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Dominik Schrage

Psychotechnik und Radiophonie

Subjektkonstruktionen in artifiziellen Wirklichkeiten 1918-1932

München: Wilhelm Fink Verlag 2001, 361 S.
ISBN 3-7705-3624-X
35,80 EUR

 

Kurztext

Im Zuge der Rationalisierungsprogramme der 1920er Jahre etabliert sich die Psychotechnik. Ihre Eignungstests informieren über die psychischen Eigenschaften von Individuen, indem sie sie auf ihre durchschnittliche Verteilung in Gruppen sowie auf funktionale Anforderungen beziehen. Zeitgleich wird mit der Einführung des Radios das simultane Erleben eines räumlich verstreuten Publikums zu einer neuen Facette sozialer Wirklichkeit, die durch dramaturgische und technische Mittel gestaltbar ist.

In der Psychotechnik wie in der Radioverwendung geht es nicht einfach um Auffassungen von Subjektivität, sondern um Subjektkonstruktionen, die ohne die entsprechenden Instrumente gar nicht zu haben sind. Schrage untersucht Psychotechnik und Radiophonie als Verfahren, welche die tradierte Grenze zwischen Innen- und Außenwelt unterlaufen und neuartige, instrumentell-regulative Subjektivierungsweisen etablieren. Damit zeichnet er die Konturen einer sozialtechnischen Moderne nach und trägt zugleich bei zur Genealogie unserer verdateten und medialen Gegenwart.

Inhalt

Einleitung

7

     1. Fragestellung und Methode

7

     2. Subjekt, Disziplin, Normalisierung
         – Vorgeschichte und Vorarbeiten

 
17

     a. Die Formierung autonomer Subjektivität

17

     b. Die Herstellung des Individuums:  
         Interessen und Disziplin

 
20

     c. Die epistemische Figur ›Mensch‹

24

     d. Das regulative Zwischenreich        
         der Normalisierung

 
26

     e. Zum Aufbau

34

I.   Psychotechnische Normalisierung

39

     1. Der humanwissenschaftliche Gegenstand   
         Psyche

 
39

     a. Differenz zur Philosophie

39

     b. Differenz zur Physiologie

41

     c. Psychophysik

44

     d. Bewußtseinspsychologie

46

     e. Zusammenfassung

51

     2. Zwischenreich Psyche

53

     a. Psychisches abseits des Bewußtseins

54

     b. Die Massenpsyche als politischer Akteur

58

     c. Nervosität als »historische Psychose«

62

     d. Zusammenfassung

65

     3. Die Formierung angewandter Psychologie

69

     a. ›Differentielle Psychologie‹ vs. ›generelle
         Psychologie‹

 
70

     b. Materialitäten der Psyche

75

     c. Organisation als Problem

79

     d. Zusammenfassung

88

     4. Psychologie im Ersten Weltkrieg

91

     a. Psychiatrie vs. angewandte Psychologie

91

     b. »Lokalisierte Verletzung der Seele«          
         – Die Nervenstation für Kopfschüsse

 
94

     c. »Das Bewußtsein auf seine Schäden          
         ableuchten« – Walther Moede

 
97

     d. »Kreuzungspunkt der Schicksale«  
         – Berufsberatung der Kriegsbeschädigten

