Communitas und Lebensgebrauch

Datum: -

Ort: Alte Jakobstr. 12 / Ecke Ritterstr. (Tiyatrom Theater), 10969 Berlin

Das Baptisterium St-Jean in Poitiers: Echo Thomas Müntzers mystischer, sozialrevolutionärer Theologie
Das Baptisterium St-Jean in Poitiers: Echo Thomas Müntzers mystischer, sozialrevolutionärer Theologie

Welches „Mit-“ für die Vielen? Welche Form, welche „Mit-Förmigkeit“ soll die Verkettung von Singularitäten annehmen? Wie kann eine solche Mit-Förmigkeit gedacht werden, ohne sie aus dem Einen – nämlich ihrem logisch Gegensätzlichen – herzuleiten oder zum Einen zu verschmelzen? Welche Begrifflichkeit ist adäquat für eine spezifische Form der Assoziierung, die auf das Teilen und die Teilung insistiert? Was können uns schließlich  die  Philosophen  der  Gemeinschaft  darüber  zu  sagen  haben,  solange  sie  an  dem „substantialistischen“ Vorurteil festhalten, das wir mit Foucault „gouvernamentales“ nennen könnten, dass die Gemeinschaft eine Eigenschaft bzw. „Eigentum“ der Subjekte sei, die sie vereint?

In den letzten dreißig Jahren hat sich neben der umfangreichen Literatur zu Fragen der Gemeinschaft im Bereich der Kommunitarismus-Theorien auch eine Anzahl von AutorInnen aus dem linken Spektrum der politischen Philosophie für den Gemeinschaftsbegriff zu interessieren begonnen, deren Diskurs sich gegenüber der Art und Weise, in der dieser Begriff in der gesamten Philosophie des 20. Jahrhunderts verwendet wurde, als radikal dekonstruktivistisch ausnimmt. Jean-Luc Nancys, Maurice Blanchots, und  Giorgio Agambens Arbeiten über die „undarstellbare“, die „uneingestehbare“ oder die „kommende“ Gemeinschaft sind wahrscheinlich die bekanntesten Beispiele für diese Tendenz. Das, was diese Studien einander ähnlich macht, ist die Art der Veränderung der vorangehenden Semantik der Gemeinschaft, in dem buchstäblichen Sinne, dass sie anstatt auf Eigenschaft oder Zugehörigkeit seiner Mitglieder auf eine konstitutive „Alterität“ bezogen wurde, welche ihr jedwede Identitätskonnotation entzog.

In der früher von Bataille – und dann Blanchot und Nancy – verwendeten Bedeutung heißt hier partager (dt. Mit-teilen) nämlich „etwas durch die Herstellung von Unterschieden in Beziehung setzen“, eine nicht aneigenbare Differenz mit anderen teilen, die sich nicht auf Identität reduzieren lässt, da sie vielmehr allen gemein ist: der „Tod“. Daher die Figur der „Nichtdarstellbarkeit“, die diese Gemeinschaft bestätigt. Dennoch kann die „Gemeinschaft des Todes“ nicht die einzige Möglichkeit sein, die „Gemeinschaft ohne geteilte Substanz“ im Hinblick auf Subjektivität hin zu denken; und schon im Vorwort der zweiten Ausgabe von Categorie dell’impolitico, ist sich Roberto Esposito bewusst, dass ein rein dekonstruktivistischer Ansatz unzureichend ist, um ein affirmatives Denken der Gemeinschaft (und mit ihr der Politik) zu thematisieren. Den Weg dazu macht sich Esposito übrigens frei ausgehend von einer etymologisch gewonnenen Neudefinition von Gemeinschaft als gemeinsamer munus, als geteilte Verpflichtung zur Gabe, die uns der Alterität aussetzt, was aber im Laufe der politischen Theorie in Konflikt zur separatistischen Teilung und Verabsolutierung des Individuums gerät. „Immunitäre“ Operationen, die schon im römischen Recht einige Privilegierte von der Pflicht freistellten, werden im separatistischen Denken moderner Staaten zum Hauptprinzip der Identitätssicherung auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Immunität ist damit die komplementäre Operation von Communitas und zugleich ihre Negativform, die mit der Verflechtung von biologisch-medizinischen und staatspolitischen Konzepten eine thanatologische Dynamik erhält. Wenn diese Dynamik eine gewisse Schwelle überschritten hat, richten sich Immunitätsoperationen auch gegen das Innere des Gemeinschaftskörpers und gegen das Leben selbst.

Obgleich sich in dieser Argumentation bisweilen noch dekonstruktive Spuren ausmachen lassen, so kommt eine Wende dennoch klar zum Ausdruck, woraus unser interpretativer Weg unternommen werden soll. Indem Esposito bis auf die etymologische Wurzel von munus (der „Spielplatz“ des wechselseitigen Austauschs selbst)  zurückgeht,  ermöglicht  er  uns,  die  von  der  Dekonstruktion  erarbeitete, enteignende Semantik beizubehalten und sogar zu akzentuieren. Ausgehend von der aktuellen Verwendung  des  Wortes  –  auf welche sowohl Agambens Die kommende Gemeinschaft als auch die „Produktion von Gemeinsamkeit“ von Negri und Hardt verweisen – öffnet diese Perspektive aber auch einen möglichen Übergangsweg, um die politische Prägnanz des Lebendiges wiederzuerlangen. Im Zentrum dieses Übergangs steht also eine Analyse des Menschenlebens, die das Leben zum Ansatzpunkt einer Philosophie des Politischen macht, ohne jedoch aus einer Bipolarität von individueller und politischer Existenz herauskommen zu können, eine Analyse also, die nicht – wie die Naturwissenschaften und das Recht – von den gemeinsamen Formen abstrahiert, in denen das Leben sich bezeugt, reflektiert und „gebraucht“. Denn was wäre sonst dieses Leben, wenn es nicht mehr bloß negativ mit Blick auf das Eigentum bestimmt werden würde? Nunmehr wird damit das Problem des wesentlichen Zusammenhangs von Lebensform und Gebrauch unaufschiebbar. Wie kann der Gebrauch – also ein Verhältnis zum Gemeinsam-Leben in seiner Unaneigenbarkeit – in ein ethos, eine Gemeinschaft übersetzt werden? Dies ist der Gegenstand meines Beitrags.

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Marta Cassina bei MoMo

Marta Cassina, Jahrgang 1990, ist Studentin mit einem Magister Abschluss in Philosophie, der zwischen Mailand und Freiburg im Breisgau absolviert wurde. Sie hat weitreichende Berufserfahrung in vielfältiger kulturellen Bereichen, wie lebensbegleitendes Lernen, Sprachlehre und Museumsarbeit. Derzeit beschäftigt sie sich vor allem mit Gemeinschaftsontologie und Gebrauchstheorie und bereitet eine ausländische Promotion im Fach Geisteswissenschaft vor.

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