Ver- und Lebensläufe von Gedanken

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Ort: (Diese Veranstaltung fand in privaten Räumen eines MoMo-Mitglieds statt.)

Ver- und Lebensläufe von Gedanken

Vortragender: Wladimir Velminski

In meinem Vortrag möchte ich den Topos der kommunizierenden Erfindungskunst diskutieren, den die wissenschaftliche und vor allem literarische Narrative und Ikonographie von Gehirnen, Gedanken und Gefühlen in der sowjetischen Avantgarde beherrschte. Dabei wird es allerdings nicht um die zweifellos wichtige Frage der Willensfreiheit gehen, die in jüngster Zeit einmal mehr für hitzige Debatten gesorgt hat und es immer noch tut (man denke nur an die zahlreiche Publikationen von Singer und Roth).

Die Lebenszeit eines Gedanken 1

Mit Blick auf die Gehirnexperimente und ihre literarische Konfigurierung in den 20er Jahren drängt sich die Frage auf, welche Rolle die Literatur in dieser Experimental- und Erfindungskultur einnimmt? Es geht auch um die Frage, in wie weit die Schriftsteller ihren Gegenstand benutzen um das Literarische selbst zu erkunden und die Möglichkeiten der Literatur zu erweitern.

Die Lebenszeit eines Gedanken 2

Die kulturtechnischen »Einstellungen« und Verfahren werden als unmittelbare Anwendungsfelder der Reflexlehre und Psychotechnik angesehen, so dass die Verschaltung von der Wissenschaft über Literatur wieder zurück einerseits zum Menschen in Gestalt des Lesers führt, der durch die ästhetischen Narrative das cerebrale Fundament des Neuen Menschen verstehen sollte. Andererseits führt gerade diese Rückkoppelung zu den postulierenden Thesen, mit denen die Wissenschaft argumentiert und die sie zu verwirklichen strebt.

Die Lebenszeit eines Gedanken 3

In diesem Sinne geht es um die Frage nach den ä:sthetischen Aneignungen in dreifacher Hinsicht: Wie angesichts einer zunehmenden Spezialisierung der Gehirnexperimente, deren Ergebnisse Einfluss auf die Literatur hatten; Wie die Schriftsteller auf diese Herausforderung reagieren, indem sie sich auf verschiedene Art Argumentationsmuster, Metaphernressourcen und Experimentalanordnungen in ihrem Schaffensprozess aneigneten; und schließlich, wie die ästhetische Produktion selber als experimentelle Gehirnprothese funktionierte, die wissenschaftliche Paradigmen transformierte und neue Wissensdispositive generierte, die wiederum in die Wissensdisziplin, aber auch in gesellschaftspolitische Bereiche und populärwissenschaftliche Debatten zurückwirkten.

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