Michael Esfeld: Philosophie der Physik

Die Galaxien der Erkenntnis...
Die Galaxien der Erkenntnis...

Im Jahre 2012 veröffentlichte Michael Esfeld bei Suhrkamp (Reihe stw Bd. 2033) eine glänzende und viel beachtete Sammlung von Aufsätzen zur Grenze und Berührung von Philosophie und den Grundlagen der Naturwissenschaft: "Philosophie der Physik", nunmehr bereits in 4. Auflage erschienen.

Es lohnt sich in jeder Hinsicht. Der Band ist mit insgesamt 20 Beiträgen auf 481 Seiten (einschließlich sehr nützlichem Glossar sowie ausführlichem Stichwortverzeichnis) allerdings ein inhaltlich anspruchsvolles Unternehmen. Bereits die Untergliederung der Aufsätze in die Abschnitte

1. Raumzeit
2. Quantenmechanik
3. Teilchen und Felder
4. Quantengravitation und Kosmologie
5. Statistik, Symmetrien und Gesetze

zeigt, dass hier kein Alltagswissen verhandelt wird. Von den insgesamt 21 beteiligten Autoren sind allein fünf bekannte Professoren bzw. akademische Lehrkräfte für Physik, die übrigen fast durchweg Lehrstuhinhaber auf den Berührungslinien von Philosophie und Naturwissenschaften. Entsprechend gründlich fallen die Texte aus. Am wohlsten werden sich mit dieser Lektüre sicherlich Menschen fühlen, die in ihrem Leben schon ein paar Physikvorlesungen hinter sich gebracht haben oder zumindest ihr Abitur mit einem Leistungskurs in Mathematik oder Physik bestanden haben. Erstaunlicherweise ist es aber ebenfalls - wenn auch nicht ohne begleitendes Nachschlagen in allerhand Fachlexika und unter reichlicher Konsultation von Wikipedia - sehr erhellend für Menschen wie den Rezensenten, der seine Liebe zur Mathematik (Abiturnote: 5) erst lange nach seiner Schulzeit entdeckte.

Ein Brückenschlag zwischen den Welten des Geistes

Michael Esfeld versteht es mit diesem Band, durch die von ihm eingeworbenen Autoren nicht nur die wirklichen Grundfragen der zeitgenössischen Physik aus verschiedenen, teilweise konkurrierende Perspektiven beleuchten zu lassen, sondern darüber hinaus darauf zu achten, dass dabei nicht nur das naturwissenschaftliche, sondern auch das philosophische Niveau nicht zu kurz kommt.

Einer der Schwerpunkte des Bandes liegt auf der Klärung ontologischer Grundfragen: Welche Art von Wirklichkeit behauptet eigentlich die moderne Physik? Antwort: Viele verschiedene Arten. Insbesondere die nach wie vor klaffende Unvereinbarkeit von relativistischer Kosmologie und Quantenmechanik gibt Raum für eine ungeahnte Vielzahl ontologischer Fundamentaltheorien, die teilweise selbst in den eigenen Worten ihrer Darsteller nicht ihre Exotik verhehlen können. Die Aufsätze, die in die moderne Qutantenmechanik bzw. die relativistische Kosmologie einen Einblick geben, sind hier besonders wertvoll (A. Bartels, C. Held, M. Kuhlmann und weitere).

Aber auch andere Fragen kommen nicht zu kurz: Die Begriffe der Messung (M. Esfeld), der Kausalität (M. Egg), des subatomaren Partikels (B. Falkenburg) und der Symmetrie /H. Lyre) werden genauso besprochen wie bestimmte Gesetzlichkeiten, die trotz ihrer universalen Geltung relativ geringe Beachtung erfahren haben wie z.B. das Prinzip der kleinsten Wirkung (M. Stöltzner) oder die Bedeutung der sog. Feynman-Diagramme über das Entstehen und Vergehen virtueller Partikel (A. Wüthrich). Letztere haben unter Physikern sogar Geltung, obwohl sie den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, das sog. Entropiegesetz verletzen, das eigentlich als sakrosankt gilt.

Fazit: Ein sehr gelungener Band, allerdings nichts für Leser, die "so nebenbei" auch ein bisschen über Physik philosophieren möchten. Dazu gehen die Beitragenden ihre Themen viel zu gründlich an. Nachstehend noch ein Beitrag von Michael Esfeld vom 22.04.2013 am ZiF Bielefeld:

Michael Esfeld: "Does a physical theory need an interpretation?"

 

(Wolfgang Sohst)

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