Matthias Kroß
Philosophieren in Beispielen.
Wittgensteins Umdenken des Allgemeinen
Der Umgang mit Beispielen scheint schon seit der Antike ein grundsätzliches Problem für die Philosophie gewesen zu sein.[1] Folgt man Aristoteles, beschäftigt sich eigentliche Theorie, die scientia, nicht mit dem Partikularen, dem Einzelfall, sondern nur mit dem Allgemeinen (vgl. Metaphysik, 1027a, 20-27; Analytica posteriora, 87b, 19f.).
Das Beispiel ist aber eine Partikularität, wenn auch schon je eine ausgezeichnete. Zunächst gilt: Das Anführen von Beispielen gehört dem Reich des Bedingten, Vergänglichen und Kontingenten an. Zugleich aber weist seine Erzählung (der konkrete Fall) oder seine Anführung (als Partikularem gegenüber dem Allgemeinen) über sich hinaus auf dieses Allgemeine. Das Beispiel besitzt daher eine Zwischenstellung; je nach Kontext kann es dem Partikularen oder aber dem Allgemeinen zugeordnet werden. Das Beispiel bleibt an seinen Kontext gebunden, auch wenn es eine Öffnung auf etwas Allgemeines, über das Beispiel Hinausgehendes bedeutet.
Diese Zwischenstellung des Beispiels wirft eine Reihe von Schwierigkeiten auf. Innerhalb der abendländischen Philosophietradition haben diese zu folgenreichen Weichenstellungen geführt, welche sich am besten vielleicht mit einer logischen Überlegung beschreiben lassen: Die Fähigkeit des Beispiels, in einem Einzelfall auf etwas Allgemeines durchgreifen zu können - nämlich das, wofür es steht, läßt es als ein bloßes Vehikel dieses Allgemeinen erscheinen. Der Fall, der das Beispiel ist, ist gerade kein Einzelfall, keine Singularität, keine Ausnahme von der Regel, sondern die Veranschaulichung der Regel, des Allgemeinen, dessen, was gewöhnlich (oder immer) geschieht. Hier ist das Beispiel Illustration, und dieser Umstand befähigt das Beispiel offensichtlich allererst, als solches fungieren. Wäre sein Signum die bloße Partikularität, höbe es sich in seiner Funktion auf: Es taugte nicht mehr zur Inkorporation und Veranschaulichung von etwas Allgemeinem.
Dagegen aber gilt ebenso: Die Fähigkeit des Beispiels wiederum, das Allgemeine, das in ihm zur Sprache kommen soll, als etwas bloß Partikulares, an den Einzelfall unlösbar Gebundenes erscheinen zu lassen, scheint jenen Allgemeinheitsanspruch schlichtweg zu dementieren. Das Beispiel ist potentiell immer das Gegenbeispiel zu dem, was es exemplarisch zu machen versucht: Es muß ein Eigenes bewahren, das Allgemeine, zu dessen Erläuterung es herangezogen wird, dementieren und einen Eigensinn entfalten. Wäre es eine bloße Illustration, hätte es allenfalls eine mäeutische, eine pädagogische Funktion. Doch es ist mehr. Könnte man das Allgemeine als Allgemeines ausweisen, bedürfte es des Beispiels nicht.
Platon hat die Verwendung von Beispielen in dieser konstitutiven Funktion für das Philosophieren als nicht wesentlich bezeichnet. Es kommt bei ihm vor als Muster, als Urbild der Ideen. Das Verwenden von Beispielen in einem über die Illustration eines Modells oder Urbilds hinausgehenden Sinne fällt für ihn in den Bereich des bloß Rhetorischen. Daher ist es von vornherein des sophismos verdächtig. Dennoch ist unübersehbar, daß gerade auch die philosophische Ablehnung der Rhetorik und der Beispielverwendung im Sinne rhetorischer Strategien selbst der Rhetorik bedarf. Ist etwa Sokrates’ Verteidigung gegen den Vorwurf, die schwächere Rede zur stärkeren zu machen, nicht selber in höchstem Maße rhetorisch angelegt (vgl. Apologie, 19b-c.)?
Die Reihe rhetorischer Momente im Werk Platons ließe sich leicht verlängern und so auffassen, daß durch die rhetorisch begründete Ablehnung des Rhetorischen eine begriffliche Umbesetzung erfolgt, die den Logos schließlich von der Rhetorik emanzipiert und diese trotz ihrer quasi-mäeutischen Funktion diskreditiert.[2]
Gewiß findet sich bei Aristoteles eine theoretische und philosophisch positivere Haltung gegenüber dem Beispiel. Während Platon das paradeigma als ein Modell, als ein Muster der idea auffaßte, also im wesentlichen deduktiv vorgeht, ging Aristoteles in seiner Rhetorik gerade umgekehrt davon aus, daß das Beispiel auf etwas Allgemeines oder einen Schluß verweise. Das Besondere deutet auf etwas Allgemeines, auf eine Ganzheit hin, von der es ein Teil ist. Das Beispiel zeigt uns bloße Teile; ihre Verkettung enthüllt nicht das Ganze als solches, sondern knüpft Teil an Teil, Bekannteres mit weniger Bekannten, wie Aristoteles in der Rhetorik schreibt. Das Beispiel, kann man folgern, steht kraft seiner Beispielhaftigkeit für etwas ein, das es zwar nicht ist, auf das es aber hinzuweisen versteht. Es ist mehr als eine bloße Illustration, und sei sie eine auch noch so mustergültige, dessen, was sich auch allgemein sagen ließe, aber es ist weniger als dieses Allgemeine selbst, um das es ihm aber eigentlich geht, denn dieses Allgemeine kann nicht ausgesprochen werden. Aristoteles beschreibt diese Kraft des Beispiels in seiner Rhetorik als das Nicht-Notwendige, also als das Nicht-Theoretisierbare. Wir können es auch als das Kontingente bezeichnen, als das »Offene«, das sich der ehernen Notwendigkeit entzieht und in den Rahmen des systematischen, nämlich auf das Allgemeine gestützte Wissen nicht mehr passen will. Die Besonderheit des Beispielhaften im Vergleich zum theoretisch Notwendigen wird dadurch besonders deutlich, daß sich aus den Wahrscheinlichkeiten des Exemplarischen kein unwiderlegliches Beweismittel ableiten läßt, so daß allgemein zwingende logische Schlüsse über das Enthymem hinaus nicht möglich sind (Rhetorik,1357b, 19).
Das in Beispielen Verhandelte zählt seitdem zu
philosophischem Grenzland: Aristoteles ist sich dessen bewußt. Er verwendet
einige Mühe darauf, das bloß Rhetorische
in politischer Deliberation, juristischer Argumentation und epideiktischem
Vortrag von dem zu unterscheiden, was sich auf das wirklich Lobenswerte, das
ethisch Gerechtfertigte und das öffentlich Tunliche positiv bezieht.
Schließlich schreibt er der Klugheit das zu, was für die die theoria nicht mehr zu bewältigen ist (Nikomachische Ethik, 1141b, 7ff.).
Gleichgültig, welche Ordnungsmuster man für das Exemplarische entwirft - in der Fähigkeit, für etwas anderes einstehen zu können, besteht das eigentliche Geheimnis des Beispiels, die es mit der Kraft des Metaphorischen teilt. Diese Fähigkeit läßt sich aber umgekehrt ebenso sehr als eine Spannung begreifen, als eine Kluft, die dem, was Metapher und Beispiel notwendig vorausgesetzt ist, gleichsam innewohnen muß, damit Beispiel und Metapher diesen Riß sowohl konstituieren wie überspannen können. Die Lebendigkeit der Metapher, wie Paul Ricœur sie faßt, besteht in dieser Spannung, dem Aixo era y non era (vgl. Ricœur1991, 280ff.). Im metaphorein wird die Kluft zwischen dem Paradigmatischen, das konstitutiv wirkt, und der Kontingenz des Recht-Setzens, der politischen Praxis und der gesellschaftlichen Lebensformen offenbar (vgl. ebd., 17f.).
