Das chinesische Menschenbild

Datum: -

Ort: Alte Jakobstr. 12 / Ecke Ritterstr. (Tiyatrom Theater), 10969 Berlin

"Elegantes Treffen im Aprikosengarten" (Ming-Dynastie, ca. 1437, (c) Museum of Modern Art, New York, USA)
"Elegantes Treffen im Aprikosengarten" (Ming-Dynastie, ca. 1437, (c) Museum of Modern Art, New York, USA)

China drängt mit großem Nachdruck in das amerikanische und europäische Bewusstsein: politisch, wirtschaftlich und kulturell. Doch obwohl sich Gelehrte des Abendlandes seit mehr als eintausend Jahren um ein Verständnis der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Kulturräumen bemühten, stehen wir heute noch in vieler Hinsicht ähnlich fragend und ratlos da wie schon zu Marco Polos Zeiten.

Wolfgang Sohst geht in seinem Vortrag zunächst auf die Geschichte, speziell auch die Geistesgeschichte Chinas ein, denn diese verlief sehr anders als in Europa. Aus den Strukturlinien dieser Entwicklung arbeitet er bestimmte Paradigmen heraus, die für das Menschen- und Gesellschaftsbild Chinas heute bestimmend sind. Dies sind die Maximen der sozialen (letztlich kosmischen) Harmonie auf der Grundlage menschlicher Beziehungen und der gesellschaftlichen Stabilität. Man versteht diese Maximen allerdings falsch, wenn man nur die alten Autoren des ersten halben Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung kennengelernt hat. Deren Auffassungen, allzu wörtlich genommen, sind infolge der seitdem enorm veränderten kulturlokalen und globalen Verhältnisse ohne Weiteres nicht mehr anwendbar. Wohl aber bergen sie Leitgedanken, insbesondere jene der konfuzianischen Lehre, die sich ungebrochen bis heute Geltung verschaffen.

Scharf gegen diese Vergangenheit zeichnen sich die gigantischen Umwälzungen ab, die China im 20. Jahrhundert erfahren hat, und die noch immer weiter fortdauern. Sie werden anfangs stark mit einer einzigen Person assoziiert: Mao Tsetung. Der Bruch, den China im Zeitraum seiner Herrschaft erlebte, hat das Land nach mehr als 2000jähriger Kontinuität irreversibel verändert, in gewisser Weise auch nachhaltig geschädigt. Dieser Bruch und seine Wirkung auf das heutige chinesische Selbstverständnis wird der zweite Fokus des Vortrags sein.

Chinesische Geisteswissenschaftler haben sich in wesentlich größerem Umfange mit westlichen Ideen und ihrer Geschichte beschäftigt als umgekehrt. Erst jetzt beginnt der abendländische Kulturraum recht langsam, diese Forscher überhaupt wahr- und ernstzunehmen und zu übersetzen. Das qualifiziert die Auseinandersetzung sehr, denn nunmehr sind wir, d.h. die Mitglieder und Erben der abendländischen Kultur, in der Lage, direkt und damit auf Augenhöhe mit chinesische Philosophen und Sozialwissenschaftlern zu kommunizieren. Der Vortrag versucht, den Stand dieser Diskussion einzufangen.

Zum Vortragenden:

Wolfgang Sohst

Wolfgang Sohst ist in Berlin lebender Philosoph mit den Schwerpunkten analytische Metaphysik und Sozialphilosophie. Seine wichtigsten Publikationen sind: Prozessontologie. Ein systematischer Entwurf der Entstehung von Existenz (2009), Reale Möglichkeit. Eine allgemeine Theorie des Werdens und Collective Moral Responsibility (2012). Er ist Gründer des wissenschaftlichen xenomoi Verlages in Berlin und Mitherausgeber des Berlin Journal of Critical Theory.

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