|
|
Friedrich Nietzsche Schreibmaschinentexte Vollständige Edition. Faksimiles und kritischer Kommentar, aus dem Nachlaß hg. v. Stephan Günzel u. Rüdiger Schmidt-Grépály, mit einem Nachwort von Friedrich Kittler Weimar: Verlag der Bauhaus Universität, 2. verb. Aufl.,
2002, 104 S. |
Kurztext
1882 wechselt Friedrich Nietzsche für kurze Zeit das Schreibmedium und benutzt eine Frühform der Schreibmaschine – die Schreibkugel des Kopenhagener Pastors und Taubstummenlehrers Hans Rasmus Johan Malling Hansen (1867). Produkt dieser Zeit sind fünfzehn Briefe, eine Postkarte sowie vierunddreißig lose Blätter mit Gedichten, Sprüchen und Schreibübungen, die in dieser Edition erstmals zusammen erscheinen.
Diese Schreibmaschinentexte bieten einen Blick auf Nietzsche als frühen Medien- oder Schrifttheoretiker. So schreibt Nietzsche an seinen Sekretär Heinrich Köselitz: »Sie haben recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.«
Inhalt
|
Stephan Günzel u. Rüdiger Schmidt-Grépály |
|
|
Vorwort |
4 |
|
Stephan Günzel |
|
|
Nietzsches Schreibmaschine |
8 |
|
Friedrich Nietzsche |
|
|
Briefe |
16 |
|
Friedrich Nietzsche |
|
|
500 Aufschriften |
40 |
|
Michael Kohlenbach u. Thomas Riebe |
|
|
Kritischer Kommentar |
89 |
|
Friedrich Kittler |
|
|
Nachwort. Unser Schreibzeug, unsere Liebe |
|
|
|
|
Stephan Günzel u. Rüdiger Schmidt-Grépály
Vorwort
Liest man Nietzsches Schreibmaschinentexte, entdeckt man eine andere Seite des ernsten Denkers: eine heitere. Seine Zwei- und Vierzeiler erinnern weniger an aphoristische Reflexionen denn an Kinderreime. Es sind Verse eines humorvollen Menschen, die mitunter so freizügig sind, dass sie Nietzsches Schwester Elisabeth, welche die ersten Nachlassveröffentlichungen ihres Bruders verantwortete, vor einer vollständigen Publikation zurückschrecken ließen. Seit jeher gaben so die Originaltyposkripte Spekulationen über ihren tatsächlichen Inhalt Nahrung.
Nietzsches Schreiben hat sich durch den Umgang mit der Maschine gewandelt. Nicht nur musste er sich auf Grund der veränderten technischen Voraussetzungen kürzer fassen – was ihn nicht zuletzt dazu verleitete, vermehrt Gedichte zu produzieren –, auch lagen ihm seine Texte nun in der ›Druckansicht‹ vor. Durch die Maschine präzisierte sich Nietzsches Schreiben, wie es zugleich geschmeidiger wurde. (Reime können ein Anliegen bisweilen besser vermitteln als bloße Argumentation, da jene sich durch ihre Form dem Leser leichter einprägen.)
Erstmals sind der Öffentlichkeit mit dem vorliegenden Band alle erhaltenen Typoskripte Nietzsches zugänglich gemacht. Sie werden in zwei Abteilungen als Faksimiles vorgelegt: zunächst die Schreibmaschinenbriefe sowie eine nicht adressierte Postkarte mit einem Gedicht. (Der Brief Nietzsches an Elise Fincke in Baltimore existiert nur mehr als Kopie, weshalb dieses Typoskript als einziges in Schwarzweiß wiedergegeben wird.) Den Briefen folgt eine Sammlung von Gedichten und Entwürfen, die durch den früheren Nietzsche-Herausgeber Hans Joachim Mette als Mappe XVIII 3 gekennzeichnet wurde. Aufgrund der Herausgeberentscheidung durch Giorgio Colli und Mazzino Montinari sind bis auf die Briefe bislang nur wenige Schreibmaschinentexte publiziert worden, da sie als bloße Vorstufen oder Varianten der von Nietzsche zu seinen Lebzeiten publizierten Texte geführt wurden. Gänzlich unbekannt sind das Postkartengedicht sowie ein Großteil der Mappe, woraus bislang nur sieben Reime bzw. Textstücke eigenständig veröffentlicht wurden.
