Masse: Sie ist entrechtetes Objekt, Restbegriff, Abschaum. Die zweite Vorstellung von Masse entspringt dem Bild schmutziger Ströme im und aus dem Körperinneren, wie sie am deutlichsten im Symbol der Menstruation zum Vorschein kommen:
»Spricht der soldatische Mann in negativer Weise mit Verachtung, Haß, Ekel und Angst von der Masse […], so entstammen seine Affekte nicht unmittelbar dem Bezug auf die Menschenmasse selbst; sie entspringen im Bezug auf die ›Masse‹ aus dem eigenen Leib.«[48]
Man muss sich vor Augen führen, dass Theweleit hier nicht mehr auf der Ebene einer bloßen Symbolik spricht. Eben das meinte auch Canetti: Es sind Formen der Verkörperung, gelebte Symboliken. Als erster einer langen Tradition von Analytikern erkennt Theweleit dadurch die paradoxe Situation bzw. gibt dem »faschistischen Massenbegriff« eine Beschreibung:
»Neben der Fähigkeit zur Mobilisierung großer Menschenmassen steht die gleichzeitige Verachtung der Massen durch den Faschisten; er wendet sich an sie; fühlt sich aber gleichzeitig aus ihr erhoben, als Elite gegenüber der niedrigen ›Masse Mensch‹.«[49]
Tatsächlich hat man es also mit zwei verschiedenen Massen zu tun: die »formierte« und die »nicht formierte Masse«[50]. Nachträglich ergänzt Theweleit dadurch Canettis Ansatz um eine Komponente des Freudschen Modells: In der organisierten, faschistischen Masse findet eine Identifikation mit dem intrinsischen, idealisierten Führerobjekt statt. Die Fragilität des dabei konstituierten Ichs ruft in seinem Träger Angst vor Auflösung in unstrukturierten Massen hervor, versinnbildlicht in dem »Gemisch widerwärtiger Körperströme«[51].
Betrachtet man daraufhin das Vokabular der antisemitischen, antikommunistischen und weiblichkeitsformierenden Propaganda, tritt diese durch die Tendenz hervor, vor allem Bildnisse des Strömens, der Fluten oder des Schlamms zu gebrauchen, um seiner Verachtung Ausdruck zu verleihen.[52] Als Muster schlechthin trifft man hierbei auf ein anderes Analogon der frühen Massenpsychologie: den Wilden – verstanden sowohl als Herkunftsort des heutigen Menschen als auch als dessen gegenwärtige Fremde:[53] »Der sich selbst fremd bleibende Körper«, so Theweleit, »ist dann angewiesen auf Identitätsformen, die außerhalb seiner existieren […].«[54] Der politische Motor einer solchen Massenpsychologie ist demnach die Xenophobie und meist nicht weniger als das Produkt einer ›gelungenen‹, durchschnittlichen Ichbildung.
5. Rückkehr der kulturpessimistischen Massenverachtung
Von hier aus gesehen, erlangt die ästhetische Sicht der Dinge eine andere Qualität, als sie in Entwürfen der Existenz- und Lebensphilosophie oder gar der philosophischen Lebenskunst gemeint war, denn die Analyse der symbolischen Systeme und ihrer Verkörperungen ist zunächst nicht affirmativ. Dies wird sie erst im zweiten Schritt, wenn Formen der Existenz selbst zum Ausdruck des Widerstandes gegen jene Verkörperungen werden. Gegenwärtigen Vorschlägen mangelt es aber weitestgehend an einer Auseinandersetzung mit den ideologischen Bedingungen ihrer Entwürfe. Zu nennen wären hier extremistische bzw. extreme Lebensentwürfe, ebenso wird der Rekurs auf Modelle der Freundschaft oder der lebensformenden Selbsterzeugung – zuletzt aber vor allem der Selbst- und Fremdzucht, nämlich der Elitenbildung selbst.
