Die Ausbildung des Genie-Begriffs und die Wandlungen, die er durchläuft, stehen in engem Zusammenhang mit dem konfliktreichen Prozeß, in dem die funktional differenzierte moderne Gesellschaft sich etabliert. Die Absetzungsbestrebungen des Genies von der Arbeitsdisziplin und ihr Gegenbild, seine Überhöhung zum prometheischen Allein- oder Vor-Arbeiter, werden erst verständlich, wenn sie auf die Geschichte der Arbeitserfahrungen bezogen werden. In der Zusammenführung von Begriffsgeschichte des Genie-Gedankens und Sozialgeschichte der Arbeit soll ein in der bisherigen Diskussion weitgehend vernachlässigter Zugang zum Genie-Problem und zugleich eine neue Perspektive auf die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Arbeiten erschlossen werden.
Ein Genie ist jemand, der nicht nötig hat zu arbeiten, der zur Arbeit gar nicht zu brauchen ist - und dennoch etwas hinkriegt, was ihm keiner nachmachen kann. Beide Momente in dieser im 18. Jahrhundert verbreiteten Definition verdienen Beachtung: Sowohl der negative Bezug des Genies zur Arbeit, die das Leben seiner Zeitgenossen beherrscht, als auch die positive Behauptung einer konkurrenzlos überlegenen Schaffenskraft. Das Privileg der Befreiung vom Zwang zur Arbeit ist an die Bedingung der unvergleichlichen Leistung geknüpft. Es muß zumindest von der Aussicht auf ein außerordentliches Gelingen getragen sein.
Der Geniebegriff entsteht in dem Moment, wo es ernst wird mit der Arbeitsdisziplin. Seit dem 17. Jahrhundert beginnt die Ausdifferenzierung der Berufe, die Unterwerfung unter fremde Maßstäbe und ein zunehmend enger die Verrichtungen erfassendes Zeitregime in arbeitsteilig organisierten Produktionsprozessen weitere Kreise der Bevölkerung Ansprüchen auszusetzen, denen sie sich nur schwer entziehen können. In Abgrenzung zu diesen Anforderungen begeistern sich die gebildeten Stände für die Vorstellung, daß die entscheidenden Leistungen gar nicht auf Können und Fleiß beruhen, sondern auf einer göttlichen Gabe oder einem Geschenk der Natur. Nach vorgegebenen Regeln sind sie nicht zu beurteilen, da sie die Regel erst selbst etablieren, nach der sie und alle weiteren Handlungen beurteilt werden sollen. Die Rollenerwartung des Genies verspricht eine privilegierte Position im Gefüge der gesellschaftlichen Arbeitsteilung - idealerweise eine, die dem Zwang zur Arbeit völlig enthoben wäre. Im Wunschtraum vom glücklichen Gelingen, das den Favoriten der Natur mühelos zufällt, spricht das Unbehagen an der Kultur und an den Zwängen in der neu sich formierenden Berufsarbeit.
Wenngleich die Genie-Vorstellung primär ein Versuch ist, gegenüber dem Produkt der eigenen Tätigkeit eine vorgebliche Unschuld zu behaupten und ein Refugium des Eigensinns zu verteidigen gegen den Zugriff der Arbeitsdisziplin, trägt sie doch bereits die Spuren der arbeitsteiligen Vergesellschaftung. Ein Genie ist zunächst ein Genie zu einer besonderen Kunst, zur technischen Invention, zur wissenschaftlichen Stringenz, zur militärischen Führung oder wozu auch immer. Es zeichnet sich insbesondere durch seine Fähigkeit zur Erfindung, zum Herstellen von Zusammenhang und zur Formulierung von Zielen aus. Seit dem Examen de los Ingenios para las Ciencias des andalusischen Arztes Huarte (1575) ist die Frage nach der Eigenart des Ingeniums an das Problem der Berufswahl gebunden und tendiert zum Eignungstest. Die Notwendigkeit der Spezialisierung, die dem Ideal vom uomo universale der Renaissance strikt entgegensteht, wird dadurch begründet, daß Exzellenz in den verschiedenen Betätigungsfeldern jeweils verschiedene Eigenschaften erfordert, die einander ausschließen. Man kann nur entweder tiefsinnig oder lebhaft, entschlußfreudig oder bedachtsam sein. Die Leistung, durch die das Genie sich auszuweisen hat, soll zwar »unvergleichlich«, aber nicht völlig maßlos sein - denn dann wäre nicht mehr zu verstehen, inwiefern überhaupt etwas geleistet worden ist.
