Wer heute Kinder erzieht, schuldet ihnen nicht nur die praktische Bewältigung des Alltags, sondern auch die Vermittlung von Techniken zur Erzeugung von Lebenssinn. Die Versuchung ist allerdings groß, statt der Erfüllung dieser Aufgabe entweder gar kein Sinnangebot oder nur ein konkretes und somit notwendig beschränktes zu liefern. Ein von vorn herein festgelegtes Sinnschema hat aber nicht die Wandlungsfähigkeit, derer es unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen zu seiner Glaubwürdigkeit bedarf.
Überraschender Weise liefert die Systemtheorie hier einen Ansatz, der keine Inhalte, sondern lediglich das Verfahren zur Erzeugung von Sinn beschreibt, und sich somit auf kein bestimmtes Ergebnis festlegt. Dieses Verfahren hat im Ergebnis eine qualitative und eine quantitative Komponente: der individuelle Verweisungszusammenhang des Lebensprozesses ist umso sinnträchtiger, (a: qualitativ) je mehr Homonomie dieser Zusammenhang aufweist, und (b: quantitativ) je größer bzw. vielfältiger er ist. - Zur konsistenten Darstellung dieser »Sinntechnik« bedarf es einiger Korrekturen systemtheoretischer Begrifflichkeit, die auch in allgemeinerem Zusammenhang fruchtbar sein dürfte, insbesondere hinsichtlich des Begriffs der »Umwelt«, und natürlich auch hinsichtlich des Begriffs »Sinn« selbst.
MoMo-Vortrag am 27.10.2002