In seiner zweiten Elmauer Rede, über die Verachtung der Massen,[55] greift Peter Sloterdijk abermals auf eine Vorstellung von Masse als bloße Subjektivierungsform zurück. Sloterdijk, der den Zustand der Masse von seiner Sphärenästhetik ausgehend, näherungsweise als den eines »gasförmigen Aggregats«[56] beschreibt, proklamiert dabei eine Haltung der Missbilligung, die der aufgeklärte Mensch den »aktuellen Massen«[57] gegenüber an den Tag legen müsse:
»Aus der Auflaufmasse ist eine programmbezogene Masse geworden – und diese hat sich definitionsgemäß von der physischen Versammlung an einem allgemeinen Ort emanzipiert. In ihr ist man als Individuum Masse.«[58]
Keine neue These angesichts der Vorgeschichte der Massentheorie. – Nach Sloterdijk, der an Theweleits Charakteristik des negativen Massenbildes anschließt, findet sowohl in den faschistischen als auch den populären Massen der Gegenwart eine »horizontale[] Idealisierung« statt, in der sich »eine Selbstanbetung der lüsternsten Mittelmäßigkeit mit Hilfe der Führergestalt als eines öffentlichen Kultmediums«[59] vollzieht. Die These von der Übereinstimmung von Faschismus und Popkultur sowie des Erfolgs von Hitler als Repräsentant des Massemenschen war von Horkheimer/Adorno in den »Aufzeichnungen und Entwürfen« zur Dialektik der Aufklärung vorbereitet worden. – Sie schreiben dort:
»Die faschistischen Herren von heute sind […] Funktionen ihres eigenen Reklameapparats, Schnittpunkte der identischen Reaktionsweisen Ungezählter. […] [D]er Führer [stellt in der Psychologie der heutigen Massen] […] die kollektive und ins Unmäßige gesteigerte Projektion des ohnmächtigen Ichs eines jeden Einzelnen [dar] […].«[60]
Die Wahrheit von Chaplins Hitler-Persiflage liege noch tiefer als die ohnehin tragische Handlung des Films vermuten ließe: Nicht wurde der Barbier zufällig für den Führer gehalten, seine potentielle Ohnmacht als Exemplar der Masse befähigte ihn gerade dazu, den Platz des Führers einnehmen zu können. Der Umkehrschluss also muss lauten, dass sich nicht der Führer die Masse unterwirft, sondern die Masse dem Führer, den sie selbst erst hervorgebracht hat. Dies widerspricht dem Charakter eines Angehörigen der Elite, da er entweder nur sich selbst oder eben einem Führer folgen würde, der nicht vom Volk legitimiert ist.
In einem hat Sloterdijk recht, ohne es jedoch so zu meinen: Strukturell entspricht die heutige Situation in medialer Hinsicht tatsächlich der Deutschlands in der Vorkriegszeit. – Die drahtlose Übertragung der Stimme des Führers mittels des Volksempfängers in jeder ›Guten Stube‹ isolierte bereits die Angehörigen der vermeintlichen Volksmasse voneinander: Als Ganzes wurden sie angesprochen, aber als Einzelne hörten sie zu. Ihre unmittelbaren Reaktionen blieben damit auf einen engen Kreis oder gar ihr bloßes Innenleben reduziert. Die Präsenz der anderen Körper weicht der Präsenz der Stimme. Spontaner Widerstand aus der Masse heraus wird damit verhindert.
Für einen Popstar ist die Livesituation ein großes Risiko: Die Masse der Fans könnte jederzeit den Artisten verurteilen. Medial reproduziert wird das Risiko reduziert, der Erfolg unter Umständen programmierbar. Aber auch der kollektive Genuss kopierbarer Kunst unterliegt dieser Regel. Das wusste bereits Walter Benjamin, wenn er darstellt, dass das Massenmedium Kino trotz aller propagandistischen Züge, aufgrund der örtlichen Verhältnisse, die das Lichtspiel bietet, die Möglichkeit bereitstellt, eine spontane »Massierung«[61], eine ideologische Zusammenrottung der Zuschauer in der Ansteckung durch Lachen und Weinen, Empathie oder Antipathie zu bewirken: »Die Masse ist eine matrix [sic!], aus der gegenwärtig alles gewohnte Verhalten Kunstwerken gegenüber neugeboren hervorgeht«[62], schreibt Benjamin 1936. Die authentisch erfahrbare Masse wird damit selber zum Gegenstand der Inszenierung. Solchen Typs ist die faschistische Masse: Weit wichtiger als ihr Kennzeichen der Organisiertheit ist also das ihrer möglichen Wiederholung an einem beliebigen Ort, zu einem beliebigen Zeitpunkt, insofern das Wahrgenommenwerden sichergestellt ist.
