|
|
Simone Mahrenholz Musik und Erkenntnis. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler-Verlag, 2. Aufl.,
2000, 389 S. |
Kurztext
Dass im Umgang mit Kunst, speziell mit Musik, ein Kontakt zu etwas wie »Wahrheit« oder Erkenntnis entsteht – Intuitionen dieser Art durchziehen nicht nur Teile der philosophischen Ästhetik. Sie begegnen einem beim Hören oder Erschaffen von Musik auch selbst. Das Buch fragt nach dem Grund und dem Rationalitätsgehalt dieses oft mystisch oder metaphysisch erscheinenden Motivs. Da Musik etwas mitteilt, dies jedoch nicht in Worte übersetzbar ist, wird zunächst Nelson Goodmans Allgemeine Symboltheorie auf Musik angewendet – mit deren logischem Instrumentarium sich musikalisch-klangliche Funktionen beschreiben und zur »Welt« in Beziehung setzen lassen. Mit dem dabei gewonnenen Erkenntnisbegriff, der Nonverbales, Emotionen und Körperliches einschließt, wird der Fragehorizont erweitert: um die Rolle und Perspektive des Ichs im Umgang mit Kunst, samt der Bedeutung der (musikalischen) Zeitlichkeit. Philosophische Ansätze von Hegel bis zur Gegenwart werden dabei zu Ansätzen aus der Psychoanalyse und Ergebnissen der Hirnforschung in Beziehung gesetzt.
Inhalt
|
Einleitung |
1 |
|
Hauptstück A: |
|
|
I. Symbolisierte Musik: Die Notation |
|
|
1. Vorbemerkung |
23 |
|
2. Die theoretisch-konstruktionale und |
|
|
3. Die symboltheoretischen Anforderungen |
|
|
(a) Syntaktische Anforderungen |
28 |
|
(b) Semantische Anforderungen |
30 |
|
(c) Die
westliche Standard- |
|
|
II. Musikalisches Symbol: Der Klang |
|
|
1. Denotation |
40 |
|
2. Exemplifikation |
48 |
|
(a) Konzeption |
48 |
|
(b)
Musikalische Darstellung via |
55 |
|
Exkurs: Symptome des Ästhetischen |
61 |
|
(c) Musikalische Exemplifikation |
64 |
|
3. Ausdruck |
69 |
|
(a) Konzeption |
69 |
|
(b) Diskussionspunkte |
75 |
|
(c) Musik
und Ausdruck |
84 |
|
III. Das Verhältnis von Klang und Notation |
|
|
1. Vorbemerkung |
101 |
|
2. Symboltheoretische, mediale, |
|
|
(a) Übersicht |
106 |
|
(b)
Allgemein symboltheoretische |
108 |
|
(c) Das Konzept des Raumes in Partitur und Klang |
110 |
|
(d) Das
Konzept der Zeit in Partitur |
115 |
|
Hauptstück B: |
|
|
IV. Kognition und Zeitlichkeit |
|
|
1. Zeit, Welt und Selbst |
129 |
|
(1) Zeit
als Sein des Subjekts |
|
|
2. Musik und Zeitstruktur |
154 |
|
(a) Vorbemerkung |
154 |
|
(b)
Zyklisch-kadenzielle Zeitstruktur |
|
|
(c) Musikalische Zeit und Notation |
162 |
|
(d)
Zeit-Zyklus und Zeit-Genese im |
|
|
(e) Rhythmisch-periodisches
Jetzt im |
173 |
|
V. Musikalische Symbolisation |
|
|
1. Kognition und Symbol |
186 |
|
2. Die drei Ebenen der Symbolisation |
195 |
|
(a) Vorbemerkung |
195 |
|
(b) Interpretations-Ebenen |
199 |
|
(c) Symbolisations-Ebenen |
202 |
|
(d) Das »Unbewußte« |
204 |
|
(e)
»Primärprozessuale« Logik der |
210 |
|
(f) Primäre Ebene und Symboltheorie |
227 |
|
Exkurs: Hirnphysiologische Befunde |
234 |
|
1.
Hirnhemisphärische Asymmetrie |
|
|
3. Musik und die Logik der kategorialen |
|
|
4. Welterzeugung durch Exemplifikation: |
|
|
VI. Musikalische Selbst- und Welterzeugung |
|
|
Anhang: Olga Sedakowa »Zwei Gestalten« |
367 |
|
Danksagung |
369 |
|
Literaturverzeichnis |
370 |
|
Namenregister |
386 |
|
|
|
Einleitung
Musik ermöglicht
Erfahrungen, die hinsichtlich ihrer Komplexität, Intensität und subjektiven
Bedeutsamkeit mit keiner anderen menschlichen Aktivität verbunden sind. Musik
kann höchste physisch-psychische Erregung und Erfüllung hervorrufen und
gleichzeitig mit einer Konzentration und differenzierten Denkakten einhergehen,
welche die Erfahrung eines umfassenden Verstehens
enthalten: das Bewußtsein, eines besonderen Erkenntnisprozesses teilhaftig zu
werden. Musik fordert Denken, Sinnlichkeit und Emotion zu einer Einheit
zusammen, wie das keine andere Ausdrucksform leistet. Und sie vermag zuweilen
eine Aufmerksamkeits- oder Intentionalitätsspanne herzustellen, welche die
›normalen‹ Zeit- und Raumgrenzen des Bewußtseins sprengt. Es ist eine Spanne,
die den ›Kosmos‹ umfaßt und die das ›Jetzt‹, das wir empfindend vor uns bringen
können, ausdehnt in Richtung ›Zeitlosigkeit‹ oder ›Ewigkeit‹. Musik erweitert
damit den gewöhnlichen perspektivischen Horizont. All dies geschieht keineswegs
immer und nicht durch jede Musik – aber in dieser Form nur durch Musik. In einem oft genußreichen Prozeß wirkt Musik
erkenntnis- und wirklichkeitserschließend. Dieser Prozeß ist ein Zusammenfall
von Aktivität und Passivität, von hörendem Fragen und empfangendem Hören: von
Antworten, nach denen man grundsätzlich nicht gefragt hatte (weil man die Frage
nicht kannte).
Die Untersuchung möchte
einerseits die Hintergründe der Bedeutung der Musik für den Menschen klären.
Zweitens will sie mit erhellen, warum Musik in der Geschichte der
philosophischen Ästhetik oft einen herausgehobenen Stellenwert bekommt,
speziell im 19. und 20. Jahrhundert. Drittens schließlich sucht sie einen
Beitrag zur Disziplin der philosophischen Ästhetik zu leisten, genauer zu der
Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Erkenntnis – welche die übergeordnete
Frage nach dem Verhältnis von Ästhetik und Erkenntnistheorie einschließt. Eben
dies geschieht am Gegenstand der Musik.
*
Wenn im 19. Jahrhundert
Beethoven äußert, Musik sei »höhere Offenbarung als alle Weisheit und
Philosophie«,[1] wenn im 20. Jahrhundert George Steiner in einem
der Musik gar nicht gewidmeten Buch schreibt, daß »der Bereich der Musik im
Zentrum des Bereichs der Sinnerfahrung des Menschen steht«,[2] wenn jeder Hörende beim glückhaften Erfassen
des Musikalischen zuweilen das Gefühl haben kann, eines umfassenden Verstehens
teilhaftig zu werden, so gilt es, zu artikulieren, argumentativ zu erschließen,
was es ist, das wir musikalisch
verstehen. Da dieses keine musikwissenschaftliche, sondern ein philosophisch
argumentierende Arbeit ist, wird das Verstehen von Musik nur insofern mit
behandelt, als es mit dem Verstehen durch
Musik zusammenfällt.
Die Untersuchung folgt
damit keiner ›formalistischen‹ oder ›puristischen‹ Position, nach welcher Musik
nichts ›ist‹ jenseits ihrer selbst.[3] Musik nimmt potentiell Bezug auf
Außermusikalisches, so wie Worte, Bilder, (Tanz-)Bewegungen, Gesten auf etwas
jenseits ihrer selbst bezugnehmen (können) – und die Rede ist dabei durchaus
von ›reiner‹ oder ›absoluter‹ Musik. Es wird zu klären sein, wie diese Form der
Bezugnahme aussieht – zumal Musik zunächst nichts ist als abstrakte Klänge:
ohne feste Semantik, ohne fixe Bedeutung, und ohne wesentlich Ähnlichkeitsrelationen
zu etwas herzustellen. Diejenigen Autoren, die der Musik unter den Künsten in
Sachen Wahrheits- oder Erkenntnisaufschluß einen herausgehobenen Stellenwert
einräumten – darunter Schopenhauer, Nietzsche, die Frühromantiker und Adorno –
hatten erhebliche Schwierigkeiten, ihre Intention anders als vage, metaphorisch
oder mit Hilfe offen oder verdeckt metaphysischer Anleihen auszuführen.