 
101

     e. Zusammenfassung

106

     5. Psychotechnische Normalisierung

109

     a. Programmatik

112

     b. Die psychotechnische Subjektkonstruktion

130

     c. Zusammenfassung   

151

Zwischenbetrachtung: Situativität als neues Problem

153

     a. Résumé

154

     b. Grenzen psychotechnischer Normalisierung:    
         Ganzheit und Situation

 
158

     c. Erleben in gesellschaftlicher Reichweite:  
         Das Radio  

 
167

II.  Radiophones Erleben

175

     1. Die telefonische Erweiterung         
         des Erfahrungsraums

 
175

     a. Die Plausibilität des Fernsprechens

177

     b. Die Physiologie des Hörens

179

     c. Die Technologie des Fernsprechers

190

     d. Popularisierung des Fernsprechens

195

     e. Zusammenfassung

198

     2. Zwischenreich Äther

203

     a. Die unsichtbare Materialitätsdimension     
         der Hertzschen Wellen

 
204

     b. Die Emanzipation von der Leitung

208

     c. Die Sendung von Klängen

211

     d. Rundfunk und Massenkultur

214

     e. Zusammenfassung

218

     3. Der akustische Raum

221

     a. Hörspielästhetische Experimente

224

     b. Arbeitsteilige Hörspielpraxis

242

     c. ›Der Hörer‹ als Problem

256

     d. Zusammenfassung

264

     4. Radiophone Subjektkonstruktionen

267

     a. Radio als ›halbe soziale Beziehung‹          
         – Leopold von Wiese

 
267

     b. Radiophone Verschmelzung – Hermann Pongs

274

     c. ›Aufstand der Hörer‹ – Bertolt Brechts      
         ›Radiotheorie‹

 
281

     d. Radiophone Verschaltung – Richard Kolb

288

     e. Zusammenfassung   

297

III. Normalisierungsraum und akustischer Raum

299

     1. Die quantitative Erschließung        
         des ›Anonymus Publikum‹

 
299

     a. Lazarsfeld-Stil und Lazarsfeld-Methode

302

     b. Die RAVAG-Studie von 1932

306

     c. Der ›Lazarsfeld-Stanton Program Analyzer‹

309

     d. Zusammenfassung

313

     2. Test und Radioöffentlichkeit als konstruierte    
         Wirklichkeiten

 
315

     a. ›Karussell der Berufe‹

316

     b. ›Zweierlei Volkstümlichkeit‹

319

     3. Selbstverhältnisse in artifiziellen   
         Wirklichkeiten – ein Ausblick        

 
323

Literatur

337

Abbildungsverzeichnis

361

 

 

 

 

Einleitung

»Ich entsteht durch Organisation und Verschmelzung.«[1]

Robert Musil        


»Radio has now made the whole nation an experimental situation.«[2] 

Paul F. Lazarsfeld

Fragestellung und Methode

Daß es sich beim neuzeitlichen ›Subjekt‹ um ein historisch entstandenes und deshalb kontingentes Selbstverhältnis handelt, ist eine der prominenten Thesen des Poststrukturalismus. Wie alles, was historischer Veränderung unterliegt, müsse das ›Subjekt‹ nicht als unhintergehbare Errungenschaft der Geistesgeschichte betrachtet werden, sondern auf seine Genese, seine Struktur und seine Effekte hin untersucht werden. Aus dieser Perspektive erscheint das ›Subjekt‹ nicht als Name des ›Ich‹-Denkens schlechthin, sondern wird als eine bestimmte historische Weise betrachtet, ›Ich‹ zu denken, deren Konstruktionsprinzipien angebbar sind. Wenn das ›Subjekt‹ solchermaßen als Konstrukt in den Blick kommt, kann seine Herausbildung als ein historischer Prozeß beschrieben werden; zugleich wird es durch die Betonung der Kontingenz historischer Selbstverhältnisse möglich, neuartige, andere Weisen des ›Ich‹-Denkens zu entwerfen.

Die vorliegende Studie macht sich diese Perspektive auf Selbstverhältnisse als integrale Bestandteile historischer Wissensordnungen zu eigen, stellt dabei aber zugleich die Frage, wann es sinnvoll wird, eine solche historisch-rekonstruktive Beschreibungskategorie ›Subjekt‹ zu modifizieren. Diese Frage taucht dann zwangsläufig auf, wenn als Untersuchungszeitraum nicht die Phase der Herausbildung und Stabilisierung ›autonomer Subjektivität‹ als historischer Formation betrachtet wird – das 18. und 19. Jahrhundert –, sondern die Zeit nach ihrer Grundlagenkrise in den Jahren um 1900. Ist es triftig, vom ›Subjekt‹ des 18. und 19. Jahrhunderts auszugehen, um Phänomene des 20. Jahrhunderts zu beschreiben?

In der Zeit um 1900 wird es für Bewohner europäischer und US-amerikanischer Großstädte immer problematischer, die materielle äußere Wirklichkeit der Natur und die gesellschaftliche des Staates einer autonomen, im Kern unbeeinflußbaren inneren Wirklichkeit gegenüberzustellen. Zwischen die Natur und das sich gegen sie behauptende Individuum schiebt sich die stetig wachsende Menge technischer Artefakte, die das Leben von immer mehr Menschen bestimmen, ohne daß sie ihnen – wie einfache Werkzeuge – vollständig verfügbar wären; zwischen die Ordnung des Staates und die sittliche Autonomie des ›Subjekts‹ schiebt sich eine neue Art von Problemen, die nicht auf identifizierbare Verursacher reduzierbar sind, sondern ›soziale Probleme‹ darstellen: In der Dichotomie von Gemeinschaft und Gesellschaft manifestiert sich die Problematik eines neuartigen Gesellschaftstyps, in dem im Prinzip alle sozialen Phänomene von tradierten normativen Setzungen entkoppelt sind und ihre Voraussetzungen somit selbst als gesellschaftliche – und damit disponible – erscheinen.

