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Austausch und Transformation

Internationaler Workshop zur Ausstellung
!Avantgarden! Kunst in Mitteleuropa 1910-1930

8. und 9. November 2002
Martin-Gropius-Bau Berlin




Sándor Bortnyik, Der neue Adam (1924)
Ungarische Nationalgalerie, Budapest



Workshop     Programm    



Konzept

»Ist das keine große Stadt, in der die Russen im Westen, die Deutschen im Süden und die Italiener im Norden leben. Eine Stadt, in der die Deutschen französisch, die Russen deutsch, die Japaner gebrochen deutsch, und die Italiener englisch sprechen. Berlin ist Amerika als Mikrokosmos.« schreibt Herwarth Walden 1923 im Sturm. Ganz besonders bezieht sich dieser Kosmopolitismus aber auf die Künstler aus dem östlichen Mitteleuropa, die u.a. nach Berlin gekommen sind, viele nach 1918 als Emigranten. Walden hat ihnen seine Galerie geöffnet. Darüber ist oft in Vergessenheit geraten, dass es eine Vielzahl von Orten der Avantgarde in Mitteleuropa gab: etwa das Prag der kubistischen Skupina-Gruppe, das Budapest der ungarischen Aktivisten um Lajos Kassák und der Avantgarde-Zeitschrift MA [Heute], das Poznan der expressionistischen Gruppe Bunt oder das Krakau der Formisten in Polen – jede mit einer ihr eigenen Ausprägung. So hat denn auch Ernö Kállai 1924 darauf bestanden, dass man selbst im Konstruktivismus unterschiedliche national und sozialhistorisch gefärbte Stile identifizieren könne; man dürfe daher nicht die eine Richtung privilegieren und zum Maßstab der anderen machen. Aber was geschieht, wenn diese unterschiedlichen Stile in einen engen Austausch miteinander treten?

Zum Auftakt der Ausstellung !Avantgarden! Kunst in Mitteleuropa 1910-1930 im Martin-Gropius-Bau will der Workshop Austausch und Transformation die Bezüge im Netzwerk dieser Gruppen und Stile herausarbeiten. Im Zentrum steht dabei die Frage nach dem Beitrag der nationalen Kulturen zu einer internationalistischen Bewegung.

Hubertus Gaßner, Differentia – Spezifika? Grenzgänge zwischen Ost und West

Radikal funktionalistische und komparative Ansätze versuchen Unterschiede, Charakteristika und Spezifika der Avantgarde zwischen Ost und West zu definieren und gegebenenfalls gegenüberzustellen. Doch worin bestehen diese Unterschiede, was ist das Charakteristische an einer »west«-europäischen und einer »ost«-europäischen, gar »mittel-ost«-europäischen Avantgarde? Worin bestehen diese vermeintlichen Eigenheiten und wie haben sie sich – sofern überhaupt – zueinander verhalten. Haben sie sich gegenseitig stimuliert und ausgetauscht, oder gab es von vornherein mehr Gemeinsamkeiten als bisher angenommen? Der Vortrag versucht konkrete Bezüge des Austausches und der Transformation der Avantgarde auf inhaltlicher, weniger auf geographischer Basis zu definieren.

Hubertus Gaßner studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie in Marburg und Heidelberg. Von 1971-1981 war er aktives Mitglied in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, und organisierte zahlreiche Ausstellungen. 1982 promovierte er über den russischen Konstruktivismus. Zahlreiche Lehr- und Forschungstätigkeiten an deutschen Universitäten. Von 1993-2002 war Hubertus Gaßner Ausstellungsleiter im Haus der Kunst München, seit Oktober 2002 ist er Direktor des Museum Folkwang in Essen.

Monika Krol, Berlin – Knotenpunkt der Avantgarde


Berlin war einer der wichtigsten Knotenpunkte, an dem verschiedene Künstlergruppen in Deutschland aufeinandertrafen und sich austauschten. Die Avantgarde gruppierte sich um zwei Pole: zum einen um Herwarth Waldens Galerie Der Sturm und seine gleichnamige Zeitschrift, zum anderen um Franz Pfemfert und seine Wochenschrift Die Aktion.

