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Susanne Klengel

Nation, Nationalismus und kulturelle Heterogenität.
Überlegungen zur Idee der »lieux de mémoire« in Mexiko[1]



Gedächtnis-Konjunktur? Zum Thema der »memoria« in Mexiko

Im Jahre 1995 hatte die private mexikanische Universidad Iberoamericana ein Stipendium zu dem Thema »Gramática de la memoria« ausgeschrieben; die Forschungen sollten sich explizit auf die mexikanische Geschichte und Gesellschaft beziehen. Rückblickend und im Zusammenhang unserer Diskussion über Les lieux de mémoire von Pierre Nora und die mögliche Übertragbarkeit dieses Konzepts auf andere nationale und kulturelle Kontexte, erweckt gerade die Formulierung »Gramática de la memoria« noch einmal unsere Aufmerksamkeit. Im folgenden soll gezeigt werden, daß sich mit dieser Formulierung zum einen aufschlußreiche Anknüpfungspunkte zu unserer Fragestellung »Erinnern und Vergessen: Nationale Gedächtnisorte in der Romania« bieten, gleichzeitig aber auch eine Differenz markiert wird, die dem mexikanischen historischen Kontext geschuldet ist und die Vorstellung einer »Übertragbarkeit« des Noraschen Konzepts problematisch erscheinen läßt.[2]

Die Thematisierung der »memoria« durch die Historiker der Universidad Iberoamericana zu jenem Zeitpunkt war kein Zufall. Parallel zu internationalen Entwicklungen in den Geschichtswissenschaften war in Mexiko in den 80er Jahren zu beobachten, daß ein Teil der Historiker sich nach der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der 70er Jahre zunehmend Themen der Kultur- und Regionalgeschichte zuwandte. Es wurden in diesem Rahmen auch Fragestellungen bedeutsam, die vom »linguistic turn« der Geschichtswissenschaft und einer stärker konstruktivistischen Auffassung geprägt waren. Dies betrifft insbesondere Fragen und Untersuchungen zum Bereich des »Nationalen«. In diesem Zusammenhang nimmt das Problem des nationalen und kulturellen Gedächtnisses einen wichtigen Platz ein.

Die deutlichste Thematisierung des Gedächtnisses, sowohl einer nationalen »memoria« als auch anderer kultureller »memorias«, findet sich bei dem Historiker Enrique Florescano, der im Jahre 1987 ein Buch mit dem Titel Memoria mexicana veröffentlichte, das im Jahre 1994 eine zweite erweiterte und 1995 eine dritte Auflage erlebte und darüber hinaus ins Englische übersetzt wurde. Es handelt sich um eine Geschichte Mexikos, in die bewußt und ausführlich die vorspanische Vergangenheit einbezogen ist. Die Akteure werden als »Subjekte« ihrer Geschichte aufgefaßt: Den Kosmogonien, Zeitvorstellungen, den Formen der Repräsentation und der Vergegenwärtigung des Vergangenen, wie sie insbesondere in den Codices (Bilderhandschriften) sichtbar werden, kommt daher eine große Bedeutung zu. Für Florescano ist die heutige »memoria mexicana« aus einer Vielzahl unterschiedlicher »memorias« zusammengesetzt, entsprechend der Vielzahl der Völker und Ethnien, die das heutige mexikanische Territorium bewohnen. Es geht ihm vor allem darum, so scheint es, diese Pluralität erneut sichtbar zu machen und sie mit dem weiten Rückgriff in die Vergangenheit zu untermauern; denn mit der Gründung des Nationalstaates, so Florescano, habe sich die »memoria mexicana« auf das nationale Gedächtnis verengt, indem der große Bereich der präkolumbischen Vergangenheit subsumiert und durch den nationalen Diskurs und die offizielle Geschichtsschreibung vereinnahmt wurde.

Florescano gilt bisweilen als »indigenista« (der die indigenen Kulturen in einer letztlich essentialistischen Weise privilegiert), denn er postuliert im Grunde die Koexistenz und Polarität zweier Gedächtnisse: einer okzidentalen »memoria«, die Produkt des nationalen Diskurses und der Nationalgeschichte sei und diese gleichzeitig präge, und einer »memoria indígena«, die davon völlig verschiedene Strukturen aufweise. Seine These der Fortexistenz einer spezifisch indigenen »memoria« kann sich auf weitere Historikerarbeiten stützen, wie z.B. die Studien von Serge Gruzinski – von Florescano mit mehreren Werken zitiert –, der zwar weniger von der »memoria« spricht, wohl aber vom Fortwirken eines zumindest hybriden »imaginaire«, in dem die indigenen Anteile sich mit den okzidentalen von jeher einen subtilen und beharrlichen Wettstreit liefern (Gruzinski 1990 und 1988). Auf einer ähnlichen innermexikanischen Zweiteilung zwischen einer mesoamerikanischen, nicht-okzidentalen und einer okzidentalen Zivilisation beruht auch das vielbeachtete Buch des Anthropologen Guillermo Bonfil Batalla aus dem Jahre 1987, der jedoch ebenfalls nicht den Begriff der »memoria« einsetzt, sondern einem indigenen »México profundo« ein nationalstaatliches okzidentales »México imaginario« und die jeweiligen Bilderwelten gegenüberstellt. Das mesoamerikanische »México profundo« ist nach Bonfil Batalla die negierte Zivilisation, »la civilización negada«.

