Mit dem enormen Fortschritt der Naturwissenschaften, der Logik und der systemischen Analyse von Funktionskomplexen verfügen wir jedoch mittlerweile über die theoretischen Mittel, um das alte Thema neu anzugehen. Ich habe mich deshalb aufgemacht und im Verlauf der vergangenen acht Jahre eine sogenannte Prozessontologie entworfen, die beansprucht, vom axiomatischen Fundament eines absoluten Anfangs bis zur Entwicklungshöhe lebendiger und schließlich abstrakter Existenz einen durchgehend konsistenten Entwicklungszusammenhang zu beschreiben. Ziel dieser Arbeit, die nunmehr als Buch erscheint, ist es zu zeigen, dass das Verhältnis von Werden und Sein erst umgekehrt einen widerspruchsfreien Sinn ergibt: Primär ist die Welt eine riesige Aktualstruktur, und die Dinge darin existieren als stabil gekapselte Prozessinseln. Erst sekundär bilden sich die Gegenstände und ihre Eigenschaften als Derivate einer Selbstdifferenzierung innerhalb dieser allgemeinen Prozessstruktur. Am Anfang und im Kern allen Seins, behaupte ich, gibt es nichts als den reinen Prozess, d.h. vorgegenständlich absolutes Geschehen. Die Aufgabe einer Prozessontologie besteht folglich darin zu zeigen, wie aus diesem Allprozess Schritt für Schritt konkrete Existenz im Sinne stabiler Bestimmtheit erwachsen kann, die sich in ihrer dimensionalen Entfaltung schließlich bis zu den Höhen unserer sozialen und abstrakten Existenz emporschwingt.
MoMo-Vortrag am 04.10.2009