Paolo Virno: Grammatik der Multiude.

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Paolo Virno

Paolo Virno: Grammatik der Multitude. Die Engel und der General Intellect.
Aus dem Italienischen von Klaus Neundlinger. Verlag Turia + Kant, Reihe: es kommt darauf an Bd. 4, Wien 2005 (189 Seiten / kartoniert)

Italien ist anders; dies gilt auch für seine politische Philosophie. Während die Verhältnisse in Deutschland nach der sog. Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre, gefolgt von einer gleichermaßen hedonistisch wie gewalttätig radikalisierten Links-Bewegung der 1970er Jahre, langsam zu einer gewissen Saturiertheit erschlafften - einzige kurze Ausnahme hiervon war die Hausbesetzer-Bewegung noch ein Jahrzehnt später - riss der Glaube an eine radikal andere, will heißen: nicht mehr kapitalistische Gesellschaft in Italien nicht ab. Und das nicht etwa nur theoretisch. Virno ging zwar nicht so weit wie Antonio Negri, der 1984 zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde, weil man ihm meinte nachweisen zu können, dass er nicht nur irgendein Terrorist, sondern der theoretische Kopf der Roten Brigaden sei (und der nach seiner Flucht nach Frankreich und der Rückkehr ins italienische Gefängnis 1997 erst im Jahre 2003 daraus entlassen wurde und seitdem zu einer Art Galeonsfigur der Globalisierungsgegner aufstieg). Virno spricht eine ganz andere Sprache als Negri, weniger poplustisch, eher umständlich-theoretisch. Er führt aber wiederum auch eine ganz andere Rede, als man sie beispielsweise aus der deutschen politischen Gegenwartsphilosophie eines Jürgen Habermaß oder Axel Honneth kennt. Eine härtere Sprache, wohlgemerkt.

Virno leistet in diesem Text zunächst wichtige Grundlagenarbeit. Er arbeitet heraus, dass der Begriff "Volk", später "Nation" im späten 18. und dann vollends im 19. Jahrhundert die ideologischen Gegenbegriffe zu dem waren, was vorher schlicht als "multitude" bezeichnet wurde. Diese Multitude degenerierte im Zuge der Verschweißung des sich selbst unbewussten und in großem Umfange bildenden Industrieproletariats zum strikt kontrollierbaren "Volk" und der allzeit auf sich selbst stolzen "Nation" einerseits, zur unkontrollierbare "Masse" mit all den phobischen Konnotationen, die seitdem die Gefährlichkeit dieses "Untiers" (Wilhelm Reich in seiner "Massenpsychologie des Faschismus") illustrieren, andererseits. Das eine wurde zwecks besserer Zähmung und Nutzung seiner Resourcen idealisiert, das andere gefürchtet und gewaltsam unterdrückt.

Der Traum von einer radikal anderen Lebensform

Virnos politische Vision zielt im Kern - und darin steht er Negri/Hardt nahe - auf eine Rehabilitation der unmittelbaren, nicht-repräsentativen Lebensform der Multitude. Er betrachtet seinen eigenen politischen Wunschtraum aber sozusagen ex post, d.h. aus der Perspektive eines Menschen, der bereits weiß, dass es dafür entweder zu spät ist oder ohnehin nie die Zeit gekommen war. Gleichwohl wird er nicht müde, in seinen "10 Thesen zur postfordistischen Multitude" zum Schluss des Buches unter anderem das "Ende der Arbeitsgesellschaft" vorauszusagen. "Postfordismus" bezeichnet dabei den modus operandi einer Industriegesellschaft, die nicht mehr auf streng durchregulierter und relativ starrer Arbeitsteilung beharrt, sondern profitmaximierend erkannt hat, dass eine Flexibilisierung sämtlicher Produktionskomponenten (einschließlich der Arbeitskraft) deutlich höhere Kapitalrenditen verspricht. Der Übergang zum Postfordismus zu Beginn der 1970er Jahre in allen westlichen Industrieländern sowie in Japan koinzidiert nicht zufällig mit der Radikalisierung linker Randgruppen in vielen dieser Länder.

Im Vergleich zu den hierzulande geführten politischen Diskursen klingen solche Forderungen und Prophezeiungen etwas exotisch, theoretisch geschraubt, gleichzeitig schwärmerisch, und das bei einem obendrein manchmal angestrengt wirkenden, weil gar so apodiktischen Tonfall (was die Fremdheit der Perspektive nicht gerade vertrauter werden lässt). Man fühlt sich als Leser zurückversetzt in die frühen Jahre nach der Berliner und Frankfurter Studentenrevolte, als auf Mensa-Büchertischen der raubkopierte Paperback-Revolutionsaufruf samt Flugblättern gewöhnliche Mittagslektüre war: heute verramscht, von niemandem hierzulande mehr ernst genommen, rein "historische Dokumente" für Spezialisten.

Trotzige Utopie

Vielleicht liegt genau darin der Wert dieses rätselhaften Büchleins. Es führt uns mit einer Vitalität, die dem wirtschaftlich ach so erfolgreichen Deutschland mit seiner Disziplin und seinem ganzen Fleiß manchmal abhanden gekommen zu sein scheint, eine kämpferische Attitüde vor Augen, die man als lächerlich abtun könnte, wenn da nicht die nackte Not der italienischen Gesellschaft wäre angesichts der politischen Verwahrlosung einerseits, die dort unter Berlusconi stattgefunden hat, und der utopisch-kreatürliche Schrei nach vollkommener Herrschaftsfreiheit (wir kennen das Wort noch vom frühen Habermaß) andererseits, der in der Tat jegliche, auch verhohlene Arroganz der wirtschaftlich Erfolgreicheren verbietet. Es strahlt eine merkwürdig wilde, wenngleich in unseren Augen etwas in die Jahre gekommene Unmittelbarkeit und trotzig-linker Existenzialismus aus diesen Texten, die sie sympathisch machen. Welche Kluft sich bei Virno zu den vor allem aus den USA kommenden Diskursformen auftut, springt einem wie Zündplätzchen in die Augen, wenn man vor dem Hintergrund seiner Texte aktuelle wirtschaftliche Analysen im Economist oder dem Wirtschaftsteil der FAZ liest: Das sind keine bloßen Differenzen mehr, das sind Abgründe der Verschiedenheit.

Klaus Neundlinger, der bereits Virnos Gramática de la multitud. Para un análisis de las formas de vida contemporáneas von 2003 ins Deutsche brachte, hat mit seiner Übersetzung sehr gute Arbeit geleistet, und auch das Vorwort, das er zusammen mit Gerald Raunig zu diesem Band beisteuerte, ist eine hilfreiche Einführung für alle, denen Virnos Werk bisher noch nicht bekannt war.

(Wolfgang Sohst)

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