Fabian Störmer

Das Glück der Verdinglichung

 

100 % flexibel sollte lange vor dem neuen Opel Meriva das Bewusstsein des Proletariats sein, ein Bewusstsein der in sich bewegten, dialektischen Totalität von Mensch, Welt und Geschichte, das von Georg Lukács 1922 als Notausstieg aus einer fortschreitenden, alle Bewusstseins- und Lebensformen der bürgerlichen Gesellschaft erfassenden Verdinglichung konzipiert wurde.

Lukács selbst zweifelte bald sowohl an der glücklichen Koinzidenz des Klassenstandpunktes des Proletariats mit dem spekulativen Bewusstsein Hegels, als auch an der globalen Verurteilung aller Formen der Vergegenständlichung in Geschichte und Klassenbewusstsein. Die Wirkung, die sein Konzept der Verdinglichung entfaltete, war trotzdem außerordentlich. Und die Tradition der Gesellschafts- und Kulturkritik, die er in diesem Begriff bündelte, wirkt heute auch da fort, wo der Begriff selbst, als ein marxistisch besetzter, aus der Mode gekommen ist.

100 % flexibel, prozessual, dynamisch, vernetzt und performativ, das sind 100 % Verdinglichungskritik, fast 100 % methodisch-theoretische Orientierung der aktuellen Kulturwissenschaft, fast 100 % Selbstverständnis der Globalisierungsgegner und auch fast 100 % neoliberale Ideologie der Deregulierung.

Das scheinen ein paar Prozent zu viel Ideologie des lebendigen Werdens, und der direkten Kommunikation in den Ausläufern postmoderner Ideologiekritik, ein paar Prozent zu viel ereignisreiche Langeweile und Verzicht auf symbolischformale Gestaltungsmöglichkeiten.

Man könnte beginnen, sich erneut nach der 0 % flexiblen »grauen Säule ohne Fuß« (Gottfried Benn) zu sehnen.


Eine machine à méditer für das Bewusstsein des Proletariats.
Das Haus des Proleten in Moskau

Das Glück der Verdinglichung aber erfüllt sich weder in der Dorischen Welt eines gewaltbereiten Neoklassizismus noch in den technokratischen Intentionen, die er ästhetisch umrahmt. Es liegt jenseits funktionierender Technik und jenseits eines funktionierenden biologischen und sozialen Stoffwechsels.

Wenn man das Glück der Verdinglichung heute im Augenblick des unterstellten »Verschwindens der Dinge« am Ende der großen Epoche gegenständlicher Kultur, deren Hochzeit mit jener der klassischen Industrie zusammenfällt, in Erinnerung rufen will, muss man wohl die Kritik der Verdinglichung aufnehmen, und ihre Motive neu ordnen und bewerten. Ob das, was sich dann vielleicht als das Glück der Verdinglichung abzeichnet, nämlich die Möglichkeit einer Klärung und Veränderung von Denk- und Lebensformen und die Möglichkeit einer eigentlichpolitischen Praxis, tatsächlich möglich ist, inwiefern darin ein sinnvolles Projekt bestehen kann und inwiefern dieses Projekt tatsächlich Verdinglichung voraussetzt, muss sich noch zeigen ...


MoMo-Vortrag am 03.08.2003



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