Eine ähnliche Zwitterstellung des Beispielhaften bzw. des Exemplarischen findet sich bei Immanuel Kant. Mit seinen Kritiken hat Kant die Realpräsenz einer Idee bzw. Gottes aus der Vorstellungswelt der Philosophie vertrieben; das Allgemeine wird zu einem Instrument des Verstandes, der die Vernunft in ihre Schranken weist. Es bleibt das Vermögen der Erkenntniskräfte, das an sich »Offene« in eine Ordnung zu bringen. Sofern das Beispiel als ein Anwendungsfall eines Allgemeinen aufgefaßt wird, geht es allein darum, das treffende, das »gute« Beispiel, aufzufinden. Kant reserviert für diese Verwendung den Ausdruck »Besipiel«.[3]Die Invention des Beispiels wird zur eigentümlichen Fähigkeit des »Mutterwitzes«, der zwar nicht lehrbar, aber letztlich auch nicht zwingend nötig ist. Er ist philosophisch jedenfalls nicht weiter von Belang. In der Kritik der reinen Vernunft soll die apriorische Grundlage für die Beispielverwendung gelegt werden. Beispiele , schreibt Kant dort, taugen dazu, das Verständnis zu erleichtern, sind aber keineswegs konstitutiv für den Erkenntnisvorgang.[4] Verwickelter ist die Bewältigung des »Offenen« auf dem Gebiet des Ästhetischen, das in der Kritik der Urteilskraft zur Sprache kommt. Über die Modalität des ästhetischen Urteils heißt es dort: »Vom Schönen aber denkt man sich, daß es eine notwendige Beziehung auf das Wohlgefallen habe. Diese Notwendigkeit nun ist von besonderer Art: nicht eine theoretische objektive Notwendigkeit, wo a priori erkannt werden kann, daß jedermann dieses Wohlgefallen an dem von mir schön genannten Gegenstande fühlen werde; auch nicht eine praktische, wo durch Begriffe eines reinen Vernunftwillens, welcher frei handelnden Wesen zur Regel dient, dieses Wohlgefallen die notwendige Folge eines objektiven Gesetzes ist und nichts anders bedeutet, als daß man schlechterdings (ohne weitere Absicht) auf gewisse Art handeln solle. Sondern sie kann, als Notwendigkeit, die in einem ästhetischen Urteile gedacht wird, nur exemplarisch genannt werden, d. i. eine Notwendigkeit der Beistimmung aller zu einem Urteil, was wie Beispiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird. Da ein ästhetisches Urteil kein objektives und Erkenntnisurteil ist, so kann diese Notwendigkeit nicht aus bestimmten Begriffen abgeleitet werden und ist also nicht apodiktisch.« (Kant 1913, B 62f)
Für die ästhetische Praxis stellt sich damit das Problem der zugleich »offenen« wie sich zugleich »schließenden« Nachfolge (imitatio). Einerseits, so Kant, dient das Beispiel dazu, den Maßstab vorzugeben, dem der Künstler, aber auch der ethisch handelnde Mensch nachzustreben habe; andererseits sei der Maßstab für dieses Handeln vom Künstler oder dem Menschen in seinem moralischen Handeln allererst zu entwickeln. Diese Fähigkeit, etwas offenkundig Unvereinbares dennoch zu vereinen, macht für Kant das Genie bzw. die moralische Autonomie, die Freiheit des Subjekts aus (Lloyd 1995, bes. 259f.).
Indem Kant darauf verzichtet, seinen Diagnosen ein
metaphysische Stützkonstruktion einzuziehen, hat er das Problem des
Beispielfolgens in der Moderne in seiner Widersprüchlichkeit, aber auch in
seiner kreativen Dynamik mustergültig
formuliert. Wenn das Urbild, das
kraft seiner Ur-Bildlichkeit das Vor-Bild abgeben soll, philosophisch nicht
mehr einholbar ist, weil sich nicht bestimmen läßt, worin dieses denn bestehen
könnte, dann bedarf es der stets Selbst-Schöpfung des Vorbildes in seinen Nachbildern in einem zweifachen Sinne: Einerseits erzeugt der Künstler (das Genie) oder der moralisch
integre Mensch Maßstäbe, die formal sich an der Moralität der Menschheit
orientieren - gerade dies macht diesen Menschen und zugleich die Maßstäbe vorbildlich, andererseits ist klar, daß die Verwirklichung dieser selbst
erzeugten Maßstäbe jeweils historisch, also durch Tradition und Umstände oder,
wie Kant sich ausdrückt, durch heteronome
Momente, geprägt sind. Es muß zwangsläufig offen bleiben, auf welche Weise
diese Verschmelzung eigentlich von statten gehen kann; daß Kant das Genie als
Träger eines besonders entwickelten Vermögens bemühen muß, ist verräterisch. Es
hat den Anschein, als ob er sich mit der merkwürdigen Kreisbewegung, in der das
Genie das Allgemeine in seinem je besonderen ästhetischen Tun allererst aufruft
und »setzt« und doch zugleich ihm bloß zu folgt, zufrieden gegeben hätte. Man
wird Derrida zustimmen können, wenn er den von Kant im Bereich des Ästhetischen
beschriebenen »Übersprung« des im Beispiel Thematisierten zu dem, worauf das
Beispiel verweist, als ein Rätsel bezeichnet. Denn sobald offen bleiben muß, ob
das Ganze, woraufhin das partikulare Beispiel »gerichtet« ist, überhaupt
unabhängig von dem besteht, was allererst im Akt des Verweisens mittels eines
Beispiels konstituiert wird, ist die im Beispielhaften angelegte Allgemeinheit
fragwürdig (vgl. Derrida 1994, bes. 248ff.).[5]
I.
Diese merkwürdige Beschaffenheit des Beispiels: Modell und Anwendungsfall, Illustration und Paradigma, Konstitutivum und Konstituiertes in einem zu sein, markiert den Ausgangspunkt, an dem auch Wittgenstein seine Auseinandersetzung mit den Beispiel einsetzen läßt. Ich glaube, daß Wittgenstein eine überzeugende, vielleicht sogar unwiderstehliche Antwort auf das obstinate Problem des Exemplarischen gegeben hat. Ich werde im folgenden zunächst Wittgensteins philosophische Entwicklung zum Denker des Beispiels skizzieren, sodann seine Methode des Exemplifizierens darstellen und am Ende meiner Ausführungen versuchen, einige wenige Bemerkungen über die zukünftigen philosophischen Chancen eines »Denkens in Beispielen« anstelle eines Denkens in größtmöglicher »Allgemeinheit« geben.
Wittgenstein geht es gewiß nicht um den Beispieleinsatz im Sinne einer philosophischen Sokratik, also der Beförderung philosophischer Professionalität.[6] Es geht ihm auch nicht um das Plädoyer für eine spezifische Theorie des Exemplarischen im Zusammenhang mit einer »Logik des Beispiels«.[7] Er möchte auch nicht differenzlogisch wie Derrida das Scheitern des Exemplarischen an dem, was dessen Anderes ist, aufweisen; er spielt nicht den Rahmen, den Rand gegen das Zentrum, nicht das Transgredierende gegen das Regelhafte aus.[8] Gewiß hat er auch kein Interesse darin, wie Adorno die Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes zu beobachten. In bezug auf die Metaphysik ist Wittgenstein mehr als ein Vorfall; er will ihren Fall nicht nur diagnostizieren, sondern betreibt aktiv ihre Destruktion. Wittgensteins Untersuchung zur Exemplarität des Exemplarischen richtet sich darauf, an der Beispielverwendung die Normativität der im Beispielgebrauch vollzogenen Gleichsetzung dessen, wovon das Beispiel konkret handelt, und dem, worauf es deutet, zu zeigen, gleichsam die Gestik der Beispielsverwendung deutlich zu machen. Daran anknüpfend gibt es für Wittgenstein - und, wie meine, auch für uns - ein Weiterdenken nach dem Fall von der Höhe des Allgemeinen, ohne die Gefahr eines Rückfalls in die Metaphysik.
Die Frage nach der Exemplarität des Exempels stellte sich Wittgenstein zur Zeit der Abfassung der Abhandlung nur am Rande. Der Grund für dieses Übersehen des Problems ist im wesentlichen in der merkwürdigen Ontologie und Metaphysik des Traktates zu suchen, die sich auf die Grenzen des sinnvoll Sag- und Denkbaren richtet. Ein solcher Grenzgang, der dem Projekt der Kritiken Kants gewiß nicht unähnlich ist, läßt für Beispiele kaum Raum. Für den frühen Wittgenstein zählt nicht die Untersuchung der Arbeit der Logik an der Konfiguration eines Gegenstandes, sondern deren Arbeiten selbst, gleichsam die Logik sans phrase. Dieses Arbeiten der Logik ist eben das, was im Tractatus der Fall ist, alle Tatsachen dieser Welt sind virtuell ihre Beispiele; alles, was der Fall ist, kann als Beispiel dienen.
