Wolfert von Rahden

»Nie wirklich satt und froh ...«.
Nietzsches Herder

 

Gegen wenige Denker des »Sturm und Drang« und der Aufklärung polemisierte Nietzsche dermaßen heftig wie gegen Herder. Er sei »der ideale Dilettant« (KSA 7, 49), »pastoral« (KSA 7, 607) und »Prediger« (KSA 7, 493), »kein grosser Denker und Erfinder« (KSA 2, 602), »und mehr als irgend einem unserer sogenannten Classiker geht ihm die einfältige wackere Mannhaftigkeit ab« (KSA 2, 603). »Sein Stil flackert, knistert und raucht« und »er sass nicht an der Tafel der eigentlich Schaffenden« (ebd.). Das polemische Verdikt gipfelt in einer Abkanzelung ad personam: »Nie wirklich satt und froh, war Herder überdiess allzu häufig krank; da setzte sich bisweilen der Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch« (ebd.).

Woher rühren diese auffällig scharfen Attacken? Gibt es dafür plausibel nachvollziehbare Begründungszusammenhänge? Sind die Positionen beider Denker wirklich fundamental so unterschiedlich, wie es diese Zitate unterstellen? Im Vortrag wird dem Problem nachgegangen, wie diese Kritikstrategie interpretiert werden kann, und es soll eine Hypothese angeboten werden, die auf jene möglichen Motive, Intentionen, aber auch verdeckten Mechanismen und Konstellationen zielt, die eine Antwort auf die Frage geben könnten, warum Herder diesen Invektiven Nietzsches ausgesetzt ist. Einerseits wurden ja auch Kant und Schiller Objekte der Kritik Nietzsches (Schiller vor allem als »Statthalter Kants« in der Kunst, der Ästhetik mit Moral vermenge). Andrerseits hatte Herder ebenso wie später Nietzsche den Kantischen Ansatz stark kritisiert und stand in ästhetischen Fragen dem Kant-Kritiker Goethe weitaus näher. Und gerade Goethe galt Nietzsche als eines der wenigen großen Vorbilder, die er nimmermüde rühmt. Die These des Vortrags geht von der Vermutung aus, daß Herder für Nietzsche als autobiographische Projektionsfläche erscheint: Er dient gleichsam als Objekt der Aggressionsabfuhr zur Abwehr jener Eigenschaften bzw. psychophysischen Zustände, die Nietzsche an sich selbst zeitlebens beunruhigen und quälen - seine hartnäckigen Krankheiten, seine wiederkehrenden mentalen Schwankungen -, all das, was sein Schreiben, sein Leben massiv einschränkt und deswegen aggressiv besetzt ist. So erscheint manche Charakterisierung Herders aus Nietzsches Feder wie eine Spiegelung und kann als eine verkappte Selbstbeschreibung gelesen werden. Neben diese »biographische« Nähe tritt überdies eine »theoretische Nähe«. Entsprechend lassen sich in in der Metaphorologie, in theoretischen Konfigurationen und Diskursanschlüssen - ungeachtet der natürlich vorhandenen Differenzen - überraschend viele Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten entdecken: die Betonung des »ganzen Menschen«, der Bedeutsamkeit des Körpers und der Sinnlichkeit, der Relevanz der Affekte, die Ablehnung der Trennung von Wissenschaft und Kunst und das Plädoyer für den Vorrang der Metapher vor dem Begriff. Augenfällig sind die Übereinstimmungen beider im Rückgriff auf bestimmte Diskursanschlüsse und verschiedene historische Bezugspunkte, etwa in der europäischen Orientierung mit Präferenzen für das französische (und provençalische) Denken und die griechische Antike, insbesondere beider Hochachtung für Spinoza, den französischen Sensualismus und die Wertschätzung der »gaya scienzia«, aber auch beider Offenheit für naturwissenschaftliche zeitgenössische Theorien.

Die Ahnung (oder »unbewußte« Erkenntnis?) der Nähe zu Herder führt bei Nietzsche zu einer polemischen Abstoßungsbewegung, die unter dem Signum »Herder« offenbar vor allem auf das eigene verdrängte »alter ego« zielt.

Bei aller Differenz kann festgestellt werden, Nietzsche und Herder eint auch die Offenheit und Widersprüchlichkeit ihres Denkens, das sich nicht einem - wie auch immer begründeten - homogenen Systementwurf verschrieben hat.


MoMo-Vortrag am 05.09.2004



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