Während der Technikhistoriker Franz Reuleaux in seiner achtbändigen Geschichte der Erfindungen verkündet, die moderne Wissenschaft habe »das völkertrennende Hindernis, den Raum, aufgehoben« und somit auch die grundlegende geographische Begrenzung sozialer Beziehungen disponibel gemacht, verweist der Soziologe Emile Durkheim darauf, daß das tradierte »soziale Band«, welches Individuen an eine Gemeinschaft knüpfte, aufgrund zahlreicherer, sich ausdehnender sozialer Beziehungen »immer lockerer« werde und durch ein neuartiges ersetzt werden müsse.[3] Artifizielle Wirklichkeit als eine von technischen Artefakten durchsetzte Wirklichkeit kann so zwar als Erweiterung des menschlichen Aktionsradius und sogar als Emanzipation von den Begrenzungen des geographischen Raumes verstanden werden; artifizielle Wirklichkeit als eine künstliche, nicht auf ursprüngliche Gewißheiten oder authentische Erfahrung zurückführbare Wirklichkeit dagegen verunsichert nicht nur das Verhältnis ihr gegenüber, sondern auch das Selbstverhältnis in ihr.[4] Eine dermaßen tiefgreifende Transformation dessen, was Individuen als die sie umgebende Wirklichkeit erfahren, wie in der Zeit von 1880 bis 1918, stellt zugleich auch die bislang gültige Weise in Frage, in der das Verhältnis von Selbst und Welt gedacht wird.

In dieser Studie werden Konzeptionen analysiert, die das durch die hiatische Trennung der Innen- von der Außenwelt gekennzeichnete historische Selbstverhältnis autonomer Subjektivität unterlaufen. Im Zentrum stehen zwei neuartige Technologien, die eine exemplarische Annäherung an diese Transformation historischer Selbstverhältnisse erlauben: Die Psychotechnik, eine im Zuge der Rationalisierungsprogramme der Zwanziger Jahre verbreitete Praxis von Eignungstests, und das Radio, die in dieser Zeit erstmals Simultaneität und gesellschaftliche Reichweite ermöglichende Medientechnologie. Kennzeichnend für die Psychotechnik wie für das Radio ist, daß mit ihnen vormalige Bestände der Innenwelt Gegenstände technischer Verfahren werden können: Individualität als dasjenige, wodurch sich menschliche Individuen in spezifischer Weise voneinander unterscheiden, und die Subjektivität des Erlebens von Situationen. Sie können nun einerseits auf funktionale Anforderungen der Außenwelt bezogen (Psychotechnik) und andererseits simultan und in gesellschaftlicher Dimension mit technischen und dramaturgischen Mitteln hervorgerufen werden (Radio). Die Quantifizierung von Individualität durch die Psychotechnik wie auch die auf der Grundlage der Radiotechnologie ermöglichte Herstellung von sinnlich wahrnehmbaren, erlebbaren Situationen jenseits der Grenzen des Nahraums sind Ausgangspunkte der in vorliegender Studie zu verhandelnden Konzeptionen. Sie reagieren damit auf die seit 1900 als krisenhaft erlebte Divergenz innerer und äußerer Wirklichkeit mit technischen und ästhetischen Mitteln, indem sie Modi der Kopplung zwischen einer zunehmend artifiziellen äußeren Wirklichkeit und dem Selbst- und Weltverhältnis von Individuen entwerfen, welche als Konstruktionen von Subjektivität funktionieren:

Dem problematischen Auseinanderklaffen von Wirklichkeit und einem krisenhaften historischen Selbstverhältnis wird dadurch begegnet, daß Artifizialisierung nicht zurückgedrängt, sondern forciert wird. Es werden Wirklichkeitsmodelle entworfen, in denen Selbstverhältnisse und Wirklichkeitsstruktur als kommensurabel erscheinen und technisch reguliert werden können. Das in den Tests der Psychotechnik gewonnene statistische Wissen über psychische Eigenschaften von Individuen wird in veranschaulichenden Diagrammen zur Orientierung von Individuen in sozialen Wirklichkeiten genutzt, die mit Hilfe des common sense nicht mehr überschaubar sind. Die Radiophonie steht für eine neuartige Kopplung individueller Sinneswahrnehmung und sozialer Wirklichkeit und bringt so eine neuartige, hochabstrakte Facette artifizieller Wirklichkeit hervor: Die Radioöffentlichkeit.