Ähnlich wird auch von anderen Historikern die Frage des Gedächtnisses immer wieder gestreift, meistens im Kontext einer Analyse des nationalen Diskurses. Doch zeigt sich, daß die »memoria« (falls sie ausdrücklich genannt wird) auf recht unterschiedliche Weise verstanden wird: bisweilen als »memoria histórica« und in gewissem Sinne als ein Synonym für Geschichte selbst; bisweilen scheint der Begriff des »imaginario« (etwa bei dem Anthropologen und Soziologen Néstor García Canclini in seinem Buch Culturas híbridas und ähnlich bei Serge Gruzinski, s.o.) an die Stelle der »memoria« zu treten. Bei einem genaueren Blick löst sich selbst bei Enrique Florescano der so explizit und umfassend verwendete Begriff der »memoria« (als »memoria mexicana«) dahingehend auf, daß er eigentlich nur in Hinblick auf die indigenen Völker und die traditionellen ruralen Gesellschaften verwendet wird (und damit rückt Florescano die »memoria« in die Nähe des mythischen Diskurses), während in bezug auf das okzidentale Projekt von dessen »discurso histórico« gesprochen wird (Florescano 1995: 453 ff.).

An dieser Stelle sei noch ein weiterer Historiker erwähnt, der – ohne den Begriff »memoria« überhaupt zu verwenden – am deutlichsten die Problematik möglicher »lieux de mémoire« in Mexiko zu analysieren scheint. Héctor Aguilar Camín spricht in seinem Artikel »La invención de México: Notas sobre nacionalismo e identidad nacional« aus dem Jahre 1993 von »Symbolen«, sogar von einer »ingeniería simbólica«, von »Bildern«, »übergeordneten Ideen«, die diese Bilder schaffen, von historiographischen und anderen kulturellen »Monumenten«. Sein Anliegen ist die Analyse der »Konstruktion« der mexikanischen Nation. In einem ähnlichen Sinne thematisiert auch Jean Meyer, mexikanischer Historiker französischer Herkunft, in einem Artikel die Problematik der Geschichte als Träger der nationalen Identität. Er hält seine Ausführungen mit Absicht allgemein, doch ist seine kritische Analyse deutlich auf Mexiko bezogen (Meyer 1995).

Pierre Noras Konzept als Substruktur mexikanischer Texte? Zur »Abwesenheit« von Pierre Nora

In der Tat bezieht sich keiner der mexikanischen Historiker explizit auf die »Gedächtnisorte« im Sinne von Pierre Nora, obgleich die kulturellen und historischen Bedingungen der mexikanischen Nationalgeschichte sich – zumindest bei einem ersten Blick – hervorragend zur Anwendung dieses Konzepts zu eignen scheinen (s.u.). Eine Anekdote läßt diese »Abwesenheit« noch seltsamer erscheinen: Im Jahre 1993 wurde in Mexiko ein Buch mit dem Titel Egohistorias: El amor a Clio publiziert, das autobiographische Zeugnisse zum Werdegang bekannter mexikanischer Historiker enthält.[3] Eine Verbindung zu den von Pierre Nora im Jahre 1987 herausgegebenen Essais d'ego-histoire liegt nahe, und in der Tat bestätigt Jean Meyer, der Herausgeber, in seinem Vorwort den Vorbildcharakter des Noraschen Werks:

»Por cierto, Pierre Nora es directamente responsable (involuntario) de este libro, con la complicidad de Marisol Loaeza, quien sirvió de truchimán. Ella me dijo un día: »¿Por qué no se ha hecho en México, con los historiadores, un libro como el que hizo Pierre Nora?« »¿Cuál?«, le contesté, confesando mi ignorancia. Ella me prestó entonces Essais d’ego-histoire [...]« (Meyer 1993: 9).

Die scheinbare Nicht-Rezeption von Pierre Noras »Gedächtnisorten« kann somit kaum mit einer ausgebliebenen Kenntnisnahme hinreichend erklärt werden. Die Frage lautet daher, ob in Mexiko vielleicht ein ähnliches Konzept dennoch Anwendung fand, und wo es sich gegebenenfalls von seinem Original-Kontext unterscheidet.

Bis heute ist das politisch-kulturelle Leben in Mexiko von einem machtvollen nationalen Diskurs geprägt. Auf einer phänomenologischen Ebene fällt dem Außenstehenden schnell die Vielzahl und das Gewicht der staatlichen Institutionen auf, die der Bewahrung und Verbreitung des kulturellen Erbes und der steten Vergegenwärtigung der nationalen Kultur dienen, sei es auf der Ebene der Museen, der kulturellen Ereignisse, der Buchkultur, oder der unbestrittenen Position wichtiger Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens. Als deutlichste historische Referenz steht dabei die mexikanische Revolution (1910-1920) mit ihren politischen und kulturellen Auswirkungen im Mittelpunkt (s.u.), doch reichen die Wurzeln des mexikanischen Nationalismus bis in die Kolonialzeit zurück, wie David Brading in seiner inzwischen klassischen Studie dargestellt hat.[4]

Für das nationale Bewußtsein des zeitgenössischen 20. Jahrhunderts kennzeichnet Héctor Aguilar Camín, der sich unter anderen auf Brading beruft, den politischen, ökonomischen und kulturellen Hintergrund in seinem oben genannten Artikel. Er bezieht sich dabei auf die vier Jahrzehnte des Wachstums und der Prosperität zwischen den späten 40er und den 70er Jahren:

»El crecimiento espectacular de la escuela pública acabó de castellanizar a la población y estandarizó la conciencia histórica y cultural del país. Los medios masivos unificaron consumos, modas y símbolos. El crecimiento económico generalizó mercados de productos y empleos, al tiempo que la centralización autoritaria igualaba prácticas y valores de la cultura política, el lenguaje público y la cultura cívica« (Aguilar Camín 1993: 58).

