Die Geburtsstunde des Ego

Datum: -

Ort: Alte Jakobstr. 12 / Ecke Ritterstr. (Tiyatrom Theater), 10969 Berlin

Wer bin ich, und worauf habe ich Lust?
Wer bin ich, und worauf habe ich Lust?

Wie entsteht im menschlichen Gehirn die Vorstellung eines Ich, das die meisten Menschen als ihren tiefsten inneren Sinn, den Kern ihres Daseins betrachten? Elektra Wagenrad lädt uns zu einer Reise zur Stunde Null des Ich-Bewusstseins ein, an die wir uns selbst heute wahrscheinlich nicht mehr erinnern können.

Bis zu einem bestimmten Lebensalter verfügen Kinder ausschließlich über ein intrinsisches, sich schnell entwickelndes biologisches Kernbewusstsein - dank eines stetig lernenden neuronalen Netzwerks. Die Ich-Bildung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt. Dessen Geburtsvorgang unterzieht Elektra Wagenrad einer näheren und kritischen Betrachtung.

Wie kommt es zur Entstehung eines zweiten Bewusstseins, einer Doppelung von Kernbewusstsein und Wahrnehmung, was auch zu späteren Konflikten zwischen beiden Parteien führt? Das Kernbewusstsein verspürt Lust, etwas zu tun, wogegen das erweiterte Bewusstsein Einspruch erhebt.

Die Leistungen des Kernbewusstseins sind enorm. Sie laufen ohne bewusstes Zutun ab und sind die Voraussetzung unseres Daseins. Gäbe es das Kernbewusstsein nicht, hätten auch alle sprachlichen Begriffe und Kategorien keinen Sinn, in denen das Ich-Bewusstsein sich zuhause fühlt.

Das Ich-Bewusstsein wäre ohne seine Werkzeuge, die es dem Kernbewusstsein verdankt, nicht in der Lage, zu sagen, dass es bewusst in die innere Abläufe des Kernbewusstseins eingreifen möchte. Wir - unser angenommenes “Ich“ inklusive - wären ohne Kernbewusstsein nicht klüger als die Erde unter unseren Füßen. Das Kernbewusstsein ist also unersetzlich. Gilt das gleiche auch für das erweiterte Bewusstsein und das Konstrukt des Ego?

Elektra Wagenrad wirft vor Erwachsenen gerne irritierende Fragen zum erweiterten Bewusstsein zweiter Ordnung auf: »Nehmen Sie sich selbst als ein Ich wahr, das in Ihrem Körper wohnt und ihn von innen her steuert?« - »Werden Ihre Gedanken und Gefühle von Ihnen [bis zu einem gewissen Grad] gesteuert?«

Beide Fragen werden üblicherweise auch ohne die Einschränkung »zu einem bestimmten Grad« bejaht. Diese Einschränkung zu machen bedeutet aber lediglich einen quantitativen, keinen qualitativen Unterschied.

Die Bejahung dieser Fragen deutet aber auf eine rekursive, regressive Schleife hin: Kann das Ich bestimmen, was das Ich will? Wäre es dann nicht das erste Opfer seiner eigenen Willkür? »Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen (vulgo bestimmen), was er will« hat bereits Arthur Schopenhauer gesagt. Was geschieht aber mit uns, wenn wir es trotzdem versuchen?

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Die Vortragende:

Corinna Aichele (Elektra Wagenrad)

Elektra Wagenrad schreibt technische Bücher über freie Funknetze und philosophische Bücher, in denen Sie die Tatsache kritisiert, dass viele Menschen ein bikamerales Bewusstsein haben und durch die Vorstellung eines imaginären Alter-Egos von sich selbst entfremdet sind, mit dem sie im Vorderlappen des Großhirns Autokommunikation betreiben. Sie hat die Entwicklung der Meshtechnologie für Communitynetzwerke bei Freifunk aktiv mitgestaltet und hat den Einsatz der WiFi-Technologie in Bangladesh, Indien, Chile, Tanzania, Südafrika unterrichtet. Sie ist Autorin des Buches 'Mesh' und Coautorin des Buches "Wireless Networking in the Developing World", das unter der Creative-Commons Lizenz steht.

Sie arbeitet als Software- und Hardwareentwicklerin und hat u.a. den B.A.T.M.A.N. Routingalgorithmus für drahtlose Ad-hoc-Netze entwickelt. Ausserdem die Mesh-Potato, einen WiFi-Router für drahtlose Mesh-Netze in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Veröffentlichungen: Die Philosophie der Ekstase (1990); Wireless Networking in the Developing World (Core Contributor im Autorenteam, 2005); Mesh. Drahtlose Ad-hoc-Netze (2006); Ich habe mir noch nicht alles gesagt. Gesammelte Fnords (2012); Serenität – Anleitung zum Glücklichsein (2014); Die Philosophie des Nicht-Denkens (2016)

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