Subjektivität und Technik sind in den Diskursen und Praktiken von Psychotechnik und Radio in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen. Ausgehend von den Methoden der Quantifizierung elementarer psychischer Funktionen, die die experimentelle Psychologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelt hatte, versteht sich die Psychotechnik programmatisch als angewandte Wissenschaft des Psychischen. Der ›subjektive Faktor‹, der aus der Perspektive der industriellen Produktion vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend an Relevanz gewinnt, soll mit Hilfe ihrer Testverfahren eine in die Rationalisierung der Organisationsstrukturen integrierbare Gestalt erhalten. Neben der Frage der Auswahl geeigneter Bewerber für Arbeitsstellen betont die Programmatik der Psychotechnik dabei zugleich, daß sie auch die Wahl möglicher Berufe für ratsuchende Individuen erleichtere und die tradierten Verfahren der Berufswahl zu ihrem Nutzen ersetzen könne. Die als technisch verstandenen Verfahren sollen also nicht nur ein für die Bewerberauswahl nutzbares Wissen über psychische Eigenschaften von Individuen bereitstellen, sondern diese zugleich über ihre nur mit wissenschaftlichen Methoden objektivierbaren Fähigkeiten informieren und ihnen zu besserem Wissen über sich selbst verhelfen. Die Psychotechnik bezieht den ›subjektiven Faktor‹ auf die Anforderungen der maschinellen Umwelten in den Industriebetrieben; nimmt man ihre programmatisch stets betonte Eignung zur Berufsberatung hinzu, so kann die Psychotechnik als Versuch angesehen werden, die Vergesellschaftung von Individuen mit Hilfe von technischen und statistischen Verfahren durch die Quantifizierung von Individualität umfassend und objektiv zu regulieren.

Als zu Beginn der Zwanziger Jahre die Technologie des Radios einsatzbereit wird, folgt auf die erste Phase der Euphorie bald Ernüchterung: Die Sensation der radiophonen Übertragung von Stimmen und Musik aus weiter Entfernung verblaßt rasch, und es stellt sich die Frage, was überhaupt gesendet werden solle. Die radiophone Konstellation von sendendem Mikrofon und empfangenden, individuell rezipierenden Zuhörermassen hatte eine neuartige Wirklichkeitsdimension geschaffen, die zuallererst ausgemessen werden mußte. In den Versuchen einer rundfunkspezifischen Kunst, des Hörspiels, werden die Gestaltungsmöglichkeiten und Effekte der Radiophonie erstmals experimentell und konzeptionell unter dem Schlagwort ›akustischer Raum‹ ausgelotet. Mit der zentralen Frage nach dem Interesse der Hörer und mit den populären Radioreportagen rückt dann auch die außerhalb des Senderaums gelegene Seite der radiophonen Konstellation in den Blick: Die Radioöffentlichkeit, die potentiell die Gesamtheit der Gesellschaft umfaßt, stellt sich als eine Entität dar, deren Elemente – die Hörer – zwar virtuell in ihrer Privatsphäre radiophon erreichbar sind; ihre Strukturen, die Reaktionen und die Haltungen der Hörer erscheinen allerdings als unüberschaubar. Das Radio ermöglicht zwar erstmals eine technisch generierte Simultaneität in gesellschaftlicher Reichweite – die Radioöffentlichkeit ist aber ebenso artifiziell und unüberschaubar wie Gesellschaft selbst. Mit Hilfe des Radios und der möglichen Effekte des ›akustischen Raums‹ allerdings scheint nunmehr ein der artifiziellen Wirklichkeit moderner Gesellschaft adäquater Zugriffsmodus bereitzustehen: Verschiedene Optionen der Konstruktion von Subjektivität über das Radio werden in den frühen dreißiger Jahren entworfen; ihnen ist die Annahme gemeinsam, daß ästhetisch-technische Praktiken am Mikrofon individuelle psychische Effekte in gesellschaftlicher Dimension haben könnten.

