»Man lernt nichts kennen als was man liebt und je tiefer und vollständiger die Kenntniß werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft seyn«, schreibt Johann Wolfgang von Goethe an seinen Freund Fritz Jacobi, um letzteren von seinem Haß gegen den vermeintlichen »Atheisten« Baruch de Spinoza zu kurieren. Goethes Brief von 1812 soll in meinem Vortrag verstanden werden als ein Dokument der erstaunlichen Karriere, die Spinozas Ethik im deutschen Sprachraum absolviert hat. Am Motiv der »Leidenschaft der Erkenntnis« läßt sich die lebenspraktische Virulenz von Ethik, Ästhetik und Psychologie/Psychoanalyse aufzeigen. Spinozas Spur soll anhand dreier äußerst unterschiedlicher Autoren verfolgt werden: Johann Wolfgang v. Goethe, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud (wobei mein Proposal letztere Variante durchspielt).
Die Theoriebildung Sigmund Freuds läßt sich - besonders am Anfang der Entwicklung seiner Trieblehre, also dem Monismus des Lustprinzips - in der Tradition von Spinozas conatus verstehen, wie etwa Paul Ricœur betont. Die Essenz jeden Dinges besteht nach Lehrsatz 6 und 7 des dritten Teils von Spinozas Ethik im Selbsterhaltungstrieb, in dem Streben, »in seinem Sein zu verharren«. Bei Freud stehen allerdings Sexualtrieb und Selbsterhaltungstrieb (der Begriff findet sich bei Freud ab 1910) in einem konträren Verhältnis. Als Essenz des Selbsterhaltungstriebes gilt Freud der Hunger. Insofern durch den Selbsterhaltungstrieb die Individuen tendenziell in Konflikt miteinander geraten, ist der Selbsterhaltungstrieb dem Destruktions- oder Todestrieb, den Freud in Jenseits des Lustprinzips (1920) einführt, näher, als dem Sexualtrieb. Freuds Vorstellung eines Destruktionstriebes steht in diametralem Gegensatz zum affirmativen Charakter der Philosophie Spinozas, die die Möglichkeit eines Todestriebes ausschließt.
In der therapeutischen Intention der Psychoanalyse Freuds aber, der Befreiung des Subjekts von unbewußt wirkenden Affekten, lassen sich Analogien zu Spinozas Ethik, die fortschreitende Erkenntnis mit dem Übergang von Passivität (Ohnmacht des Subjekts in der Umklammerung durch Affekte) zu Aktivität (Beherrschung der Affekte, Glückseligkeit als Tugend) gleichsetzt, erkennen. Der Fortschritt von inadäquaten Ideen zu adäquaten Ideen wird nä,mlich Spinoza zufolge begleitet von der Transformation von Melancholie und Trauer in Freude und Aktivität. So lautet Lehrsatz 3 des fünften Buches der Ethik: »Ein Affekt, der eine Leidenschaft ist, hört auf, eine Leidenschaft zu sein, sobald wir von ihm eine klare und deutliche Idee bilden.« Hieraus folgt: »Je bekannter uns also ein Affekt ist, umso mehr ist er in unserer Gewalt und umso weniger erleidet der Geist von ihm.« Triebe und Begierden sind danach nur insofern von Übel, »als sie inadäquaten Ideen entspringen, während sie Tugenden zugerechnet werden, wenn sie von adäquaten Ideen hervorgerufen oder erzeugt werden«. Modernisierend übersetzt könnte man formulieren: Neurotisch bedingte Phantasien bewirken Ängste und Handlungshemmungen. Die Analyse ersetzt - idealiter - diese handlungshemmenden Phantasien durch ein adäquateres Bild der Wirklichkeit und eröffnet so neue Handlungsmöglichkeiten. Mein Forschungsinteresse richtet sich auf den Zusammenhang von rationaler Erkenntnis und menschlicher Affektstruktur wie er sich über diverse Zwischenstufen von Freud zu Spinoza zurückverfolgen läßt:
a) »Man lernt nichts kennen, als was man liebt, und je tiefer und vollständiger die Kenntniß werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger muß Liebe, ja Leidenschaft seyn«, heißt es in einem berühmten Brief Goethes.
b) Die »Leidenschaft der Erkenntnis« ist ein zentrales Motiv bei Nietzsche, wie etwa Mazzino Montinari oder Marco Brusotti dargelegt haben. Nietzsches Topos der »Leidenschaft der Erkenntnis« kann als seine Metapher für Spinozas Deutung des conatus als Essenz alles Seienden interpretiert werden, bzw. seine eigene Theorie des »Willens zur Macht«, in deren Rahmen die »Selbsterhaltung« als »eine der indirekten und häufigsten Folgen« begriffen wird.
c) Freuds Vorstellung nicht-neurotischer Sublimierung der Triebe in »Wißbegierde« exemplifiziert er an der Entwicklung Leonardos, dem er in dem ihm gewidmeten Aufsatz eine Nähe zu »spinozistischer Denkweise« avant la lettre unterstellt.
MoMo-Vortrag am 18.07.2004