Beim Abdruck des Textkonvoluts wurde der Umstand berücksichtigt, dass einige Blätter beidseitig beschrieben sind (leere Rückseiten sind durch Leerseiten dargestellt). Die Briefe sind mit Ausnahme der undatierten Postkarte in der Reihenfolge ihrer Entstehung wiedergegeben. Die Faksimiles zeigen die Dokumente in Originalgröße. Alle Briefe wie auch die Gedichtsammlung sind von Nietzsche im Zeitraum Februar bis März 1882 zur Zeit der Arbeiten an Die fröhliche Wissenschaft in Genua verfasst worden. Der letzte Brief datiert auf fünf Tage vor Nietzsches Einschiffung nach Messina am 29. März 1882.
Neben einem vorangestellten Aufsatz über die Wirkung, welche die Schreibmaschine und ihre Texte innerhalb der Rezeption Nietzsches auslösten, enthält der vorliegende Band im Anhang einen kritischen Textkommentar, der von den Nietzsche-Editoren Dr. Michael Kohlenbach (Basel) und Thomas Riebe (Jena/Weimar) erstellt wurde. Dieser überträgt Nietzsches handschriftliche Ergänzungen in den Typoskripten und weist ferner die Vorstufen zu späteren Publikationen auf. Die Nummerierung im Kommentar bezieht sich im Falle der Briefe auf die des entsprechenden Bandes der Kritische[n] Gesamt- bzw. Studienausgabe der Sämtliche[n] Briefe Nietzsches für den Zeitraum von 1880 bis 1884, in dem die vollständige Übertragung der Brieftexte (ohne Berücksichtigung des Großbuchstabendrucks) nachgeschlagen werden kann.
Die Numerierung des Konvoluts im Kommentar bezieht sich auf diejenige durch Mette, die (in Korrektur der vorausliegenden Herausgeber-Numerierung) oben rechts auf den Seiten von Hand eingetragen wurde. Auch die Briefe wurden von den früheren Herausgebern mit Nummern und – soweit bekannt – den zugehörigen Daten ›Tag‹ und ›Ort‹ versehen. Teilweise sind erhebliche handschriftliche Eingriffe durch frühere Herausgeber bis hin zu Durchstreichungen zu verzeichnen (nur diejenigen in gezackter Wellenform stammen von Nietzsche).
Die Entscheidung, keinen der maschinegeschriebenen Texte (auch nicht im Falle eines beeinträchtigten Schriftbildes durch Lagerung oder bereits bei Niederschrift) zu übertragen, soll die Benutzer dieser Ausgabe weniger in den Zustand eines Philologen versetzen, der die Texte zu rekonstruieren hat, als dass die Situation des Maschinenzeitalters vor Augen geführt wird, in dem die Identität und Beständigkeit von Zeichen sowie damit deren Bedeutungen in Abhängigkeit vom Material ihrer Aufzeichnung zu sehen ist.
Geringe Variationen in der farblichen Darstellung des gelben Papiers und der blauen Schrift gehen auf unterschiedliche Aufnahmetechniken der einzelnen Archive, besonders aber auf Verfallserscheinungen des Materials zurück. Zuletzt erschwert auch das Verlaufen der Druckfarbe die Entzifferung, was bereits zum Zeitpunkt des Schreibens teils von der hohen Luftfeuchtigkeit Genuas verursacht wurde, teils von einem mechanischen ›Stottern‹ der Schreibmaschine herrührt.
Dank gilt dem Goethe-und-Schiller-Archiv Weimar, das den Abdruck der größten Zahl der Typoskripte genehmigte, sowie ganz besonders auch seinen MitarbeiterInnen, die uns bei der Durchführung des Projekts mit großem Einsatz geholfen haben. Ferner danken wir der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel für die Bereitstellung der Abbildungen der beiden Briefe an Franz Overbeck sowie dem Literaturarchiv Marbach für die Bereitstellung der Abbildung des Briefes an Paul Rée. Auch danken wir Frau Dr. Schirmer vom Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, die das Projekt kompetent begleitet und ausdauernd unterstützt hat.
Dass nach langer Vorarbeit die erste Auflage kurz nach Erscheinen vergriffen war, bestätigt uns in dem Anliegen, Nietzsches Typoskripte in dieser Form vorzulegen. Für die vorliegende, zweite Auflage hat Friedrich Kittler ein Nachwort verfasst.
Home
MoMo
Bücher
Texte
Kontakt
MoMo-Berlin - Philosophie
Arbeitskreis Berlin