Warum finden sich trotz dieser Abundanz möglicher Beispiele für das Funktionieren der Logik im Tractatus nur so wenige Beispiele? Der Grund liegt in der im Tractatus vertretenen Isomorphiebehauptung zwischen der Logik und der Welt. Die logischen Sätze, so Wittgenstein, »beschreiben das Gerüst der Welt, oder vielmehr, sie stellen es dar. Sie ›handeln‹ von nichts.« (T, 6.124) wirft ein Problem auf, das dieses Abbilden selbst, seine »Logik«, kann wiederum nicht in Beispielen dargestellt werden, sondern innerhalb der Beispiele nur aufgewiesen werden. Es zeigt sich (es kann sich auch nur zeigen). Das, was die Anwendung der Logik auf den Einzelnen Fall, der als (oder zum) Beispiel für diese Anwendung dienen soll, zeigt, ist diese Logik selbst, die mit ihrer Anwendung stets in Einklang stehen muß: »Die Logik muß für sich selber sorgen.« (T, 5.47); oder: »Daß die Logik a priori ist, besteht darin, daß nicht unlogisch gedacht werden kann.« (T, 5.4731) Deshalb kann Wittgenstein sagen, daß die Elementarsätze, die es laut Traktat geben muß (T, 5.5561ff.) und die aus den Namen für Gegenstände bestehen, sich aus der Anwendung der Logik selbst allererst ergeben. Sie können also nicht durch andere vertreten werden, d. h. sie können für einander nicht als Beispiele dienen. Denn eine solche Beispielhaftigkeit würde etwas voraussetzen, das die Logik des Elementarsatzes überschreitet bzw. hintergeht. Deshalb ist das Fehlen von Beispielen für die ontologischen Logik kein Mangel der Abhandlung, sondern im Gegenteil nur sein folgerichtiges Ergebnis (vgl. T, 5.61).
Wenn sich zeigt, daß am Grunde der Beispiele Isomorphiebeziehungen liegen, die selbst nicht mehr zugänglich sind, dann entgleitet der Maßstab, an dem die Exemplarität des Exemplars überhaupt noch abgetragen werden könnte. Deshalb sieht sich der Verfasser der Abhandlung schließlich auch genötigt, die Grenzen der Welt als die Grenzen der Sprache bezeichnen zu müssen, in der alles gleichwertig ist. In der Welt des Tractatus kann es keine logische Hierarchie.
Der Tractatus kann zur Begründung der Geltung seines Logik-Begriffes selbst keine Logik mehr namhaft machen. Er ist in seiner Logik selbst a-logisch. Er ist daher in einem logischen Sinne in seinem Gefüge weder stringent noch konsequent; er setzt die Geltung dessen, was er zu zeigen bemüht ist, immer schon voraus. Indem er eine Isomorphiebeziehung zwischen der Logik und der Welt in ihrer Struktur behauptet, beraubt er sich per definitionem der Möglichkeit, selbst als ein treffendes, erhellendes oder gar schlagendes Beispiel für diese Isomorphiebeziehung zu thematisieren. Das Werk dementiert sich am Ende selbst (vgl. Hacker 1997, 87-118). Das berühmte Diktum, daß man von dem, worüber man nicht sprechen könne, schweigen müsse, ist kein Epilog zum Werk, sondern integraler Bestandteil der Abhandlung selbst. Gleiches gilt von dem Bild der Leiter am Ende der Abhandlung. Die Leiter, jenes transitorische Medium des Aufstiegs, wird ja gerade fortgeworfen. Der, welcher das Beispiel des Tractatus überwindet, »sieht die Welt richtig« (T, 6.54).[9]
II.
Der Tractatus endet bekanntlich in jenem Schweigen, das die Schau des absoluten Außen, das in keiner Beziehung mehr zu dem, was sich logisch organisieren läßt, impliziert: eine sowohl ästhetisch, philosophisch wie ethisch aufgeladene Haltung der »richtigen Weltsicht« (vgl. T, 6.54). Derjenige, der über die Leiter aufgestiegen ist und sodann das Mittel dieses Aufstiegs, die »Leiter«, fortgeworfen hat, also derjenige, der in einem absoluten Sinne »oben« ist, verharrt in der ineffablen Luftigkeit des Mystischen, der coincidentia oppositorum, in unbewegter Bewegung.[10] Alle Bezüglichkeit und damit alle Beispielfähigkeit ist verschwunden. Die Logik und das jenseits ihrer Grenze Angesiedelte, das Mystische, stehen bezogen und doch zugleich »unvermittelt« zueinander.
Es ist diese Universalität und Abgeschlossenheit der Onto-Logik, die Wittgenstein zur Entdeckung des Beispiels als des Mediums der »Offenheit« führt.. Er schreibt bald nach seiner Rückkehr nach Cambridge unter offensichtlicher Anspielung auf Abhandlung: »Wenn der Ort, zu dem ich gelangen will, nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, gäbe ich es auf, dahin zu gelangen [...]. Was auf einer Leiter erreichbar ist, interessiert mich nicht.« (VB, 460) Wenn die Logik und das Sein in einer Onto-Logie zusammenfallen und ein logisches absolutum des Denkens erreicht ist, dann ist die philosophische Erstarrung erreicht. Es gibt dann kein Zurück mehr. Wenn der Wittgenstein der Spätphilosophie nun die Leiter wegzuwerfen beabsichtigt, dann nur, um sich von dem Leitermotiv des Aufstiegs und des »Überstiegs« zu einem absoluten, logischen Allgemeinen nicht länger leiten zu lassen.[11]
So betrachtet, kann der Tractatus nunmehr selbst als ein Beispiel für das Streben nach unbedingter Allgemeinheit gelesen werden. Und zugleich wird klar, daß er ein gutes Beispiel für die Unerreichbarkeit des philosophischen Allgemeinheitsstrebens: Es ist ein Verfahren, das die »Allgemeinheit« bis in die Spitze der eingestandenen Unsinnigkeit treibt.
Wittgensteins Wendung gegen diese Allgemeinheit folgt zwei komplementären Strategien: einerseits wird in kritischer Wendung gegenüber dem Tractatus die Rolle der Sprache im Prozeß der Erkenntnis neu gefaßt; andererseits ergibt sich daraus der methodische Beispieleinsatz, um das philosophisch Allgemeine in das »interessante Allgemeine«, d. h. in das nicht-absolute, sondern konextabhängige Allgemeine »umzudenken« (vgl. BGM, 301).
Wittgenstein gründet seine mit dem Neueinsatz seines Philosophierens nach 1929 erfolgende Kritik auf ein »undogmatisches Verfahren«, das sich, wie es im traktat-kritischen Teil der Philosophischen Untersuchungen heißt, durch eine »Drehung« (vgl. PU, 108) der Betrachtungsperspektive ergibt. Er bezeichnet die Abhandlung als »dogmatisch«, weil in ihr die Unmöglichkeit sinnvoller allgemeiner (oder philosophischer) Sätze über die Welt mit untauglichen Mitteln, nämlich unter Verwendung solcher allgemeiner Sätze, nachgewiesen werden solle. Wenn der Sprache aber nur innerhalb der Sprache eine Sinn-Grenze gezogen werden kann, dann markiert nicht der Sinn diese Grenze, sondern umgekehrt die Sprache die Grenze des Sinns; die Frage nach der Grenze und der Möglichkeit sinnvollen Sprechens ist in der Sprache zu situieren[12]: Gerade der Tractatus gilt in dieser neuen Perspektive der Sprachimmanenz nunmehr als eine Möglichkeit des Umgangs mit Sprache, als ein Beispiel - wenn auch eben ein zutiefst irreführendes - für das Funktionieren der Sprache (vgl. Malcolm 1987, 114).
In seinem Gespräch mit Waismann über Dogmatismus ist die neue Methode der Beispielverwendung bereits am Werk: »Den Unterschied zwischen einem dogmatischen und einem undogmatischen Verfahren möchte ich durch ein Beispiel andeuten«, heißt es dort (WWK, 185; Herv. v. M. K.). In dem 1933/1934 verfaßten Blauen Buch erläutert er seine Neuerung durch die ausgiebige Diskussion der traditionellen Auffassung des Allgemeinen bzw. des Status’ von Allgemeinaussagen. Die Argumentation richtet sich besonders gegen die essentialistische Fragehaltung bisheriger Philosophie: »Wenn wir sagen, daß Denken wesentlich ein Operieren mit Zeichen ist, dann könnte deine erste Frage sein: »Was sind Zeichen?«- Statt dir irgendeine allgemeine Antwort auf diese Frage zu geben, werde ich dir vorschlagen, bestimmte Fälle [...] unter die Lupe zu nehmen.« (BB, 36)
Sodann beschreibt Wittgenstein den beispielhaften »Fall«, wie ein Kaufmann anhand einer schriftlichen Anweisung Waren für den Kunden zusammenstellt. Für dieses Handeln nach sprachlichen Zeichen führt er den Begriff »Sprachspiel« ein. Wittgensteins Resümee seines Kaufmann-Beispiels: »Wenn wir die Probleme von Wahrheit und Falschheit, von der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Sätzen mit der Wirklichkeit, von der Beschaffenheit von Behauptung, Annahme und Frage studieren wollen, dann wird es von Vorteil sein, primitive Sprachformen zu untersuchen, in denen diese Denkformen ohne den verwirrenden Hintergrund äußerst komplizierter Denkprozesse auftreten. Wenn wir solche einfachen Sprachformen untersuchen, dann verschwindet der geistige Nebel, der unsern gewöhnlichen Sprachgebrauch einzuhüllen scheint.« (Ebd., 36f.)