Zu Beginn der 80er Jahre sei dieser Diskurs schließlich in die Krise geraten und zu Ende gegangen. In unseren Ausführungen soll zu einem späteren Zeitpunkt genauer untersucht werden, auf welche Weise sich der nationale Diskurs in den zwei Jahrzehnten (von 1980 bis heute) vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise der 80er Jahre, einer zunehmenden Öffnung und Modernisierung im Zeichen der Globalisierung verändert hat. Der historische Zeitpunkt einer solchen Veränderung in Mexiko ist damit jedenfalls ungefähr mit dem Entstehenszeitpunkt des Projekts von Les lieux de mémoire identisch, das, wie Nora selbst in seiner Einleitung hervorhebt, von der Sorge um das Verschwinden und den Verlust des nationalen Gedächtnisses (Frankreichs) geleitet war.

Obwohl nun das historiographische Projekt Pierre Noras in Mexiko nicht offen sichtbar rezipiert und verhandelt wird, läßt sich bei einem Blick auf verschiedene wissenschaftliche Beiträge feststellen, daß sich in letzten Jahren verschiedene Historiker zunehmend ähnlicher Themen angenommen haben, wie sie in den Bänden von Les lieux de mémoire zu finden sind. Ein deutliches Beispiel ist die Analyse des wichtigsten Museums von Mexiko, des Museo Nacional de Antropología und seiner Funktion als Hort und Symbol, ja als monumentale Inszenierung der mexicanidad, etwa bei García Canclini (1990: 164-177). Diese Ausführungen wurden 1997 von Florescano um eine Geschichte dieser Institution erweitert, die in dem von ihm herausgegebenen Sammelband El patrimonio nacional de Mexico (Bd. II) erschien. Eine andere, ebenfalls symptomatische Studie, die an die Studie über die Trikolore im Band La République der Lieux de mémoire erinnert, stammt ebenfalls von Florescano: In dem Artikel »La bandera mexicana: breve historia de su formación y simbolismo« analysiert der Autor ausführlich das in der mexikanischen Fahne repräsentierte dreifache kulturelle Erbe, das aus den indigenen, den religiösen und den liberalen Traditionen und Vorstellungswelten stammt (Florescano 1997a). Vor allem Enrique Florescano bewegt sich offenkundig mit seinen Themen, mit seinen Sammelbänden Mitos de México oder dem zweibändigen Werk El patrimonio nacional de México oftmals in einem strukturell ähnlichen thematischen Feld wie die Beiträge in den Bänden von Pierre Nora. Die Bände über El patrimonio nacional zum Beispiel enthalten Artikel zur Geschichte des Buches in Mexiko, der Kunst, Musik, des Films und des Kunsthandwerks, zum archäologischen und architektonischen Erbe und dessen Erhaltung und Restaurierung, zu den Archiven, besonders dem Archivo General de la Nación, zur Kartographie, mexikanischen Küche und den Essgewohnheiten. Darüber hinaus gehören auch die Natur, Flora und Fauna als »ökologisches patrimonio«, und die kulturelle wie ethnische Heterogenität, einschließlich ihrer linguistischen Vielfalt zum »patrimonio nacional«. Die Beiträge liefern meistens keine wirklich detaillierten historischen Studien zu den einzelnen Themen (im Unterschied zu Noras Projekt), sondern versuchen eher, der weitreichenden Politik der Bewahrung des nationalen Erbes einen orientierenden Rahmen mit wissenschaftlichem Anspruch zu geben. Nicht zufällig enthält der erste Band auch eine vom Präsidenten des Consejo Nacional para la Cultura y las Artes Rafael Tovar y de Teresa verfaßte kulturpolitische Positionsbestimmung (»Hacia una nueva política cultural«). Der Wunsch nach einer möglichst vollständigen Erschließung des »patrimonio nacional« scheint in diesen beiden Bänden jedoch ähnlich bestimmend, wie André Chastel dies in seinem Beitrag zu Les lieux de mémoire (Nora 1986, II/2) in bezug auf die französische »patrimoine«-Idee konstatiert. Eine beunruhigende, diffuse Vorstellung von einem Verlust der Vollständigkeit des »patrimoine«, wie sie Chastel feststellt, und wie sie in der Vorstellung vom Verlust des nationalen Gedächtnisses bei Nora erneut aufscheint, klingt ähnlich auch in bezug auf das mexikanische kulturelle Erbe und das Identitätsbewußtsein an.

Mexikanische nationale »Gedächtnisorte«?
Identität als Konstruktion und die Angst vor dem Identitätsverlust

Diese Angst vor einem »Verlust« des nationalen und kulturellen Erbes und damit vielleicht auch der kulturellen Identität bietet einen aufschlußreichen Anknüpfungspunkt an Pierre Noras Argumentation. Nach Aguilar Camíns Analyse endet die Epoche des selbstbezogenen, nach innen gerichteten nationalen Diskurses Anfang der 80er Jahre mit dem Beginn der wirtschaftlichen Krise, die in die lateinamerikanische Wirtschaftsgeschichte als das »verlorene Jahrzehnt« der 80er Jahre eingehen sollte, und einer zunehmenden Integration in den globalen Markt durch den geplanten Tratado de Libre Comercio, der am 1. Januar 1994 Mexiko mit den USA und Kanada zu einem gemeinsamen Markt zusammenschließen sollte. Die Angst vor dem Verlust der kulturellen und nationalen Identität, die im Zuge der zunehmenden wirtschaftlichen und kulturellen Öffnung und der Verabschiedung von bestimmten nationalistischen Maximen der mexikanischen Revolution entstanden war, führte zu einem regelrechten boom von Debatten über die Nation, über die nationale Identität und deren Zukunft (Aguilar Camín 1993: 59). Der traditionelle Nationalstolz wurde erneut zum Mittel des Widerstandes gegenüber der Kultur des mächtigen Nachbarn USA, und die kulturpolitischen Richtlinien zielten mehr denn je auf die Bestätigung der nationalen Identität. Der »discurso nacional«, der seit der Revolution alle Gruppen unter dem gemeinsamen Dach der mexicanidad vereint hielt, hatte auch jetzt keine Mühe, offensichtliche Widersprüche wie jeher zu versöhnen. Gewollt überspitzt und plakativ schreibt Aguilar Camín:

