Rahel Jaeggi

Freiheit und Indifferenz.
Versuch einer Rekonstruktion des Entfremdungsbegriffs

 

Ein alltägliches Motiv. Jemandem wird plötzlich bewußt, daß sein eigenes Leben ihm in entscheidenden Hinsichten fremd geworden ist. Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, sind ihm gleichgültig geworden, Dinge, die ihn einmal begeistert haben, lassen ihn kalt, Projekte, die er mit Hingebung verfolgt hat, erscheinen ihm gegenstandslos. In seinem Beruf funktioniert er nur noch. Er lebt gewissermaßen sein eigenes wie ein fremdes Leben. Auch dann, wenn uns eine soziale Rolle zu Verhaltensweisen zwingt, in denen wir uns irgendwie unbehaglich fühlen, wenn wir auf einmal gewahr werden, daß wir in allem, was wir tun, nur den Ansprüchen anderer gerecht zu werden versuchen oder wenn wir bestimmten emotionalen Reaktionen hilflos ausgeliefert sind, sprechen wir manchmal davon, »nicht wir selbst« oder auch »unserer selbst entfremdet« zu sein. Der seiner selbst Entfremdete, so die psychologische Beschreibung eines klinischen Symptoms, hat den Bezug zu den eigenen Gefühlen, Wünschen und Erlebnissen verloren, kann diese - bis hin zur raum-zeitlichen Desorientierung - nicht mehr in das eigene Erleben integrieren. Er ist sich selbst »fremd« in dem, was er will und tut. Unfähig, sich als aktiv gestaltende Kraft zu erfahren, hat er das Gefühl, auf ein als fremd empfundendes Geschehen keinen Einfluß nehmen zu können. Diese verschiedenen Phänomene verweisen auf einen gemeinsamen Punkt: Wenn man sich selbst fremd sein kann, kann man offenbar mehr oder weniger man selbst sein, kann das Leben, das man führt, aus verschiedenen Gründen mehr oder weniger ein eigenes sein.

Wie aber kann man sich überhaupt von sich selbst entfremden? Wer entfremdet sich hier von wem? Wie kann man die Behauptung verstehen, daß man auch nicht man selbst sein kann und in welchem mehr als trivialen Sinne kann mein Leben wirklich mein eigenes sein?

Das Motiv der Selbstentfremdung ist so nicht nur ausgesprochen vieldeutig, es scheint im Kern paradox. Es teilt die Paradoxie jeder »Wesenskritik«: Etwas, das seinem eigenen Wesen nicht entspricht, hat an diesem gleichzeitig teil und nicht teil. Daß sich ein wahres Selbst vom falschen, entfremdeten, unterscheiden lassen können muß wie ein innerer Kern von einer äußeren Hülle, eine Art »proto-self« (Gagneau), das sich von seinen Verfälschungen abheben läßt, ist dann die metaphorische Beschreibung, um die sich solche Vorstellungen versammeln. Das »eigentliche Selbst« wäre dementsprechend etwas, das man suchen und finden aber auch verfehlen kann.

Wenn ich in meinem Vortrag - angesichts und trotz der Kritik an substanzialisierenden und essentialisierenden Selbstkonzepten - sozusagen das »Verfahren wiederaufnehmen« möchte, so tue ich dies auf dem Hintergrund der Annahme, daß die Probleme, die sich hier artikulieren, in gewisser Hinsicht unabweisbar sind. Dabei gehe ich nicht nur davon aus, daß man die Phänomene, auf die sie verweisen, analysieren kann, ohne auf die unplausible Vorstellung eines essentiellen inneren Kerns des Selbst zurückgreifen zu müssen. Ich gehe außerdem, positiv, davon aus, daß deren Deutung mithilfe des Begriffs der Selbstentfremdung das Verständnis davon, was es bedeutet, »sein eigenes Leben zu leben«, in entscheidender Hinsicht vertiefen kann. Mit dem Begriff bzw. dem theoretischen Instrumentarium der »Selbstentfremdung« nämlich kommt eine Perspektive ins Spiel, die es erlaubt, Probleme zusammenzuden-ken, die unter anderen Voraussetzungen nicht in den Blick geraten: Fälle von Machtlosigkeit und Indifferenz, von Unauthentizität und innerer Entzweiung - verschiedene Formen also, in denen die Aneignung des eigenen Lebens als eigenes nicht möglich ist. Fassbar werden dabei, so soll gezeigt werden, verschiedene Dimensionen von Unfreiheit, die - positiv gewendet - auf Voraussetzungen für das verweisen, was man »positive Freiheit« nennen kann. Anders: Die verschiedenen Formen, in denen wir »unser eigenes als fremdes Leben« leben können, verweisen, so die Arbeitshypothese, auf einen internen Zusammenhang von Freiheit und Selbstverwirklichung. Wenn Phänomene von (Selbst)Entfremdung dabei einerseits nicht identisch sind mit Heteronomie oder Autonomieverlust, teilt andererseits das Konzept von »Selbstverwirklichung«, das sich aus dieser Perspektive ergibt, mit den heute virulenten Konzepten von Authentizität gerade nicht die Orientierung am »romantischen Individualismus« der Einzigartigkeit (Eberlein).


MoMo-Vortrag am 03.03.2002



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