Ja, es gibt sie.

Hermann Schmitz fragt: "Gibt es die Welt?"

Es gibt sie, tatsächlich. Aber wie und warum?

Der Titel des neuen Buches, dass Hermann Schmitz dieser Tage vorgelegt hat ("Gibt es die Welt?", Verlag Karl Alber, Freiburg 2014, 155 Seiten, kartoniert) dürfte bei nicht philosophisch vorgebildeten Lesern ein Stirnrunzeln hervorrufen. Gerade in einer Epoche, die global vom naturalistisch-naturwissenschaftlichen Weltbild stark eingenommen ist, scheint sich diese Frage zu erübrigen. Nicht so für Hermann Schmitz. Und er hat Recht, wenn man seinen Ausführungen folgt.

Der dritte Weg

Nun gehört Hermann Schmitz weder in die Kategorie der Idealisten, deren extremste Ausprägung der Solipsismus ist, und auch - als Phänomenologe: natürlich - nicht in die Gruppe der sog. Realisten oder gar Physikalisten, also jener Menschen, die annehmen, dass die Welt auch unabhängig von ihnen und überhaupt von allen Lebewesen existiert, gar als rein physikalisch-materiale Angelegenheit. Er beansprucht für sich, eine dritte, in gewisser Weise mittlere Position einzunehmen. Dies ist kein einfaches Unternehmen, und Schmitz nimmt hierzu auch keineswegs zum ersten Mal Stellung. Vielmehr schließt sein neues Werk an seine "Neuen Grundlagen der Erkenntnistheorie" von 1994 an, mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass sich der Schwerpunkt nunmehr auf ontologische Fragestellungen verschoben hat, d.h. weg von den erkenntnistheoretischen. Der jetzt erschienene Band schließt ferner an den ebenfalls erst kürzlich veröffentlichen Text "Kritische Grundlegung der Mathematik. Eine phänomenologisch-logische Analyse" (Verlag Karl Alber, Freiburg 2013, 156 Seiten, kartoniert) an, dies aber eher zur ergänzenden Unterstützung einiger wichtiger logischer Theoreme, die ein Eckpfeiler der Schmitz'schen Ontologie sind.

Wie sieht der besagte dritte Weg aus? - Nun, eine kurze Antwort hierauf fällt nicht leicht. Grundsätzlich behauptet Schmitz nicht, dass die Welt, wie wir sie einzeln und kollektiv erleben, eine bloße Erfindung irgendeines "Gehirns im Tank" ist. Wohl aber bestreitet er, dass sie kategorial und in der Einzelheit von Dingen vorliegt, als die wir sie wahrnehmen. Das klingt nach dem Kant der "Kritik der reinen Vernunft", und ein bisschen ist es das auch, wenn auch mit anderen Vorzeichen.

Es gibt kein Ding an sich

Die Vereinzelung der Dinge kommt nach Schmitz nur durch satzförmige Rede auf der Basis und durch Verarbeitung dessen zustande, was als "primitive Gegenwart" (ein Grundbegriff der Schmitz'schen Ontologie und Erkenntnislehre) auf uns einstürmt. Erst der Mensch ordnet also den gestaltlosen Fluss und Andrang der uns umgebenden Vorwelt in begrifflichen Kategorien, spricht also von 'Baum', wo ein solcher Gegenstand ihm begegnet, und von 'tanzen', wo jemand sich entsprechend bewegt. Aber damit es zu einer solchen Kategorisierung überhaupt kommen kann, muss das Etwas, um das es bei der Wahrnehmung als Fall einer begrifflichen Gattung geht, überhaupt erst aus der Gesamtheit dessen, was zunächst nur als Vor- oder Protowelt (ein von mir gewählter Ausdruck, den Schmitz nicht verwendet) gegeben ist, herausgelöst und vereinzelt werden. Dadurch entsteht nach Schmitz im eigentlichen Sinne erst die Welt. Und weil dies nicht zwingend ist, kann man logisch widerspruchsfrei sogar behaupten, dass es gar nichts gibt - was jedoch glücklicherweise nicht der Fall ist.

Unbestechlich im Stil

Es wäre unfair, das Schmitz'sche ontologische Modell hier mit wenigen Worten zusammenzufassen zu wollen. Er selbst hat Jahrzehnte daran gearbeitet, und das vorliegende Buch ist ohne Zweifel eine inhaltlich maximal reife Frucht dieser Bemühung. Eine Wiedergabe des Inhaltsverzeichnisses mag stattdessen einen Eindruck dessen vermitteln, wie der Leser in das Modell eingeführt wird:

Vorrede

  1. Realismus und Idealismus
  2. Was heißt: "Es gibt"?
  3. Faktizität
  4. Objektivität
  5. Einzelheit
  6. Welt
  7. Widerlegung des Realismus und des Idealismus
  8. Innenwelt und Außenwelt
  9. Der erkenntnistheoretiche Explikationismus

Personenregister
Sachregister

Auch wenn man als Kenner des umfangreichen Schmitz'schen Werkes in diesem Buch natürlich auf viele bereits bekannte Gedanken stößt - es ist, wie gesagt, explizit eine Weiterführung früherer Arbeiten zum Thema - so ist doch die überragend klare, unpretentiöse und auch stilistisch sehr genau ausgearbeitete Diktion an sich schon ein Genuss im Urwald zeitgenössischer philosophischer Beliebigkeiten. Und selbst für mich als jemanden, der sich philosophisch nicht zu den Phänomenologen rechnet, ist die logische Argumentation keineswegs leicht zu widerlegen. Der Text besitzt somit einen beachtlichen intrinsischen Wert jenseits aller inhaltlichen Positionierungen, und dies macht ihn unbedingt empfehlenswert - mindestens als Beispiel eines Diskurses auf klassischem Niveau, und wer sich davon inhatlich überzeugen lässt, allemal auch hinsichtlich des hier entwickelten Standpunktes.

Die Frage "Gibt es die Welt?" kann also, dank Schmitz, nunmehr mit gutem Grund auch so beantwortet werden: Ja, es gibt sie, und zwar glücklicherweise selbst dann, wenn die Realisten Unrecht haben.

(Wolfgang Sohst)

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