Waldens Galerie entwickelte sich zu einem Zentrum internationaler Avantgarde-Ausstellungen in Berlin, seit 1912 waren hier Werke der italienischen Futuristen und der französischen Expressionisten zu sehen. Walden zeigte aber auch großes Interesse an den österreichischen, ungarischen, polnischen und russischen Mitgliedern der Avantgarde. Auf deren Kunst konzentrierte er sich zunehmend, um sich gegenüber der Kunstszene in Paris profilieren zu können.

Seit 1911 war die Aktion eines der wichtigsten Foren der Avantgarde, zunächst für Literatur und Politik, seit dem Krieg auch für die Bildende Kunst. Pfemfert war auch stark an der Arbeit osteuropäischer Künstler interessiert. 1918 erhielt zum Beispiel die deutsch-polnische Gruppe Bunt die Gelegenheit, ihre Arbeiten in zwei Sonderheften darzustellen – ein wichtiger Schritt für ihre internationale Anerkennung.

Monika Krol hat in Warschau, Frankfurt am Main und Los Angeles studiert. Mit einer Arbeit über Ost-West-Spannungen im Zeichen des kalten Krieges und deren Auswirkungen auf die Kunstszene in Osteuropa ist sie an der University of California Los Angeles promoviert worden. Forschungsaufenthalte in Stuttgart (1995), Hanover, NH / USA (1996) und Berlin (1997). Gemeinsam mit Timothy Benson hat sie die Ausstellung !Avantgarden! am Los Angeles County Museum of Art (LACMA) konzipiert und durchgeführt. Weitere Ausstellungen über die Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die sie kuratiert hat: Faustian Temptations: Ernst Barlach interprets Goethe (1999) und Women and Modernity (2000).

Péter Nádas, Freiheitsübungen (Lesung)

Péter Nádas, Erzähler, Dramatiker, Essayist und Fotograf, lebt in Gombosszeg und Budapest. Zur Zeit ist er Stipendiat am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Für seinen großen Roman Buch der Erinnerung (1986, dt. 1991) wurde er u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, dem französischen Prix du Meilleur Livre Étranger und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Zuletzt erschienen in deutscher Übersetzung Heimkehr. Essays, der Fotoband Etwas Licht (1999) sowie Schöne Geschichte der Fotografie (2001).

Timothy O. Benson, Vom Zufall zum Diskurs. Eine Ausstellung als Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie

Was versteht man unter Mitteleuropa und wie kann man es am besten in einer Ausstellung präsentieren? Zwischen 1910 und 1930 gab es mehrere wichtige Orte, an denen die bedeutenden Künstler dieser Zeit ihre Standpunkte und Praktiken austauschen konnten: eine Pluralisierung der Avantgarden mit tiefgreifenden philosophischen Konsequenzen. In unterschiedlichen Ausprägungen, in sich gespalten und nomadisch – so bewegte sich die Avantgarde inmitten eines zunehmend internationaler werdenden Angebots von Ausstellungen, Veröffentlichungen, Aufführungen und Kongressen von einem Ereignis zum nächsten – eine Situation, die Roman Jakobson mit einem Hinweis auf das, was er Relativitätstheorie nannte, beschrieb. Je mehr das wichtigste Forum der Avantgarde ein Diskurs geworden war, desto schneller machte sich die Avantgarde frei von den Orten, Zentren und Austauschstätten, in denen ihre Existenz als eine soziale Bewegung verankert war. So werden auch die traditionellen Ausstellungsstrategien unzulänglich. Stattdessen braucht man eine Geographie, ein Feld von Austauschstätten, eine Matrix von Ereignissen und Situationen, wobei die Bedeutung jedes Ereignisses vom wechselnden Standpunkt des Betrachters abhängt.