Wittgenstein charakterisiert das Sprachspiel dabei als einen Kalkül (vgl. WWK, 168ff.), der zum simplifizierten Modell für die äußerst »komplizierte[n] Denkprozesse« dienen soll. Die im Tractatus vorgetragene Auffassung, daß es innerhalb der Sprache unterschiedliche Grade der Allgemeinheit im Sinne einer zunehmenden »Reinheit« des Sprachmaterials gibt, ist damit noch nicht endgültig überwunden. Noch immer trägt für Wittgenstein die Alltagssprache »ein Kleid«, das nicht »auf die Form des bekleideten Gedankens schließen« (T, 4.002) läßt, und offensichtlich sollen - ganz im Sinne eines logisch kontrollierten Sprachaufbaus - »primitive« Sprachformen als elementare Bausteine für den Aufbau komplexer Systeme verwendet werden, etwa wenn die reduzierte Sprache eines Kindes die einfachen Regeln offenbaren soll, die »klar und durchsichtig« sind.
Die gegenüber dem Tractatus wichtigste Neuerung des frühen Sprachspielkonzepts besteht vor allem in der Erwägung, daß die kalkülisierte Sprachverwendung nicht mit dem Ideal- oder dem freilich nicht augenfälligen Allgemeinfall des Sprachgebrauchs gleichzusetzen ist, sondern nur einen Gebrauchstyp der Sprache neben anderen vorführt (vgl. BB, 39ff.). Der Kalkül gilt als ein Beispiel für das Funktionieren von Sprachspielen; er kann keine allgemeine Verbindlichkeit für sich reklamieren; er ist ein »Zentrum der Variationen« (BB, 190).
Die Auflösung der essentialistischen Frage nach der Sprache und die Einsicht, daß das Problem der Sprache in die Pluralität von »Sprachspielen« aufzulösen ist, wirft unweigerlich die Frage auf, ob es in den Sprachspielen etwas gibt, das als Allgemeines in ihnen enthalten ist, das die Anwendung der Regeln, nach denen Sprachspiele funktionieren, garantiert und das wiederum zum Gegenstand eines eigenen Sprachspiels gemacht werden kann. Folgt das konkrete Sprachspiel einer verborgenen »Anweisung«, die als seine Struktur, seine »Form«, vielleicht sogar als ein A priori zu bezeichnen wäre und die das korrekte, regelkonforme Sprechen ermöglicht und gewährleistet?
Im Blauen Buch, einem Dokument der Übergangsphase Wittgensteins, hat es manchmal in der Tat noch den Anschein. Doch ebenso ist unübersehbar, daß Wittgenstein sich bereits in ihm gegen die »Bestrebung« wendet, »nach etwas Ausschau zu halten, das all den Dingen gemeinsam ist, die wir gewöhnlich unter einer allgemeinen Bezeichnung zusammenfassen.« Auf den Ausdruck »Sprachspiel« übertragen, heißt dies: »Wir sind z. B. geneigt zu denken, daß es etwas geben muß, das allen Spielen gemeinsam ist, und daß diese gemeinsame Eigenschaft die Anwendung der allgemeinen Bezeichnung ›Spiel‹ auf die verschiedenen Spiele rechtfertigt; während Spiele doch eine Familie bilden, deren Mitglieder Familienähnlichkeiten haben. Einige haben die gleiche Nase, einige die gleichen Augenbrauen und andere wieder denselben Gang; und diese Ähnlichkeiten greifen ineinander über.« (BB, 37)
Damit ist der entscheidende Schritt zum Pluralismus der philosophischen Betrachtungsweise und zu einer Neubewertung des Beispiels für die philosophische Reflexion vollzogen. Das Gebiet der (philosophischen) Sprachanalyse hat sich damit fast ins Unermeßliche erweitert; die Unschärfe der Betrachtung, die gezielt Übergänge, Ähnlichkeiten, Differenzen und Heterogenitäten und die unerschöpfliche Wandelbarkeit der für die Sprachhandlungen konstitutiven »Voraussetzungen« (vgl. PU, II, 491) in die Analyse einbezieht, wird methodisch fruchtbar: Sprachspiele sollen nicht länger hierarchisiert, sondern lediglich differenziell beschrieben werden. Die Analyse durchquert die Sprache, statt diese an der philosophischen Fragehaltung längszuführen. Sie erkennt die Unermeßlichkeit und Unerschöpflichkeit der Sprache als Ausgangs- und Zielpunkt der philosophischen Tätigkeit an: »Ich werde keine allgemeine Definition von »Satz« zu geben versuchen, denn das ist nicht möglich. Es ist genauso wenig möglich wie die Angabe einer Definition des Wortes »Spiel«. Denn jede Grenzlinie, die wir womöglich zögen, wäre willkürlich. Über Sätze reden wir immer im Sinne spezifischer Beispiele, denn wir können nicht allgemeiner über sie reden als über spezifische Spiele.« (V1, 170)
In den Philosophischen Untersuchungen heißt es im selben Tenor, daß es » unzählige [...] Arten« von Sätzen gebe. Diese Mannigfaltigkeit sei nichts Festes, ein für allemal Gegebenes »Das Wort ›Sprachspiel‹ soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.« (PU, 23; vgl. auch V1, 275)
Die gleitende Mannigfaltigkeit des Wort- und Satzgebrauches, die in einer korrespondierenden Pluralität der Lebensformen begründet ist, das komplizierte Geflecht von Familienähnlichkeiten, das der Vielfalt menschlicher Lebenspraktiken entspricht (vgl. PU, 25), da diese Praktiken erst den Zeichen eine Zeichenfunktion zuweisen, läßt eine Hierarchisierung sprachlicher Ebenen als Methode der philosophischen Sprachuntersuchung nicht mehr zu. Wenn an die Stelle generalisierender Aussagen oder gar des Gangs an die Grenze der Sprache das Verfahren tritt, mittels der Deskription von Sprachhandeln den Wortgebrauch in die Vielfalt seiner Nuancen aufzugliedern und zu Sprachspielen und der sie steuernden Regeln zusammenzustellen, dann ist dieser Weg über die Beschreibung von Einzelfällen, der Angabe von Beispielen gangbar.
Dies macht für Wittgenstein eine weitere Spezifik des Beispiels aus, weil durch das Beispiel die Verbindung zwischen der Regel des Sprachgebrauchs und der Anwendung der Regel allererst hergestellt wird. Während die Regeln als grundlos, insofern willkürlich, und als jeder Rechtfertigung oder Begründung unfähig zu bezeichnen sind (vgl. V1, 70, 79, 108), wird durch ihre beispielhafte Anwendung ihre Regularität erkennbar:
In der Sprache gibt es stets eine Brücke zwischen dem Zeichen und seiner Anwendung. Wir müssen die Kluft selbst überbrücken; das kann uns niemand abnehmen. Keine Erklärung erspart den Sprung, denn jede weitere Erklärung wird ihrerseits einen Sprung benötigen. [...] Nur durch Ausführung der Projektion kann man die Projektionsmethode erklären; und die Projektion findet nur dann statt, wenn sie wirklich ausgeführt wird.« (V1, 88f.)
Dem Beispiel kommt die Funktion zu, den Zusammenhang zwischen Regel und ihrer Anwendung zu stiften und damit den Horizont der Regelgeltung zu setzen - durch seinen Einsatz werden Sprache und Wirklichkeit, Zeichen und Bezeichnetes verkoppelt. Die »Lücke [...] zwischen der Regel und ihrer Anwendung«, zwischen »dem Zeichen und seiner Anwendung«, die den »Sprung« erforderlich macht, wird durch die Verwendung eines Beispiels geschlossen, so daß man »[i]m Alltag [...] nie beunruhigt [ist] durch [diese, M. K.] Lücke.« (V1, 260f.)
