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Michaela Ott

»…der unabdingbare Schein von Freiheit…«

(Astrid Deuber-Mankowsky, Praktiken der Illusion. Kant, Nietzsche, Cohen, Benjamin bis Donna J. Haraway, Berlin: Vorwerk 8, 2007)

 

Dass Illusionsbildung lebenskonstitutiv und lebenserhaltend ist, wer möchte das leugnen? Weit davon entfernt, nur als »schöner Schein« von fiktionalen Gebilden Gültigkeit zu haben, müssen Illusionen vielmehr als anthropomorphe Konstitutionsmomente verstanden werden, wie die Psychoanalyse der letzten Jahrzehnte zu behaupten nicht müde geworden ist. Verstanden als unbewusste und ganzheitliche Projektionen des Selbst erscheinen sie unabdingbar für die imaginäre Konsistenz der Person, die Kohärenz eines Lebensweges, die Möglichkeit der Verfolgung eines ethischen Projekts; ohne derartige Illusionsbildungen würden wir, wie Slavoj Zizek immer wieder emphatisch erklärt, uns psychisch dekomponieren, verzweifeln, irre werden. Gleichwohl hat Jacques Lacan das notwendige Verkennen, das der imaginären Identifizierung mit dem eigenen Spiegelbild eingeschrieben ist, ebenfalls betont.

Dass jenseits der Subjektkonstitution »Praktiken der Illusionen« auch unabdingbare Momente der Wissenskonstitution sind, weist die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin Astrid Deuber-Mankowsky in einem problemorientierten und tiefschürfenden Durchgang durch einschlägige Positionen der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte nach. Ausgewählt hat sie solche, denen die »Glaubwürdigkeit des Anscheins« produktiver erscheint als die Frage nach der Wahrheit des Wirklichen. Dabei zeigt sie den historischen und epistemologischen Wandel dieser »Praktiken der Illusion«, die Anleihen dieser Praktiken bei optischen Medien und ihre Bindung an Technologien zwischen Nietzsches und Haraways Rückgriff auf rhetorische Figuren, Benjamins Affirmation des Spiels und Spieldispositiven der Kybernetik auf.

Deuber-Mankowskys historischer Einsatz beim Metaphysikkritiker Kant plausibilisiert sich aus der mit ihm geteilten, notwendig illusionären Idee menschlicher Freiheit, die das ethische Anliegen der Autorin selbst verrät: Wie ein gewisses autonomes Handeln nur durch einen bewussten Vorentwurf in Richtung Freiheit möglich wird, so die Kritik wissenschaftlichen Reduktionismusʼ durch Aufweis und (De)Konstruktion produktiver Illusionsverfahren. Kant bedarf der Idee der Freiheit zur Grundlegung seiner Anthropologie, da ohne die Annahme einer gewissen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit des Einzelnen der Anspruch auf Selbstaufklärung nicht aufrechtzuerhalten ist. Zu dieser Illusion gehört mithin die Annahme der Überlegenheit des Geistes über das Sinnliche, was ihre Scheinhaftigkeit in Kants Augen legitim werden lässt.  

Aus dem genau umgekehrten Grund affirmiert dann Nietzsche ästhetische Scheinbildung und Perspektivierung des Wissens, weist er doch den Wahrheitsanspruch der Wissenschaft als affekt- und vielleicht sogar vorstellungsgeleitet zurück. Von daher sieht die Autorin Nietzsche mit seinen produktiven Lesern Hermann Cohen und Walter Benjamin und noch mit Donna J. Haraway in dem wissenschaftskritischen Projekt der »Verhältnisbestimmung von naturwissenschaftlichem und anthropologischem Wissen« (15) verbunden. Bei dessen Nachzeichnung gelangt sie zu dem interessanten Befund, dass die Illusionsbildung relativ zum wissenschaftlichen Objektivitätsanspruch des 19. Jahrhunderts zunimmt, um dann bei Benjamin in eine ebenfalls aufklärerisch motivierte Ablehnung des ästhetischen Scheins und seine Ersetzung durch Formen des Spiels und habitualisierter Rezeption zu münden.

Astrid Deuber-Mankowsky versäumt es auch nicht, auf die Gleichsetzung von ästhetischem Schein und weiblichem Geschlecht nicht nur bei Nietzsche, sondern bereits bei Kant hinzuweisen. Schon bei ihm erscheint das Weibliche wie die Illusion als produktive Größe, die letztlich Natur in Kultur zu transformieren und den Weg über die menschliche Natur hinaus, hin zur Achtung vor dem Sittengesetz zu weisen hilft. Ausgerechnet der Neukantianer Hermann Cohen schließt daran die Annahme an, dass Erkenntnis immer Schöpfung und von einer »Ästhetik des reinen Gefühls« zu begleiten sei. Vor diesem Hintergrund kritisiert er den vermeintlichen Objektivismus der Physiologie und den von ihr erhobenen Anspruch, mit Hilfe psychophysikalischer Experimente innere Erregungen messen und in Kurven und Zahlen verwandeln zu können.

In seiner Abgrenzung von Cohen erscheint Benjamin als der erste Medientheoretiker, der dem schönen Schein selbst einen historischen Index verleiht. Bekanntlich sieht er mit den Reproduktionstechnologien die Aura des Kunstwerks schwinden und erkennt im Versuch von deren Beibehaltung einen falsch idealisierenden bis faschistischen Zug, der nun einer verhängnisvollen Illusionsbildung, jene der Verblendung der gesellschaftlichen Massen, Vorschub leistet. Vom Filmkunstwerk verspricht er sich dagegen erneut eine aufklärerische Wirkung trotz des Rezeptionsmodus der Zerstreuung, da er den Zuschauer über seine ökonomische Lage in Kenntnis setzt. Gleichwohl gesteht auch er eine notwendig illusionäre Natur des Films zu, die sich als »Natur zweiten Grades« aus der realitätsimmersiven Kameraarbeit und dem Schnitt ergeben soll.

Mit Benjamins Spielbegriff gelangt die Autorin zur Kybernetik und zu deren Selbstverständnis als Universalwissenschaft. Zusammen mit Donna Haraway befragt sie diese und andere zeitgenössische Wissenspraktiken noch einmal nach ihrer Grenzziehung zwischen Faktum und Fiktion und weist diese erneut als unvermeidliche Illusionsbildung aus. Denn auch hier gilt, dass die Grenzziehung immer Konstruktion bedeutet, kraft welcher sich die Naturwissenschaften fortgesetzt neu konstituieren.

Dank der in dieser genauen und selbstreflexiven Gegenlektüre gewonnenen Einsicht, dass jeder differenzierenden Kulturarbeit illusionäre Momente anhaften, schlägt sie als erkenntniskritische Methode abschließend die Kreation und Dekonstruktion von Figurationen zur Faktenerhebung und -auswahl vor. Als eine solche Figuration präsentiert sie schließlich die »Diffraktion«, erneut eine Größe aus der Optik, die jedoch keine Abbilder liefert, sich dem Modell der Repräsentation entzieht und nicht zuletzt an Kants Idee zurückzubinden erlaubt: »Diffraktion handelt von der Nachträglichkeit und Verbindlichkeit von Ereignissen. […] Weil Diffraktion wesentlich geschichtlich ist, lässt sie Raum für jenes Sollen, das Kant als Möglichkeitsbedingung von Freiheit beschrieb« (345).



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