Johannes Rohbeck

Zukunft als Projektionsraum für Geschichte

 

 

Wenn Geschichte im Zusammenhang von bedeutsamen Ereignissen in Raum und Zeit besteht, zielt die Frage nach dem Geschichtlichen auf den Charakter dieses Zusammenhangs. Üblicherweise wird darunter der Sinn der Geschichte verstanden. Der historische Sinn ist dasjenige, was die Ereignisse zusammenhält, was ihnen eine Ordnung, eine Struktur, eine Richtung, eine Bedeutung verleiht. Um diesen Sinn zu bestimmen, sei an die doppelte Bedeutung des Begriffs der Geschichte erinnert. Bekanntlich bezeichnet Geschichte sowohl die Darstellung in der Historiographie als auch den Sachverhalt als zeitlich aufeinander folgende Ereignisse. Diesen beiden Seiten der Geschichte kann ein je verschiedener Sinn zugeordnet werden.

Einerseits bedeutet Geschichte die Darstellung, so wie man eine Geschichte oder Geschichten erzählt. Diesen Sinn bezeichne ich als Deutungssinn. Andererseits verweist das Wort Geschichte auf den Sachverhalt, d.h. auf den Zusammenhang von Ereignissen, die in der Vergangenheit geschehen sind. Sofern es dabei um menschliche Handlungen geht, bezeichne ich diesen Sinn als Handlungssinn. Meine Absicht besteht darin, den Handlungssinn gegenüber dem Deutungssinn stärker zur Geltung zu bringen. Im Anschluss an Paul Ricœurs dreifacher Mimesis versuche ich eine Vermittlung von Handlung und Erzählung.

Diese Akzentverschiebung hat mehrere Konsequenzen: Erstens wird damit die Frage nach der Referenz von Erzählungen gestellt und damit ein Realismus favorisiert. Zweitens wird behauptet, dass nicht allein die Erzählung, sondern auch die Handlung Zeit und Raum der Geschichte konstituieren. Drittens werden Handlungen nicht nur erzählt, sie sind auch zu erklären. Viertens und vor allem eröffnet der Begriff der Handlung den Blick in die Zukunft. Zentrales Anliegen ist also die Historisierung der Zukunft. Es wird gefragt, ob das vorhandene Instrumentarium der Geschichtstheorie bzw. Geschichtsphilosophie, das bisher auf die Vergangenheit bezogen war, sich auch auf Zukunftsfragen anwenden lässt:
- Zeit- und Raumstrukturen von Zukunft (z.B. vergangene Zukunft),
- Zufall und Kontingenz von künftigen Ereignissen und Strukturen,
- kontrafaktische Erklärungen (alternative Handlungsmöglichkeiten).

Das Ziel besteht in einer kritischen Geschichtsphilosophie, die sich nicht auf eine Methodologie der Geschichtswissenschaften beschränkt, sondern sich ebenso als praktische Philosophie versteht.


MoMo-Vortrag am 16.12.2007



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