Ulrich Johannes Schneider

Leibniz - Heidegger - Deleuze

 

Als Beispiel für vernünftiges Denken wählt Leibniz den Astronomen, der den morgendlichen Sonnenaufgang aus Vernunftgründen erwartet, nicht aus Gewohnheit. In den Spätschriften (Monadologie 28, Vernunftprinzipien 5) heißt es, der Astronom urteile par raison, was in deutscher Übersetzung sowohl mit vernunftgemäß als auch mit aus Gründen wiedergegeben wird. Im Deutschen muß man sich entscheiden, wie raison (oder auch ratio, reason, ragione, razón) übersetzt wird, als Vernunft oder als Grund. In den meisten anderen Sprachen spielt wiederum die Rezeption deutscher Philosophie eine Rolle bei der gedanklichen Sortierung. Jedenfalls galt lange ohne Frage, daß raison suffisante der zureichende Grund ist, nicht die zureichende Vernunft. Zwei gegenläufige Auffassungen finden sich allerdings bei Martin Heidegger und bei Gilles Deleuze.



Gottfried Wilhelm Leibniz

Heidegger hat im Ausgang von Leibniz den Satz vom Grund gerade anders verstanden, nämlich als ein Denken des Grundes, das nicht selbst gründet. Er trennt den Satz vom Grund, der besagt (erkennt, einsieht), daß immer etwas sein muß, damit etwas anderes sei, vom Wesen des Grundes (Titel einer Schrift von 1928), das im Geschehen der Transzendenz zur Sprache kommt. Die Heideggersche Operation transzendiert die zureichende Vernunft der rationalistischen Tradition und klammert sie damit als etwas vermeintlich Selbstgenügendes ein. Auch ist dieser Vernunft kein eigenes Verbum zuzuordnen, wenn nicht das des Gründens. Das Gründen aber, wenn es Akt der Vernunft sein soll, verweist zirkelhaft auf diese selbst und fällt damit sozusagen aus ihr heraus: denn worauf gründet die Vernunft, die gründet?

Deleuze kommentiert ganz ähnlich im Schlußkapitel seines Hauptwerks Differenz und Wiederholung (1968, dt. 1992) den Anspruch Leibnizens einer raison suffisante als den einer zureichenden Repräsentationsvernunft, die sich der Begründung entzieht, indem sie sie ins Unendliche wiederholt. Das Begründen (fonder) wird so zu einem Zugrundegehen. Was bei Heidegger Ab-Grund heißt, wird bei Deleuze als Ungrund (sans fond) gefaßt oder auch als Jenseits, in das das Denken fällt. Er zeigt eine Ohnmacht des Denkens, sich selbst zu denken, eine Unzureichendheit der Vernunft, ihren eigenen zureichenden Grund zu finden.

Beide Lektüren des Satzes vom Grund, diejenige Heideggers wie diejenige von Deleuze, machen Voraussetzungen, die mehr mit der Rationalismuskritik des 20. Jahrhunderts als mit dem dort hineingezogenen Leibniz zu tun haben. Beide Autoren allerdings setzen, wie gezeigt werden kann, bei der von Leibniz artikulierten Ambiguität an und werten den Satz von der raison suffisante als These von der zureichenden Vernunft. Sie exponieren beide eine Aporie des Gründens, die sie paradigmatisch im Ausgang von Leibniz thematisieren.


MoMo-Vortrag am 22.07.2001



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