*
Nelson Goodmans
Symboltheorie bietet sich in dieser Fragesituation aus mehreren Gründen als
methodischer Ausgangspunkt an. Zunächst: will man Ästhetik und
Erkenntnistheorie in ein Verhältnis setzen, so bedarf es hierfür eines
gemeinsamen theoretischen Bindegliedes. Dieses bildet in Goodmans Theorie die
von der modernen Logik herkommende Symbol-Logik:
mit ihrem zugleich anschaulich-sinnlichen und konstruktiv-herstellenden Aspekt.
Goodman verknüpft in seiner Theorie die Geschichte des Logischen Positivismus
(u.a. Carnaps) mit der zeichentheoretischen Tradition der Linie
Peirce-Morris-Cassirer-Langer – und über Cassirer indirekt auch die
Philosophien Kants und Baumgartens. Insofern schneiden sich in ihm mehrere,
historisch einflußreiche, die Gegenwart zum Teil sehr unterschiedlich formende
Traditionslinien.
Konkret stellt Goodman
Künste und Wissenschaften auf einen gemeinsamen Boden der Betrachtung,
vergleicht sie als Symbolsysteme, und
ermöglicht damit präzise Aussagen zu ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten.
Dies eröffnet eine neue Perspektive auf traditionsreiche Fragen wie: Worin
liegt der kognitive Gehalt von Kunst? Wie unterscheidet sich dieser von dem der
Wissenschaften? Worin liegt das ›Geheimnisvolle‹, Unaussprechbare, Ephemere,
nie abschließend Analysierbare von Kunstwerken im Unterschied zu
wissenschaftlichen Theorien und Alltagsgegenständen? Worin liegt die
»ästhetische Differenz«, wann wird ein Alltagsgegenstand zur Kunst? Worin
besteht eine ästhetische Lesart von
Symbolen? Wie läßt sich Kognition im allgemeinen und, konkreter, Erkenntnis
symboltheoretisch beschreiben? Welche Rolle spielt das Gefühl im Umgang mit Kunst und Kognition? Was ›bedeutet‹ abstrakte
Kunst (wie die Musik), wie tritt sie in Beziehung zur Außenwelt, wie nimmt
abstrakte Kunst Bezug und auf was?
Ein Schlüsselbegriff in
diesen Fragen ist Goodmans weiter und dennoch klar bestimmter Begriff von
»Erkenntnis« (»cognition«, je nach Zusammenhang auch »understanding«). Er
umfaßt neben dem, was in Sprache und Wissenschaften als Erkenntnis gilt, auch
Prozesse wie Ordnen und Sortieren, Gewichten und Umgewichten, Komposition und
Dekomposition, Tilgen und Ergänzen.[4] Erkennen gleicht häufig weniger dem Aufstellen
oder Finden eines Aussagesatzes als »dem Fund eines passenden Teils, das sich in
ein Puzzle einfügen läßt« (Ways of
Worldmakink, 36). Und zu den Detektoren hierbei gehören keineswegs nur im
engen Sinne intellektuell-logische Prozesse, sondern wesentlich auch die
emotionellen und die sinnlichen.[5] Gerade dies macht die Konzeption geeignet für
eine philosophische Untersuchung spezifisch musikalischer
Äußerungen – mit ihren physischen, emotiven und expressiven Komponenten, die neben und in ihren rationalen und konstruktiven Momenten wirksam sind.
Offensichtlich also ist
in dieser Betrachtung etwas nicht erst dann Erkenntnis, wenn es sprachlich vorliegt oder in Sprache
übersetzbar ist. Die Überzeugung, Erkenntnis und Wahrheit seien nur in
diskursiv kodierter Subjekt-Prädikat-Objekt-Form valide, verliert
symboltheoretisch betrachtet ihre Rechtfertigung. Was Sprache gegenüber anderen
Symbolisationsformen positiv wie einschränkend kennzeichnet, dies zu bestimmen
liefert der Ansatz präzise, aus der modernen Logik entwickelte Begriffe. Die
Symboltheorie sprengt damit den Rahmen der analytischen Sprachphilosophie,
indem sie deren Ausgangsgedanken radikalisiert und die Behandlung
philosophischer Fragen durch die Analyse des Materials angeht, in welchem wir
über sie (nach)denken. Konsequent erweitert sie damit den Gegenstand der
Sprach-Analyse auf auch jene symbolischen Systeme vor und jenseits der
Sprachverwendung.
Entsprechend ist
›Symbol‹ bei Goodman ein weit gefaßter Begriff. Er beinhaltet Buchstaben,
Wörter, Sätze, Zahlen, Formeln, Bilder, Diagramme, Karten, Modelle, Töne etc.:
sämtliche Formen der Verständigung über Welt und Selbst, also auch Gesten,
mimische Nuancen, Laute und Klänge.[6] Natürlich symbolisieren diese Phänomene nicht
stets und als solche, es gibt keine »intrinsischen« Symbole, erst recht keine
Symbole mit ihnen fest innewohnender »Bedeutung« oder Symbolisationsfunktion.
Symbolsysteme sind kontext- und interessenrelative Konstruktionen.
Dieser Ansatz macht die
disparatesten Symbolisationsformen einer vergleichenden
Systematisierung zugänglich. Die Frage: wie vermitteln die einzelnen Künste
und wie vermitteln die unterschiedlichen Wissenschaften Erkenntnis? – wird nun
bearbeitbar als: welche symbol-logischen Eigenschaften unterscheiden und welche
verbinden Künste und Wissenschaften im allgemeinen – bestimmte Künste und
bestimmte Wissenschaften im besonderen?
Goodmans in Languages of Art erstmals vorgestellte
Theorie bietet hierfür analytische Werkzeuge. Sie ermöglichen die vergleichende
Untersuchung der Syntax von Symbolen,
ihrer Semantik und ihrer
unterschiedlichen Arten, bezugzunehmen: ihrer Formen der Referenz. Syntax und
Semantik werden mit jenen Begriffen analysierbar, die sich aus der Definition
eines Notationssystems ergeben.
Goodmans Analyse der Notation liefert also ein logisches Vokabular zur
Charakterisierung von Notationssystemen samt
ihrer nichtnotationalen Gegenbegriffe. Gerade diese Gegenbegriffe
ermöglichen u.a. die Bestimmung dessen, was ästhetisches
Symbolisieren ausmacht. Goodman illustriert seine These von der kognitiven
Wirkung der Künste vor allem an der Malerei.
Er konzipiert die Bezugnahme der Zeichen dabei generell unabhängig von Ähnlichkeit, sein Begriff der Exemplifikation ermöglicht es, zu erklären,
inwiefern abstrakte Werke bezugnehmen können, er zeigt die kognitiv
aufschließende Wirkung der Fiktion
und er hat ein Konzept des ästhetischen
Ausdrucks, das tradierte Probleme der Ästhetik löst. All diese Punkte
prädestinieren die Theorie für eine Anwendung auf Musik.
Goodman selbst hat sie,
von zwei, drei Bemerkungen abgesehen, nicht auf Musik appliziert. Musik taucht
bei ihm nur als notierte auf: als Partitur. Dies ist der erste Punkt, an dem
diese Arbeit über Goodmans Ansatz hinausgeht: sie wendet die Theorie auf Musik
als klangliches Phänomen an. Eine Verwechslung der Klang- und der
Notations-Ebene führte in der Goodman-Rezeption wiederholt zu
Mißverständnissen. Man verstand ihn so, als sei Musik eine notationale Kunst,
mit ebensolchen Eigenschaften. Doch daß die Notations- und die Klang-Ebene sich
keineswegs identifizieren lassen, sondern in ihren symbolisierenden
Eigenschaften fundamental divergieren, läßt sich wohl mit keiner Theorie so
präzise ausführen wie mit Goodmans Allgemeiner Symboltheorie. Mit ihr kommt er,
was Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Künsten, Wissenschaften und
Alltagssprachen angeht, zu grundsätzlich anderen Allianzen als den tradierten.
Vor allem artikuliert sich der Unterschied nicht entlang der kognitiv-emotiv-Dichotomie.
