Im Verhältnis zur Poesie entwickelt Lessing bei der Betrachtung der klassischen Laokoongruppe ein Problem, das weit über seine kunstwissenschaftliche Bedeutung hinausweist, vielmehr zu den Grundfragen philosophischer Ästhetik selber gehört: das Verhältnis von Kunst und Zeit. Zwar diskutiert Lessing am Laokoon zur Hauptsache die verschiedenen Grenzen und Möglichkeiten von Poesie gegenüber Malerei; doch handelt es sich unter systematischen Gesichtspunkten nicht eigentlich nur um eine Frage der Hierarchisierung der Künste, sondern ihrer spezifischen Beziehung zu Räumlichkeit und Zeitlichkeit.
Der Vortrag versucht, die Problematik in die Geschichte selber zurückzustellen, um an ihr grundsätzliche Transformationen im Kunstbegriff auszumachen. Der Weg wird exemplarisch über drei Stationen geführt: vom Barock über die romantische Kunst zur experimentellen Ästhetik der Avantgarde. Leitend für die Wegbeschreitung bilden charakterische Paradoxa und deren Lösungsversuche, die zu den angezeigten Inversionen in der Kunstauffassung führen. Insbesondere soll dabei die These verfolgt werden, daß sich im Übergang der verschiedenen Epochen das Verhältnis von Kunst und Kairos eine genaue Umkehrung der temporalen Struktur vollzogen hat, nämlich von der Repräsentation der Zeit, ihrer Bewahrung im Bild, über ihre Evokation als Präsenz, als Aura bis zur Spur, der Nachträglichkeit. Insbesondere, so die weitere These, geschieht diese Umkehrung am Ort des Ereignisses, dem Versuch, ihm einen Platz, eine Darstellung in der Ordnung des Symbolischen zu verleihen, der in seiner Aporetik schließlich dazu führen wird, die Kunst nicht mehr vom Werk her, sondern vom Performativen aus zu bestimmen.
MoMo-Vortrag am 14.01.2001