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Ganz Anders

Symposium

vom

12.-14. Dezember 2002

Einstein Forum, Potsdam

Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Susan Neiman, Potsdam, und Dr. Rüdiger Zill, Potsdam

Programm

Sprache ist nicht nur ein bevorzugter Gegenstand der zeitgenössischen Philosophie, sondern auch ihr Medium. Stärker als konkurrierende wissenschaftliche Theorien unterscheiden sich philosophische Ansätze nicht nur durch das, was sie sagen, sondern auch dadurch, wie sie es sagen. Wenige waren sich der Problematik des philosophischen Stils deutlicher bewusst als Günther Anders, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Anders hat den Umgang der Philosophen mit der Sprache in seinen Schriften ausdrücklich zum Thema gemacht. Dabei ging es ihm nicht um die Popularisierung von Gedanken, die ursprünglich in einer komplexen Fachsprache entstanden sind – so wie zum Beispiel die Relativitätstheorie nur mit Hilfe eines bestimmten wissenschaftlichen Vokabulars entwickelt werden konnte, dann aber allgemeinverständlich dargestellt werden sollte. Vielmehr ist die Sprache philosophischer Texte oft unabweislich verbunden mit ihren Gegenständen.

1949 notierte sich Anders in seinem Tagebuch: »Immer häufiger und immer deutlicher empfinde ich es als eine Chance, daß die Umstände es verhindert haben, mein Leben im Milieu akademischer Philosophie zu verbringen. Die Aufgabe, nur von Nichtphilosophen umgeben, weiterzuphilosophieren und Philosophisches in nicht-akademischer Sprache auszusagen, ist zwar täglich von neuem schwer. Dafür sind aber auch die Versuchung und die Gefahr, sich im Rankenwerk eines esoterischen Vokabulars zu verfangen und zu reden, ohne etwas auszusagen, ungleich geringer. Weniges ist für den Philosophen so heilsam wie der Zwang und die Gewohnheit, mit Menschen zu verkehren, die ihrem Beruf nachgehen und die, wenn sie reden, wissen, was sie reden ...«

Die Kritik am Fachidiom ist nicht neu: Schon früh haben sich philosophische Neuansätze auch gegen die Sprache ihrer Vorgänger gewandt und deren irreführende Kräfte denunziert. Dagegen ist das Ideal einer luziden Sprache gesetzt worden, das selbst aber schnell zu spezi­ellen Fachsprachen geführt hat. Immer wieder hat es Versuche gegeben, terminologischen System- und Schulbildungen zu entkommen und wieder zur Alltagssprache zurückzukehren.

Dass aber auch solch eine Umkehr kein einfacher Ausweg ist, auch darüber geben Anders' Tagebücher Auskunft. So erinnern sie an ein Gespräch mit Kollegen, die gegen die Alltagssprache einwenden, sie sei längst verunreinigt mit Vorurteilen und sogar »zerfetzten Philosophemen«. Gegen diesen Vorbehalt setzt ein anderer seiner Gesprächsteilnehmer Heideggers Lösung, zu den Wortquellen zurückzukehren – was Anders selbst nur dazu veranlasst, trocken zurückzufragen, warum der Fluss weniger wahr sein solle als die Quelle.

Darüber hinaus hat dieser Weg – bei den etymologischen Wurzeln der Sprache an­zu­setzen – aber auch zu einem ganz eigenen Idiom geführt. Adorno hat das als Teil eines Jargons der Eigentlichkeit kritisiert. Doch auch Adornos Sprache ist so eigenwillig, dass sie von vielen als manieriert betrachtet wird. Hans Blumenberg hat spöttisch die Philosophien in jene unterteilt, die parodierbar sind, und jene, die sich dem widersetzen: »Manierismen liefern Erfolg im Maße ihres Aufreizens zur Parodie – und das sieht dann aus wie gelungene Rezeption.«