Gefühle und sinnliches (Re-)Agieren sind in den Wissenschaften ebenso verlangt
wie der Intellekt in den Künsten.
Als die erste umfassende
systematische Anwendung der Allgemeinen Symboltheorie auf Musik setzt diese
Arbeit einerseits Goodmans Programm fort, indem Abschnitt I. Goodmans Begriffe
der theoretischen Idealnotation am Beispiel der Partitur durchspielt. Abschnitt
II. wechselt die Ebene und wendet das so entwickelte Instrumentarium auf das
Klangphänomen Musik an. Erst nach diesem Ebenenwechsel lassen sich die
symboltheoretischen Eigenschaften der Musik artikulieren (Abschnitt III.) und
die Frage nach kognitiven Funktionen der Musik stellen (Abschnitt IV. ff.).
Erst hier ist auch die
wichtige Unterscheidung zwischen den Bezugnahmeformen Denotation und Exemplifikation
in der Musik zu fassen. In ihr liegt eines der Motive, Goodmans Ansatz zum
Ausgangspunkt dieser Arbeit zu machen: in der grundlegenden Neuerung, die seine
Erweiterung des Konzepts der Bezugnahme
(reference) um die Exemplifikation
bedeutet. Ist die Denotation die
Funktionsweise etwa von Namen, Beschreibungen oder Abbildungen – die Richtung
der Bezugnahme verläuft vom Symbol auf das Symbolisierte – so geht die
Bezugnahmerichtung in der Exemplifikation
umgekehrt auf das Symbol zu: sie verläuft nach der Logik der Probe (Abschnitt II. erläutert diese
Termini in bezug auf Musik). Musik exemplifiziert
vor allem: sie symbolisiert bestimmte ihrer Eigenschaften – nominalistisch
gesagt: Prädikate. Musik instantiiert
diese Prädikate und macht sie so wahrnehmbar. Es sind dies Prädikate, welche
sich wiederum denotierend auf Welt und Selbst anwenden lassen und die
Wahrnehmung, die Konzeption von beidem um-organisieren. Dieses Exemplifizierte
ist gewöhnlich keineswegs verbal (man denke an die Farbprobe von rot): Es sind im Fall der Musik
strukturelle Muster, motivische und architektonische Strukturen, Rhythmen,
Klangfarben, harmonische Wendungen, charakteristische Kombinationen aus ihnen
und vieles mehr: nonverbale Prädikate – ihr Fachterminus ist Label.
Ein für Goodmans
Ästhetik-als-Erkenntnistheorie entscheidender Schritt ist seine Konzeption des Ausdrucks (expression). Gefaßt ebenfalls als Exemplifikation, nämlich als metaphorische Exemplifikation, ist sie
für Kunst eine zentrale (wenngleich keine ästhetisch notwendige) Symbolisationsweise. So werden per Ausdruck metaphorisch besessene Eigenschaften symbolisiert: über
das Instantiieren, Aufweisen und Vorstellen metaphorisch besessener Züge des
Werks. Damit erweitert sich die Reichweite der musikalischen Bezugnahme auch
auf Gefühle, Farben, Spannungs- und Entspannungsmuster, kurz auf potentiell
alles, was den Bereich des Klanglichen transzendiert. Ein musikalisches Werk
kann über metaphorisch exemplifizierte Eigenschaften auf außermusikalische
Bereiche aller Art bezugnehmen. Indem es diese Bereiche über seine metaphorisch
ausgedrückten Eigenschaften (etwa ›vibrierend‹) ›nonverbal prädiziert‹ und eine
solche Klassifikation als Akt der Strukturierung oder Organisation ein genuin
kognitiver ist, sind mit dem Ausdruck
den Sphären der (Welt- und Selbst-) erschließenden Relevanz von Künsten
potentiell keine Grenzen gesetzt.
Das theoretische Ausmaß
der zunächst schlicht wirkenden Unterscheidung von Denotation und Exemplifikation
für die Ästhetik und indirekt auch für die Erkenntnistheorie zeichnet sich in
der Goodman-Rezeption erst langsam ab. Einer der wichtigsten Aspekte: Die Frage
nach der Bedeutung in der Kunst wird
erweitert und depotenziert zur Frage nach der Bezugnahme, Referenz.
Dies erlaubt eine veränderte Behandlung des theoretischen Problems, wie
»abstrakte« Künste wie die Musik oder die moderne bildende Kunst wirken und
funktionieren. Es führt vor allem aus traditionsreichen Formalismus-Debatten
bezüglich der Musik heraus. Ein Werk mag nichts ›bedeuten‹, aber es kann
dennoch bezugnehmen – und damit auf Bereiche jenseits seiner selbst
symbolisierend einwirken.
Dies geschieht über
exemplifizierte Prädikate, Label.
Damit ist ein zweiter Gesichtspunkt genannt, hinsichtlich dessen diese
Untersuchung über Goodman hinausgeht. Eine ihrer Thesen liegt darin, daß das
erkenntnisaufschließende Element gerade der abstrakten
Kunst, speziell der Musik, zentral über die Logik
des Labels verläuft und daß die Kunst zur Herausbildung grundsätzlich neuer, präzedenzloser und in ihrer
Wirkung unantizipierbarer Label führt. Diese Gedankenfigur zeigt sich am
deutlichsten, wenn sie in drei Schritte auseinandergelegt wird. Zunächst:
Kunstwerke wie Musik exemplifizieren gewöhnlich nicht einfache Eigenschaften (wie dies etwa eine Farbprobe tut). Vielmehr
sind es oft sehr komplexe, zunächst schwer auszumachende und vor allem meist von diesem Werk erstmals initiierte
Label. Ein Werk verstehen zu lernen besteht exakt im Herausarbeiten,
Heraushören dieser Label, Strukturen, Eigenschaftskombinationen. Dies ist also
der erste kognitive Schritt, sehr häufig mit Genuß verbunden oder diesen erst
ausmachend. (Für Genuß läßt sich auch Glück, Lust, Freude oder Ergriffenheit
sagen; das gemeinte Gefühl ähnelt ja oft eher starkem Schmerz und hängt mit
Genuß nur an einem seidenen Faden zusammen.) – Die hier vertretene starke
These: in der Kunst indiziert solcher ›Genuß‹ fast immer einen Verstehensprozeß
– den man als solchen oft nicht sofort bemerkt. Wieso man ihn aus strukturellen
Gründen oft nicht bemerken kann, dazu später.
Im nächsten, zweiten
Schritt des Umgangs mit dem Werk werden diese verstehend herauspräparierten
Label nun gleichsam in das eigene Kategoriensystem inkorporiert – in einem
dritten Schritt auf Welt und Selbst ›losgelassen‹. ›Logik des Labels‹ meint
also: ein Label, wie jedes Prädikat, ist genuin denotierend, klassifizierend.
Wird eine Eigenschaft exemplifiziert – von einem Kunstwerk evoziert, ins Leben
gehoben – so ist sie immer auch potentiell denotierend: mehr und anderes als das sie-zeigende Kunstwerk selber. Die vom
Werk exemplifizierten Züge können, mit einem Ausdruck Arnold Gehlens, als
»ansteckend« gedacht werden.[7] Etwas in einem Kunstwerk wirklich strukturell
erkennen heißt: es-abstrahieren und damit seine um-strukturierende Anwendung
auf anderes vorbereiten. In der Tat steckt hinter diesem Gedanken, wie auch bei
Goodman, ein unverkennbarer Kantianismus, nur ist der kantische transzendentale
Kritizismus hier zu einem Konstruktionalismus radikalisiert, und an die Stelle
der überzeitlichen, überindividuellen Kategorien, mit denen wir unsere Welt
aufbauen, tritt die Eigenlogik der unterschiedlichen – hier: künstlerischen –
Symbolisationsformen.
Die Dinge nun so
darstellen – hier in der Kürze sehr schematisch – heißt bereits, den dritten Aspekt vorzubereiten, in dem
diese Arbeit über Goodmans Theorie hinausgeht. Dies geschieht im Hauptstück B,
dem eigentlichen Teil über Musik und Kognition. Die neuen, von Kunstwerken
instantiierten nonverbalen Prädikate, Label, werden im Verstehensprozeß des
Werkes gleichsam in das kategoriale Vokabular eingelagert, mit dem die Welt von
uns auf- und umgebaut wird. Um ein neues Label anwenden zu können, müssen wir
es in unser geistiges Muster- und Aktions-Repertoire inkorporieren. Damit ist
der Schauplatz der Um-Organisation erweitert auch auf das symbolisierende
Selbst. Kein Welt(um)erzeugen erfolgt
ohne Selbst(um)erzeugen, sodaß andere kategoriale Formen nicht nur die Welt
anders aufschließen, sondern auch ein anderes Selbst- und Selbstverhältnis beinhalten.