»Defendemos hoy, como peculiarmente mexicanas, cosas que tomamos o que nos fueron impuestas hace siglos, en el contacto de otros pueblos y otras culturas. Reconocemos como mexicanas a las civilizaciones precolombinas, cuyo significado nos resulta todavía, por su mayor parte, un enigma. Hablamos el lenguaje impuesto sobre los antiguos pueblos mesoamericanos por una conquista militar e espiritual, cuya violencia seguimos repudiando. Defendemos como típicamente mexicana la arquitectura colonial española, resultado de una intolerante imposición cultural. Y nada hay tan mexicano en nuestra historia como el triunfo de la causa liberal, cuyas ideas y sueños, como hemos visto, venían uno por uno de fuera de México, de países que incluso después nos invadieron, como Francia y Estados Unidos« (Aguilar Camín 1993: 59).

Die nationale Identität sei indessen nichts Natürliches, so Aguilar Camín unter Berufung auf Hobsbawm und Rangers The Invention of Tradition, sondern eine Mischung aus Geschichte, Mythen, offiziellen und kollektiven Erfindungen. Der nationale Diskurs spiegelt eine intakte Identität vor, indem er Ungereimtheiten und Konflikte versöhnt oder eliminiert und vergessen macht. Im Falle Mexikos hatte er lange Zeit erfolgreich die einende Kraft der mexicanidad mobilisieren können, die seit der Revolution durch das Volk, el Pueblo, verkörpert wird. Das mexikanische Volk war durch die mestizaje eins geworden sei – ein Idealvorstellung und Ideologie, die von den 20er Jahren an gezielt propagiert wurde und die sich in Konzepten wie der »raza cósmica« (1925) von José Vasconcelos, dem ersten postrevolutionären Erziehungsminister und Bildungspolitiker, kristallisiert findet. Mit Hilfe der postrevolutionären staatlichen Kulturpolitik war damals die nationale Integration systematisch gefördert worden. Die Pädagogik und das Erziehungssystem standen im Mittelpunkt: Es gab erste große Alphabetisierungskampagnen, eine umfassende Aufwertung der Volkskultur und der Folklore, der präkolumbischen Vergangenheit, usw. Über das Wesen der »Mexikanität« haben sich schließlich verschiedene Denker und Gelehrte wie Samuel Ramos, Alfonso Reyes und Octavio Paz geäußert. Mestizaje, die versöhnende Vermischung, wurde so zum bedeutendsten nationalen Identitätsdiskurs. Sie ist heute, so könnte man mit Pierre Nora folgern, zu einem zentralen nationalen Gedächtnisort geworden.

Im folgenden seien einige weitere hypothetische »Gedächtnisorte« im mexikanischen Kontext skizziert. Zur Bildung des zentralen Gedächtnisorts der mestizaje haben viele »Untergedächtnisorte«[5] beigetragen. Einige der folgenden Daten, Bilder und Personen aus dem Zeitraum von der Revolution bis heute könnten vermutlich als »lieux de mémoire« im Sinne des französischen Konzepts definiert werden.




Präsident Francisco Madera besucht Pachuca (1911, Casasola)