Daß damit der Ausdruck »Beispiel« selbst zu jenen Begriffen gehört, deren Bedeutung schillernd ist und die daher nicht eindeutig werden können, erweist sich im Lichte der Sprachspielanalyse nun keinesfalls ein Mangel, sondern im Gegenteil als seine philosophische Stärke. Zum Zwecke der Übersichtlichkeit der Darstellung lassen sich grob drei thematische Schwerpunkte der Beispielverwendung bei Wittgenstein unterscheiden (vgl. Marcuschi 1976, 211ff.): Erstens kann das Beispiel als Anwendungsfall für eine begrifflich-logische Allgemeinheit dienen, so etwa im Falle generalisierter Aussagen innerhalb der Mathematik und der Logik. Hier besitzt es eine bloß illustrative Funktion, es ist gegen die allgemeine Aussage austauschbar. Diese Verwendungsweise entspricht dem Wortgberauch Kants in der Metaphysik der Sitten, denn es fungiert als ein »Spielfall eines allgemeinen Satzes«, ist »der Ausdruck der Allgemeinheit.« (WWK, 206f.) Das »interessante Allgemeine« ist hier die mittels der Anschaulichkeit eines konkreten Falles erzielte Ersparnis, den Bezug zwischen Einzelfall und allgemeiner Aussage jeweils erneut herstellen zu müssen (vgl. BGM, 300f.). Zweitens kann das Beispiel für eine extensionale Allgemeinheit im Sinne naturwissenschaftlicher (vorzugsweise physikalischer) Aussagen stehen. In diesem Falle wird aus dem Beispiel (bzw. dem Experiment) nicht eine Regel oder Allgemeinheit erschlossen; diese ist vielmehr dem besonderen Anwendungsfall vorausgesetzt. In der wissenschaftlichen Formulierung von »Wenn/dann«-Aussagen drückt sich vor allem die Universalisierung von Untersuchungsmethoden in bezug auf Erscheinungen aus der Umwelt aus, so wie sie sich der Erfahrung darbietet (ebd.). Auch in diesem Fall läßt sich die Sprachverwendung als ein generalisierter Kalkül auf der Basis von Hypothesen auffassen, die sich entweder bewahrheiten oder aber falsch sind.
Die eigentliche, kritische Relevanz der Wittgensteinschen Sprachspielbeschreibung mittels Beispielen liegt allerdings außerhalb der Gebiete von Mathematik, Logik und empirischer Naturwissenschaft. Während die Funktion des Beispiels auf diesen Gebieten aufgrund der formalen Voraussetzungen, die zu ihrem »Spiel« gehören, eindeutig festgelegt ist und insofern philosophisch unproblematisch erscheint, wird der Einsatz von Beispielen in der philosophischen Reflexion eine überkritische Größe annehmen können. Er kann zum Mittel einer philosophischen Sprachkritik dienen, welche die formalisierte (Re)Konstruktion des Sprachgebrauchs als einen Dogmatismus und das Streben nach exakten Begriffsdefinitionen zum Zwecke des Aufbaus einer kontrollierten Sprache als Irrtum durchschaubar werden läßt: »Wenn ich frage: ›wie ist der allgemeine Begriff des Satzes begrenzt‹, so muß dagegen gefragt werden: ›ja, haben wir denn einen allgemeinen Begriff vom Satz?‹ - ›Aber ich habe doch einen bestimmten Begriff von dem was ich >Satz< nenne.‹- Nun, wie würde ich ihn denn einem Andern, oder mir selbst erklären? Denn in dieser Erklärung wird sich ja zeigen, was mein Begriff ist [...]. Ich würde den Begriff durch Beispiele erklären. - Also geht mein Begriff, soweit die Beispiele gehn. - Aber es sind doch nur Beispiele und ihr Gebiet soll ja eben ausdehnungsfähig sein. - Gut, dann mußt du mir sagen, was ›ausdehnungsfähig‹ hier bedeutet. Die Grammatik dieses Wortes muß bestimmte Grenzen haben.« (PG, 112)
Wittgensteins Verweis auf die Grammatik des Wortes »ausdehnungsfähig« zeigt an, daß für ihn der Gebrauch der Sprache keinesfalls fixiert ist und sich nicht im Sinne eines sprachlogischen Kalküls formalisiert dar- und damit stillstellen läßt, sondern daß die Kalkülisierung nur ein Ausnahmefall des gewöhnlichen Sprechhabitus der Menschen ist. Um gelingend kommunizieren zu können, bedarf es nicht der vorgängigen Sanktionierung durch einen fixierten Satz von Definitionen, logischen Operatoren, Funktionen oder Anwendungsvorschriften (es sei denn, das »interessierende Allgemeine« seien diese Kalküle selbst). Ebenso wenig stört der Umstand, daß die Sprecher meist nicht in der Lage sind, die benutzten Begriffe klar zu umschreiben oder gar zu definieren, denn die benutzen Begriffe haben, so Wittgenstein, gar keine prästabile »Definition«. Die Annahme, daß wir eine solche Definition haben müssen, wäre wie die Annahme, daß ballspielende Kinder grundsätzlich nur bei strikter Einhaltung der Regeln spielen dürften (vgl. BB, 49). Angesichts der Unschärfe der Alltagssprache, in der Begriffe und Termini von einem schillernden Hof aus (Familien)Ähnlichkeiten und divergenten Gebrauchszusammenhängen umgeben sind, lassen sich auch die »Einsatzorte« des Beispiels nicht präzise angeben. Die Verwendungsmöglichkeiten des Beispiels sind - philosophisch betrachtet - ebenso mannigfaltig wie die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele und Lebensformen, zu deren Darstellung sie dienen. Die von Wittgenstein immer wieder angeführten Beispielreihungen und die Verkettungsvielfalt solcher Beispiele sollen verdeutlichen, daß sprachliche Tatbestände zu einer virtuell unendlichen Anzahl von Interpretationsmöglichkeiten ein und desselben Tatbestandes führen können.[13]
Interessant wird die Beispielverwendung für Wittgenstein vor allem bei der Lösung philosophischer Probleme. Hier findet man gehäuft Beispiele, die bis zur Absurdität überspitzt sind oder von vornherein fiktiv sind. Sie sollen zur Verunsicherung bzw. Reductio ad absurdum traditioneller philosophischer Fragehaltungen führen und damit einen Schritt zur Lösung des »Krampfes« des philosophischen Reflektierens leisten: »Nur wenn man noch viel verrückter denkt, als die Philosophen, kann man ihre Probleme lösen.« (ÜG, 557) Mittels solcher Ver-rückungen sollen die philosophischen Probleme in Fluß gebracht sowie das so verhängnisvolle »Starren« auf philosophische Problemkonstellationen (vgl. PU, 114) aufgebrochen werden: »In der Philosophie muß man immer fragen: »Wie muß man dieses Problem ansehen, daß es lösbar wird?« (ÜF, II, 11) -- »Man muß in der Philosophie nicht nur in jedem Fall lernen, was über einen Gegenstand zu sagen ist, sondern wie man über ihn zu reden hat. Man muß immer wieder erst die Methode lernen, wie er anzugehen ist. Oder auch: In jedem ernstern Problem reicht die Unsicherheit bis in die Wurzeln hinab.« (ÜF, III, 43f.)
Wittgensteins Methode der Beispielverkettungen dokumentiert diese »Unsicherheit«, indem sie durch neuartige Sichtweisen der »Probleme« jene Sicherheiten destruiert, die diese Probleme so schwer lösbar erscheinen lassen. Ohne diese methodische Zielstellung liefe das Beispiel »leer« - es bewegte sich in den traditionellen Bahnen der Exemplifizierung eines bereits vorausgesetzten Allgemeinen, und es fehlte, wie Wittgenstein formuliert, seine »Reibung« (PU, 130), und es erzeugte keinen »Widerstreit« (PU, 107).