Gegen funktionalistische Vereinnahmungen des Genies bringt im späten 18. Jahrhundert die romantische Generation die Idee eines »Raphael ohne Hände« ins Spiel. Das Genie soll es nicht nötig haben, sich durch irgendein Werk auszuweisen, es beansprucht absolute Anerkennung rein um seiner selbst willen. Auch ein Mensch, der das ihm eigentümliche Genie niemals für seine Mitmenschen erkennbar entäußern kann, soll in der ihm eigentümlichen Qualität, in seinem rein innerlich zu ermessenden Wert dadurch in keiner Weise beeinträchtigt sein. Damit erreicht der Konflikt von Genie und Arbeit ein krisenhaftes Extrem.
Die Etablierung einer autonomen Sphäre der »schönen« Künste im 18. Jahrhundert wird weniger (wie der Name anzudeuten scheint) dadurch begründet, daß die Erzeugnisse dieser Künste allein oder in vorzüglichem Maß dem Schönheitsempfinden gefallen, als vielmehr dadurch, daß sie - im Unterschied zu allen Produkten der nützlichen Künste - als »in sich selbst vollendet« (Moritz) gelten müssen, weil ein fremder Zweck, zu dem sie gut wären, nicht mehr angegeben werden kann. Kants Bestimmung der sch&oum;nen Kunst als »Kunst des Genies« hebt darauf ab, daß keinerlei Regel zu ihrer Hervorbringung oder Kriterien ihres Gelungenseins in Anschlag gebracht werden können bzw. dürfen. Die Werke der schönen Kunst, in denen das gegen alle Nützlichkeit und Beurteilbarkeit auf seiner absoluten Einmaligkeit bestehende romantische Genie sich beweist, sind schön als exemplarische (oder, wie Ästhetizisten des späten 19. Jahrhundert sagen werden: exzeptionelle) Verwirklichung von »Freiheit in der Erscheinung« (Schiller) - was zunächst und im wesentlichen meint: Vorschein einer Freiheit von der Unterordnung unter fremde Zwecke, durch die die Erfahrung des Arbeitens gekennzeichnet ist.
Seit dem 18. Jahrhundert begleitet die Genie-Begeisterung wie ein Schatten die Lehre, daß das scheinbar der Mühe des Arbeitens enthobene Genie in Wahrheit nichts als das Produkt unermüdlicher, harter Arbeit sei. Aufklärer suchen die von der Utopie paradiesischer Selbstgenügsamkeit und müheloser Überlegenheit verlockte Jugend wiederzugewinnen für die im bürgerlichen Leben zu erringenden Erfolge. Revolutionäre erinnern die Eskapisten an die Bedingungen der Überwindung des schlechten Bestehenden. Der Glaube an die Allmacht der Arbeit, der die Entmythologisierung der vorgeblichen Inspiration trägt, bleibt seinerseits der im Genie-Ideal artikulierten Vorstellung vom schöpferischen Menschen verpflichtet. Und auch das pädagogische Projekt einer Verbesserung des Menschen durch Bildungseifer orientiert sich am Vorbild des Genies, das ursprünglich allem durch Ausbildung und Fleiß Erreichbaren polemisch entgegengesetzt worden war.
Die vorwiegend ideengeschichtlich oder ideologiekritisch orientierte Diskussion über den Sinn und Unsinn der Genie-Kategorie schreibt den kontrastiven Bezug des Genies zu den Niederungen der Arbeitswelt fort, ohne sich darüber klar zu werden, wie die Distanz des Genies von den Anforderungen und Zwängen der Arbeit beherrscht bleibt von Optionen, die sich überhaupt erst im Gefüge der gesellschaftlichen Verteilung der Arbeiten ergeben. Demgegenüber erweisen sich die Theoretiker des Genies aus dem 18. Jahrhundert von Dubos über Young, Helvétius und Gerard bis Diderot, Lessing und Herder zumindest insofern als überlegen, als sie ihren Gegenstand noch im komplexen Feld der Abgrenzung und Idealisierung, der Ausbruchswünsche und Majorisierungshoffnungen zwischen Genie und Arbeit verorten. Die in der Forschung weitgehend vernachlässigte Frage nach den Beziehungen zwischen Genie-Vorstellungen und der Geschichte der Arbeit verspricht einen Zugang, von dem aus sich sowohl die keineswegs erledigte, bloß oberflächlich diskreditierte Genie-Problematik in ihrer gesellschaftlichen Relevanz neu erschließen läßt als auch ein Impuls für die aktuelle Diskussion über die Zukunft der Arbeit zu erhoffen ist.
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MoMo-Vortrag am 19.01.2003