Die mexikanische Revolution ist ein Schlüsselereignis und Wendepunkt in der Entwicklung des mexikanischen Nationalismus. Trotz der Gewaltsamkeit und der Opfer dieses jahrelangen Bürgerkriegs, der gerade in der belletristischen Literatur, dem »Revolutionsroman«, keineswegs verherrlicht wird, ja vielmehr in seiner ganzen Ambivalenz von visionärem Aufbruch und menschlichem Abgrund zum Ausdruck gebracht wird[6], wurde die Revolution Basis für eine überaus weitreichende politische und kulturelle Selbstvergewisserung. Das Volk, »los de abajo«, war historisches Subjekt geworden, dem die Revolution tief in das Gedächtnis eingeschrieben war. Dies drückt sich besonders deutlich auf der Ebene der Literatur (la »novela de la revolución«), der Musik, etwa im Fortleben der volkstümlichen Revolutionslieder, den »corridos«, und vor allem auf visueller Ebene aus. So haben zum Beispiel manche der Fotografien der Firma Casasola (deren Archiv heute zum »patrimonio cultural« zählt) das nationale und internationale »imaginaire« geprägt und zur Ikonisierung bestimmter Personen und Situationen beigetragen: etwa anhand der Fotos der von Menschen überfüllten Eisenbahnwaggons oder der Soldatenfrauen, der »soldaderas«, unter ihnen die berühmte »Adelita«. Zur internationalen Ikonisierung haben mehrere Fotografien von Emiliano Zapata geführt, der oft mit seinem ausladenden Sombrero, Patronengurt und Gewehr abgelichtet wurde – es ist nicht verwunderlich, daß diese Bilder auch von der zapatistischen Armee in Chiapas zum Teil wieder aktiviert wurden, so daß Zapata heute sowohl Ikone des offiziellen historischen, als auch des politischen Gegendiskurses ist. Zu einem Gedächtnisort könnte auch ein auf einem Foto festgehaltenes Ereignis am 6. Dezember 1914 geworden sein: Auf dem Foto sind Zapata und Francisco Villa, Anführer eines der Revolutionsheere des Nordens, im Regierungspalast von Mexiko-Stadt zu sehen; Villa hat im Präsidentensessel Platz genommen – eine symbolische Geste, die dem Bild seine weitreichende Bedeutung verleiht. All diese Texte, Melodien und Bilder, zu denen die aufblühende Filmindustrie der 30er und 40er Jahre hinzukommt, sind ein zentraler Bestandteil der »memoria de la revolución« auf der kulturellen Ebene und der Ebene der »cultura popular«. Die Kunst der Wandmalerei hat ihrerseits ein neues, revolutionäres Geschichtsbewußtsein gefördert und ist möglicherweise selbst bereits zu einem Gedächtnisort geworden: Spektakulär und mit didaktischer Absicht hat sie die Geschichte des Volkes inszeniert, als eine eigene Geschichte, deren Ursprünge in den präkolumbischen Kulturen vor der Conquista liegen. Sie ist Teil der postrevolutionären nationalen Integration, die mit Hilfe eines konsequenten Ausbaus von Erziehungsprogrammen gefördert wurde. So könnte man zu den mexikanischen Gedächtnisorten auch die Alphabetisierungskampagnen und ihre Protagonisten, die »maestros« und »maestras rurales« zählen, die in den entlegenen Provinzen das Bildungsprogramm durchzuführen suchten. Auf politischer Ebene ließe sich möglicherweise die revolutionäre Verfassung von 1917 mit ihren bis heute nicht eingelösten Forderungen nach einer gerechten Landverteilung als Gedächtnisort betrachten und in Hinblick auf die Regierungszeit von Lázaro Cardenas (1934-1940) gehört sicher das Jahresdatum 1938, in dem die Erdölproduktion, eine der Säulen der mexikanischen Modernisierung, verstaatlicht wurde, ebenfalls zu den mexikanischen »lieux de mémoire«. Viele dieser »memoria«-Elemente sind auch in die Literatur des Revolutionsromans eingeschrieben, die für die moderne mexikanische Literatur den Status einer »literatura de fundación«, also Gründerstatus, beanspruchen kann.[7] Der revolutionäre Nationalismus, in dessen Schatten sich diese hier hypothetisch aufgeführten Gedächtnisorte herausgebildet haben, läßt sich mit Aguilar Camín, wie folgt beschreiben: »[El nacionalismo revolucionario] fue indigenista y antiespañol [...] fue también proteccionista y tutelar [...] fue jacobino, laico y republicano como la reforma liberal, pero no fue democrático, sino centralizador, presidencialista y autoritario, como habían deseado las inercias monárquicas novohispanas y la causa conservadora decimonónica [...]« (Aguilar Camín 1993:56-57).

Heute jedoch scheint der mächtige postrevolutionäre nationale Diskurs, der sich auf die Idee der mestizaje gründet, in der Tat bedroht: Die Hinterfragung (vielleicht sogar »Dekonstruktion«) der klar konzipierten »Mexikanität« von einst als Inbegriff nationaler Identität, wird in einer Anzahl von Studien und Analysen sichtbar, die mit dem kritischen Instrumentarium des Konstruktivismus die Künstlichkeit (und die Ideologie) des nationalen Diskurses bloßlegen. Hinzu kommt ein immer deutlicheres Bewußtsein darüber, daß sich die außerordentliche kulturelle und ethnische Heterogenität Mexikos nicht unter einen einzigen kulturellen Diskurs, und sei es einen Diskurs der »Einheit aus Vielfalt«, wie man die mestizaje gelegentlich auch interpretieren kann, subsumieren läßt. Darauf weisen etwa Werke wie México profundo. Una civilización negada von Guillermo Bonfil Batalla und verschiedene Arbeiten von Enrique Florescano, Carlos Monsiváis, Néstor García Canclini hin. Der seit dem 1. Januar 1994 anhaltende Konflikt in Chiapas, wo sogar die Nationalsprache Spanisch für Teile der Bevölkerung eine unverständliche Fremdsprache geblieben ist, zeigt die Grenzen des alten nationalistischen integrativen Projekts besonders deutlich.

Die kulturelle Heterogenität, die schwerlich unter ein gemeinsames politisch-kulturelles Dach subsumiert werden kann, bezieht sich also einerseits auf das seit je bestehende Feld des pluriethnischen Mexiko mit seiner Vielzahl an Sprachen und Kulturen. Zum anderen bezieht sich die Forderung nach Anerkennung von kultureller Heterogenität auch auf Transformationsprozesse, die zum Beispiel in den Urbanisierungsprozessen in der Megalopole Mexiko-Stadt oder im Zuge der Migrationsbewegungen im Norden Mexikos an der Grenze zu den USA sichtbar werden, wo die Chicano-Kultur und die Grenzlandphänomene mit ihren vielfältigen kulturellen Hybridisierungsformen ebenfalls das postrevolutionäre nationalistische Modell in Frage stellen. Es verwundert nicht, daß diese neuen Sehweisen mit einer schon seit geraumer Zeit anhaltenden Debatte über die Demokratisierung des öffentlichen und politischen Lebens einhergehen, durch die die hegemoniale Kultur nationalistischer revolutionärer Prägung zunehmend in Zweifel gezogen wird.