Eben hier ist eine kognitive
Bedeutung der Kunst anzusiedeln. (Eben hier liegt auch eine Wahrheit von Kants
Ästhetik, die das Urteil »das ist schön« nicht eigentlich vom Gegenstand
handeln läßt, sondern von den ›Erkenntniskräften‹, die im ästhetischen Urteil
verändert, nämlich ›wohlproportionierter‹ zusammenwirken. Der Schauplatz des im
ästhetischen Urteil bekundeten Geschehens ist letztlich das Selbst.) Gerade in
dieser kognitiv-emotiven Selbst-Modifikation, den veränderten inneren
Harmonie-Gewichtungen und Dispositionen zum ›Aufbau‹ der Welt liegt eine der
(subjektiv spürbaren) Bedeutungen von Kunst, speziell Musik.
In eben diesem Punkt der
Einschließung des ›Selfmaking‹, geht diese Arbeit explizit über Goodman hinaus.
Daß er die Analyse der Symbolisation nicht auf die Subjekte erstreckt, liegt
u.a. daran, daß die Absichten der Zeichenverwender nicht in die Referenz ihrer
Zeichen eingehen. In seinen Worten: bei der Konstruktion von Kunstwerken wie
von Brücken oder Bomben studieren wir »the results independently of the
thoughts of the makers«.[8] Dieser stategisch wichtige Punkt hebt die
Eigendynamik, die eigene Sortierung und Logik der je gewählten Symbolsysteme
hervor. Strategisch wichtig ist er, weil er eine Fülle von Problemen innerhalb
der traditionellen Ästhetik (Probleme, die sie auch von der Erkenntnistheorie
abschnitt), vermeidet., ferner Goodmans konstruktionalistische
Erkenntnistheorie sowohl vom Relativismus-Vorwurf abhebt (wenngleich dies
häufig übersehen wird), als auch von subjektivistischen oder idealistischen
Mißverständnissen deutlich trennt. – Doch ist diese symboltheoretische
Eigendynamik von der Einbeziehung des Subjekts, wie sie hier ab dem Hauptstück
B vorgenommen wird, logisch vollkommen unabhängig.
Damit ist ein zentraler
Aspekt von Goodmans Symboltheorie angesprochen, den er nicht thematisiert,
obwohl seine Rede vom Worldmaking[9] eine solche Präzision benötigt: sein
»constructionalism« ist ein Konstruktionalismus gleichsam ohne ›Konstrukteur‹.
Es ist nicht (allein) das Ich, das Subjekt, das die Konstruktionen vornimmt.
Nicht »ich mache«, sondern »es vollzieht sich«; und dieses Es bezeichnet sowohl
eine Art Selbstorganisation der Symbolsysteme, als auch, damit partiell
zusammenhängend, eine Form der Selbstorganisation auf der dem bewußt steuernden
Ich vorgelagerten Ebene. Auch das Ich
ist also (mit) konstituiert in und durch Sprach- und Zeichenfunktionen.[10] Mit anderen Worten: diese Symbolsysteme haben
ihre eigene Logik und Struktur, welcher das zeichenverwendende Selbst
unterworfen ist und dessen Produkt es zugleich ist (auch – jedoch nicht nur).
Damit ist die eben angesprochene Präzisierung verbunden: Konstruktionalismus
heißt nicht schrankenloser Relativismus; dies wird in der Goodman-Rezeption
immer wieder mißverstanden. Es gibt in der Erzeugung unserer Theorien, Welten
oder Welt-Versionen Unterschiede zwischen ›wahr‹ und ›falsch‹, ›besser‹ und
›schlechter‹, ›angemessen‹ und ›unangemessen‹ – nur sind sie ausdrücklich nicht
in Korrespondenz zu einem jenseitigen, ›objektiven‹ Sein an sich konzipierbar.
Ihre Maßstäbe sind vielmehr interner
Natur – wie alle einmal gewählten Symbolsysteme einer internen Folgerichtigkeit
gehorchen, der ihr Benutzer, auch ihr Schöpfer, selbstverständlich unterliegt.[11] Der Symbolisierende befindet sich immer im
Schnittpunkt zwischen der Eigengesetzlichkeit seiner gewählten Sprache und den
kreativen Möglichkeiten, die sie stellt und mit denen er sie wiederum
modifiziert. Goodmans Allgemeine Symboltheorie pointiert eben die Seite der
Symbolsysteme in diesem Verhältnis: über die vergleichende logische Analyse
ihrer syntaktischen und semantischen Eigenschaften und ihrer Formen der
Bezugnahme auf ›Welt‹. Dem korrespondiert eine Betrachtung des Selbst, das
sich, wie angedeutet, nicht auf dessen Absichten beim Symbolisieren erstreckt.
Es funktioniert im hier interessierenden Zusammenhang gleichsam nicht Ich-organisiert, sondern
Selbst-organisierend. Damit ist verbunden: das Bewußtsein operiert in
tragenden Teilen gleichsam für sich selbst intransparent.
Um beide Aspekte zu
fassen – a) die Rolle des Selbst in der Symbolisation, b) die Intransparenz
vieler seiner Leistungen für sich selbst –, wird im Hauptstück B die Basis
der Allgemeinen Symboltheorie als alleiniger methodischer Ausgangspunkt
verlassen: sie wird um verschiedene Ansätze erweitert und damit erweitern sich
auch die Fragestellungen, die innerhalb des symboltheoretischen Horizonts
auftreten. Eine unter ihnen betrifft die Rolle der Zeitlichkeit in der Welt-
und Selbstkonstitution. Diese Frage stellt sich im Zusammenhang mit Musik schon
deshalb, weil diese wie keine andere Kunstform auf rein zeitlichen Symbolen basiert und damit anderes künstlerisch
aufschließt als etwa die (ebenfalls Zeit enthaltende) Sprache oder die Bildende
Kunst. Daher beginnt Abschnitt IV. mit der Untersuchung des Verhältnisses von
Symbolisation und Zeitlichkeit. Eingeführt und diskutiert wird zunächst eine
Reflexion Hegels aus seiner (Musik-)Ästhetik, in der er die spezifisch
zeitliche Organisation der Musik in ihrer Beziehung zum ebenfalls zeitlich
verfaßten menschlichen Selbst untersucht (IV. 1.). Hegels in diesem Umfang bis
dahin präzedenzloser Versuch, anhand der Musik einen Zusammenhang zwischen
Zeitlichkeit und Ich-Verfaßtheit zu stiften, leitet die folgende Untersuchung
zur zeitlichen Symbolisation in ihrer Bedeutung für das Selbstverhältnis ein.
Eine Eigenschaft musikalischen Symbolisierens ist seine besondere zeitliche
Organisiertheit, seine Taktung, Metrik, Zyklizität. Auch das Bewußtsein
konstituiert sich wesentlich über zeit-organisierte, gleichsam getaktete oder
zyklische Prozesse. Beider Zusammenhang wird in Abschnitt IV. 2. untersucht.
Daran schließt sich,
nach wie vor im Zusammenhang der Rolle des Selbst für die Symbolisation, in
Abschnitt V die Erweiterung der Symboltheorie um ein ihr gänzlich neues Element
an: um eine Variante der Interpretationsphilosophie und hier genauer, um die Ebenen- bzw. Stufen-Unterscheidung. Denn »Konstruktionalismus ohne Konstrukteur«
klingt zunächst wie »Interpretationismus ohne Interpret«. Dieses scheinbare
Paradox löst sich mittels der Unterscheidung von drei Ebenen der Interpretation
und damit auch der Symbolisation. Interpretationen, auf welcher Ebene auch
immer, sind stets symbolisierend – wie auch umgekehrt alles Symbolisieren per
Interpretation geschieht. Es ist diese Übertragung keine auf die Symbole (die ist nicht möglich), sondern
auf die Symbolisierung, die
Tätigkeit.[12]
Die unterste
interpretierend-symbolisierende Ebene, kurz, die Ebene I1, bezeichnet die den bewußten Symbolisationsleistungen
vorgelagerte Ebene: es ist jene, bei der man nicht wählen kann, sondern die
sich gleichsam »automatisch« vollzieht. Die Ebene des wählenden, explizier- und
korrigierbaren Symbolisations-Handelns ist demgegenüber die Interpretation3- oder I3-Ebene. Interpretation2 ist jene der Gewohnheits- und
Gleichförmigkeitsmuster. Die Pointe ist nun: I2+3 haben stets schon eine Genealogie der I1-Prozesse im Rücken, ruhen auf diesen auf:
welche wiederum nicht bewußtseinsfähig sind, da Bedingung des Bewußtseins. Auf
der I1-Ebene wird nicht gewählt, obwohl hier alles auch anders
sein könnte – auf der I2+3
Ebene hingegen spielen sich die bewußten, korrigierbaren und rational
rekonstruierbaren Prozesse ab. Die Dialektik von Machen und Finden läßt sich
mit dieser Unterscheidung reformulieren, ebenso das symboltheoretische Paradox
eines Konstruktionalismus ohne Konstrukteur.