Die Zugriffsmodi von Psychotechnik und Radio konvergieren insofern, als die Technologie des Radios genau die Anteile von Subjektivität anzusprechen vermag, die der psychotechnischen Quantifizierung entgehen: Die Radiophonie ermöglicht einen steuernden Zugriff auf das subjektive Erleben von Situationen. Zudem synchronisiert das Radio die Sphären des Öffentlichen und des Privaten, der Arbeitswelt und der Freizeit, indem es eine neuartige Wirklichkeitsdimension etabliert, die simultan und subjektiv erlebbar ist und zugleich die räumliche Ausdehnung von Gesellschaft umfaßt. Diese Wirklichkeitsdimension, die in den Debatten um das Hörspiel als ›akustischer Raum‹ verhandelt wird, ist technisch generiert; sie zeichnet sich aber auch dadurch aus, daß sie aus den Effekten des subjektiven Erlebens konstituiert ist.

Für die Frage nach Selbstverhältnissen in artifiziellen Wirklichkeiten erweisen sich das exemplarische Vorgehen und die historische Distanz zum untersuchten Material als vorteilhaft: Durch die Wahl der Untersuchungsgegenstände Psychotechnik und Radio wird es möglich, kleinteilige Praktiken und technische Einzelheiten genauer zu betrachten, die für eine subjektivitätsanalytische Fragestellung auf den ersten Blick kontingent erscheinen mögen; gerade aber die exemplarische Untersuchung ›regionaler‹ Strategien ermöglicht es, Selbstverhältnisse in artifiziellen Wirklichkeiten aus einer archäologischen Perspektive, d.h. auf ihre historischen Konstitutionsbedingungen hin zu betrachten. So kann nicht zuletzt auch der wissenschaftshistorischen Einsicht Rechnung getragen werden, daß das epistemologisch Neue sich nicht in privilegierter Weise in der Ideengeschichte manifestiert, sondern daß der sukzessive Wandel in der Konzeptualisierung und der Operationalisierbarkeit von ›Psyche‹ und ›Erleben‹ in technischen Umwelten eine wichtige Rolle für die Untersuchung von Selbstverhältnissen spielt.

Die Wahl des Untersuchungszeitraums hat den Vorteil, daß dem untersuchten Material, welches zum großen Teil aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts stammt, aus historischer Distanz heraus begegnet werden kann. Zum einen kann dadurch auf umfassende Sekundärliteratur zurückgegriffen werden, zum anderen aber ist es durch den ›Fremdheitseffekt‹ des Materials möglich, eine unbefangenere Perspektive auf Selbstverhältnisse in artifiziellen Wirklichkeiten zu erarbeiten, denn die Aktualität der Fragestellung ist im Zeitalter elektronischer Sozialbeziehungen kaum zu übersehen. Der archäologische Ansatz und das historische Material können dabei helfen, einige der unhinterfragten Selbstverständlichkeiten der heutigen medientheoretischen Debatten einzuklammern und die gewonnenen Erkenntnisse im Sinne einer Geschichte der Gegenwart in aktuelle Fragestellungen einzubringen. Die oft erwähnten Schlagworte der artifiziellen Realitäten, des Cyberspace und einer medialen Subjektivität können in der Konfrontation mit historischen Wissensbeständen und Praktiken, die zugleich ›fremd‹ und doch in gewisser Hinsicht ›bekannt‹ sind, an Erklärungspotential und Trennschärfe nur gewinnen. Gerade die Frage nach den Transformationen von Subjektivität durch die elektronischen Medien könnte dann präziser gestellt werden, wenn nicht der Medientechnik eine determinierende Wirkung zugeschrieben wird, die dann wahlweise als Entfremdung oder Emanzipation bewertet wird. Technik und Subjekt, Technik und Gesellschaft oder Technik und Kultur sollen nicht als dichotome Entitäten betrachtet werden, sondern als integral aufeinander bezogene Aspekte moderner Wirklichkeit betrachtet werden. So wird es möglich, den hartnäckigen Problematisierungsweisen des 19. Jahrhunderts zu entgehen und Selbstverhältnisse in artifiziellen Wirklichkeiten weder als Verlust von Subjektivität durch Überhandnehmen von Technik aufzufassen, noch als Erweiterung von ›technischen Möglichkeiten‹ für ein im Kern unbeeinflußtes, handlungsmächtiges Subjekt.[5]

