Henning Schmidgen

Die Experimentalisierung des Lebens

 

Wie kaum eine andere Größe bestimmen die Lebenswissenschaften gegenwärtig die Diskurse über Fortschritt und Zukunft unserer Gesellschaft. Während die ethischen Probleme der Situation erkannt sind und in der Öffentlichkeit diskutiert werden, fehlt es fast vollständig am aufgeklärten Verständnis derjenigen Prozesse und Prinzipien, die die biotechnologische Verwissenschaftlichung unserer Gesellschaft ermöglicht haben. Aus Sicht der Geisteswissenschaften ist es eine der drängendsten Aufgaben, die neue Produktivität der »Biomacht« aufzuarbeiten, um die vielbeklagte Distanz der »zwei Kulturen« an diesem entscheidenden Punkt nicht noch größer werden zu lassen.

Das von der Volkswagen Stiftung geförderte Projekt »Die Experimentalisierung des Lebens: Konfigurationen zwischen Wissenschaft, Kunst und Technik« beansprucht, einen wichtigen Beitrag zu dieser Aufgabe zu leisten. Es basiert auf einer Initiative des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte (Abt. III: Hans-Jörg Rheinberger) in Berlin und wird in enger Kooperation mit dem Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität Berlin und der Medienfakultät der Bauhaus-Universität in Weimar durchgefährt werden. Auf internationaler Ebene wird mit dem Programm fär Wissenschaftsgeschichte und -philosophie an der Stanford Universität in Kalifornien kooperiert.

Unter »Experimentalisierung des Lebens« wird dabei ein Prozeß verstanden, der Anfang des 19. Jahrhunderts europaweit einsetzt und der Wissenschaft, Kunst und Technik neu konfiguriert. Nachdem die experimentelle Physiologie sich als eine Leitwissenschaft des 19. Jahrhunderts etabliert hat, werden auch Psychologie und Sprachwissenschaft zu Unternehmungen im Labor. An unterschiedlichsten Schauplätzen bilden sich Experimentalkulturen heraus. So entsteht eine Literatur, die mehr und mehr auf Verfahren des Automatismus, der Aleatorik und Kombinatorik zurückgreift. Neue Medien wie Photographie und Film verändern die Künste und die Wissenschaften. Die Großstädte insgesamt werden zu Experimentierfeldern, auf denen diverse Lebensversuche unternommen werden. Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich diese Experimentalisierungslandschaft so weit entwickelt, daß durch die Hybridisierung von Verfahren und Qualifikationen sowie durch die zunehmende Miniaturisierung von Versuchsobjekten langsam »Molekularwissenschaften« entstehen, so in der Biologie und der Neuropsychologie, aber auch in der Sprachwissenschaft und, allgemeiner, im aufkommenden Strukturalismus. Parallel dazu entwickeln sich in Kunst und Literatur die Verfahren der Gegenstandsreduktion. Neue Formen der Kooperation von Künstlern mit Technikern und Wissenschaftlern bilden sich heraus.


The Virtual Laboratory for Physiology

Den materiellen Kulturen der Experimentalisierung wird im Rahmen des Projekts auch mit Hilfe avancierter Computertechnik nachgegangen. In einem eigens gestalteten »Virtuellen Labor« wird nicht nur das Material-Archiv des Projekts angelegt, sondern auch an der digitalen Rekonstruktion von Experimenten gearbeitet. Zugleich ist das Virtuelle Labor die Kommunikationsplattform des Projekts. Es bietet einen Raum, in dem neue Genres des wissenschaftlichen Schreibens und Veröffentlichens erprobt werden können. Zudem bildet dieses Labor die Schnittstelle zur interessierten Öffentlichkeit.


MoMo-Vortrag am 12.11.2000



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