Vor allem ist von hier
aus mehr über die kognitive Leistung der Musik zu erarbeiten. Eine in dieser
Untersuchung vertretene These ist, daß Musik aufgrund ihrer symboltheoretisch
beschreibbaren Eigenschaften wesentlich auf dieser ersten, noch flüssigen, noch
nicht ausdifferenzierten, basalen Symbolisations- und Interpretationsebene
wirkt und Prozesse auf dieser Ebene auch artikuliert,
exemplifiziert, spiegelt (nicht nur
auf dieser, aber vor allem auf ihr). Eben hier läge dann ein Grund ihres
›Mysteriums‹ wie ihrer hohen emotionellen Bedeutung für den Menschen.
Unversehens befände man sich damit in der Nähe zahlreicher philosophischer
Grund-Intuitionen zur Musik, von denen hier stellvertretend eine von Ernest
Ansermet zitiert sei. Ihm zufolge erweist sich,
»daß die
Bewußtseinsphänomene, die bei der Musik eine Rolle spielen, dieselben sind, die
am Ursprung aller Grundbestimmungen des Menschen in seiner Beziehung zur Welt [¼] und zur
menschlichen Gesellschaft stehen: sie gehören zu einer quasi unbekannten
Bewußtseinssphäre, die ebenso dringlich erforscht werden müßte. Unmöglich, eine
klare Vorstellung von der Musik zu gewinnen, ohne sich eine Vorstellung vom Menschen
zu machen, ohne eine ganze Philosophie ¼ zu entwerfen«.[13]
Diese Auffassung
steht in erheblicher Nähe zu jener eingangs zitierten Position George Steiners.
Intuitionen dieser Art sucht die vorliegende Arbeit aufzuklären und zu
präzisieren. Wenn Musik auf dieser unbeobachtbaren ›Bewußtseins‹ebene wirkt und
sie zugleich spiegelt, so bedeutet Musik verstehen auch, etwas über die
Prozesse auf dieser unbeobachtbaren Ebene zu verstehen. Die Untersuchung steht
damit in der Tradition jener immer von strukturell begründeten Aporien
bedrohten, versuchten philosophischen Anstrengung der Moderne, die Habermas
beschreibt als »Struktur der Selbstbeziehung des erkennenden Subjekts, das sich
auf sich als Objekt zurückbeugt, um sich wie in einem Spiegelbild – eben ›spekulativ‹
– zu ergreifen«.[14]
Welches sind nun besagte
symboltheoretische Eigenschaften der Musik, von denen aus jene Ebene des
›Selbst‹ erschlossen werden soll? Es sind zunächst, in Goodmans Termini, syntaktische
und semantische Dichte, also ein
kontinuierliches Ineinanderübergehen der Töne, der klanglichen Zeichen und
ihrer Aspekte bzw. Referenzen. Dazu kommt Fülle
(repleteness) – eine vieldimensional
symbolisierende Funktion der Töne und Klänge. Ein musikalischer Laut kann
synchron als Bestandteil einer Melodie fungieren, als Bestandteil einer
Harmonie, eines Rhythmus, diverser größerer und kleinerer motivischer
Strukturen, als Element einer Klangfarbe und vieles mehr. In dieser Fülle
gründet indirekt zugleich das Merkmal der multiplen
und komplexen Bezugnahme. Ferner hat Musik weder eine fixe Semantik noch
eine fixe Syntax, ihre Symbolisierungsfunktion bildet sich in jedem Moment neu
und um: hierin liegt die Flüssigkeit ihrer Zeichen. Man könnte sagen, daß jedes
Musikstück zugleich mit seinem Entstehen sein Vokabular mit entwickelt – ein
Stück verstehen lernen heißt somit immer auch eine musikalische Sprache lernen.
(Dies erklärt, warum Stücke ohne ein Element stilistischer Neuheit ästhetisch
flach wirken.) Eine weitere, schon angesprochene Eigenschaft musikalischen
Symbolisierens ist seine besondere zeitliche Organisation, seine Taktung,
Metrik, Zyklizität. Diese Eigenschaften nun legen die besagte strukturelle Nähe
zur eben beschriebenen, dem Bewußtsein logisch vorgelagerten basalen Ebene
nahe. Auch auf der I1-Ebene
bzw. seinem symbolisierenden Pendant S1 gibt es noch nicht Syntax und Semantik, auch
hier herrscht eine Flüssigkeit, Beweglichkeit der Zeichen. Auch hier sind, wie
in der Musik, die Zeichenprozesse stets im
Vollzug, und sie sind noch nicht digitalisierend verendlicht – es liegt in
diesem Sinne Dichte, also kontinuierliches Ineinanderübergehen, und Fülle vor.
Ästhetisches
Symbolisieren geschieht gewöhnlich nicht in Form von Propositionen, Sätzen,
Formeln (selbst dann nicht, wenn Prosa oder Lyrik im Spiel ist), sondern über
die Freisetzung und Anwendung oft nonverbaler Label aus einem dichten und
vollen, also kontinuierlich und vieldimensional symbolisierenden Fundus. Schon
von daher ist in der künstlerischen Exemplifikation erst sekundär die bewußte I3-Ebene aktiviert und angesprochen: diejenige,
die vor allem auf digitale Zeichen wie Sätze, logische Quantoren etc. reagiert
und mit ihnen operiert. Primär ist es die Ebene, in die jene ungreifbaren Label
auch eingehen und wirken können: die kategorialisierende. Die Ebene, die durch musikalisches Verstehen um-organisiert wird,
ist zunächst die basale, nicht bewußtseinsfähige Ebene I1. – Eben darum genießt man oft Kunst, ohne
bereits zu wissen, daß gerade in diesem Genuß auch ein Erkenntnisprozeß liegt:
die fruchtbare Um-Ordnung der unbewußten kategorialisierenden Ebene ist anders
denn als Lust nicht spürbar (um einen
kantischen Begriff zu wählen). Wir spüren, daß etwas paßt, dessen Schauplatz nicht Gegenstand unseres Erkennens sein
kann, weil er logisch vor unserer
Erkenntnis liegt: sie allererst präformiert. In diesem Sinne spricht Kant in
seiner Ästhetik von ›Erkenntnis-überhaupt‹: von einem Zusammenstimmen der
Erkenntniskräfte zu einer ›allgemeinen
Erkenntnis‹.[15]
Mehr über Musik und
Erkenntnis zu erfahren heißt demnach, mehr über jene kategorialisierende Ebene
der symbolisierenden Weltorientierung zu erfahren. Welche anderen
wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigen sich nun mit dieser Ebene? Es
können weder empirische noch rein philosophische sein, denn die Ebene ist
introspektiv unbeobachtbar: weil vor
aller Beobachtung – weil gleichsam die transzendentale Bedingung der
Möglichkeit von Beobachtung. Die I1-Ebene ist jedoch zugleich diejenige, die die
Eigenschaften von Welt und Selbst (prä-)formiert. In einem nächsten Schritt
(Abschnitt V. (d) und (e)) wird deshalb diese basale Ebene methodisch zu jener,
pointiert gesagt, ›Abspaltung‹ der Philosophie in Beziehung gesetzt, die sich
unbeobachtbaren Geistesprozessen in einer Mischung aus Empirie und Spekulation
widmet, der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Genauer: den Ebenen I1 versus I2+3 wird Freuds Unterscheidung von Primär- und Sekundärprozeß (die nur sehr grob jener von Unbewußtem und Bewußtem
entspricht) gegenübergestellt. Dies geschieht nicht mit dem Ziel, beide
Ansätze, den philosophischen und den psychoanalytischen zu identifizieren oder
einen auf den anderen zu reduzieren. Das dahinterstehende Interesse ist
vielmehr die Formulierung von Isomorphien, Strukturparallelen. Und in der Tat:
es finden sich zahlreiche Charakteristika des Primärprozesses, die direkt auf
innermusikalische Verhältnisse abzubilden sind und umgekehrt. Nicht nur
unterstützen (nicht: begründen) diese die These, der zufolge Musik in besonders
enger Verbindung zur unbeobachtbaren kategorialisierenden Symbolisation1-Ebene steht; sie ermöglichen es konkreter, über
die Funktionsweisen dieser Ebene näheren Aufschluß zu gewinnen. Es ist dies
eine gleichsam exemplifikativ
argumentierende Gegenüberstellung: sie arbeitet über den Aufweis gemeinsam
besessener Eigenschaften – verwandelt sich damit gleichsam ihrem Gegenstand
methodisch an. Es ist damit kein
denotativ argumentierendes, identifizierendes Verfahren, es sagt nicht: I1 steht für oder ist der Primärprozeß – oder vice versa.
