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Ludwig Wittgenstein

Ingenieur – Philosoph – Künstler

Symposium, Ausstellung und künstlerisches Veranstaltungsprogramm
anläßlich des 50. Todesjahres von Ludwig Wittgenstein




Ludwig Wittgenstein (aufgenommen von Ben Richards, Swansea 1947)



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Michael Nedo

Ludwig Wittgenstein
seine Familie, sein Leben und sein Werk





Ludwig Wittgenstein, der vielleicht einflußreichste Denker unserer Zeit, wurde am 26. April 1889 in Wien geboren, als jüngster von acht Geschwistern in eine der mächtigsten Industriellenfamilien der Habsburger Monarchie.

I

Die Wittgensteins kommen ursprünglich aus Deutschland. Ludwig Wittgensteins Urgroßvater, Moses Mayer, stammt aus einem kleinen Dorf im heutigen Westfalen, aus Laasphe, im damaligen Herzogtum Sayn–Wittgenstein; er ist dort Gutsverwalter, »Meier«, im Dienste des Fürsten Waldeck. Nach dem Erlaß der Napoleonischen Dekrete nennt er sich Wittgenstein und zieht in den benachbarten Ort Korbach, wo er sehr erfolgreich einen Wollgroßhandel betreibt, vor allem mit England.

Sein Sohn Hermann Christian verlegt das Geschäft nach Gohlis bei Leipzig, wo er 1839 Fanny Figdor heiratet, Tochter aus einer angesehenen Wiener Handelsfamilie. 1843 adoptiert er den damals gerade zwölfjährigen Geiger Joseph Joachim, einen Vetter seiner Frau, den er zum Studium zu Felix Mendelssohn-Bartholdy schickt. Karl Wieck, der Klavierlehrer von Robert Schumann, unterrichtet die Wittgenstein-Kinder, später auch Wiecks Tochter Clara Schumann. Über die Vermittlung von Joseph Joachim übernimmt der junge Brahms den Klavierunterricht der Töchter Hedwig und Anna und wird, wie auch Clara Schumann, lebenslanger Freund der Familie.

Bis zur Übersiedelung nach Österreich im Jahre 1851 lebt die Familie in Gohlis. Dort wird auch Ludwig Wittgensteins Vater Karl am 8. April 1847 geboren. Er ist unter den elf Geschwistern die stärkste Persönlichkeit und gleichzeitig das schwarze Schaf der Familie: 1865 wird er von der Schule verwiesen (Consilium abeundi), und bald darauf brennt er von zu Hause durch. Mit einem Paß, den er in Wien einem verarmten Studenten abgekauft hat, reist er nach Amerika. In New York verdingt er sich als Kellner und Barmusikant, als Lehrer für Latein, Mathematik und Musik und schließlich als Steuermann auf einem Kanalboot. Erst zwei Jahre später kehrt er zur Familie nach Wien zurück.

Karl Wittgenstein absolviert ein kurzes Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule in Wien, gefolgt von einer Reihe Volontärsstellen in verschiedenen technischen Betrieben. 1873 heiratet er Leopoldine Kalmus, eine begabte Pianistin.

Seine steile Karriere beginnt Karl Wittgenstein 1872 als technischer Zeichner und ist bald darauf der leitende Ingenieur beim Bau der Teplitzer Walzwerke. 1876 wird er in den Direktionsrat gewählt, ein Jahr darauf zum Direktor der Teplitzer Walzwerke bestellt und kurze Zeit später ist er auch deren Hauptaktionär. 1886 gründet Karl Wittgenstein nach der Übernahme der Prager Eisenindustriegesellschaft das erste österreichische Eisenkartell. Mit 52 Jahren zieht er sich 1898 von all seinen Posten zurück, verkauft seine österreichischen Anlagen, transferiert sein gewaltiges Vermögen ins Ausland und unternimmt mit seiner Frau eine Weltreise. Heute erinnert man sich an Karl Wittgenstein vor allem wegen seines großzügigen Mäzenatentums, als Förderer der Künste, besonders der Wiener Secessionisten.

II

Ludwig Wittgenstein wird zunächst wie seine Geschwister von Privatlehrern erzogen, nach einem eigenwilligen Erziehungskonzept des Vaters, von dem die Schwester Hermine in ihren Familienerinnerungen berichtet:

»Das Einzige, was ein Mensch wirklich mit Anstrengung lernen muß, ist die lateinische Sprache und die Mathematik. Diese bilden den Geist genugsam, und alles andere, wie Geographie, Geschichte usw. fliegt einem später durch Lektüre in hinreichendem Maße zu. Es hat also gar keinen Sinn, im Gymnasium oder einer anderen Schule viele Stunden des Tages zu vergeuden, viel besser ist es, spazieren zu gehen oder Sport zu betreiben.«

Mit vierzehn Jahren (nach dem Selbstmord der Brüder Hans und Rudi) kommt Ludwig Wittgenstein schließlich doch noch in eine öffentliche Schule. Wegen mangelhafter Vorbildung für ein Wiener Gymnasium besucht er ab Herbst 1903 die k.u.k. Staatsoberrealschule in Linz.

