Wir meinten naiv, die Globalisierung ließe sich auf Wirtschaft und Kultur, auf Reisetätigkeit und Diplomatie eingrenzen. Die Grenzen wurden jedoch nicht nur zwischen Ländern niedergerissen, sondern auch jene zwischen den kollektiven Erregungsherden der betroffenen Gesellschaften und Kulturen. Als Jubel- und als Hassextase, auch gerne als religiöse Inbrunst bis zur Besessenheit, tummelt sich millionenfach rückgekoppeltes Gefühl wuchernd im Gefolge medialer, politischer und wirtschaftlicher Weltverschmelzung. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt regen wir uns immer massenhafter auf. Wir taumeln vor Freude, wenn stacheldrahtbewehrte Mauern fallen, trampeln hordenweise vor Hass alles nieder, wenn religiöse Symbolfiguren zum Gegenstand von Karikaturen werden, beten und singen gleich zu Hunderttausenden in Predigten auf Open-Air-Veranstaltungen und in Fußballstadien und brechen gar in Hundertmillionenschaften in Tränen aus, wenn nach jahrelangem politischem Niedergang ein neuer, Hoffnung versprechender US-Präsident gewählt wird.
Die affektive Globalisierung ist mehr als eine Rieseneuphorie, ist alles andere als allgemeine Heiterkeit und Leichtigkeit des Seins. Sie ist nur aufregend für die jeweils Betroffenen, verunsichert dagegen jene, die solche Erregungswellen als Unbeteiligte oder gar als Zielscheibe erleben. Die globale Pandämonie ist energiereich und triebschwer. Sie hat eine Oberfläche und eine Tiefenstruktur, die durchaus in unmittelbarem Widerspruch zueinander stehen können: Hass wird mit inbrünstigem Glauben begründet, Verzweiflung als Freude auf die nahende Erlösung. Das Monstrum massenhafter Affekte, die ansteckende Freude am Apokalyptischen, am Schrecklichen, aber auch der Rassen- und Religionswahn und der sich als Begeisterung tarnende ideologische Verblendungsrausch leben von diesen Dämonen. Sie ist ein kybernetisches (systemisches) Monstrum, weil es keine Verpuffungszonen mehr gibt und wir in den Strudel unbekannter Rückkoppelungsrisiken geraten.
Mit den globalisierten Affekten kehrt der Große Geist polternd in die Welt zurück, macht sich in unserem globalisierten Seelenhaus breit und kümmert sich herzlich wenig darum, ob wir uns den Rausch des »wirklichen Lebens« erfahren oder schlicht missbraucht werden. Ist es die Glücksverheißung, die Sehnsucht nach dem nicht Wirklichen, die den Menschen zur Raserei treibt? Geht es dabei überhaupt um die Imagination einer besseren, ja idealen Welt? Kann man überhaupt noch von Motiven der Erregung sprechen, oder handelt es sich dabei nur um massenhafte psychische Ansteckungs- und Rückkoppelungsphänomene, die irrational und gefährlich sind? Oder doch ganz harmlos? Oder ist der Massenaffekt nur ein süßes und billiges Opium für’s Erdenvolk, ein vorsätzlich ausgelegtes, leckeres Gift, durch das sich die Hilflosen noch besser instrumentalisieren lassen als durch die Regeln und Institutionen des Konsums und der Religionen?
Bei Interesse an einem Beitrag zu diesem Projekt bitte melden bei Wolfgang Sohst ( Mail ).
Einlieferungsschluss für Beiträge: 30.06.2009