Günther Anders hat in seiner Philosophie einen Weg gefunden, im Rahmen der Alltagssprache zu bleiben, mit ihren Möglichkeiten zu spielen, die Bedeutung von Begriffen aufzudecken, ohne ins Raunen abzurutschen, ohne selbst wieder in einen Jargon zu verfallen. Aber auch andere Außenseiter der Philosophie wie Jean Améry, Hannah Arendt oder Vilém Flusser haben hier eigene Wege zu gehen versucht – Grenzgänger oft zwischen Literatur und Philosophie.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass viele von ihnen aus dem Umfeld ihrer Muttersprache herausgerissen worden sind. Günther Anders' Gespür für Sprache ist auch die Sensibilisierung eines Exilanten: »Denn wer in einer neuen, gar für ihn ungültigen, Welt neubeginnen oder gar dieses Neubeginnen wiederholt durchführen muß, der ist ja nicht nur von Land zu Land verschlagen, sondern auch von Sprache zu Sprache.« Anders' Lehrer Heidegger war dafür berüchtigt, dass er nur das Griechische und das Deutsche als philosophiefähige Sprachen zuließ. Das hat Karl Löwith, ein anderer seiner Schüler, der im Gegensatz zu Anders in der Emigration begann, seine Texte auf Englisch zu schreiben, trocken kommentiert, er habe es als durchaus »förderlich empfunden, dass er sich in eine Sprache einzuleben hatte, die sich nicht zu begrifflichen Subtilitäten und verbalem Tiefsinn hergibt, aber auf ihre eigene Weise genau und reich« sei.

Heute wird gerade von französischen Philosophen gegen die Vorherrschaft des Englischen polemisiert. Spielt die Nationalsprache für die Art der Philosophie (noch) eine Rolle? Gibt es einen sprachgeprägten Denkduktus, der sich mit dem Erfolg eines Diskurses mit überträgt, z.B. bei den Poststrukturalisten, deren deutschen Übersetzungen häufig noch etwas vom französischen Satzbau anhaftet?

Und auch die Fragen von Günther Anders bleiben aktuell: Wie verhalten sich heute Alltagssprache und Philosophie zueinander? Können wir ohne Fachidiom auskommen? Der Workshop »Ganz Anders. Philosophie zwischen Jargon und Alltagssprache« nimmt den hundertsten Geburtstag und den zehnten Todestag von Günther Anders zum Anlass, um über Eigenarten und Probleme des philosophischen Ausdrucks und Stils nachzudenken. Dabei soll sowohl Günther Anders' eigene Sprache in den Blick genommen werden, aber vor allem auch im Vergleich mit anderen Autoren – etablierten wie nicht etablierten – der Zustand der philosophischen Sprache allgemein untersucht werden.

Teilnehmer und Arbeitstitel der Vorträge

Josef Früchtl, Die vielen Stimmen der Philosophie. Ein Unterscheidungsversuch mit Stanley Cavell und Theodor W. Adorno

Josef Früchtl studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie in Frankfurt/Main und Paris; 1986 Promotion in Frankfurt/Main; 1987-89 Forschungsstipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung in Pisa (Italien); 1990-93 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Philosophie der Universität Frankfurt/Main; 1995 Habilitation in Frankfurt/Main; seit 1996 Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt »Ästhetik und Kulturtheorie« an der Universität Münster. Veröffentlichungen u.a.: Mimesis – Konstellation eines Zentralbegriffs bei Adorno (1986); Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno (Mit-Hg. 1991); Sorgfalt des Denkens. Festschrift für Brigitte Scheer (Mit-Hg. 1995); Ästhetische Erfahrung und moralisches Urteil. Eine Rehabilitierung (1996); Ästhetik der Inszenierung. Dimensionen eines gesellschaftlichen, individuellen und kulturellen Phänomens (Mit-Hg. 2001)

Matthias Kroß, Vom Schuhwerk der Philosophen. Musils und Wittgensteins Diagnose einer déformation professionelle

Matthias Kroß ist wissenschaftlicher Referent am Einstein Forum, studierte Geschichte, Politologie und Philosophie in Marburg und Berlin. 1993 promovierte er an der Freien Universität Berlin zum Thema Klarheit als Selbstzweck. Ludwig Wittgenstein über Philosophie, Religion, Ethik und Gewißheit. Unter seinen Publikationen sind vor allem Arbeiten zur Hermeneutik und Sprachphilosophie.

