Erkenntnis und Illusion sind intern miteinander verknüpft, aber auch strikt unterschieden. Illusion setzt bei dem ein, was der Fall sein kann, Erkenntnis konstatiert, was der Fall (gewesen) ist. Erkenntnis kommt also nach dem Fall, Illusion geht ihm voraus.
In dem Vortrag soll gezeigt werden, wie in einer Erzählung über den Beginn der Erkenntnis dessen, was der Fall ist, eine folgenreiche Verknüpfung zwischen Illusionierung, Desillusionierung und dem Sünden-Fall hergestellt wurde, der die Erkenntnis ermöglicht und seither begleitet hat. Im Mittelpunkt steht dabei der Versuch, das Motiv des »Baums der Erkenntnis« zu einer philosophisch-soterologischen Dendrologie zu stilisieren, die bis tief in unsere laiischen Zeiten hinein Verbindlichkeit besaß und bis heute unterschwellig fortwirkt. (Die komplementäre, ebenso verzweigte und komplexe Geschichte des Baums des Lebens, die sich als Logik des Aufstiegs um die des Falls rankt, muss hingegen ausgespart bleiben.)
Zu diskutieren bliebe nach meinen Holzwegen u.a., ob es, wie Nietzsche (selbst ein gewiefter Dendrologe) ersehnt hat, eine von der Moral freie oder zumindest eine einer anderen Moralität verpflichtete Philosophie der Erkenntnis in unserer Denktradition überhaupt möglich ist.
MoMo-Vortrag am 25.05.2008