Die »lieux de mémoire« als historiographisches Konzept in Frankreich und Mexiko:  vergleichende Überlegungen

Aus den bisherigen Ausführungen geht hervor, daß in der mexikanischen Historiographie auch ohne Verwendung des Begriffs »Gedächtnisort« eine Anzahl von Studien zu Themen der nationalen Geschichte und des Gedächtnisses entstanden sind, die im weiteren oder engeren Sinne in ein hypothetisches mexikanisches Werk über »lugares de memoria« passen würden. Denn auch die einzelnen Beiträge in Pierre Noras Werk sind bei einem genauen Blick durchaus heterogen in ihrer Methodik und greifen nicht notwendig die Idee des Gedächtnisortes gänzlich im von Nora vorgegebenen Sinne auf. Auch die Idee des »Verlusts«, die Pierre Nora in seinem einleitenden Aufsatz über »Entre mémoire et histoire« gleich anfangs thematisiert, scheint in Mexiko eine durchaus ähnliche Rolle zu spielen. Nach Nora handelt es sich um ein definitives »arrachement de ce qui restait encore de vécu dans la chaleur de la tradition, dans le mutisme de la coutume, dans la répétition de l’ancestral, sous la poussée d’un sentiment historique de fond [...]«, um das Ende der Gedächtnisgesellschaften also und der Gedächtnisideologien, »qui assuraient le passage régulier du passé á l’avenir ou indiquaient, du passé, ce qu’il fallait retenir pour préparer l’avenir; qu’il s’agisse de la réaction, du progrès ou même de la révolution« (Nora 1984, I: XVII-XVIII). Diese Feststellungen Noras sind insbesondere auf die Geschichte von der Entwicklung der Nation (»par excellence, notre milieu de mémoire«) bezogen (ebd.: XX). Die rapiden Verände­run­gen, die die mexikanische Nation und Gesellschaft betreffen, seitdem die Globalisierungs­dynamik sie erfaßt hat, führte zu dem durchaus vergleichbaren Gefühl, daß der vertraute identitätsstiftende nationale Diskurs langsam verloren gehen wird; mit dem einsetzenden Zweifel an seiner Legitimität verliert sich zunehmend dessen Fähigkeit zur Identitätsstiftung. Ähnlich wie in Frankreich hat die historiographische Reflexion auch in Mexiko, so kann man bei mehreren Historikern beobachten, die nationale »histoire-mémoire« zunehmend in Frage gestellt.

Man spreche so viel vom (nationalen) Gedächtnis, weil es kein (nationales) Gedächtnis mehr gibt – so eine weitere, etwas apodiktisch formulierte These von Nora in seinem einleitenden Aufsatz (Nora 1984,I: XVII). Weil es bald keine »identidad nacional« mehr geben wird, spricht man so viel von der »identidad nacional« und über die mexikanische Nation – könnte man, analog zu Nora, diese Behauptung in bezug auf Mexiko aufstellen? Hier beginnt, meiner Meinung nach, der Unterschied zwischen beiden kulturellen Kontexten, die eine vorschnelle »Übernahme« oder den Rekurs auf Nora problematisch erscheinen lassen, bzw. vielleicht erklären können, warum das eigentlich verführerische französische Konzept einer Geschichte nationaler Gedächtnisorte nicht explizit adaptiert wurde.




Soldatenfrau (1911, Casasola)



Der nationale Diskurs und die nationale Geschichtsschreibung einer »historia oficial« sind in Mexiko bis heute nicht wirklich in die Defensive geraten (wie Nora das im französischen Falle zu Grunde legt). Die traditionelle kulturelle Hegemonie hat ein großes Beharrungsvermögen, Geschichte steht, wenngleich sie nicht durchweg »historia oficial« ist, so doch selten vollkommen im Widerspruch zu ihr. Ohne die Thesen Adornos zur »Kulturindustrie« an dieser Stelle wirklich aufgreifen zu wollen, scheint seine Diagnose einer absorbierenden hegemonialen Dynamik mit gewisser Berechtigung auf das System der staatlichen Kulturpolitik und den kulturellen nationalen Diskurs Mexikos anwendbar. Aus diesem Grunde ist es vielleicht nicht verwunderlich, daß manche Historiker in Mexiko das Phänomen des starken Staates auch mit dem Instrumentarium der Systemanalyse zu beschreiben suchen: Die Vorstellung vom Staat als einem mächtigen autopoietischen System scheint nicht abwegig.[8]

Eine Geschichte der Geschichtsschreibung kann daher in Mexiko ähnlich wie in Frankreich keine »opération innocente« sein, sondern sie ist notwendig »iconoclaste et irrévérencieuse« (Nora 1984,I: XX/XXI). Pierre Nora hatte in der Folge auch das Studium der Gedächtnisorte als eine »kritische Geschichte« definiert, die am Schnittpunkt zweier Bewegungen liege: dem Augenblick der Wende der Geschichte zur Reflexion auf sich selbst und dem Zeitpunkt des Endes einer Gedächtnistradition (ebd.: XXIII). Das angenommene »Ende der Gedächtnistradition« ist Noras Hypothese sine qua non, und sie sei an dieser Stelle für sein Oeuvre nicht weiter zur Diskussion gestellt. Für den mexikanischen Kontext ist diese Hypothese allerdings noch schwieriger zu klären. Sicher jedoch scheint dagegen, daß eine historiographische, reflexive Wende auch in Mexiko stattgefunden hat: Aus historiographischer Perspektive ist die allgemeine Glaubwürdigkeit des alten nationalistischen Diskurses nicht mehr gegeben. Unter anderem die Hinwendung zum Thema des Gedächtnisses belegt diese Entwicklung. Doch gerade bei einer näheren Betrachtung jener mexikanischen Studien, die sich mit der »memoria« befassen und die den Themen der Lieux de mémoire-Bände so ähnlich sind, drängt sich der Verdacht auf, daß man trotz der historiographischen Wende in Form einer Wende zur Symbolgeschichte, einer Geschichte »zweiten Grades«, die ja nach Nora das kritische Moment der Selbstreflexion enthält, in diesem Falle kaum von einem eigentlich kritischen Blick (oder einer kritischen Geschichte) sprechen kann. Noras Geschichtswerk hatte explizit den Anspruch erhoben, eine »kritische Historiographie« zu sein: »[...] Ces objets ne sont saisissables que dans leur empiricité la plus immédiate, mais l’enjeu est ailleurs, inapte à s’exprimer dans les catégories de l’histoire traditionnelle. Critique historique devenue tout entière histoire critique, et pas seulement de ses propres instruments de travail. Reveillée d’elle-même pour se vivre au second dégré« (Nora I, XLII). Doch die einschlägigen mexikanischen Texte – vor allem von Florescano, der dem Noraschen Konzept am nächsten steht – scheinen im Gegenteil eher zur Affirmation des kulturellen und nationalen Diskurses zu tendieren (vgl. etwa die meisten der Beiträge des Sammelwerks über El patrimonio nacional, Florescano 1997). Dieser affirmative Geist, den die mexikanischen Artikel zum Vorschein bringen, rückt allerdings auch das Norasche Postulat einer »kritischen Geschichte« in ein anderes Licht. Er legt nämlich unwillkürlich das versöhnliche, harmonisierende und einigende Potential des »Gedächtnisorte«-Konzepts offen, das dem Werk Noras bei allem Respekt auch immer wieder zum Vorwurf gemacht wurde.

