In den letzten Jahren war es still geworden in der internationalen Gegenwartsphilosophie. Fast schon hatte man sich damit abgefunden, das 20. Jahrhundert einer nüchternen Bilanzierung zu unterwerfen, da erschien 1994 in den USA Robert Brandoms Making it Explicit. Expressive Vernunft, so der deutsche Titel des fast eintausendseitigen Koloß, machte seinen Autor binnen kürzester Zeit zu einem der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Brandoms Buch ist eine »Untersuchung über das Wesen der Sprache« und »über die sozialen Praktiken, die uns als rationale, ja logische, mit Begriffen hantierende Wesen auszeichnen - als Wissende und Handelnde.« Ein altes Thema also. Beschäftigt es doch die Philosophie seit Anbeginn. Gleichwohl ist Brandom für so manche Überraschung gut. Denn die Art und Weise, wie er die Geschichte vom Menschen als dem zoon logon echon erzählt, ist wirklich neu.
Brandom präsentiert Bekanntes aus einer unbekannten Perspektive. Mit dem Anspruch, eine »einheitliche Sicht auf Sprache und Geist zu entwickeln«, entwirft er ein philosophisches Gebäude, dessen Architektonik den großen Systementwürfen abgeschaut ist, wie sie uns aus dem deutschen Idealismus von Kant bis Hegel bekannt geworden sind. Brandoms Vernunftkonzept ruht auf zwei Säulen, die er in zwei großen Würfen erläutert. In einem ersten Schritt entwickelt Brandom im Anschluß an Kant, Frege und Wittgenstein das Konzept einer »normativen Pragmatik«, worunter wir den Versuch verstehen können, die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke aus ihrem Gebrauch zu erklären. Dies scheint auf den ersten Blick nicht eben neu. Denn die These »Bedeutung ist Gebrauch« war schließlich schon die Parole der aus Oxford stammenden ordinary-language-philosophy - hier freilich mit dem Unterschied, daß mit Berufung auf dieses Schlagwort die Möglichkeit einer einheitlichen Erklärung unserer sprachlichen Praktiken gerade bestritten wurde.
Genau hier setzt Brandom an. Er will darüber sprechen, worüber man in Oxford nichts zu sagen wußte. Brandom geht es um die Aufklärung jener Prinzipien, deren Erfassen ein Verständnis unserer sprachlichen Praktiken ermöglicht. Dabei geht er davon aus, daß diese Praktiken implizite Normen beinhalten, die darauf verweisen, wie sprachliche Ausdrücke richtig, d.h. regelrecht verwendet werden, unter welchen Umständen es angemessen ist, unterschiedliche Sprechakte auszuführen, und was die angemessenen Folgen solcher Akte sind.
Diesen Praktiken will Brandom auf den pragmatischen Grund gehen, insofern er unter Rekurs auf jene impliziten Normen die explizit normativ begrifflichen Gehalte unserer Sprache rekonstruieren will. Auf diese Weise sollen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Brandom hofft einerseits darauf, eine Intuition bedeutungstheoretisch zu konkretisieren, die bei Wittgenstein in einem hohen Maße programmatisch blieb, die Intuition nämlich, die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke lasse sich aus ihrem Gebrauch erklären. Und er hofft anderseits, daß so die semantische Theoriebildung, die ihr Augenmerk mehr und mehr auf die Beziehung zwischen Sprache und Welt gerichtet hatte, wieder an die Pragmatik angeschlossen werden kann, so daß sich der linguistic und pragmatic turn wieder innerhalb eines Theorieprojekts begreifen lassen kann.
Ich werde in diesem Zusammenhang zunächst zwei Thesen bestreiten, die für jedes Rationalitätsmodell konstitutiv sind, das den Begriff der Rationalität mit Rekurs auf Regeln und Normen glaubt aufklären zu können: daß die Zusammenhang von Bedeutung und Gebrauch ein normativer ist (1) und daß die Bedeutung überhaupt etwas mit Regeln zu tun hat, egal ob diese als Präskriptionen oder als konstitutive Regeln verstanden werden (2) um im Anschluß daran eine Alternative zu einem an Regeln und Konventionen orientierten Rationalitätsmodell zu skizzieren.
MoMo-Vortrag am 27.05.2001