Timothy O. Benson leitet das Rifkind Center for German Studies am Los Angeles County Museum of Art (LACMA) und hat dort zusammen mit Monika Krol die Ausstellung Central European Avant-Gardes: Exchange and Transformation. 1910-1930 entwickelt und durchgeführt. Er hat mehr als fünfundzwanzig Ausstellungen über deutsche Kunst organisiert. Sein Forschungsinteresse gilt dem sozialen Gefüge der Avantgarde sowie der Rezeption und Akzeptanz sozialer Utopien. Publikationen (Auswahl): Expressionist Utopias: Paradise, Metropolis, Architectural Fantasy (1993).

Piotr Piotrowski, The Avant-Garde Institutionalized. Around the 1932 City of Lódz Art Prize, Awarded to Wladyslaw Strzeminski

The City of Lodz Art Prize was the first ever to be awarded to an avant-garde artist, Wladyslaw Strzeminski, in 1932. This was, however, by no means a seperate incident, but rather a further decisive step towards the institutionalization of the avant-garde and its official recognition by the state and local administration. The first and most visible step in this direction was the invitation of the constructivists to the Universal National Exhibition in Poznan in 1929. This was followed by the donation of an international collection of modern art to the City Museum of Lodz in 1931 by the artists themselves. This laid the foundation for the first ever coherent public collection of contemporary art. The presentation will explore the question of both the meaning and impact of these events against the backdrop of Polish art-history in general, and their impact on the development of the international avant-garde in particular.

Piotr Piotrowski is Professor and Chair of Art History at Adam Mickiewicz University, Poznan, Poland; he is co-editor of the annual journal Artium Questiones; from 1992-1997 he was senior curator of contemporary art at the National Museum, Poznan. Publications include The Metaphysics of the Picture (1985); The Decade. On the Artistic Culture of the 1970s (1991); The odNOWA Gallery (1964-1969) [ed.] (1993), Artists between Revolution and Reaction. A Study on Russian Avant-Garde and Politics (1993). He is currenly working on a book entitled The Avant-Garde in the Shadow of Yalta. Art and Politics in Central-Eastern Europe, 1945-1989.

Karel Srp, Karel Teige. The Borders of Solitude

If we want to assess the character of Karel Teige's personality from his photographs and caricatures, and not from his published writings and works of art, we will be surprised to see how often Teige was depicted with a pipe in his mouth. The pipe can easily be described as an attribute of his personality. Teige spelled out his views on smoking in a straightforward manner. He placed smoking into a context with memories. According to Baudelaire, pipe-smoking has a tranquilizing effect on the smoker. Teige's fondness for pipe smoking put him into a paradoxical situation. His preference for the pipe was a certain atavism, because the Devetsil generation gave unequivocal prominence to cigarettes. Teige clashed with the avant-garde's artistic views, since his preference for the pipe was seen as an extension of 19th century thinking. If a pipe represents to Teige a kind of distance which he kept from his surroundings, then it only partially implies the avant-gardist's solitude. While the cigarette was often associated with the collectivist ideals of the 1920s, the pipe served as a cultural symbol belonging to the individualist epoch even though its dual character began to be acknowledged during the 1930s.

Karel Srp is curator at the Prague City Gallery. During the past ten years he has organised and selected several exhibitions on Czech art that have been shown in Germany, Austria, Spain and Great Britain. He is specialised on art around 1900, the inter-war avant-garde and contemporary art. Recent publications include: Toyen (2000), Jindrich Styrsky (2001), Karel Teige (2002).

Krisztina Passuth, Von einer nationalen Stimme zur internationalen Autorität. Die Entwicklung der ungarischen Zeitschrift Ma von 1916 bis 1925

In den Jahren des Ersten Weltkriegs entdeckte und veröffentlichte die Budapester Zeitschrift Ma die Arbeiten der ungarischen Literatur und Kunst jener Zeit. Damit widersetzte sie sich bewusst dem offiziell propagierten Nationalismus. Nach 1920 erlangte Ma in der Wiener Emigration internationale Bedeutung. Eingebunden in das übernationale Netzwerk der Avantgarde, bot die Zeitschrift den aktuellen Ideen der modernen europäischen Kunst ein kritisches Forum.

