Brechungen: Jerusalem oder über religiöse Macht

Datum: -

Ort: Jüdisches Museums Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin (Innenhof)

Rundgang und Gespräch zur aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin mit Andy Simanowitz und Marc Wrasse


Als Moses Mendelssohn 1783 seine Schrift Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum in Berlin veröffentlichte, konnte er nicht wissen, dass 235 Jahre später wieder grundsätzlich über die Zugehörigkeit religiöser Minderheiten zur deutschen Kultur gestritten wird. Mendelssohns Vorschlag zur Integration – zentral für die Idee von Aufklärung – war die Annahme einer urteilstheoretischen Unterscheidung von Glaube und Vernunft, von historischer Geschichtswahrheit und zeitloser Vernunftwahrheit. Sein Zeitgenosse Immanuel Kant unterschied zwischen einem privaten und dem öffentlichen Gebrauch von Vernunft und band das öffentliche Leben an die strenge Beachtung von Gesetzen: Räsoniert soviel ihr wollt, aber gehorcht!

Von der Hoffnung beider auf die soziale Integrationskraft einer aufgeklärten Gesellschaft trennen uns grundlegende Zäsuren.

Gegenwärtig blickt das Jüdische Museum Berlin mit einer bemerkenswerten Ausstellung auf das Verhältnis von religiöser und politischer Wahrheit am Beispiel der Geschichte Jerusalems. Unter dem Titel Welcome to Jerusalem erinnert eine Reihe von Räumen kaleidoskopisch an die Bedeutung dieser Stadt für drei Weltreligionen. Unser Rundgang betrachtet die Verschränkung von religiöser Hoffnung und politischem Anspruch mit einer Zeile aus Mendelssohns Schrift: Wer Augen hat, der sehe; wer Vernunft hat, der prüfe, und lebe nach seiner Überzeugung. Anschließend kann darüber gesprochen werden, wie die klassische Instanz von Aufklärung: der öffentliche Diskurs, um andere Formen von Partizipation ergänzt werden muss. Lässt sich in einer Ausstellung lesen wie in einem Buch? Oder geschieht bei ihrer Lektüre etwas anderes? Welche Bedeutung haben Museen für emanzipatorisches Denken?

ACHTUNG: Diese Veranstaltung beginnt bereits um 18:30 im Glashof des Jüdischen Museums, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin. Wir erhalten dort eine Sonderführung, die ungefähr eine Stunde dauern wird (keine Eintrittsgebühr). Danach gehen wir hinüber ins Tiyatrom und sprechen mit Andy Simanowitz und Marc Wrasse über das Gesehene und Gehörte. Bitte etwas vorher erscheinen, weil am Eingang eine Sicherheitskontrolle stattfindet.

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Andy Simanowitz   Marc Wrasse

Andy Simanowitz                      Marc Wrasse

Marc Wrasse, * 1967 in Ulm, hat Philosophie, Theologie, Kunst- und Kulturwissenschaften in Berlin, Frankfurt am Main, Tübingen und Jerusalem studiert. Seit Mitte der 1990er Jahre schreibt er Texte für Künstler und Künstlerinnen im Rahmen von Ausstellungseröffnungen und Katalogproduktionen. Am Exponat und der Begegnung damit interessiert ihn der Überschuss: die rätselhafte Geste, die Intervention ins Vorhandene, der Anspruch auf Wahrnehmung – das an Ausdruck, was jenseits dessen liegt, was man auf den ersten Blick  identifizieren und begreifen kann. Seit der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin arbeitet er u.a. freiberuflich für die Bildungsabteilung des Museums und verfasst Texte für Audioguides zu Kunstausstellungen im In- und Ausland.

Andy Simanowitz, *1980 in Bradford, UK hat Popularmusik in London und Altertumswissenschaften, Philosophie und Religionswissenschaft in Berlin studiert. Von 2012 bis 2017 war er am Jüdischen Museum Berlin als Guide tätig, seit 2017 arbeitet er in der Bildungsabteilung des Museums. Er arbeitet dort an einer durch Kunsttheorie und Museologie informierte Professionalisierung des begleiteten Museumsbesuchs.

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