Deshalb wählt Wittgenstein bewußt das abgelegene Beispiel aus (vgl. BGM, 376); diskutiert ernsthaft den Ausnahmefall, greift zu Fiktionen wie der von dem in den Texten immer wiederkehrenden »primitiven Stamm«, dessen Bewohner einmal ohne Seele, nur der Sprache in Befehlen fähig, des Zählens oder Messens unkundig vorgestellt werden; er läßt Marsmenschen auftreten; er bedient sich vorzugsweise des Stilmittels des fiktiven Dialogs. Zuweilen konstruiert sogar philosophische »Idealsprachen«, nur um damit zu belegen, daß »[e]s [...] falsch [ist] zu sagen, daß wir in der Philosophie eine Idealsprache im Gegensatz zu unserer gewöhnlichen Sprache betrachten. Denn das erweckt den Anschein, daß wir denken, wir könnten die gewöhnliche Sprache verbessern [...]. Wenn wir ›Idealsprachen‹ konstruieren, dann nicht, um die gewöhnliche Sprache durch sie zu ersetzen; unser Zweck ist vielmehr, jemandes Verlegenheit zu beseitigen, die dadurch entstand, daß er dachte, er habe den genauen Gebrauch eines gewöhnlichen Wortes begriffen. Auch aus diesem Grunde zählen wir mit unserer Methode nicht nur bestehende Wortgebräuche auf, sondern erfinden bewußt neue, - davon einige, gerade weil sie absurd erscheinen.« (BB, 52; Herv. v. M. K.; vgl. auch PU, II, 542)
Der Einsatz fiktiver und absurder Beispiele dient hier dazu, die »Idealsprache« aus ihrem »metaphysischen« (PU, 116) Himmel zu holen und zu einem Vergleichsobjekt zu depotenzieren, das durch »Gleichnisse« (VB, 476) erläutert und damit zur Kontrastfolie für jenen »Dogmatismus« dienen kann, der darin besteht, daß »Alles« einem »Ideal [...] konformieren muß.« (VB, 486)
Durch das Abweichen von der »gewohnten Richtung« (Z, 373) möchte Wittgenstein freilich nicht nur auf das Unvertraute im Vertrauten aufmerksam machen oder durch Verfremdung die Fremdheit der essentialistischen Sprachkonzeption erscheinen lassen. Die Wittgensteinsche Beispielverwendung soll zugleich die philosophische Sorge über die schädliche Ungenauigkeit des alltäglichen Sprachgebrauchs zerstreuen helfen und am Ende spasmolytisch auf das Philosophenhirn wirken. Selbst die (wissenschaftlich erforschte) »Naturgeschichte« kann zu diesem Zwecke in Dienst genommen werden: So heißt es in den Philosophischen Untersuchungen, daß »wir ja Naturgeschichtliches für unsere Zwecke auch erdichten können« (PU, II, 542), und an anderer Stelle notiert Wittgenstein: »[Wir] können [...] die Fakten der Naturgeschichte benutzen und den tatsächlichen Gebrauch eines Wortes beschreiben; oder es kann sein, daß ich ein neues Spiel für das Wort erfinde, das von seiner tatsächlichen Verwendung abweicht, um den anderen an seine Verwendung in unserer eigenen Sprache zu erinnern. Der Witz ist, daß ich gar nichts über die Naturgeschichte der Sprache mitteilen kann, und wenn ich’s könnte, würde es auch keinen Unterschied machen.« (V1, 271)
Ebenfalls gegen den philosophischen Essentialismus gerichtet ist Wittgensteins Verwendung »primitiver« Sprachspiele, sei es in der Fiktion »eines primitiven Stammes«, der »tatsächliche[n] primitive[n] Sprache eines Kindes« (V1, 281) oder in Alltagssituationen, wie etwa bei der Tätigkeit von Bauarbeitern (vgl. PU, 2-22). Der Ausdruck »primitiv« ist dabei im Sinne von »weniger komplex« und »übersichtlich« zu verstehen (V1, 276f.) und der Verwendung des Ausdrucks »spezifisch« nahe verwandt. Das »Spezifische« an einem »primitiven Sprachbeispiel« zeigt an, wie »bestimmte Phänomene im Leben« (V2, 231) in sprachlichen Bildern gedeutet werden, ohne daß es dafür eine Erklärung geben könnte: »Primitive Sprachspiele sind etwas Spezifisches und können nicht durch Erklärung gelehrt werden, denn jedes von ihnen entspricht einem speziellen Sprachgebrauch« (V2, 54) - einem Sprachgebrauch, der ein Muster bereitstellt für das Sprachhandeln in weiteren Situationen, die diesem Muster zugeordnet werden, ohne daß damit begriffliche Allgemeinheit oder sprachlicher Essentialismus vorausgesetzt werden müßten. Es geht Wittgenstein bei der Untersuchung primitiver Sprachspiele »nicht darum, ein Beispiel für eine Theorie zu nennen, sondern [...] etwas Typisches an[zuführen]«, das nicht durch eine Erklärung begründet werden kann, sondern vor jeder Erklärung kommt, während das Verfahren der »Logiker« darin besteht, Begriffe »von enormer Allgemeinheit« als gegeben zu betrachten: »Es sieht so aus, als gewönne man sie [= diese Begriffe, M.K.] durch Beispiele, lassen die Beispiele dann fallen und gelange so zum Eigentlichen: zum allgemeinen Begriff.« (V2, 417f.) Allerdings, so Wittgenstein, »um den Preis«, das Sprachhandeln insoweit außer acht zu lassen, »als eine wirkliche Vielfalt von Gebrauchsweisen, eine Vielfalt von Sprachreaktionen gibt.« (V2, 419)
Mit der Untersuchung »primitiver Sprachspiele« berührt Wittgensteins Denken die Dimension des Paradigmatischen. In ihm sedimentiert sich eine Regel, die ihrerseits zur (grammatischen) Norm des Findens weiterer Anwendungen bzw. Beispiele wird. Es ist klar, daß jedes Beispiel diesen methodischen Status erlangen kann, indem aufgezeigt wird, daß und wie sich an ihm eine Regel exemplifiziert. Das Beispiel selbst ist methodisch ohne das Bestehen einer Regel gar nicht denkbar, aber nicht in dem Sinne, daß die Regel auch unter Abzug aller ihrer Anwendungen sinnvoll als regierende Norm formuliert werden könnte, sondern in dem Sinne, daß sie ihre Spezifik im Sinne einer Grammatik für die Beispielfindung, also für die Anwendung der Regel darstellt. Folgt man Wittgenstein, löst sich das Problematische des Beispiels, das die Philosophiegeschichte durchzieht, in dieser grammatischen Beziehung zwischen Anwendung und Regel einfach auf.
III.
Bleibt der Platz des absoluten Allgemeinen ›vakant‹, ergeben sich, zumindest aus der Sichtweise des Sprachspielphilosophen Wittgenstein, neue Freiheitsgrade der Darstellung und der Verknüpfungen von Sprachspielen. Hieraus erwächst immer auch eine kritische Dimension, insbesondere wenn es um die philosophische Rechtfertigung für die Gleichsetzung des Sprachgebrauchs mit den durch ihn beschriebenen Tatsachen geht. Wittgenstein hat diese kritische Dimension selbst nicht in das Zentrum seiner Darstellung gestellt; dennoch scheint es zumindest implizit, in manchen Passagen in Gestalt der Verfremdung, in anderen Fällen mittels einer feinen Ironie, durchaus vorhanden.
Das kontrastierende Verfahren des Wittgensteinschen Beispielgebrauchs bedeutet in einer kritischen Lesart eine epoché ganz eigener Art. Die Inversion der Untersuchung auf die sprachlichen Gegebenheiten, die Wittgenstein durch seine verfremdenden Beispiele immer wieder aufzeigt, vermag das philosophische Vertrauen in jeden philosophischen Realismus oder gar »Naturalismus« nachhaltig zu erschüttern. Er entpuppt sich als ein Stil der Darstellung, der, wie die Mathematik oder die Logik, nicht der Natur, sondern einem Sprachspiel verpflichtet ist (vgl. BGM, 382ff.).
Die Möglichkeit des »Umschlagens« eines Beispiels als ein Illustrativum zu einem Paradigma als Konstitutivum erfordert ein weniger dem Anspruch auf das Allgemeine, als ein an der Kasuistik orientiertes Denken.[14] Die Einsicht, daß die Regeln so weit reichen, wie ihre Beispiele gehen, verweist uns auf die Grundlosigkeit des Grundes, auf den wir diese Regeln stellen. Diese Einsicht verliert ihren philosophischen - vor allem relativistischen bzw. skeptischen - Schrecken, wenn sie statt einer bis ins Grundlegende reichenden Verunsicherung ein starkes Vertrauen in unsere Lebenspraxis, Institutionen und des in ihnen zum Ausdruck kommenden Denkstils, unserer Weltbilder, unserer Gewißheiten, unserer Lebensformen verbinden. Indem wir erkennen, daß jedes Beispiel stets ein Beispiel für etwas ist, dessen Geltung wir im Akt der Beispielsetzung implizit oder, methodisch reflektiert, explizit mitkonstituieren oder modifizieren bzw. konterkarieren, dokumentieren wir die Lebendigkeit der auf unsere Art von Beispielen gegründeten Lebensform - ganz im Sinne der Formulierung Ricœurs, der von einer »lebendigen Metapher« spricht. Doch anders als Ricœur suchen wir nicht nach etwas anderem, das uns dieses Sein-für wie eine Gabe überreichte, sondern wir erkennen die Normativität der Beispielsetzung in dem Akt der Beispielverwendung selbst und damit jenes »Interesse«, das sich mit dem Allgemeinen verknüpft.