Methodologische Überlegungen

Eine Untersuchung von Konzeptionen, welche die im Selbstverhältnis autonomer Subjektivität als inkommensurabel geltenden Anteile des Selbst als mögliche Bestandteile von technischen Konstruktionen auffassen, muß die Historizität von Selbstverhältnissen zum Ausgangspunkt machen. Sie läuft ansonsten Gefahr, technische Zugriffe auf Subjektivität als von vornherein kritikwürdige, da Entfremdung von einer eigentlichen, jeder Technizität enthobenen Seinsweise des Menschen zu brandmarken. Erst dann kann die Frage überhaupt sinnvoll gestellt werden, ob diese Konstruktionen von Subjektivität in einer historischen Situation operieren, in welcher die bislang politisch, ästhetisch wie gesellschaftlich dominante Figur autonomer Subjektivität keine zureichende Beschreibungskategorie mehr abgibt.

Mit dieser Frage wird an Michel Foucaults Projekt einer Genealogie des modernen Subjekts angeknüpft: Historische Selbstverhältnisse werden als Bestandteile epistemischer und diskursiver Formationen untersucht. ›Wahrheit‹ steht nicht am Zielhorizont einer fortschreitenden Entwicklung, sondern erscheint unter spezifischen historischen Bedingungen in unterschiedlicher Weise als Effekt diskursiver und nichtdiskursiver Praktiken. Aus genealogischer Perspektive stellt sich nicht die Frage, welche auffindbaren historischen Positionen oder Konzepte einer retrospektiv evidenten ›Wahrheit‹ nahe kommen oder fern stehen. Vielmehr versteht sich Foucaults Genealogie als eine »Geschichte der Wahrheit«, die danach fragt, wie sich die innerhalb bestimmter historischer Wissensformationen als selbstverständlich geltenden Weisen, sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen, herausbilden, transformieren und wie sie durch andere ersetzt werden.[6]

Auch methodisch greift diese Studie auf die Arbeiten Foucaults zurück. Die diskursanalytische Vorgehensweise muß allerdings einem Problem Rechnung tragen, das aus dem Zeitraum und der Semantik der analysierten Diskurse resultiert. Die Foucaultschen Diskursanalyse bedient sich einer technizistischen Semantik; sie versucht dadurch, Prozesse zu kennzeichnen, die ohne Urheber, innerhalb komplexer und wandelbarer Wechselverhältnisse und in produktiver Weise wie Technisches prozessieren. Das technizistische Vokabular ermöglicht es, Intention und Interesse als Analyseinstanzen einzuklammern, Prozesse ohne Urheber zu denken und eine Untersuchung derjenigen Figur anzuleiten, welche die Stelle des immer vorauszudenkenden Produzenten einnimmt: des Subjekts. Wenn allerdings Diskurse zur Analyse anstehen, in denen der explizite Bezug auf Technik ein zentrales und strukturierendes Moment ihres Funktionierens darstellt, so stößt die im Kontext der Foucaultschen Untersuchungen produktive, da Distanz herstellende technizistische Semantik an Grenzen. Es wird schwierig, mit Begrifflichkeiten wie ›Selbsttechniken‹ spezifische Haltungen zu sich zu kennzeichnen, wenn der explizite Rekurs auf ›Technik‹ die untersuchten Diskurse strukturiert oder Technizität für die analysierten Praktiken kennzeichnend ist. Dieses Problem gilt in ähnlicher Weise für Konzepte wie ›Konstruktion‹: Wird damit im Kontext diskursanalytischer und auch dekonstruktivistischer Arbeiten die Historizität und Kontingenz von Wissensformationen herausgestellt, die nicht auf verursachende Intention oder unhintergehbare Geltung zurückführbar sind, so stößt der Hinweis, man habe die vorgefundenen Kategorien als Konstruktionen zu behandeln, dann an Grenzen, wenn Konstruktion und Konstruierbarkeit bereits explizite Bestandteile der untersuchten Diskurse und Praktiken sind.