Seit Jaspers den »letzte[n] Feldzug gegen den Adel«[63] diagnostizierte, haben sich die Vorzeichen der geistigen Situation unserer Zeit in ihr Gegenteil verkehrt. Die vielgerühmte Mitte, zu der es auch die Massen hinzog, ist ausgedünnt. Der ›Masse in uns‹ wurde spätestens mit Ortega der Krieg erklärt, gerade sie mundtot gemacht.[64] Der ›Kampf‹ scheint bereits entschieden. Einzig die Kulturtheorie macht sich den Umstand zunutze, das bereits Geschehene in das Gewand der Prognose zu hüllen. – Sloterdijk schreibt, und ich halte diese Aussage für wesentlich problematischer als jedes Spielen mit biologischen Züchtungsvisionen:
»Kultur in dem normativen Sinn, an den zu erinnern nötig ist wie nie zuvor, umfaßt den Inbegriff von Versuchen, die Masse in uns selber herauszufordern, sich gegen sich selbst zu entscheiden. Sie ist die Differenz zum Besseren, die es, wie alle relevanten Unterscheidungen, nur gibt, sooft und solange sie gemacht wird.«[65]
Bedenklich stimmt die Tatsache, dass die bei Sloterdijk ausgesprochene Haltung den gegenwärtigen Zeitgeist markiert, der gekennzeichnet ist durch ein Wiedererstarken von Verknappungsbestrebungen, der Selbstverständlichkeit von Rationalisierungstendenzen und Verschlankungsbewegungen mit der Absicht horizontaler Konzentration der Wissensausgabe.
Unabhängig von dieser aktuellen Sachlage bestätigt dieses jüngste Beispiel die tendenziöse Aufnahme des Massenphänomens in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Vor Beginn jedweder Analyse steht das Ergebnis in Form der Verurteilung der moralischen Massen fest. Dies ist kein Plädoyer für das apriorische Freisprechen der Massen (was nur wieder einen Rückfall in die Situation des Kurzschlusses der Masse-ohne-Bewusstsein, quasi in Rousseauscher Manier, bedeuten würde), sondern die Forderung nach einer ›Ästhetik der Massen‹,[66] in der Analyse und Interpretation des öffentlich-symbolischen wie des privat-theoretischen Materials verschränkt sind.
(Der Text von Stephan Günzel ist bereits erschienen in: Renate Reschke (Hg.), Ästhetik. Ephemeres und Historisches, Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2002, S. 125-42 und erscheint mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Informationen zu diesem Band gibt es in unserer MoMo-Sektion Bücher.)
Anmerkungen
[1] Emblematisch ist dies bei Ortega y Gasset der Fall, der wie kein anderer einen Begriff der Masse in diesem Sinne prägte: In seinem Buch Der Aufstand der Massen weicht er vom Ansatz der vorausliegenden Massenpsychologie ab, das bloße Vorhandensein der Masse als deren wichtigstes Konstitutionsmoment zu betrachten. Zwar ist auch für ihn die phänomenal eindeutige Zunahme der öffentlichen Anwesenheit der Menschenmasse trotz stagnierender Bevölkerungszahlen ein unübersehbares Zeichen der Zeit, aber »das Masse-Sein [läßt sich] als psychische Tatsache definieren, ohne, daß dazu die Individuen in einer Menge auftreten müssen« (José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, wesentlich erweiterte und aus dem Nachlaß ergänzte Neuausgabe, Stuttgart [1930] 1957, 74).
[2] Oder auch nicht, da die ›Ästhetik‹ sich in diesem Fall der pessimistischen Kulturphilosophie anschließt: Bezeichnenderweise wäre der Platz für den entsprechenden Artikel über die ›Masse‹ im dritten Band – zwischen ›Maß‹ und ›Material‹. Und gerade der im gleichen Band erschienene Artikel ›Kultur‹, der dem Thema statt dessen Platz bieten müsste, übergeht es auf den ersten Blick ebenfalls. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass die Metapher ›Kultur‹ stets dann die der Massen bezeichnet, wenn sie negativ konnotiert ist. (Vgl. Dirk Baecker, »Kultur«, in: Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, hg. v. Karlheinz Barck, Martin Fontius, Dieter Schlenstedt, Burkart Steinwachs und Friedrich Wolfzettel, Bd. 3, Harmonie – Material, Stuttgart, Weimar 2001, 510–556.) Damit rächt sich das Anliegen der Herausgeber, auf die (so als a‑historisch gesetzte) Permanenz einer reinen Begriffsgeschichte zu setzen. Ein Umstand, der bereits in philosophischen Lexika dieser Art Probleme bereitet, dort aber größtenteils durch lange Perioden der Dogmatik seine rechtmäßige Anwendung findet. Diese für die Ästhetik konstitutive Möglichkeit, derartige Begrenzungen hinter sich lassen zu können, wurde über weite Strecken nicht genutzt.