Das Verlangen nach Demokratisierung des öffentlichen Lebens und des akademischen Diskurses in Mexiko drückt sich daher bei vielen Historikern in dem Bedürfnis nach einem wirklich kritischen Instrumentarium zur Analyse der nationalen Geschichte aus, in dem das nostalgische Moment, das dem Noraschen Werk unterschwellig eignet, entfällt. Eine wirklich kritische, selbstreflexive Geschichtsschreibung kann sich in Mexiko auf kein tendenziell harmonisierendes Instrumentarium einlassen. Sie muß ihr kritisches Terrain erobern. Dabei ist tatsächlich etwas von dem »bilderstürmerischen« Elan zu merken, von dem Nora in bezug auf die Historiographie sprach, etwa in dem mehrfach zitierten Artikel von Aguilar Camín oder in dem Artikel von Jean Meyer »La historia como identidad nacional«. Gerade aufgrund des Bedürfnisses nach einem kritischen Instrumentarium findet man möglicherweise anstelle von Pierre Nora eher die Werke von Benedict Anderson und Eric Hobsbawm / T. Ranger zitiert. Subjektiver und etwas provokativ formuliert könnte man sogar behaupten, für die französische Historiographie mag es möglich sein, auch ein eigentlich »poetisches« Konzept als Form der Geschichtsschreibung in Betracht zu ziehen – vielleicht, weil Literatur und Historiographie als zwei deutlich von einander geschiedene Diskurse wahrgenommen werden. Die heutige mexikanische Geschichtswissenschaft jedoch scheint mehr der »Negativität«, der Kritik zu bedürfen, die die geschichtliche »narration« und deren Analyse mit Gewißheit zu scheiden weiß. Das folgende Zitat von Jean Meyer (das nicht auf Pierre Nora bezogen ist!), bringt dieses Bedürfnis nach einem kritischen Instrumentarium deutlich zum Ausdruck. Es ist ein Appell, den kritischen Abstand zum Gegenstand zu wahren, und das heißt im konkreten Falle, sich über die Gefahren der Nostalgie und Subjektivität bewußt zu sein und sie möglichst auszuschließen:

»Conservador de la memoria, el historiador debe someterla a la crítica de siempre, con todo el rigor del positivismo. Como tal, el historiador conoce la distancia que separa la conmemoración y la ciencia, la convicción de la vivencia y la interrogación crítica, las amnesias convenientes y la dura realidad metodológica, el anacronismo retrospectivo y la obligación de mantener la distancia, la memoria como identidad y la verificación de tal memoria para la verdad. El historiador no puede aceptar la teoría muy popular según la cual esta ›memoria viva es la única capaz de decir lo justo y lo injusto‹« (Meyer 1995: 36).

Die zu Beginn unserer Ausführungen genannte Stipendien-Ausschreibung der Universidad Iberoamericana unter dem Titel »Gramática de la memoria« weist in diesem Sinne vermutlich in eine andere Richtung als Les lieux de mémoire. Wie schwer auch immer realisierbar als Projekt, die Formulierung zielt auf den systemischen Charakter des nationalen Gedächtnisses in Mexiko und fordert zur Beschreibung dieses Systems auf. Sie verweist daher meines Erachtens nüchterner auf die hegemoniale Struktur des nationalen historischen Diskurses als Noras Formulierung der »lieux de mémoire« dies könnte.




Landausflug nach der Konstituante in Querétaro (1917, Casasola)