Betrachtet man die Art,
wie Freud den (un- bzw. vorbewußten) Primärprozeß charakterisiert (Logik des
Bildes statt der des Wortes, Fehlen der Negation und Kontradiktion,
›Zeitlosigkeit‹, Kondensation, Verschiebung und Verdichtung, Symmetrie und
Projektion etc.), so fällt zweierlei ins Auge. 1.) die genannten Prozesse sind
die, denen auch der Bau von Musik folgt (Verdichtung und Verschiebung, Fehlen
der Negation und Kontradiktion, Analogizität, Exemplifikationsförmige
Bezugnahme auch innerhalb des Stückes etc.) Mindestens ebenso aufschlußreich
ist im Rahmen der symboltheoretischen Untersuchung 2.): diese Liste
korrespondiert sehr weitgehend mit jener zitierten Charakterisierung von
Erkenntnisprozessen, die Goodman sowohl für die Prozeduren des Worldmaking aufgestellt hat – im
Zusammenhang mit seinem konstruktionalistischen Erkenntnis- und
Verstehensbegriff – als auch generell mit den Charakteristika für ästhetisches
Symbolisieren. (Vgl. hier Abschnitt II.: Exkurs: ›Symptome des Ästhetischen‹).
Daraus folgt: Mehr über Musik und ihren Zusammenhang mit der basalen Ebene zu
erfahren heißt auch, mehr über die Prozeduren des Welterzeugens und damit der
Erkennens- und Verstehensleistungen selbst zu erfahren. Es wird gleichsam mit
der Betrachtung der Ästhetik, und hier als symboltheoretisch exponiertester
Fall der Musik, ein umfassenderer kognitiver Vorgehensbereich eröffnet als er
durch die Wissenschaft bereits ausgewiesen ist – und dieser ist von Bedeutung
auch für wissenschaftliche Erkenntnisprozeduren. Er ist im übrigen generell von
Relevanz für alles, was unter das weite Label »kreativ« fällt.
Insofern hätte sich eine
Kreativitätsforschung auch mit diesen Prozessen auf der I1-Ebene in
ihrem Zusammenspiel mit den anderen Ebenen I2+3 zu beschäftigen. Dieser wichtige Punkt nun, das
Zusammenspiel, ist dasjenige, was in der vorliegenden Arbeit unter den Begriff
der »Übersetzungs«problematik fällt. Die damit verbundene These lautet: vieles
am ›Rätsel‹ Musik und am ›Rätsel‹ Kunst generell ist deshalb so schwer
aufzuklären, weil hier ein Übersetzungsproblem zwischen unterschiedlichen – bis
hin zu, im Grenzfall inkompatiblen – Symbolisationsprozeduren und -Ebenen
statthat. Ein hier relevantes Stichwort ist, mit Fred Dretske, die
»analog-digital-Konversion«,[16] und sie ist im Spiel beim Versuch, Bilder oder
Musik in Worte zu fassen.
Der Konversionen sind
jedoch mehr und komplexere. Zu ihnen gehören auch jene von Zeigen und Sagen, mit ihrer Umkehrung der Bezugenahmerichtung, dann
jene von der Logik der (nonverbalen)
Prädikation zur Logik der Proposition (dies bezieht sich auf das
Ausgeführte zur Funktion des ästhetischen Labels), dann die Überführung von symbolisierender Fülle zu symbolisierender
Ausgedünntheit (repleteness –
attenuation). Derlei Konversionen oder Übersetzungen finden im täglichen
Leben ständig statt – und ihre Reibungen, Veränderungen, Verluste führen zu
dem, was sich in der Optik der Sprache und Diskursivität zuweilen als ›Rätsel‹
sedimentiert.
Als ein besonderer
Gesichtspunkt in diesem Zusammenhang erweist sich: Die Charakterisierungen des
Primärprozesses bzw. der basalen Ebene haben natürlich dazugehörige
Gegenbegriffe, die I2+3-Ebene
bzw. den Sekundärprozeß betreffend. Eben diese Komplementaritäten stimmen
auffallend genau mit jenen in der Hirnlateralisationsforschung überein.
Dasjenige an Eigenschaften oder Prozeduren, was als I1- bzw. primärprozesshaft charakterisiert wurde,
ist experimentell tendenziell der rechten Hirnhemisphäre zuzuordnen, der
Sekundärprozeß bzw. die Interpretation3-Charakteristika der linken Hemisphäre. Ergebnisse
der Hirnlateralisationsforschung wurden somit in die Arbeit aufgenommen:
wiederum nicht Identitäten oder gar Reduktionen herstellend, sondern auf
Struktur-Isomorphien hinweisend. Da die Argumentationen und Ergebnisse dieser
Arbeit von den Hirnforschungs-Befunden unabhängig sind, erscheinen sie nur als
Exkurs.[17] Diesem geht es nicht um eine Rückführung von
Bewußtseinsinhalten oder kognitiven Leistungen auf Gehirnzustände: von
letzteren führt zu ersteren kein philosophisch haltbarer Weg. Anders gesagt: in
der Tat kann der gleiche Inhalt oder die gleiche Leistung in den Gehirnen
verschiedener Individuen physiologisch ganz unterschiedlich zustandekommen –
und tut dies auch, wie der klinische Alltag beweist. Dennoch sollte in dieser
Untersuchung der Umstand nicht vorenthalten werden, daß die seitens der
Allgemeinen Symboltheorie aufgestellte logisch begründete Systematik oder auch ›Topik‹ menschlicher kognitiver Leistungen,
wie sie sich v.a. in der Analyse von Notationsystemen ergibt, von anderen
Disziplinen Unterstützung erfährt: darunter außer von der Psychoanalyse auch
von der Hirnlateralisationsforschung.[18] Dies zeigt sich schematisch wie folgt:
Der Doppelring
symbolisiert die Idee struktureller Isomorphien unter den in Abschnitt V. 2.
(samt Exkurs) zueinander in Beziehung gesetzten Disziplinen der Allgemeinen
Symboltheorie, der Interpretationsphilosophie, der Psychoanalyse und der
Hirnlateralisationsforschung. Die Kreise (statt einer Tabelle) repräsentieren
einerseits die Komplementarität zwischen den Begriffspaaren der rechten und
linken Seite. Zweitens steht die Kreisform für den Umstand, daß hier keine
Disziplin auf die andere reduziert werden soll: diese hierarchisch neutral
sind. Es sind alternative Beschreibungen, mittels derer dieselben systematischen
Gruppierungen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet sind und die je
unterschiedliche Aspekte des Untersuchten freilegen. Eben dies zeigt sich hier
daran, daß sich im Kreis stehenden
Eigenschaften, ursprünglich je einer der disziplinären Ansätze zugeordnet, sich
als Charakteristik auch der anderen Ansätze erweisen. Anders gesagt: in
jeder dieser Disziplinen treten bestimmte Paare (Komplementaritäten,
Dichotomien) auf, und die beschreibenden Begriffe auf der rechten bzw. linken
Seite sind unter den Disziplinen weitgehend austauschbar.[19] Die in das Verstehen von Kunst, speziell Musik
involvierte Übersetzunsproblematik läßt sich so von vier Seiten her untersuchen
und darstellen.