[3] Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, autorisierte Übersetzung von Rudolf Eisler (1911), bearbeitet von Rudolf Marx, mit einer Einführung von Peter R. Hofstätter, Stuttgart 111982 [1895], 10.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Ebd.; kursiv; St. G.
[7] Ebd., 15.
[8] Ebd., 16.
[9] Ebd., 24.
[10] »In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich die individuellen Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren Eigenart. Das rassenmäßige Unbewusste tritt hervor, das Heterogene versinkt im Homogenen.« (Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: ders., Studienausgabe, hg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachey, Bd. IX, Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion, Frankfurt/M. 1982 [1969–1979], 61–134 [1921], 69.)
[11] Vgl. ebd., 71 u. 75.
[12] Vgl. G. Le Bon, Psychologie der Massen, 83–101.
[13] S. Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, 83.
[14] Ebd., 85.
[15] Ebd., 88.
[16] Diese, so ist zu vermuten, würden für Freud eher einem destruktiven Trieb Folge leisten. Leider berücksichtigt Freud diese Formen von Massenbildung im Weiteren nicht mehr.
[17] Ebd.
[18] Ebd., 89.
[19] Ebd.
[20] Ebd., 98.
[21] Ebd.
[22] Ebd., 101. – An späterer Stelle spricht Freud davon, dass »der Vater der Urhorde […] frei« (ebd., 115) gewesen sei
[23] Ebd., 100.
[24] Ebd.
[25] Ebd., 100 f.
[26] Ebd., 104.
[27] Ebd., 105.
[28] Ebd., 107.
[29] Ebd.; kursiv St. G. – An späterer Stelle schreibt Freud: »Der Urvater ist das Massenideal, das an die Stelle des Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein gutes Anrecht auf die Bezeichnung: eine Masse zu zweit; […].« (Ebd., 119.)
[30] »Die Hypnose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der Massenbildung, weil sie vielmehr mit dieser identisch ist.« (Ebd., 107.)
[31] Ebd., 108.
[32] Ebd.
[33] Vgl. ebd.
[34] Ebd., 107.
[35] An diesem Punkt setzt der von Freud mit dem Bann der orthodoxen Psychoanalyse belegte Wilhelm Reich an, welcher mit ökonomischen Theoriebausteinen im Vorgriff auf Canetti die Begehrensstruktur der Massen dekliniert. Das Bindeglied zwischen beiden stellt wiederum Reichs Leser und Canettis intellektueller Ziehvater, Hermann Broch, mit seiner soziologisch ausgerichteten Analyse des Massenwahns dar.
[36] Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt/M. 272001 [1960], 13 f.
[37] Susan Sontag, »Geist als Leidenschaft«, aus dem Amerik. von Jörg Trobitius, in: dies., Im Zeichen des Saturn. Essays, Frankfurt/M. 1983 [1980], 184–205, hier 201. – Die »›Universalität‹« (ebd.) des Buches verleiht ihm den Charakter »langsamen Wissen[s]« (ebd., 192).
[38] Über die (gewollten) physikalischen Konnotationen in der Charakterisierung der Masse(n) Canettis vgl. Petra Kuhnau, Masse und Macht in der Geschichte. Zur Konzeption anthropologischer Konstanten in Elias Canettis Werk »Masse und Macht«, Epistema. Würzburger wissenschaftliche Schriften, Reihe Literaturwissenschaft, Bd. 195, Würzburg 1996, 51–103.
[39] Peter Sloterdijk, Die Verachtung der Massen. Versuch über die Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, Sonderdruck, Frankfurt/M. 2000, 12.