Die vorliegende Studie begegnet dem geschilderten methodischen Problem dadurch, daß auf technizistische Semantik als Instrument der Diskursanalyse verzichtet wird. Statt dessen werden analytische Konzeptionen verwandt, die es ermöglichen, die Vorteile der diskursanalytischen Perspektive einzusetzen, ohne auf die in bezug auf das Quellenmaterial problematische technizistische Semantik zurückgreifen zu müssen. Durch den Rückgriff auf das Konzept ›Selbstverhältnisse‹ kann Foucaults Perspektive auf ›Technologien des Selbst‹ bzw. ›Selbsttechniken‹ beibehalten und dem Interferenzproblem zugleich begegnet werden. Zum anderen können so auch Parallelen der Diskursanalyse zu Ansätzen der Metapherngeschichte und der historischen Semantik produktiv genutzt werden, die ebenfalls mit dem Konzept ›Selbstverhältnisse‹ arbeiten. Damit wird deutlich, daß in dieser Untersuchung verwendete Begriffe wie ›Konstruktion‹, ›technisch‹, ›Apparat‹ usw. entweder diskursive Elemente selbst bezeichnen – d.h. sie kommen explizit in den verhandelten Quellen vor – oder aber den analysierten Kontext von Praktiken angemessen beschreiben: Mit Hilfe der Bezeichnung ›Subjektkonstruktionen‹ sollen nicht historische Selbstverhältnisse untersucht werden, als ob sie konstruiert worden wären. Tatsächlich geht es um Konzeptionen, die Subjektivitätsanteile in technischen und statistischen Kontexten mittels elementarer Zergliederung, Abstraktion und Neuzusammensetzung in artifiziellen Wirklichkeitsdimensionen explizit als Konstruktionen angehen.

Die empirischen Gegenstände dieser Untersuchung sind Diskurse und unter Rückgriff auf die Technik- und Wissenschaftsgeschichte beschreibbare technische Artefakte und Praktiken. Aus diesen lassen sich Konzeptionen rekonstruieren, die neuartige Verfahren der Wissensproduktion entwerfen, dabei bestimmten Zwecksetzungen genügen und Verbindungen zwischen bislang unverbundenen Wissens- und Praxisbereichen herstellen. Der Vorteil diskursanalytischen Vorgehens besteht darin, daß diese Konzeptionen nicht auf das Bewußtsein, auf Interessen oder Intentionen handelnder ›Akteure‹ zurückgeführt werden, sondern daß ihr Zusammenspiel, ihr Gegen- und Miteinander innerhalb diskursiver Formationen betrachtet wird. Die ›Realität‹, auf die sich Diskursanalyse bezieht, ist nicht die sozialhistorische Realität von ›Akteuren‹, sondern der Horizont ihrer historischen Möglichkeit, der sich in den Konzeptionen manifestiert und der durch die methodische Distanz zu den Intentionen von ›Akteuren‹ als veränderlicher und kontingenter rekonstruiert werden kann. Subjektkonstruktionen sind vor diesem Hintergrund als Konzeptionen zu verstehen, die solche Phänomene, die gemeinhin der personalen Identität von Individuen zugeschrieben werden, zum Gegenstand technischer Konstruktion machen. Der instrumentelle Zugriff auf Individuen, der von Michel Foucault im Modell des Panopticon als Disziplinierung beschrieben wird, wird so über die körperlichen Zugriffsmodi hinaus erweitert und in artifiziellen Wirklichkeiten als mittels Konstruktion herstellbare Korrelation aufgefaßt. Der Bezug auf Realien – materielle Dinge und Lagen –, der noch im architektonischen Disziplinarmodell vorausgesetzt wird, ist in artifiziellen Wirklichkeiten nicht notwendig gegeben.

Die psychotechnische Subjektkonstruktion ist demnach weniger eine Fortführung der Disziplinierung der Körper, als vielmehr Bestandteil einer Strategie der Normalisierung. Der Begriff der Normalisierung, wie er in vorliegender Studie herausgearbeitet wird, ist dabei von der häufigen Verwendungsweise von Normalisierung als Anpassung oder Unterwerfung von Verhältnissen oder Verhaltensweisen unter vorausgesetzte Normen zu unterscheiden. Normalisierung als ein sozialregulatives Kalkül ist in diesem Sinne etwas anderes als die normierende Durchsetzung einer präskriptiven – sei es rechtlichen oder technischen – Norm; das Spezifische des Kalküls der Normalisierung besteht gerade darin, daß die in ihm zur Anwendung kommende Norm nicht aus einer vorausgehenden, gültig sein sollenden Normativität abgeleitet ist, sondern auf Grundlage empirisch gegebener Normalität erstellt wird und regulierende Interventionen in den Binnenbereich des Normalen ermöglicht, ohne auf ein normatives Außen bezogen zu sein.[7]