Diese strukturellen
Isomorphien lassen sich als wechselseitige exemplifikatorische Bezugnahme
aufeinander beschreiben, oder mit einem anderen Bild: als sich wechselseitig in
ihren Befunden stabilisierende Rückkopplungsschleife unter den Disziplinen. Sie
legt die Vermutung nahe, daß die genannten methodischen Ansätze – die interpretationsphilosophisch
ausdifferenzierte Allgemeine Symboltheorie, die Tiefenpsychologie und die
Hirnlateralisationsforschung – in der Tat dasselbe unbeobachtbare prozessuale
›Bewußtseins‹phänomen aus unterschiedlicher Perspektive thematisieren. Die daraus
für die Musik und ihre Funktionsweise, ihre interne ›Logik‹ und Wirkung
ableitbaren Konsequenzen führt Abschnitt V. 3 aus. Es ist eine Parallelität
selbstverständlich ohne ›Beweiskraft‹. Aber in der Philosophie im allgemeinen,
jenem untersuchten kategorialisierenden mentalen Bereich im speziellen ist
ohnehin nichts zu ›beweisen‹, gesucht sind vielmehr möglichst kohärente
Entwürfe.
Der Musikbegriff, den diese Untersuchung zugrundelegt, bezieht sich vor
allem auf die klassische tonale Musik oder solche, die diese Tonalität
transzendiert, dabei jedoch indirekt auf sie bezugnimmt. Er zielt ferner auf
Instrumentalmusik, ›absolute Musik‹. Programmusik ist ausgenommen, und Musik,
die von Text begleitet wird sowie religiös, rituell oder anders sozial
verankerte Musik ist hier nur in jener Hinsicht mit eingeschlossen, als sie
auch ohne diesen (Kon-)Text Bedeutung hat. Die prä-tonale und vor allem die
post-tonale Musik sind zwar vom Grundsatz hier keineswegs ausgeklammert, doch
gelten für sie diverse der hier vorgenommenen Bestandsaufnahmen zu Rhythmus,
Metrik, Melodie und Harmonie nur eingeschränkt. Vor allem haben sie häufig eine
andere Form der Notationalität – sofern diese nicht, zumindest in
symboltheoretischem Sinn, sogar ganz fehlt. Dies ist ein Grund, weshalb die
Musik des 20. Jahrhunderts mit ihren auch untereinander höchst divergierenden
Formen der Organisation eine eigene Untersuchung erfordern würde, die den hier
gegebenen Rahmen sprengte.[20] – Der Pop-Musik, generell der »U-Musik« (die
von »E-Musik« allerdings nicht scharf zu trennen ist), fehlt häufig Qualität in
Form von Komplexität; dennoch gilt manches des hier Geäußerten auch für sie.
Mit dieser Bestimmung
des hier in Anspruch genommenen Musikbereichs ist implizit auch schon eine
Auswahl getroffen bezüglich der musikphilosophischen, v.a. ästhetischen
Theorien, welche diese Arbeit im Rücken hat. Und obwohl sie sich als
systematische Arbeit versteht, die ihre Theorien und Ausgangspunkte nach
Maßgabe ihrer Erkenntnisziele ›unabhängig‹ von der Geschichte wählt, ist diese
Geschichte bereits in Form dessen, was überhaupt zu fragen ist, indirekt präsent. Daß Musik innerhalb des Projektes
der menschlichen Selbstverständigung einen derart hohen Stellenwert erlangen
konnte, wie er hier vorausgesetzt und perpetuiert wird, hängt auch direkt mit
Entwicklungen innerhalb der Ästhetik wie der Musikgeschichte zusammen.[21] Zu letzteren zählt u.a. die Emanzipation der
Musik von sozialen, vor allem kirchlich-religiösen Funktionen (»ästhetische
Autonomie«) und, damit zusammenhängend, die Herausbildung eines relativ festen
(Opern- und) Konzertrepertoires. Dieses ermöglicht die Wiederholbarkeit von
Werken. Es gibt dem Publikum die Chance zu einem Lernprozeß und so den
Komponisten die Möglichkeit, eine musikalische Sprache von einer Komplexität
und Neuheit zu verwenden, die nicht mehr auf angemessene Rezeption beim ersten
Hören angewiesen ist, wie das noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts vorausgesetzt
war. Carl Dahlhaus faßt diesen Zusammenhang so:
»Die Praxis der
Wiederholung von zunächst ›Unverstandenem‹, aber als bedeutsam Gefühltem – eine
zunächst an Beethoven erprobte und für die Musikkultur des 19. und 20.
Jahrhunderts schlechterdings fundamentale Praxis –, vermittelte zwischen dem
Risiko extremer ›Originalität‹ und der Idee eines ›klassischen‹ Repertoires.
Den festen Bestand des im Konzert Gespielten bildeten Werke, die – wie
Beethovens Symphonien seit der Eroica
– der Erprobung des zu Anfang Frappierenden oder sogar Abstoßenden durch
geduldige Repetition standhielten«.[22]
Dieser Punkt sei
hier deshalb betont, weil bestimmte, in dieser Arbeit beschriebene Verstehens-
und Erkenntnisprozesse mit musikalischen Erfahrungen zusammenfallen, deren
Struktur eben hier ihre historische Voraussetzung hat.
Musik besaß in der
Philosophie, speziell in dem, was man heute Ästhetik und Erkenntnistheorie
nennt, im Unterschied zu heute lange keinen bedeutenden Stellenwert;[23] noch für Kant, der damit eine lange Tradition
repräsentiert, rangierte sie als bloßes Empfindungsspiel weit unten in der
Hierarchie der Künste.[24] Immerhin leitete die Aufklärung, welche Musik
als Ausdrucksorgan der Subjektivität faßte, eine deutliche Aufwertung ihrer
Stellung ein. In der Romantik wurde sie schließlich auf der Basis ihrer
Artikulation des ›subjektiven Gefühls‹ eng mit metaphysischen Motiven
verknüpft. Dieses subjektive Gefühl galt als Ausdruck und Offenbarung des
Absoluten; Musik beerbte damit Religion und Metaphysik.[25] Auch bei Schopenhauer, bei welchem die Musik
hinsichtlich ihrer Erkenntnis und Artikulation des Weltwillens und der
Quintessenz des Lebens die höchstmögliche Stellung einnimmt, finden sich diese
Elemente, sodaß die epistemologische Dignität der Musik bis hin zu Adorno oder
George Steiner immer von einer mehrdeutigen transzendent-metaphyischen
Komponente durchdrungen ist. Diese Arbeit nimmt von einer metaphysischen
Komponente sowohl dezidiert Abstand, als auch erhebt sie den Anspruch, eben
diese transzendente Dimension in Ansätzen reflektierend aufzunehmen. Denn mit
transzendent-metaphysischen Inspirationen ist immer ein ernstzunehmendes Motiv,
ein Grund oder eine Intention verbunden, und diese hat jede mehr als nur
programmatisch verfahrende Zurückweisung der Metaphysik mit zu reformulieren.
Eine Kritik religiös-metaphysischer Setzungen ist nur dann wirksam, wenn sie
jene Erfahrungsdimensionen »säkular« in sich aufnimmt und so deren Ansprüche
beantwortet.
Der Schluß der
Untersuchung (Abschnitt VI.) kehrt zum Ausgangspunkt zurück, zur sämtliche
Sinn-Bereiche transzendierenden und eröffnenden Wirkung von Musik und zu der
Rolle, die die verschiedenen mentalen Aktivitäten des Menschen dabei spielen:
ihr Ineinanderspiel vor einer
Auftrennung in sinnlich-physische, emotionelle und intellektuelle Prozesse. Die
intensivsten musikalischen Sinn-Erlebnisse beinhalten ein unauftrennbares
Ineinander von Freude und Schmerz, hinterlassen einen ins Physische reichenden
Genuß und sind in ihrer Dimension nur mit jener Aktivität bzw. jenem Zustand
vergleichbar, in welchem der Mensch am ehesten welt- und selbst-erzeugend ist,
dem der Liebe. Nur in ihm – künstlerisch, erotisch, philosophisch – hat der
Mensch Zugang zum ›demiurgisch verfaßten‹ Sein, ist er ein am subjektlosen
Prozeß des Welt- und Sinnaufbaus intim Beteiligter. Intellektuell steuerbar ist
diese Einschleusung nicht, sie ist eine Gunst – aus der der Mensch seinen
Lebenssinn bezieht und in der Gott und Mensch zusammenfallen. Das
Schlußkaptitel sucht auf der Basis des Vorangegangenen zu zeigen, inwiefern
Musik diejenige künstlerische Tätigkeit ist, die zu Erkenntnismomenten der
beschriebenen Art (die nicht schlicht als mystisch, sondern dabei immer auch
als rational zu begreifen sind) am direktesten hinzuführen vermag. Ein Ziel
dieser Arbeit ist, daß am Ende nicht nur die Formen, in denen Musik Erkenntnis
zu stiften vermag, begriffen sind, sondern daß damit zugleich deutlich wird,
inwiefern sich dies dem begrifflichen
Verstehen entzieht.