Günter Kunert, Hintergründlichkeiten. Erinnerung an eine Preisverleihung

wurde in Berlin geboren und studierte Grafik in Ost-Berlin. 1948 veröffentlichte er erstmals Gedichte und Geschichten in der Zeitschrift Ulenspiegel. Anfang der fünfziger Jahre lernte er Johannes R. Becher und Bertolt Brecht kennen. Seine zunehmenend kritische Auseinandersetzung mit der staatlichen Kulturpolitik in der DDR führte 1979 zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik. Seither lebt er als freier Schriftsteller bei Itzehoe. 1991 erhielt der Autor den Hölderlin-Preis für sein poetisches Werk und den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik. Publikationen (Auswahl): Nachrichten aus Ambivalencia (2001); Nachtvorstellung: Gedichte (1999); Erwachsenenspiele: Erinnerungen (1997).

Konrad Paul Liessmann, In der Schusslinie. Günther Anders und die Sprache der Philosophie

Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wien, Universitätsdozent am Institut für Philosophie der Universität Wien, Essayist und (Literatur)Kritiker. Zahlreiche wissenschaftliche und essayistische Veröffentlichungen zu Fragen der Ästhetik, Kunst- und Kulturphilosophie, Gesellschaftsheorie und Philosophie des 19. Jahrhunderts. Wichtige Buchpublikationen: Ästhetik der Verführung. Kierkegaards Konstruktion der Erotik aus dem Geiste der Kunst (1991); Ohne Mitleid. Zum Begriff der Distanz als ästhetische Theorie (1991); Karl Marx 1818-1989. Man stirbt nur zweimal (1993); Günther Anders zur Einführung (1993); Günther Anders (2002).

Odo Marquard, Zur Sprache der Philosophie: Skepsis und Stil

in Hinterpommern geboren, promovierte in Freiburg, habilitierte sich in Münster und wurde 1965 als ordentlicher Professor für Philosophie an die Justus-Liebig-Universität Gießen berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1993 lehrte und das Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft mitbegründete. 1984 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und 1992 den Erwin‑Stein‑Preis. Zahlreiche Publikationen (Auswahl): Skepsis als Philosophie der Endlichkeit (2002); Philosophie des Stattdessen (2000); Sprache und Philosophie (1996).

Jan Philipp Reemtsma, Hamanns Einwand. Die Erfindung der Philosophie als akademische Lebensform

lebt und arbeitet in Hamburg, Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung und der Arno Schmidt Stiftung, Mitherausgeber der Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts, Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg. Mitglied im Kuratorium des Einstein Forums. Publikationen (Auswahl): Im Keller (1998); Das Buch vom Ich (2000); Stimmen aus dem vorigen Jahrhundert. Hörbilder (2000); »Wie hätte ich mich verhalten?« und andere nicht nur deutsche Fragen (2002).

Henning Ritter, Eine gewalttätige Aufforderung. Günther Anders und die Bombe

Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und klassischen Philosophie in Marburg, Heidelberg und Berlin. Seit 1985 zuständig für das Ressort »Geisteswissenschaften« der FAZ. Zahlreiche Publikationen (Auswahl): Herausgeber von zwei Bänden der Schriften von Jean-Jacques Rousseau und einer Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen Jakob Burkhardts Die Kunst der Betrachtung. Als Autor: Die Fassaden am East River (2000).

Elke Schmitter, T.b.a.

wurde in Krefeld geboren. Sie studierte in München Philosophie und war von 1992 bis 1994 Chefredakteurin der taz. Seitdem schreibt sie als freie Autorin u. a. für Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel. 1981 veröffentlichte sie den Lyrikband Windschatten im Konjunktiv, 1998 ein Buch über Heinrich Heine Und grüß` mich nicht unter den Linden. 2000 erschien ihr Roman Frau Sartoris, 2002 Leichte Verfehlungen.

Rüdiger Zill, Das Tagebuch als philosophische Form. Vom Alltäglichen in der Philosophie

Wissenschaftlicher Referent am Einstein Forum, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie an der Freien Universität Berlin und am Warburg Institute London. 1994 promovierte er in Berlin mit der Arbeit Meßkünstler und Rossebändiger. Zur Funktion von Modellen und Metaphern in philosophischen Affekttheorien. Seine zahlreichen Publikationen umfassen Arbeiten zur Ästhetik, Kulturtheorie und zur Geschichte des Wissens.




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