Bei den meisten Historikern, die sich in ihren Analysen des »discurso nacional« auf die mexikanische Zeitgeschichte beziehen, stellt sich schließlich die Frage, was nach der »Dekonstruktion« des traditionellen, postrevolutionären Identitätsdiskurses kommen mag? Ein neues Paradigma scheint sich aufgrund der Forderung nach wirklicher Anerkennung der kulturellen Heterogenität Mexikos als einer nicht hintergehbaren Pluralität herauszubilden. Nicht die Vorstellung von einer letztlich homogenisierenden mestizaje ist gemeint, sondern ein neuer Begriff von »Vermischung«, der das ganze Feld von tiefer Alterität bis hin zu extremen Hybridisierungsphänomenen, wie etwa die »borderland«-Kultur des Nordens bzw. die Chicano-Kultur oder die urbanen Hybridisierungsprozesse der Megalopole Mexiko-Stadt umfaßt (Aguilar Camín, García Canclini). Diese Einsicht in die seit je vorhandene kulturelle Heterogenität (die ja auch Florescano reklamiert), wird zum Beispiel bei Pierre Nora nicht mitgedacht, bzw. sie spielt keine Rolle. Für Nora ist die französische Geschichte bis hin zum Stadium der Gedächtnisorte von der Vorstellung einer letztlich ungebrochenen kulturellen Einheit und Stabilität geprägt – diese Vorstellung wird auch durch den (Pluralität und Heterogenität betonenden) dritten Teil seines Werks Les France nicht in Frage gestellt. Der damit implizit eher statische Kulturbegriff bei Nora steht der weitreichenden Dynamik kultureller Veränderungen in Mexiko entgegen. Allerdings kommen inzwischen aus den eigenen Reihen der Kritiker des »discurso nacional« Warnrufe, daß diese neue Konzeption der »Hybridisierung« wiederum zu einem Identitätsverlust führen könnte, etwa wenn Carlos Monsiváis vor der zunehmenden »Chicanisierung« der mexikanischen Gesellschaft warnt – und dabei wie je die zunehmende Nordamerikanisierung des Landes befürchtet[9]. Auch das Bestehen auf der radikalen kulturellen Alterität der mexikanischen Völker könnte letztlich wieder zu einer neuen Bestätigung des Identitätsdiskurses von einst führen. Im allgemeinen jedoch ist der Blick der Historiker, Soziologen und Anthropologen, der mit dem Ringen um eine Modernisierung und Demokratisierung der politischen und kulturellen Strukturen des Landes einhergeht, im Gegensatz zu Pierre Noras Konzept notwendig auf die Zukunft gerichtet.

Abschließend könnte man daher vielleicht sagen, daß die Idee der »lieux de mémoire« im Sinne von Pierre Nora vor allem deshalb nicht wirklich adaptierbar war, weil sie im Grunde auf einem poetischen Konzept beruht. Les lieux de mémoire berühren nämlich, so möchte ich behaupten, bei allem Erkenntnisgewinn, der zweifellos aus jedem einzelnen der Beiträge zu ziehen ist, als Werk im organischen Sinne auf einer subjektiv-ästhetischen Ebene (durchaus aufgrund des ihm inhärenten nostalgischen Moments, in dem eine verlorene Einheit aufscheint). Dieser Effekt jedoch scheint mit dem zunehmenden Bedürfnis nach einer wirklich kritischen Historiographie in Mexiko kaum vereinbar.

Bildnachweis

Alle Photographien entstammen dem Band Los días del vapor, Mexiko 1994, S. 180, 186 u. 203..

Anmerkungen


[1] Der vorliegende Artikel beruht auf einem Beitrag zu dem am Institut für Romanistik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg veranstalteten Kolloquium »Erinnern und Ver­gessen. Nationale Gedächtnisorte in der Romania« im Sommersemester 1999. Er wurde zusammen mit weiteren Kolloquiumsbeiträgen in der Zeitschrift Quo vadis, Romania? (Wien), Heft 15/16, 2000, S. 38-52 veröffentlicht. Wir danken den Herausgebern für die Erlaubnis, den Artikel zu übernehmen.

[2] Ob es sich dabei um ein Konzept im eigentlichen Sinne handelt, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Für die folgende vergleichende Studie benutze ich den Begriff des »Konzepts«, um eine mögliche Übertragbarkeit besser diskutieren zu können.

[3] Daß auch Octavio Paz mit einem autobiographischen Text als Historiker eingeschlossen wird, zeigt die Schwierigkeiten, die Geschichtswissenschaften als akademische wissenschaftliche Disziplin gänzlich vom Bereich des Literarischen abzugrenzen.

[4] Bradings Studie Los orígenes del nacionalismo mexicano (1972) sei hier stellvertretend für eine Vielzahl von Arbeiten über das außerordentlich komplexe Thema des mexikanischen Nationalbewußtseins genannt.

[5] Ich benutze diese Formulierung in Anlehnung an das Konzept der Berliner Historikergruppe, die unter Federführung von Etienne François und Hagen Schulze ein Werk zu nationalen »Gedächtnisorten« in Deutschland plant. Die Organisatoren wollen dabei eine betimmte Anzahl von »Kern-Begriffen/-Orten« zugrunde legen und um diese mehrere »Unter-Begriffe/-Orte« gruppieren, wie Etienne François in seinem Vortrag am 4. Mai 1999 am Institut für Romanistik in Halle ausgeführt hat.

[6] Vgl. z.B. die Überlegungen von Carlos Fuentes zum Gründerstatus des Revolutionsromans Los de abajo von Mariano Azuela aufgrund seiner quasi epischen Form – eines entzauberten Epos allerdings, das durch kritische Desillusionierung (und nicht durch die Schaffung eines Mythos) den modernen Roman in Mexiko möglich gemacht habe (Fuentes 1983).

[7] An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß natürlich viele weitere mexikanische Gedächtnisorte genannt werden könnten (wie z.B. die Virgen de Guadalupe; oder auch das ambivalente Nachbarschaftsverhältnis zu den USA, usw.).

[8] Als Beispiel für einen konstruktivistischen Ansatz auf der Basis der Systemtheorie, vgl. Mendiola/ Zermeño 1998.

[9] Néstor García Canclini erwähnte diesen Vortrag von Carlos Monsiváis in Tijuana 1997 anläßlich seines Vortrags über »América Latina entre Europa y Estados Unidos: mercado e interculturalidad«, gehalten im Rahmen des II. Europäischen Lateinamerikanisten-Kongresses (CEISAL) in Halle am 5. September 1998.

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