Nach der Matura im Frühjahr 1906 will Ludwig Wittgenstein in Wien bei dem Physiker Ludwig Boltzmann studieren, der sich jedoch im Sommer des selben Jahres das Leben nimmt. Stattdessen immatrikuliert er sich am 23. Oktober 1906 als Student der Ingenieurwissenschaften an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, der heutigen TU. Für Berlin entscheidet sich Wittgenstein vermutlich wegen Franz Reuleaux, ehemals Maschinenbauprofessor der Hochschule und Begründer der neuen »Kinematik«. Reuleaux hatte, wie auch Boltzmann, mit seinen ausgeprägten erkenntnistheoretischen und philosophischen Interessen Wittgenstein von frühester Jugend an beeinflußt.

In Berlin beschäftigt sich Wittgenstein, nach den Familienerinnerungen der Schwester, »viel mit flugtechnischen Fragen und Versuchen«. Doch:

»Zu dieser Zeit oder etwas später ergriff ihn plötzlich die Philosophie, d.h. das Nachdenken über philosophische Probleme, so stark und so völlig gegen seinen Willen, daß er schwer unter der doppelten und widerstreitenden inneren Berufung litt und sich wie zerspalten vorkam.«

Nach dem Abschlußdiplom am 5. April 1908 setzt Wittgenstein seine Studien auf Rat des Vaters am College of Technology in Manchester fort. Er entwickelt einen völlig neuartigen Flugmotor, für den er 1911 ein Patent erhält.




Patentskizze eines Blattspitzenantriebes



Schließlich siegt doch die Philosophie in seinen widerstreitenden Berufungen: Wittgenstein zieht im Herbst 1911 nach Cambridge ans Trinity College, um bei Bertrand Russell Logik und Philosophie zu studieren. Der 17 Jahre ältere und damals bereits weltberühmte Gelehrte ist von seinem 22-jährigen Studenten beeindruckt, er beschreibt ihn in Briefen an seine Freundin Ottoline Morell:

»My German engineer very argumentative and tiresome« (1.11.11).
»My German is hesitating between philosophy and aviation; he asked me today whether I thought he was utterly hopeless at philosophy, and I told him I didn’t know but I thought not« (27.11.11).
»I am getting to like him, he is literary, very musical, pleasant-mannered (being an Austrian) and I think really intelligent« (29.11.11).




Faireys Rotodyne, Großhubschrauber mit Blattspitzenantrieb 1958



III

Bereits 1911 beginnt Wittgenstein mit der Arbeit an seinem ersten philosophischen Werk, dem einzigen, das er zu Lebzeiten veröffentlicht. Er vollendet es während seines letzten Urlaubs von der italienischen Front, im Sommer 1918. (Er hatte sich 1914 in Österreich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet.) Obwohl er sich sofort um die Veröffentlichung bemüht, erscheint die Logisch–Philosophische Abhandlung, nach vielen Absagen auch bedeutender Verlage, erst 1922 als zweisprachige Ausgabe unter dem heute bekannten Titel der englischen Übersetzung, Tractatus Logico–Philosophicus. Wittgenstein glaubt mit der Vollendung dieser Arbeit seine Berufung für die Philosophie verloren zu haben; er meint, wie der Übersetzer der Abhandlung, Frank Ramsey, berichtet: »no one can do more than 5 or 7 years work at philosophy. (His book took 7.).«

Noch während der Kriegsgefangenschaft in Italien entscheidet sich Wittgenstein, vermutlich unter dem Eindruck von Tolstoi, für den Beruf des Lehrers. Er entledigt sich seines gewaltigen, ererbten Vermögens, indem er es unter seine Geschwister verteilt. Nach einer Ausbildung in Wien nimmt er 1920 in Trattenbach, einem kleinen Dorf in Niederösterreich, eine Stelle als Volksschullehrer an. Dort baut er Unterrichtsmodelle für seine Schüler, repariert die Dampfmaschine der örtlichen Weberei, beschäftigt sich mit fotografischen Experimenten und der Bildhauerei und arbeitet, nachdem er im Frühjahr 1926 den Schuldienst quittiert hat, als Gärtnergehilfe in einem Kloster der Barmherzigen Brüder in Hütteldorf. Von 1926 bis 28 baut er in Wien für seine Schwester Margarete Stonborough ein Haus.