Wir wissen also: Die Exemplarität des Exempels verdankt sich keiner transzendenten Instanz, keines verborgenen psychischen Vermögens, sie ist nicht Moment einer Kompetenz zur Interpretation oder einer geheimnisvollen Übereinstimmung unseres Geistes mit der Wirklichkeit der Dinge. Ein solches Modell war dem abendländischen Philosophieren seit je, von Parmenides bis Husserl, eingeschrieben. Die Erkennntis als Privileg, die Blickrichtung auf das Eigentliche, das Allgemeine, unaussprechbar an sich, faßbar nur in illustrativen, aber mit dem Mangel der Kontamination durch das Konkrete behafteten Beispielen, als eine Strategie der Konfigurierung des Denkens - das Beispiel kommt zu seinem vollen Recht erst, wenn ein solcher Anspruch gefallen ist. Beginnen wir als Philosophen, in der »Offenheit« von Beispielen zu denken, löst sich der philosophische »Krampf« (V1, 260) und wir vermögen eine Sensibilität für die Zusammenhänge der Kommunikation und ein Gespür für die Faktizität des Daseins zu entwickeln, in der jenes philosophische Allgemeine bereits zu einem »interessanten Allgemeinen« geworden ist. Wir sind dann unterwegs zu einer historischen Anthropologie nicht eines vermeintlichen Verhängnisses, sondern der menschlichen Lebensvollzüge in ihrer Ordinarität und zugleich Originalität.
Sobald wir uns weigern, das Eigentliche als das Vorrangige zu denken, nehmen wir freilich nicht Partei für das Uneigentliche, für das Verfallene. Sondern wir verweigern uns dieser Dichotomisierung (vgl. Wheeler 1988). Wir erkennen nach dem Fall der Metaphysik die wesentlich kreative Funktion des Beispiels - es ist, wenn auch nicht eine Schöpfung aus dem Nichts,[15] so doch ein Gespinst, das sich selber trägt aber zugleich zur Wirkung kommt, wenn es den Freiraum findet, neue Verknüpfungen zu gestatten. Das Beispiel, von der Funktionszuweisung, ein Diener und eine Bekräftigung eines bereits vorauszusetzenden Allgemeinen befreit, schafft eine Situation der Offenheit und stiftet zugleich eine tentativ eine neue Ordnung.
Denn ebenso wie das Beispiel die Offenheit seines Einsatzes verbirgt, verhindert der Umstand, daß es ohne Regel undenkbar ist, das Abgleiten der Kasuistik in einen haltlosen Relativismus. Die Grammatik des Sprechens, aber auch die der Lebensform eingeschriebene Grammatik ist insofern stets konservativ. Dieser Regelkonservatismus resultiert zunächst nicht aus einer Entscheidung, einer bewußten Wahl, sondern aus der Regularität der Regel selbst: Wir sind den jeweiligen Regeln bereits gefolgt, bevor wir sie in Frage stellen. Man kann ihr nicht nur einmal folgen, sondern muß sie als Institution (BGM, 334), als übergreifenden Teil unserer Lebensform und Lebensweise (BGM, 335, 342f.) bereits akzeptiert haben, um sie in Frage stellen zu können.
Einen Ausbruch aus diesem unausweichlichen grammatischen Regelkonservatismus gelingt nun mit Hilfe, ja aufgrund der Invention desjenigen Beispiels, das in seiner »Setzung« eine neue Regel konstituiert und eine neue Form des Urteilens ermöglicht. Das kreative Beispiel konstruiert einen kühnen Fall als exemplarisch. Es befördert ein analogisches Denken, ist aber zugleich auch kritisch gegenüber einer immer wieder verlockenden Logifizierung des Ana-logischen (vgl. Gabriel 1996, bes.167ff.; Gabriel 1997). Gewiß werden solche Beispiele per se einen schweren Stand haben, weil sie die Möglichkeit zu einem Paradigmenwechsel eröffnen. Das Herbeiführen des Padigmenwechsels wird die Aufgabe eines revolutionären Beispiels sein. Wissenschaftshistoriker wie Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend, Michel Foucault und viele andere haben geschichtliche Beispiele für solche revolutionären Wechsel gesammelt und Fälle des Paradigmenwechsels analysiert. Welche Beispiele in der Zukunft eine solche paradigmatische Funktion erfüllen können, entzieht sich per definitionem unserer Kenntnis: Es ist ein Rätsel.[16] Aber dieses Rätsel ist ja eben das, was mit dem Ausdruck »revolutionäres Beispiel« gerade bezeichnet werden soll: das »Offene«.
(Dieser Text ist bereits erschienen in: Hans Julius Schneider u. Matthias Kroß (Hg.), Mit Sprache spielen. Die Ordnungen und das Offene nach Wittgenstein, Berlin 1999, S. 169-187 und erscheint mit freundlicher Genehmigung des Akademie Verlages Berlin. Informationen zu diesem Band findet man in unserer Bücher-Sektion.)
Anmerkungen
[1] Im folgenden werde ich keine begriffliche
Differenzierung zwischen den familienähnlichen Termini »Beispiel«, »Gleichnis«,
»Modell«, »Typ«, »Muster«, »Analogie« etc. vornehmen, da ein solches
Unterfangen der Darstellungsintention widerspräche. Einen ausführlichen
historischen Überblick über die Begriffsgeschichte bietet Thomas Rentsch (1989,
74ff.).
[2] Vgl. dazu jetzt Figal 1996, bes. 138ff.
[3] »[E]in Beispiel ist nur das Besondere (concretum), als unter dem Allgemeinen
nach Begriffen (abstractum) enthalten
vorgestellt, und blos theoretische Darstellung eines Begriffs.« Demgegenüber
signalisiert das »Exempel« den besonderen Fall einer »praktischen Regel, sofern diese die Thunlichkeit oder Unthunlichkeit
einer Handlung vorstellt«. (Kant, 1914, 479f., Fußnote)
[4] »Die allgemeine Logik enthält gar keine
Vorschriften für die Urteilskraft und kann sie auch nicht enthalten. Denn da
sie von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, so bleibt ihr nichts übrig
als das Geschäfte, die bloße Form der Erkenntnis in Begriffen, Urteilen und
Schlüssen analytisch auseinander zu setzen und dadurch formale Regeln alles
Verstandesgebrauchs zustande zu bringen. Wollte sie nun allgemein zeigen, wie
man unter diese Regeln subsumieren, d.i. unterscheiden sollte, ob etwas
darunter stehe oder nicht, so könnte dieses nicht anders als wieder durch eine
Regel geschehen. Diese aber erfordert ebendarum, weil sie eine Regel ist, aufs
neue eine Unterweisung der Urteilskraft; und so zeigt sich, daß zwar der
Verstand einer Belehrung und Ausrüstung durch Regeln fähig, Urteilskraft aber
ein besonderes Talent sei, welches gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein
will. Daher ist diese auch das Spezifische des sogenannten Mutterwitzes, dessen
Mangel keine Schule ersetzen kann.« (Kant 1911, B 171f.)
[5] Es muß dahingestellt bleiben, ob Derrida trotz
seiner kritischen Haltung gegenüber der abendländischen Tradition eine »Lösung«
der Beispiel-Problematik beabsichtigt. Zumindest darf bezweifelt werden, ob sie
ihm gelingt, wenn man mit Wittgenstein unter »Lösung« eines Problems die
»Auflösung« des Problems versteht, da Derrida den Horizont der abendländischen
Metaphysik wohl ausschreitet, aber nicht überschreitet.
[6] Wie Wünsche (1985) gezeigt hat - und wie jeder
Leser der Wittgenstein-Texte leicht selber feststellen wird - ist Wittgensteins
philosophischer Eros nicht frei von pädagogischen Ambitionen, allerdings nicht
im Sinne der traditionellen Philosophie. Vgl. zum Beispieldenken im Verständnis
exemplarischen Lernens vor allem Buck (1969).
[7] Eine solche Absicht vermutet Marcuschi (1976).
[8] Vgl. einen entsprechenden Versuch Rehbergs
(1995).
[9] Selbstverständlich ist auch die Abhandlung kein Beispiel im
illustrativen Sinn. Derjenige, der das Buch verstanden hat, kann den Traktat
eigentlich nur einmal lesen. Er soll
ja eben die Leiter fortwerfen, nachdem er sie erklommen hat. Die Wiederlektüre
eröffnet neue, andere Kontexte, weil sie die Erstlektüre bereits mit
umschließt. Dies ist das Thema der interessanten Interpretation von Majorie
Perloff (Perloff 1996, xiv).