Anmerkungen
[1] Zitiert aus: rororo Zitatenschatz der Weltliteratur,
Reinbek 1984, 322.
[2] George Steiner, Von realer Gegenwart, München, Wien 1990,
16.
[3] Der prominenteste
Vertreter dieser Position, auf den in der bis heute anhaltenden
Formalismus-Debatte zur Musik nach wie vor bezuggenommen wird, ist Eduard
Hanslick, Vom Musikalisch-Schönen,
16. Aufl., Wiesbaden 1966 (Leipzig 1854).
[4] Vgl. Nelson Goodman, Ways of Worldmaking, Indianapolis 1978
(deutsch: Weisen der Welterzeugung,
Frankfurt/M. 1984) I., 4.
[5] Vgl. hierzu vor allem
Nelson Goodman, Languages of Art. An Approach to a Theory of Symbols,
Indianapolis 1968, 2. Aufl., 1985 (deutsch: Sprachen der
Kunst, Frankfurt/M. 1995) VI, 4.
– Mit Baumgarten heißen diese die ›unteren Erkenntnisvermögen‹: scientia
cognitiones sensitivae. (Vgl. A.G. Baumgarten, Aesthetica, 2 Bde, Frankfurt/O.
1750-1758.) Heute befaßt sich u.a. Wolfram Hogrebe mit deren Bedeutung und
Stellenwert innerhalb verschiedener Sparten der Philosophie; vgl. etwa Wolfram Hogrebe,
Metaphysik und Mantik. Die
Deutungsstruktur des Menschen, Frankfurt/M. 1992; ders., Ahnung und Erkenntnis.Brouillon zu einer
Theorie des natürlichen Erkennens, Frankfurt/M. 1996.
[6] Vgl. N.
Goodman, Languages of Art, xi.
[7] Vgl. Arnold Gehlen, Zeit-Bilder. Zur Soziologie und Ästhetik der
modernen Malerei, Frankfurt/M.,
2. Aufl., 1965, 87. Ihm zufolge besteht die Bestimmung der Kunst darin, »jene
bewußtlos verfahrende konstruktive und welterzeugende [!] Arbeit des
Bewußtseins in die Reflexion zu heben, [¼] sie sozusagen in den freien Vollzug zu übernehmen« (ebd. 86,
Hervorhebung, A.G.). Viele der dort geäußerten Positionen weisen eine deutliche
Parallele zu Goodmans in Ways of
Worldmaking geäußerten Ideen auf.
[8] Nelson
Goodman, Problems and Projects, Indianapolis,
New York 1972, 125.
[9] S. v.a. das gleichnamige
Buch Ways of Worldmaking.
[10] ›Symbol‹ und ›Zeichen‹
werden in dieser Arbeit synonym verwendet.
[11] Vgl. zu diesem
Gesichtspunkt der ›Autonomie‹ von Symbolsystemen anhand eines Vergleichs von
Nelson Goodman und Jacques Derrida auch: Simone Mahrenholz, »Nelson Goodman und
Jacques Derrida: Zum Verhältnis von (post-)analytischer und (post-)strukturalistischer
Zeichenphilosophie«, in: Julian Nida-Rümelin (Hg.), Rationality, Realism, Revision – Rationalität, Realismus, Revision,
Berlin 1999, 62-84.
[12] Die folgende
Ebene-Unterscheidung entstammt der Interpretationsphilosophie Günter Abels und
wird unten in den Abschnitten IV. 1 und V. 2 näher ausgeführt.
[13] Ernest Ansermet, Die Grundlagen der Musik im menschlichen
Bewußtsein, München 1965, Neuausgabe 1985, 22.
[14] Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne,
Frankfurt/M. 1996, 29.
[15] Vgl. hierzu Kants Kritik der Urteilskraft, insbes. § 9 und § 21.
[16] Vgl. Fred
Dretske, Knowledge and the Flow of
Information, Oxford 1981, Kapitel 6.
[17] Vgl. Abschnitt V., dort
auch die methodischen Vorbemerkungen am Anfang des Exkurses.
[18] Vgl. ganz in diesem Sinne Neslon
Goodman, Of Mind and other Matters,
Cambridge, Mass., London 1984 (deutsch: Vom
Denken und anderen Dingen, Frankfurt/M.
1987) I, 4 sowie V, 1.
[19] »Weitgehend« bedeutet als
Einschränkung vor allem: es ist nicht das Unbewußte schlicht mit der rechten
Hirnhemisphäre gleichzusetzen: diese ist bewußtseinsfähig.
[20] Vgl. jedoch zur Musik des
20. Jahrhunderts hinsichtlich ihrer Organisation von Zeitlichkeit S.
Mahrenholz, Artikel »Zeit-musikästhetisch«, Abschnitt IV, in: MGG (Musik
in Geschichte und Gegenwart), Bd. 9, Kassel 1998 (Neuauflage, i. Dr.).
[21] Siehe zum Ausmaß dieser
Zusammenhänge auch Carl Dahlhaus, »Ästhetik und Musikästhetik«, in: Neues Handbuch der Musikwissenschaft, hg.
v. Carl Dahlhaus, Bd. 10: Systematische
Musikwissenschaft, Wiesbaden 1982, Kap. IV, »Ästhetik und Musikästhetik«,
insbes. 101: »Daß Musik überhaupt zum Objekt einer ›Ästhetik‹ wurde, setzte
eine philosophische Problemsituation voraus, deren Wurzeln weniger in der Kunst
als in der Erkenntnistheorie lagen.«
[22] Vgl. ebd. 100. Vgl. auch
ebd. 98: »Im gleichen Maße, wie das expressive und das strukturelle Moment
nicht als schlichte Alternative nebeneinander bestanden, sondern sich in
dialektischer Wechselwirkung gegenseitig steigerten, unterlag die Musik einem
Differenzierungsprozeß, der eine angemessene Rezeption beim ersten Hören, die
bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts prinzipiell vorausgesetzt wurde, nahezu
unmöglich machte.« Vgl. auch ebd. 100: »Die emphatische Idee der Neuheit und
Originalität, ein konstitutives Merkmal des Kunstbegriffs der
klassisch-romantischen Epoche wie der Moderne des 20. Jahrhunderts [¼] würde ohne den komplementären Begriff der
Klassizität, der nicht zufällig zur gleichen Zeit – gegen 1800 – in der
Musikästhetik Platz griff, Luftwurzeln treiben.«
[23] Natürlich gibt es
Ausnahmen. Quellen-Materialien zu einer Übersicht der Musik-›Theorie‹ seit der
Antike liefern Ruth Katz u. Carl Dahlhaus (Hg.), Contemplating Music, 4 Bde., New York 1987/89. – Einen Überblick
über die Geschichte der Musikästhetik gibt ferner der Artikel »Aesthetics« von
F.E. Sparshott im New Grove Dictionnary
of Music and Musicians, hg. v. Stanley Sadie, in 20 Bänden, London 1980,
ferner der Artikel »Musik« von Gunter Scholtz im , hg. v. J. Ritter u. K. Gründer, Basel, Stuttgart 1984,
sowie C. Dahlhaus, »Ästhetik und Musikästhetik«, 81-108; hier auch weitere
Literatur.
[24] Vgl. I. Kant, Kritik der Urteilskraft, § 53, B 221: »Wenn man [¼] den Wert der schönen Künste nach der Kultur
schätzt, die sie dem Gemüt verschaffen, und die Erweiterung der Vermögen,
welche in der Urteilskraft zum Erkenntnisse zusammen kommen müssen, zum
Maßtstabe nimmt: so hat Musik unter den schönen Künsten sofern den untersten [¼] Platz, weil sie bloß mit Empfindungen spielt. Die
bildenden Künste gehen ihr also in diesem Betracht weit vor«.
[25] Zu den »klassischen«
Autoren der Romantik gehören W.H. Wackenroder, Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann
und Friedrich Schlegel.