Palais Stonborough, Wien 1928



In seinen praktischen Arbeiten ist Wittgenstein Ingenieur, Architekt etc., und nicht, wie so oft spekuliert, einer, der zum Beispiel »Philosophie gebaut hat«. Aber seine Erfahrungen aus diesen Arbeiten zeigen, wie er im Herbst 1931 schreibt, eine profunde Wirkung auf seine Philosophie:

»Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die/eine/ Arbeit an Einem selbst. An der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)«

Auf Drängen der Freunde, vor allem von Ramsey und Keynes, kehrt Wittgenstein 1929 schließlich nach Cambridge zurück; er wird Research Fellow und Dozent für Philosophie, 1939 wird er auf den Lehrstuhl von G.E. Moore berufen. In einer Skizze zu einer seiner ersten Vorlesungen notiert er für seine Studenten eine Beschreibung seiner Lehrtätigkeit und seiner Philosophie:

»What I should like to get you to do is not to agree with me in particular opinions but to investigate the matter in the right way. To notice the interesting kind of things (i.e. the things which will serve as keys if you use them properly).
What different people expect to get from religion is what they expect to get from philosophy.
I don’t want to give you a Definition of Philosophy but I should like you to have a very lively idea as to the characters of philosophic problems. If you had, by the way, I could stop/start/ lecturing at once.
To tackle the philosophical problem is difficult as we are caught in the meshes of language.
›Has the universe an end/beginning/ in Time‹ (Einstein)
You would perhaps give up Philolosophy if you knew what it is. You want explanations instead of wanting descriptions. And you are therefore looking for the wrong kind of thing.
Philosophical questions, as soon as you boil them down to […] change their aspect entirely. What evaporates is what the intellect cannot tackle.«

IV

1942 kehrt Wittgenstein noch einmal zu seinem ersten Beruf zurück: Er meldet sich, weil er den Krieg nicht als unbeteiligter Beobachter erleben will, 1941 zum medizinischen Dienst im Guy’s Hospital in London. Dort schließt er sich einer Forschungsgruppe an, die den Wundschock untersucht. Er entwickelt Apparaturen, mit deren Hilfe Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und -volumen erstmals über längere Zeiträume kontinuierlich gemessen werden können. Dabei helfen ihm Erfahrungen, die er bei der Entwicklung seines Flugmotors gemacht hatte, und er nutzt Technologien aus seinen Studien in der Aeronautik.




Skizze einer medzinischen Apparatur zur Messung
von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und -volumen



Während dieser Zeit ist er nur noch selten in Cambridge, wo er an den Wochenenden seinen Studenten private Kurse anbietet. Angeregt durch die Begegnung mit dem damals 18-jährigen Mathematikstudenten Georg Kreisel, dem einzigen seiner Schüler, den er für fähig hält, sein Werk fortzuführen, arbeitet er in dieser Zeit viel über die Grundlagen der Mathematik.

1943 wird die Forschungsgruppe nach Newcastle verlegt. Wittgenstein gibt seine Räume im Trinity College auf. Seine Ferien verbringt er bei dem Schüler und Freund Rush Rhees in Swansea, wo er an seinen Philosophischen Untersuchungen arbeitet. In dieser Zeit liest er mit dem russischen Philologen Nicolas Bachtin seine Logisch–Philosophische Abhandlung und entschließt sich, diese zusammen mit seiner neuen Arbeit zu veröffentlichen, unter dem Titel: Philosophische Untersuchungen der Logisch–Philosophischen Abhandlung entgegengestellt.

Aber auch dieses Vorhaben scheitert, ebenso wie die vielen anderen Versuche, die er seit 1929 macht, seine neueren Gedanken zu veröffentlichen (beide Texte sind auch postum noch nicht so erschienen, wie er es geplant hatte). Zudem zweifelt Wittgenstein, ob er überhaupt je verstanden werden wird, vor allem wegen des Poetisch-Musikalischen in seinem Denken. Dies erklärt er 1949 seinem Freund und ehemaligen Schüler Maurice O’Connor Drury so:

»It is impossible for me to say in my book one word about all that music has meant in my life. How then can I hope to be understood?«




Ludwig Wittgenstein (aufgenommen von K.E. Tranøj, 1950)



Zu diesem Thema hat er sich immer wieder geäußert, wie zum Beispiel bereits 1931 im Manuskriptband VI Philosophische Bemerkungen:

»Es gibt Probleme, an die ich nie herankomme, die nicht in meiner Linie oder in meiner Welt liegen. Probleme der abendländischen Gedankenwelt, an die Beethoven (und vielleicht teilweise Goethe) herangekommen ist, und mit denen er gerungen hat, die aber kein Philosoph je angegangen hat (vielleicht ist Nietzsche an ihnen vorbeigekommen).«

Bildnachweis

Alle Photographien und Skizzen wurden entnommen aus: Wittgenstein. Eine Ausstellung der Wiener Secession, Bd. 1: Biographie, Philosophie, Praxis, Wien 1989, S. 87, 214, 255, 256, 263, 290.




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