Steht das panoptische Disziplinarmodell für den Versuch, die Sichtbarkeit individueller Verhaltensweisen mittels architektonischer Anordnungen herzustellen, so antwortet Normalisierung auf die prinzipielle Unmöglichkeit einer solchen materiellen Anordnung, wie sie unter den Bedingungen moderner Großgesellschaften vorliegt. Statistische Erhebungen, punktuelle quantifizierende Prüfungen und die Kalkulation von Wahrscheinlichkeiten ersetzen den panoptischen Blick innerhalb eines architektonischen Gefüges, indem sie eine abstrakte Wirklichkeitsdimension konstruieren, die zwar keine räumliche Ausdehnung besitzt, aber eine dem überschauenden Blick funktional äquivalente Position ermöglicht. Die Anbindung an materielle Lagen ist in dieser artifiziellen Wirklichkeitsdimension allerdings allein durch die Empirizität des in ihr korrelierten Datenmaterials gewährleistet, weshalb eine entscheidende Veränderung der Normgeltung in ihr erfolgen muß: Anstatt, wie beim disziplinierenden Zugriff, eine Norm vorauszusetzen, nach der ein Erfolg oder Mißerfolg beurteilbar ist, kann die normalistische, statistische Norm erst retrospektiv angesetzt werden. Statt eines disziplinierenden, instrumentellen Zugriffs auf Realien, dessen ›Technik‹ die vorausgesetzte Norm als Ziel und Erfolgskontrolle an einen materiellen Schauplatz bindet und einen simultanen Vergleich ermöglicht, greift der normalistische Zugriff konstruierend auf das empirische Datenmaterial zu: Er agiert von vornherein im Medium der Artifizialität, da die normalistische Norm erst im Rahmen der Konstruktion eines Feldes der empirischen Datenstreuung festgestellt werden kann und deshalb der Erhebung und Korrelation zeitlich und logisch nachgeordnet ist. Aus dieser Streuung kann die Verteilung bestimmter empirischer Merkmale in einer Population auf den Ort einzelner Individuen innerhalb dieser Verteilung bezogen, ihre Position relativ zur Norm des Durchschnitts markiert werden.

Anmerkungen


[1] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Bd. 2, Reinbek 1978, S. 1834.

[2] Introduction by the Guest Editor, in: The Journal of Applied Psychology 24 (1940), Heft 6, S. 661.

[3] Franz Reuleaux u. L. Burger, Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, Bd. 7, Berlin 1884-1893, S. 7. – Durkheim nennt die tradierte soziale Bindung »mechanische«, die neu zu schaffende »organische Solidarität«. Arbeitsteilung ist ausdrücklich nicht die Ursache, sondern die Folge des Verschwindens »mechanischer Solidarität«; durch die »engere Annäherung«, den »Austausch« und die »Vermischung« von Individuen und sozialen Beziehungen tritt die tradierte »segmentäre Organisation« zurück. Arbeitsteilung und in ihrem Gefolge »organische Solidarität« füllen die »Leerräume« auf. Durkheim, Emile (1897): Über soziale Arbeitsteilung (De la division du travail social), Frankfurt/M. 1992, S. 192-193; 296-297.

[4] Wolfgang Eßbach verweist auf die beiden »soziologische[n] Urängste«, daß »gehaltvoll Soziales unter die Räder technischen Fortschritts gerät« und sich der »Ernst des Sozialen im Spiel der ästhetischen Imaginationen verflüchtigt«, Wolfgang Eßbach, »Die Gemeinschaft der Güter und die Soziologie der Artefakte«, in: Ästhetik & Kommunikation 26 (1997), Heft 96, S. 13-20, hier: S. 17.

[5] Vgl. dazu im Zusammenhang von Künstlicher Intelligenz, Gentechnologie und Robotik: Dominik Schrage, »Selbstentfaltung und künstliche Verwandtschaft. Vermenschlichung und Therapeutik in den Diskursen des Posthumanen«, in: Bernd Flessner (Hg.), Nach dem Menschen. Der Mythos einer zweiten Schöpfung und das Entstehen einer posthumanen Kultur, Freiburg 2000, S. 43-65.

[6] Vgl. Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit, Bd. 2, Frankfurt/M. 1989, S. 9-21.

[7] Vgl. dazu auch Bernhard Waldenfels, Grenzen der Normalisierung. Studien zur Phänomenologie des Fremden 2, Frankfurt/M. 1998, S. 11 f.

 

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