Wolfert von Rahden

Der späte Nietzsche als Leser

 

Im Kontext der neuen Nietzsche-Manuskript-Edition (Abt. IX der KGW-Colli-Montinari-Ausgabe) werden einige Probleme aufgegriffen, die den Zusammenhang von Nietzsches Lesen und Schreiben reflektieren. Dabei handelt es sich um den späten Nachlaß von 1885-1888, also jenen mehr als zwanzig Notiz- und Arbeitsheften, aus denen das angebliche philosophische Hauptwerk Der Wille zur Macht kompiliert wurde. Die Frage nach der Genese des Autors im Zwiespalt der Genie-Vorstellung einerseits und dem »Absinken« zum namenlosen beziehungsweise vielnamigen Diskurssegment im virtuellen Gesamtarchiv andererseits bestimmt das Selbstverständnis Nietzsches in dieser letzten Phase seines Schaffens. Die privaten handschriftlichen Notizen in ihren Korrekturen, Durchstreichungen, Überschreibungen und vielfachen Varianten legen die Archäologie des Produktionsprozesses offen. Nicht »Aphorismen« noch »Fragmente«, eignet den Notizen der Status des »work in progress«. Dem trägt die neue editorische Praxis Rechnung.


MoMo-Vortrag am 08.10.2000



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