[40] »In Freuds Abhandlung fehlte mir vor allem die Anerkennung des Phänomens.« (Elias Canetti, Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921–1931, München, Wien 1980, 169.) – Zu Canettis Äußerungen hinsichtlich Freud vgl. Wolfgang Hädecke, »Methode und Schreibart von Elias Canettis ›Masse und Macht‹«, in: Canettis Masse und Macht oder Die Aufgabe des gegenwärtigen Denkens, hg. v. John Pattillo-Hess, Wien 1988, 103–110, hier 105f.
[41] »Gespräch mit Elias Canetti«, geführt von Rupprecht Slavok Baur am 15. Mai 1971 in Zagreb, in: Literatur und Kritik, Heft 65, Juni 1972, 272–279, hier 275.
[42] E. Canetti, Masse und Macht., 86.
[43] Ebd.
[44] Ebd., 202.
[45] Zur Relevanz von Canettis Untersuchung der Figurationen humaner Masse vgl. bereits Stephan Günzel, Geophilosophie. Nietzsches philosophische Geographie, Berlin 2001, 39–41.
[46] Vgl. Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2 Bde., München 1995 [1977/78], Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, 236–257.
[47] Ebd., 33.
[48] Ebd., Bd. 2: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, 8.
[49] Ebd.
[50] Ebd.
[51] Ebd., 11.
[52] Vgl. ebd., 12–24. – Schon Le Bon belegte die Massen mit dem Charakter des ›Weibischen‹. (Vgl. G. Le Bon, Psychologie der Massen, 22.)
[53] Vgl. Theweleit, Männerphantasien, Bd. 2, 25–30. – Siehe dazu bereits auch Le Bon, Psychologie der Massen, 21.
[54] Klaus Theweleit, »Von Mauer, Schild, Schirm und Spalt. Die Mauer als nationales Massensymbol der Deutschen«, in: ders., Das Land, das Ausland heißt. Essays, Reden, Interviews zu Politik und Kunst, München 1995, 11–39, hier 16.
[55] Wie die ›erste‹ stellte auch diese bereits die Wiederholung eines Vortrags dar, der an anderer Stelle, – wiederum ohne Aufsehen – gehalten wurde. (In diesem Fall an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München.)
[56] P. Sloterdijk, Die Verachtung der Massen, 18.
[57] Ebd., 16.
[58] Ebd., 17. – »Die postmoderne Masse ist Masse ohne Potential, eine Summe aus Mikroanarchismen und Einsamkeiten, die sich kaum noch erinnert an eine Zeit, in der sie […] als ausdrucksschwangeres Kollektiv Geschichte machen wollte und sollte.« (Ebd., 18.)
[59] Ebd., 23 f.
[60] Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1992 [1944], »Massengesellschaft«, 250 f., hier 250.
[61] Walter Benjamin, »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, in: ders., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie, Frankfurt/M. 1963 [1931/37/55], 7–44 [1956], 33. – »Die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verändert das Verhältnis der Masse zur Kunst.« (Ebd., 32.)
[62] Ebd., 39.
[63] Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, neunter Abdruck der im Sommer 1932 bearbeiteten 5. Auflage, Berlin 1999 [1931], 176 f.
[64] »Was man dem modernen Massenmenschen vorwirft, ist nach Ortega y Gasset, daß er keine eigene Meinung habe. Die Gegenfrage ist erlaubt: darf er eine eigene Meinung haben?« (Alexander Mitscherlich, »Massenpsychologie ohne Ressentiment«, in: ders., Massenpsychologie ohne Ressentiment. Sozialpsychologische Betrachtungen, Frankfurt/M. 1972, 44–73, hier 59.)
[65] P. Sloterdijk, Die Verachtung der Massen, 95. – ›Masse in mir‹ ist ein Ausdruck Canettis. (Vgl. E. Canetti, Die Fackel im Ohr, 169.)
[66] Die fundierte und ausführliche Arbeit von Markus Bernauer über Die Ästhetik der Masse (Basel 1990) zielt nur zum Teil in diese Richtung: Für ihn stehen die architektonischen Veräußerungen der Massenästhetik im Vordergrund. Theoretische Figuren von Masse sind folglich – in diesem Zusammenhang zurecht – nur Illustrationen steingewordener Ideologien.