[10] In PT gibt Wittgenstein selbst eine Erläuterung
zu seinem Leiter-Bild. In einer als Satz 6.55 eingeordneten Passage heißt es:
»Er muß diese Sätze überwinden dann kommt er auf der richtigen Stufe [zu dem
was sich sagen läßt.] zur Welt.«- »Die richtige Stufe« gehört offensichtlich
nicht mehr zur Leiter.
[11] So äußerte Wittgenstein gegenüber Waismann am
9.12.1931: »Ich habe einmal geschrieben: Die einzig richtige Methode des
Philosophierens bestünde darin, nichts zu sagen und es dem andern zu
überlassen, etwas zu behaupten. Daran halte ich mich jetzt.« (WWK, 183).
[12] In diesem Sinne argumentiert auch Wallner (1983,
70ff.).
[13] In Z, 197 zählt Wittgenstein insgesamt 16
Möglichkeiten der Deutung eines Vexierbildes auf – die Reihung ließe sich
beliebig fortsetzen.
[14] Eine historische Propädeutik für ein solches
Denken geben Albert R. Jonsen und (der Wittgenstein-Schüler) Stephen Toulmin: The Abuse of Casuistry. A History of Moral Reasoning, Berkeley usw. 1988. Vgl. auch Feyerabend 1990, 154f.
[15] Der creatio-Gedanke
findet sich in bezug auf das Beispiel vor allem bei Augustinus, der in De Trinitate Christus als »sine exemplo
nobis exemplum« (VII, III, 5 =
CL, SL, L, 253). bezeichnet.
Christus ist Idee und zugleich ihre Darstellung im Paradigma, Urbild und Abbild
in einem. Wie Regine Munz gezeigt hat, ist dieses Motiv in Wittgensteins Denken
tief verwurzelt (Munz 1997, 172ff.).
[16] Vgl. V2, 554 (zum Ende des letzten Jahres
Wittgensteins in Cambridge): »Sofern es nicht gelingt zu zeigen, daß ein Rätsel
eigentlich kein Rätsel ist, steht man mit wirklichen Rätseln da. Und ein Rätsel
ist etwas, was keine Lösung kennt.«
Literaturverzeichnis
Augustinus (1968), De Trinitate, Turnholt (= Corpus Christianum, Series Latina, XVI, 1).
Buck, G. (1969), Lernen und Erfahren. Zum Begriff der didaktischen Induktion, Stuttgart (2., verb. Aufl.).
Derrida, J. (1994), »Das Gesetz der Gattung«, in: ders., Gestade, Wien, 245-283.
Feyerabend, P. (1990), »Das Allgemeine - Tyrann oder Vermittler?«, in: ders., Irrwege der Vernunft, Frankfurt/M. (2. Aufl.), 148-161.
Figal, G. (1996), »Dem Logos vertrauen«, in: ders., Der Sinn des Verstehens. Beiträge zur hermeneutischen Philosophie, Stuttgart, 132-152.
Gabriel, G. (1996), »Logisches und analogisches Denken. Zum Verhältnis von wissenschaftlicher und ästhetischer Weltauffassung«, in: Ch. Demmerling, G. Gabriel u. Th. Rentsch (Hg.), Vernunft und Lebenspraxis. Philosophische Studien zu den Bedingungen einer rationalen Kultur, Frankfurt/M., 157-174.
Gabriel, G. (1997), Logik und Rhetorik der Erkenntnis. Zum Verhältnis von wissenschaftlicher und ästhetischer Weltauffassung, Paderborn.
Hacker, P.M.S. (1997), Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie, Frankfurt/M.
Jonsen,
A.R. u. Toulmin, St. (1988), The Abuse of
Casuistry. A History of Moral Reasoning, Berkeley.
Kant, I. (1911), Kritik
der reinen Vernunft, Berlin (= Kants Werke, Bd. III, Akademie-Ausgabe).
Kant, I. (1913), Kritik
der Urteilskraft, Berlin (= Kants
Werke, Bd. V, Akademie-Ausgabe).
Kant, I. (1914), Metaphysik der Sitten, Berlin (= Kants Werke, Bd. VI, Akademie-Ausgabe).
Lloyd, D.
(1995), »Kant’s Examples«, in: A. Gelly (Hg.), Unruly Examples. On the Rhetorics of Exemplarity, Stanford,
255-276.
Malcolm, N. (1987), Erinnerungen an Wittgenstein, Frankfurt/M.
Marcuschi, L.A. (1976), Die Methode des Beispiels. Untersuchungen über die methodische Funktion des Beispiels in der Philosophie, insbesondere bei Ludwig Wittgenstein, Erlangen.
Munz, R. (1997), Religion als Beispiel. Sprache und Methode bei Ludwig Wittgenstein in theologischer Perspektive, Düsseldorf, Bonn.
Perloff, M. (1996), Wittgenstein's
Ladder. Poetic Language and the Strangeness of the
Ordinary, Chicago,
London.
Rehberg, K.-S. (1995), »›Ausnahmezustand‹ und ›Außeralltäglichkeit‹ – Prätentionen der Regellosigkeit. Soziologogische Anmerkungen zu einem Scheinwiderspruch«, in: C.H. Mann u. P. Gerlach (Hg.), Regel und Ausnahme. Festschrift für Franz Holländer, Aachen, Leipzig, Paris, 11-38.
Rentsch, Th.(1989),
»Paradigma«, in: Historisches
Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7, Basel, 74-81.
Ricœur, P. (1991), Die lebendige Metapher, München (2. Aufl.).
Schulte, J. (1990), Chor und Gesetz. Wittgenstein im Kontext, Frankfurt/M.
Wallner, F. (1983), Die Grenzen der Sprache und der Erkenntnis. Studien an und im Anschluß an Wittgensteins Philosophie, Wien.
Wheeler,
S.C. (1988), »Wittgenstein as Conservative Destructor«, in: New Literary History 19, 239-258.
Wünsche, K. (1985), Der Volksschullehrer Ludwig Wittgenstein, Frankfurt/M.
Schriften Ludwig Wittgensteins nebst Siglen
|
BB |
Blaue Buch. Eine philosophische Betrachtung (Das Braune Buch), Frankfurt/M. 1969 (= Schriften 5). |
|
BGM |
Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik, Frankfurt/M. 1974 (= Schriften 6). |
|
PG |
Philosophische Grammatik, hg. v. R. Rhees, Frankfurt/M. 1969 (= Schriften 4). |
|
PT |
Prototractatus. Logisch-philosophische Abhandlung. Tractatus logico-philosophicus, Kritische Edition, hg. v. B.F. McGuinness u.a., Frankfurt/M. 1989 |
|
PU |
Philosophische Untersuchungen, Frankfurt/M. 1969 (= Schriften 1). |
|
T |
Tractatus Logico-philosophicus, Frankfurt/M. 1969 (= Schriften 1). |
|
ÜF |
Bemerkungen über die Farben, hg. v. G.E.M. Anscombe, Frankfurt/M. 1984 (= Werkausgabe, Bd. 8). |
|
ÜG |
Über Gewißheit, hg. v. G.E.M. Anscombe u. G.H. von Wright, Frankfurt/M. 1984 (= Werkausgabe, Bd. 8). |
|
V1 |
Vorlesungen 1930-35. Cambridge 1930-1932. Aus den Aufzeichnungen v. J. Kingv u. D. Lee, hg. v. D. Lee, Cambridge 1932-1935. Aus den Aufzeichnungen v. A. Ambrose u. M. MacDonald, hg. von A. Ambrose, Frankfurt/M. 1984. |
|
V2 |
Vorlesungen über die Philosophie der Psychologie. Aufgezeichnet v. P. T. Geach, K. J. Shah u. A. C. Jackson, hg. v. P.T. Geach, Frankfurt/M. 1991. |
|
VB |
Vermischte Bemerkungen. Eine Auswahl aus dem Nachlaß, hg. v. G.H. von Wright, Frankfurt/M. 1984 (= Werkausgabe, Bd. 8). |
|
WWK |
Wittgenstein und der Wiener Kreis, aus dem Nachlaß hg. v. B.F. McGuinness, Frankfurt/M. 1967 (= Schriften 3). |
|
Z |
Zettel, hg. v. G.E.M. Anscombe u. G.H. von Wright, Frankfurt/M. 1984 (= Werkausgabe, Bd. 8). |
|
|
|
Home
MoMo
Texte
Kontakt
MoMo-Berlin Philosophie Arbeitskreis Berlin