Andreas Kaminski

Angst und Furcht.
Kafkas »Bau« und die Konflikte um neue Technologien

 

Weshalb entstehen Konflikte um neue Technologien?

Geläufige Ansätze gehen davon aus, dass Asymmetrien im Wissen oder in unterschiedlichen Zuschreibungsweisen von Risiken zu neuen Technologien begründet sind. Demnach verliefen die Differenzen von Wissen - Unwissenheit sowie Risiko - Gefahr parallel zu Technikakzeptanz - Technikablehnung. Die Unwissenheit von Laien führe zu obskuren Annahmen (»Ich lehne Tomaten mit Genen ab!«) und irrealen Ängsten, welche ExpertInnen, die über ein ganz anderes Wissen verfügten, nüchtern verwerfen. Doch weder scheint es plausibel, dass eine Steigerung von ›Wissen‹ nur zu einer positiveren Einstellung gegenüber neuer Technik führt; vielmehr scheinen mit ›gesteigertem Wissen‹ Ablehnung und Annahme gleichermaßen mitgesteigert zu werden. Noch ist unklar, ob zu einem frühen Zeitpunkt, in dem die Technik noch nicht in Gesellschaft eingeführt wurde, überhaupt plausibel von Wissen gesprochen werden kann. Denn das Labor für das entscheidende Experiment scheint - so eine bekannte These - die Gesellschaft selbst geworden zu sein. Auch Konflikte auf unterschiedliche Zurechnungsperspektiven zurückzuführen - also Risiko als Zurechnung von etwaigen Schäden auf eigene Entscheidungen, Gefahren dagegen als Zurechnung auf externe Umstände - führt zu Problemen. Denn dieser Ansatz legt es deutlich nahe, Konflikte zwischen sogenannten Entscheidern und Betroffenen zu vermuten. Offen bleibt damit die Frage, wieso es zu Konflikten innerhalb dieser Gruppen kommen kann: warum etwa Betroffene ganz unterschiedlich von neuen Technologien angesprochen werden.

Um einen anderen Ansatz zu entwickeln, wird Kafkas Erzählung »Der Bau« verfolgt. In ihr wird ein Tier geschildert, das sich einen Bau unter der Erde einrichtet, der seiner Sicherheit dient. Ich schlage vor, den »Der Bau« als äußerst konzentriertes Modell deuten, das die Technikmotive des 20. Jahrhunderts versammelt: von (Natur-)Entfremdungsproklamationen über Berechnungs-, Planungs- und Sicherheitsphantasien, Erfahrungen der Unausweichlichkeit von Risiken, Vertrauensanforderungen in Technik und Techniknostalgie. Die Logik des Modells im »Der Bau« rekonstruiert stringent Technikerwartungen und -enttäuschungen.

Im Verlauf der Erzählung taucht jedoch etwas anderes auf: die Bedrohung durch neue Technik. Betrafen die bisherigen Probleme die vertraute, zur Lebenswelt gewordene Technik, so stellt die ausstehende Technik vor vollkommen andere Schwierigkeiten. Das Tier im Bau berichtet selbst darüber, welche Rolle etwa die Unbenennbarkeit der neuen Technik hat. Das Scheitern von Erklärungs-, Theoretisierungsversuchen führt schließlich in eine Situation der Angst, welche minutiös ausgeschildert wird.

Dies bietet die Gelegenheit, einen anderen Ansatz zur Erklärung von Technologiekonflikten zu testen. Ist Furcht als Furcht vor etwas Bestimmtem definiert, so stellt eine kleine philosophische Tradition dem Angst als unbestimmte entgegen. Angst lässt sich nicht auf eine Angst vor etwas Eingrenzbarem objektivieren. Insbesondere die Überlegungen Hans Blumenbergs (in Bezug auf den Mythos) führen zu dem Gedanken, dass neue Technologien in eine Situation der Angst (oder als Kehrseite: in eine Verheißung!) führen können, indem sie Welt auflösen und damit Vertrautheit und Erwartungssicherheit auslöschen. Weil es sich beim Weltphänomen um einen Horinzontbegriff eines relationalen Zusammenhangs handelt, genügt bereits die Kappung zentraler Knotenpunkte, weil sich an sie eine Unzahl von Praktiken und Selbstverständlichkeiten anschließt. In einer Deutung von Wittgensteins Schrift Über Gewißheit soll dabei Logik dieses Zusammenhangs von Technik, Sprache und Welt als Verweisungszusammenhang untersucht werden.

Einige Vermutungen treten dabei verstärkt ins Relief:

Es entsteht ein (prinzipielles) Missverständnis aufgrund eines verdeckten Ebenenunterschieds. Angst muss sich - um der Aufforderung kommunikativer Rationalität zu genügen - zumeist als Angst vor etwas Bestimmten äußern, also eigentlich als Furcht, die sie aber nicht ist. Die Beschwichtigung, dieses oder jenes Ereignis sei unter Kontrolle, verfehlt deshalb das Anliegen. Wer Angst hat, dem kann sie durch Tilgung von Furcht nicht genommen werden. Wer Angst hat, wird deshalb immer wieder einen neuen Anlauf unternehmen, wieder als Furcht formuliert, was ihr schließlich den Charakter des Diffusen einbringt. Auf diese Weise zeichnet sich in der Verfehlung des Ebenenunterschieds zugleich ein ›Rationalitätsvorsprung‹ der Furcht ab.

Dieser ›Rationalitätsvorsprung‹ scheint sich zu bestätigen, wenn nach Einführung einer neuen Technologie alles ›beim Alten‹ geblieben ist. Retroaktiv erscheinen die diffusen Sorgen als unbegründet. Dabei wird jedoch verkannt, dass die Einführung einer neuen Technologien in neue Vertrautheiten mündet (sofern Technik Technik bleiben soll), also per se Angst auflösend ist.


MoMo-Vortrag am 04.12.2005



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