Krisztina Passuth hat in Budapest Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Von 1977 bis 1992 lebte sie in Paris; dort hat sie am neugegründeten Centre Pompidou u.a. die bereits legendär gewordenen Groß-Ausstellungen Paris-Berlin und Paris-Moscou mitgestaltet. An der Sorbonne erwarb sie das Doctorat d’état; danach hat sie eine langjährige Tätigkeit am Musée de l’art moderne de la Ville de Paris übernommen. 1992 wurde sie nach Ungarn zurückberufen; seit 1993 ist sie Professorin für Kunstgeschichte an der Eötvös-Lorand-Universität in Budapest. Sie veröffentlichte u.a. Bücher über László Moholy-Nagy und Les avantgardes de l’Europe Centrale.

Dorota Folga-Januszewska, Avant-garde Artist‘s Network in the Social Vacuum. The Case of Poland

The Polish art scene between 1910-1939 was extremely diverse: There were avant-garde tendencies as well as more traditional and conventional strands. One of the attitudes was international, open to the changing world, to new tendencies and to the change in mentality in Europe. At that time there was a European network of private relationships and friendships, an international artistic society, living for itself, inspiring and criticising itself from within. Many artists, not critics, wrote the first assessments of avant-garde achievements in Europe, and they were addressed not to the public, but to other artists who were open to these ideas. On the other hand, the analysis of the expressionist Bunt group in Poznan, the Formists, or constructivist movements like Blok, Praesens, or the »revolutionary artists'« group points to their deepening seperation from the external local society. The artistic self-management, the publication of their own papers and periodicals was one of the results of the scar formed in the body of perception of their art. What was the reason for such a scar?

Dorota Folga-Januszewska studied in Warsaw and received a doctorate from Warsaw University in 1982. From 1979 she worked at the National Museum in Warsaw, until 1991 as curator and until 1995 as the director of collections and the scientific program. Since 1986 she has been lecturing at the University of Warsaw on Portuguese art and in museum studies. Her more than 180 publications include Perspective, Illusion, Illusionism (1981); Pablo Picasso in Polish Collections (1995); 111 Masterpieces from the National Museum in Warsaw (2000), Paul Klee. From the Sketchbook to the Painting (2001).

Jiri Svestka, Kubismus in Prag. Von nationaler Emanzipation zu staatlicher Repräsentation


Der tschechische Kubismus entstand in der Zeit unmittelbar vor dem Zerfall der österreichisch‑ungarischen Monarchie in einer außergewöhnlich offenen Atmosphäre. Die Künstler wandten sich demonstrativ von den traditionellen Bezugspunkten Wien und München ab und orientierten sich an der Entwicklung in Paris, Berlin und Dresden. Auf der Grundlage dieser national emanzipatorischen Tendenzen erlangte diese erste avantgardistische Kunst in Böhmen damals eine gesellschaftliche Anerkennung wie sonst nirgends in Europa. Sie wurde zu einem regelrechten »lifestyle«. Nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 wurde ihr Elan umgelenkt, um staatlichen Repräsentationsaufgaben zu dienen.

Jiri Svestka studierte Ästhetik und Kunstgeschichte an der Karls-Universität in Prag. Nach seiner Emigration nach Deutschland war er zunächst Dozent an der Universität in Tübingen, Assistenzkurator an der Nationalgalerie Berlin (West), Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf sowie Chefkurator am Kunstmuseum Wolfsburg. In Düsseldorf hat er 1991 die große Ausstellung 1909-1925 Kubismus in Prag veranstaltet. Seit 1995 lebt Jiri Svestka wieder in Prag und leitet seine eigene Galerie für zeitgenössische und moderne Kunst. 2001 hat die Galerie Jiri Svestka eine Ausstellung von Zeichnungen und Skulpturen des tschechischen Bildhauers Otto Gutfreund gezeigt.




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